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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunzehntes Kapitel

Die Fingals-Grotte.

Hätte sich der Kapitän der »Clorinda« seit 24 Stunden in einem der Häfen des Vereinigten Königreichs befunden, so würde er Kenntnis gehabt haben von einem Wetterbericht, der für die auf der Fahrt durch den Atlantischen Ozean befindlichen Schiffe alles andere eher als beruhigend war.

Durch den Draht von Newyork war nämlich ein Orkan gemeldet worden, der über den Ozean in nordwestlicher Richtung fegte und die Küste von Irland und Schottland bedrohte, ehe er sich über die Küste von Norwegen erstreckte.

Aber dies Telegramm wäre gar nicht notwendig gewesen, denn das Barometer auf der Jacht zeigte für die allernächste Zeit eine starke atmosphärische Strömung an, mit der ein kluger Seemann unbedingt rechnen mußte.

Am Morgen des 8. Septembers begab sich also John Olduck, um die Beschaffenheit von Himmel und Wasser zu erkennen, nicht ohne Sorge auf die Felsenküste, die Staffa in westlicher Richtung begrenzt.

Leicht zerrissenes Gewölk, mehr Dunstfetzen als Wolken, jagten schon mit großer Geschwindigkeit daher. Die Brise schwoll an und mußte binnen kurzem zu Sturm werden. Das tobende Meer zog draußen weiße Kämme; die Wogen brachen sich mit großem Lärm an den Basaltsäulen, welche die Grundfläche des Eilands füllen.

John Olduck gewann keine Beruhigung. Obwohl die »Clorinda« in der Bucht von Clam-Shell verhältnismäßig in Sicherheit lag, so ließ sich dieselbe als sichere Reede doch nicht ansehen, auch für ein Schiff von geringer Größe nicht. Wenn sich die Fluten zwischen die Eilande und die Straße im Osten ergossen, mußte eine furchtbare Brandung entstehen, die die Lage der Jacht ziemlich gefahrvoll machen mußte. Demzufolge galt es, sich schlüssig zu werden, und zwar, ehe die Fahrstraßen unpassierbar wurden.

Als der Kapitän wieder an Bord kehrte, fand er dort seine Passagiere vor, denen er Kenntnis von seinen Befürchtungen und von der Notwendigkeit gab, so schnell wie möglich sich segelklar zu machen. Durch längere Säumnis, wenn auch nur um einige Stunden, lief man Gefahr, in dieser Enge von 15 Meilen, die Staffa von der Insel Mull trennt, ein aufgewühltes Meer zu finden. Hinter diese Insel oder vielmehr in den kleinen Hafen von Achnagraig sich zu flüchten, war nun aber das beste, denn dort hatte die »Clorinda« von den Winden von hoher See her nichts zu fürchten.

»Staffa verlassen!« rief im ersten Augenblick Miß Campbell, »einen so herrlichen Horizont schießen lassen!«

»Meiner Ansicht nach möchte es gefährlich sein, auf der Reede von Clam-Shell zu verweilen,« erwiderte John Olduck.

»Wenn es doch nicht anders geht, meine teure Helena!« sagte der Bruder Sam.

»Ja, wenn es doch nicht anders geht,« setzte der Bruder Sib hinzu.

Olivier Sinclair beeilte sich, als er wahrnahm, welchen Verdruß der jungen Dame dieser jähe Aufbruch bereitete, an den Kapitän Olduck die Frage zu richten:

»Wie lange kann wohl Ihrem Dafürhalten das Unwetter anhalten?«

»Höchstens zwei, drei Tage zur gegenwärtigen Jahreszeit,« antwortete der Kapitän.

»Und Sie halten es für notwendig, daß wir aufbrechen?«

»Für notwendig oder vielmehr, für dringend notwendig.«

»Was beabsichtigen Sie also?«

»Noch heute morgen abzusegeln. Wir können, wenn sich der Wind so hält, noch vor Abend in Achnagraig sein und nach Staffa zurückkehren, sobald das schlimme Wetter vorbei ist.«

»Warum wollen wir nicht nach Jona zurückkehren? dort könnte doch die »Clorinda« in einer Stunde sein,« meinte Bruder Sam.

»Nein ... nein ... nicht in Jona!« antwortete Miß Campbell, vor der sich schon der Schatten von Aristobulos Ursiklos aufrichtete.

»Im Hafen von Jona würden wir nicht viel sicherer sein als in der Reede von Staffa,« bemerkte John Olduck.

