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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
projectiddbf399c3
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Zwanzigstes Kapitel

Miß Campbell zuliebe.

Kurz darauf stand Olivier, der die Chaussee im Galopp entlang gerannt war, vor dem Eingang der Grotte an der Stelle, wo die Basalttreppe hinaufführte.

Die Brüder Melvill und Partridge waren hinter ihm hergerannt. Dame Elsbeth war in Clam-Shell geblieben, von unsäglicher Angst erfüllt, um alles für Helenas Rückkehr Notwendige instand zu setzen.

Das Meer stieg schon so hoch, daß es den oberen Absatz bedeckte. Brandend schlug es über das Geländer und machte jedes Vordringen auf dem Bankett unmöglich. Aus der Unmöglichkeit, in die Grotte hineinzugelangen, folgte die Unmöglichkeit, aus ihr herauszugelangen. Befand sich Miß Campbell darin, so saß sie dort gefangen. Aber wie das erfahren? Wie bis zu ihr hindringen?

»Helena! Helena!«

Konnte dieser Name gehört werden – hineingerufen in das anhaltende Grollen der Fluten? Es war, als ob Sturm und Wogen donnernd in die Grotte hineinschlugen. Weder die Stimme noch das Auge waren mächtig genug, dort hineinzudringen.

»Vielleicht ist Miß Campbell gar nicht drin!« sagte Bruder Sam, der von dieser Hoffnung nicht lassen wollte.

»Wo sollte sie denn sein?« antwortete Bruder Sib.

»Ja, wo sollte sie sonst sein?« rief Olivier Sinclair, »habe ich nicht umsonst auf dem Plateau, am Strande, zwischen den Felsen, überall gesucht? Wäre sie, wenn sie könnte, nicht schon wieder bei uns? Sie steckt drin, sie steckt drin!«

Und nun erinnerte man sich des schwärmerischen, verwegenen Begehrens, einen Sturm in der Fingalshöhle zu erleben – eines Verlangens, das das junge Mädchen oft ausgesprochen hatte. Hatte sie denn vergessen, daß das vom Orkan aufgewühlte Meer die Grotte bis zum Rande füllen und zu einem Kerker verwandeln müßte, aus dem es kein Entrinnen gab.

Was konnte man tun, was wagen, um zu ihr zu gelangen und sie zu retten? Wo hätte Miß Campbell eine Zuflucht finden können, wohin die Wellen nicht schlugen? Lag doch der Scheitel der Grotte ihrem Anprall direkt ausgesetzt, und in ihrer Flut und Rückflut mußten sie widerstandslos über das Bankett fegen.

Und doch wollte man immer noch nicht daran glauben, daß das verwegene Mädchen in der Grotte sei. Wie hätte sie diesem rasenden Meer in dieser Sackgasse zu widerstehen vermocht? Wäre nicht ihr zerschmetterter; zerrissener Leichnam von der Brandung schon längst aus der Höhle getrieben worden? Hätte ihn nicht die Strömung der wachsenden Flut die Chaussee entlang bis nach Clam-Shell gerissen?

»Helena! Helena!«

Noch immer drang dieser Ruf hartnäckig in das Toben von Sturm und Flut hinein. Keine Antwort kam, es konnte keine Antwort kommen.

»Nein! Nein! Sie steckt nicht in der Höhle!« riefen die Brüder Melvill immer wieder verzweifelt.

»Und doch ist sie drin!« rief Olivier Sinclair dagegen, und hielt den Brüdern ein Stück Zeug hin, das eine Woge eben an die Basalttreppe gespült hatte.

Es war das » snod« oder das schottische Band, das Miß Campbell im Haar trug. War nun ein Zweifel noch möglich?

Ließ sich aber annehmen, daß das Mädchen, wenn ihm dieses Band entrissen werden konnte, nicht von derselben Woge gegen die Wände der Fingalshöhle geschmettert und zermalmt worden wäre?

»Das will ich wissen, das muß ich wissen,« rief Olivier Sinclair, und eine Gegenströmung benutzend, erfaßte er die erste Sprosse des Geländers, aber eine Wasserflut riß ihn hinweg und warf ihn zurück. Hätte sich nicht Partridge unter Gefahr seines Lebens auf ihn gestürzt, so wäre der junge Mann bis auf die letzte Sprosse hinuntergerollt, und das Meer hätte ihn weggerissen, ohne daß Hilfe für ihn möglich gewesen wäre.

Olivier Sinclair hatte sich in die Höhe gerichtet, sein Entschluß, in die Grotte zu dringen, war nicht erschüttert.

»Miß Campbell ist dort!« rief er wiederholt, »sie ist noch am Leben, denn ihr Körper ist nicht, wie dieses Stück Zeug, zur Höhle hinaus getrieben worden – mithin ist es möglich, daß sie in irgend einer Ecke, einem Winkel eine Zuflucht gefunden hat! Aber ihre Kräfte werden schnell auf die Neige gehen – sie wird nicht bis zu dem Eintritt der Ebbe Widerstand leisten können ... also muß man zu ihr hindringen ..«

»Das werde ich tun!« rief Partridge.

»Nein! ... nein!« erwiderte Olivier Sinclair ... »das soll meine Sache sein!«

Ein letztes Mittel, bis zu Miß Campbell vorzudringen, sollte versucht werden, und doch war es kaum anzunehmen, daß sich dieses Mittel mit Erfolg ausführen lassen werde.

»Erwarten Sie uns hier, meine Herren,« sagte er zu den Brüdern Melvill, »in fünf Minuten werden wir zurück sein. Kommen Sie, Partridge!«

Die beiden Oheime blieben im äußern Winkel des Eilands, geschützt durch den Uferhang, an jener Stelle zurück, die vom Meere nicht getroffen werden konnte, während Olivier Sinclair und Partridge, so schnell sie konnten, nach Clam-Shell zurückkehrten.

Es war halb neun Uhr abends.

Fünf Minuten darauf kamen der junge Herr und der alte Diener wieder in Sicht; die Chaussee entlang zogen sie das kleine Boot der »Clorinda«. das ihnen Kapitän Olduck zurückgelassen hatte.

Gedachte sich Olivier etwa vom Meer in die Grotte hineinschleudern zu lassen, da ihm der Weg hinein zu Lande versperrt war?

Ja! diesen Versuch wollte er wagen! Sein Leben war es, das er aufs Spiel setzte. Er wußte es. Aber er zauderte nicht.

Das Boot wurde zum Fuße der Treppe hingebracht und hinter eine der Basaltstufen gelegt, wo es vor dem Wogenschlag gesichert lag.

»Ich fahre mit!« rief Partridge.

»Nein, Partridge,« erwiderte Olivier Sinclair: »nein! ein so kleines Fahrzeug darf nicht unnütz belastet werden! Wenn Miß Campbell noch am Leben ist, so werde ich zu dem Versuch allein ausreichen!«

»Olivier,« schrien die beiden Brüder, außer stande, ihr Schluchzen zurückzuhalten – »Olivier! retten Sie unser Kind!«

Der junge Mann drückte ihnen die, Hand. Dann sprang er in den Kahn, setzte sich auf die Bank in die Mitte, ergriff die beiden Ruder, lenkte geschickt in die Brandung hinein und wartete einen Moment lang auf die Rückflut einer ungeheuren Woge, die ihn direkt vor die Fingals-Grotte trug.

Dort hob die Woge den Kahn ... aber durch ein geschicktes Manöver gelang es Olivier Sinclair, denselben in der geraden Richtung zu halten; hätte er den Kahn der Quere kommen lassen, so mußte derselbe ohne Gnade und Barmherzigkeit zerschellen.

Das erste mal schnellte die wogende See das gebrechliche Fahrzeug bis zum Gewölbedach hinauf ... man hätte meinen sollen, diese Nußschale müsse an dem Felsen zerschellen; aber durch eine unwiderstehliche Rückströmung riß die Woge die Nußschale mit ...

Dreimal wurde der Kahn auf den Fluten zur Grotte hin und von der Grotte zurück geschleudert, ohne daß es ihm gelungen wäre, einen Weg durch die Wogen zu finden, die ihm den Eingang wehrten. Olivier Sinclair verlor die Herrschaft über sich nicht ... kaltblütig hielt er sich durch seine Ruder auf dem Kamme der Wogen.

Endlich nahm eine große Woge den Kahn auf. Einen Moment schwankte er auf diesem flüssigen Rücken bis zur Höhe des Inselplateaus ... dann hub sich eine tiefe Senkung bis zum Fuße der Grotte hin ... Olivier Sinclair wurde in schräger Richtung, steil wie einen Wasserfall hinunter, geschleudert!

Ein Schrei des Entsetzens entrang sich den Zeugen dieser Szene. Es sah aus, als ob der gebrechliche Kahn unwiderstehlich gegen die linksseitigen Pfeiler im Einfahrtwinkel zerschellen würde ...

Aber der verwegene junge Mann brachte seinen Kahn durch einen Ruderschlag wieder in die Höhe, die Oeffnung lag nun frei, und pfeilgeschwind, einen Moment früher als das Meer wieder in die Höhe bäumte, verschwand er im Innern der Grotte.

Eine Sekunde später schlugen die flüssigen Elemente wie eine Lawine nieder und brandeten bis zum obern Grate der Insel hinauf.

Sollte der Kahn in der Tiefe der Höhle zerschellen? sollten jetzt zwei Opfer statt eines zu zählen sein?

Nein! so sollte es nicht kommen. Olivier Sinclair war pfeilgeschwind, ohne mit der ungleichen Decke des Gewölbes in Berührung zu kommen, hineingeschossen. Pfeilgeschwind hatte er sich glatt in den Kahn geworfen, und so blieb er von dem Anprall gegen die vorragenden Basaltbündel verschont ... Im Verlauf einer zweiten Sekunde erreichte er die Wand gegenüber, bloß von einer Furcht befallen – der Furcht, mit der Brandung wieder hinausgerissen zu werden, ehe es ihm gelungen wäre, sich an einen Felsvorsprung im Innern zu klammern.

Zum Glück rannte der Kahn gegen die Pfeiler jener Basaltgruppe, die sich in der Gewölbedecke erhebt und als Orgelpositiv bezeichnen läßt, und der Anprall wurde durch die rückflutenden Wogen abgeschwächt. Der Kahn zerschellte dort, aber Olivier vermochte ein Stück Basalt zu fassen, vermochte sich mit der Zähigkeit des Ertrinkenden zu halten, vermochte sich so hoch zu schnellen, daß er vor den Wogen geschützt hing.

Im andern Moment wurden die Trümmer des Kahnes von einer hinausschießenden Woge gefaßt und aus der Grotte gerissen ... und dort sahen sie die Brüder Melvill, dort sah sie Partridge ins Meer hinausschießen ... und alle meinten, der kühne Retter habe den Untergang gefunden.

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