»Nun, dann machen Sie segelklar. Kapitän! und zwar direkt nach Achnagraig ... uns aber lassen Sie in Staffa!«

»In Staffa!« antwortete John Olduck, »wo Sie nicht einmal ein Haus zum Obdach haben!«

»Die Grotte von Clam-Shell wird doch ein paar Tage ausreichen?« versetzte Olivier Sinclair: »woran wird es uns denn dort fehlen? An nichts! wir haben reichlich Proviant an Bord, Bettzeug auch. Kleider zum Wechseln auch – das läßt sich ja alles ans Land schaffen – schließlich auch einen Koch, der weiter nichts will, als bei uns bleiben!«

»Jawohl! ... jawohl!« versetzte Miß Campbell, in die Hände klatschend: »segeln Sie ab, Kapitän, auf der Stelle nach Achnagraig und lassen Sie uns in Staffa! wir werden da hausen wie Schiffbrüchige auf einer wüsten Insel, oder wie Leute, die ausgesetzt worden sind! wir werden dort warten, bis die »Clorinda« zurück ist, mit all den Empfindungen, Aengsten und Freuden jener Robinsons, die eines Schiffes auf der Höhe ihrer Insel ansichtig werden. Wozu sind wir hergekommen, um einen Roman zu erleben: nicht wahr, Herr Sinclair? und was läßt sich Romantischeres denken als diese Situation, lieber Onkel Sam und lieber Onkel Sib? Zudem würde ich es mir mein ganzes Leben zum Vorwurf machen, ein so erhabenes Schauspiel verpaßt zu haben, wie es ein Sturm auf diesem poetischen Eiland, die Wutausbrüche eines nordischen Meeres, das an Ossian erinnernde Ringen der entfesselten Elemente entfalten müssen! Segeln Sie also ab, Kapitän Olduck! wir werden hier bleiben und auf Sie warten!«

»Aber ...« sagten die Brüder Melvill, denen dieses schüchterne Wort fast zu gleicher Zeit entrann.

»Mir scheint, meine lieben Oheime haben gesprochen, aber ich glaube ein Mittel zu haben, das sie meiner Ansicht noch gefügig macht,« antwortete Miß Campbell, und gab jedem der beiden alten Herren einen kräftigen Schmatz ... »Der ist für Sie, Onkel Sam. und der für Sie, Onkel Sib! Jetzt haben Sie doch, möchte ich wetten, nichts mehr zu sagen.«

Sie dachten nicht mehr an den geringsten Einwand. Warum nicht in Staffa bleiben, wenn es ihrer Nichte so beliebte? und wie hatten sie bloß nicht gleich auf diesen so einfachen, so natürlichen Einfall kommen können, der allen Interessen gerecht wurde.

Aber der Gedanke stammte von Olivier Sinclair, und Miß Campbell glaubte ihm noch spezieller dafür danken zu sollen.

Hierauf schafften die Matrosen alles ans Land, was für einen Aufenthalt auf der Insel von nöten war. Clam-Shell wurde im Nu zur provisorischen Wohnung unter dem Namen Melvill-Haus umgemodelt. Dort würde man sich ebenso wohl, wenn nicht besser, wie in der Herberge von Iona befinden. Der Koch nahm es auf sich, ein für seine Arbeiten geeignetes Plätzchen zu suchen; er fand es am Eingang zur Grotte, in einer augenscheinlich für solchen Zweck ausersehenen Bucht.

Hierauf verließen Miß Campbell und Olivier Sinclair, Dame Elsbeth und Partridge die »Clorinda«, während John Olduck ihnen das kleine Jachtboot überließ, das ihnen vielleicht zur Fahrt von einem zum andern Felsen nützlich werden konnte.

Nach Verlauf einer Stunde stach die »Clorinda« in See, um die Nordspitze von Mull herum, um durch den die Insel vom eigentlichen Lande trennenden Kanal nach Achnagraig zu gelangen. Ihre Passagiere schauten ihr von der Höhe von Staffa nach, so weit wie möglich. Vor der Brise hinstreichend gleich einer Möwe, die mit ihrem Fittich die Wogen streift, war sie nach Verlauf einer halben Stunde hinter dem Eilande Gometra verschwunden.

Wenn aber auch schlimmes Wetter drohte, so war der Himmel doch nicht nebelig. Noch immer drang die Sonne durch die großen Wolkenrisse, die der Sturm am Zenith verursachte. Man konnte auf der Insel promenieren, konnte an ihrer Küste hinauf bis zum Fuße der Basalthänge gelangen. Kein Wunder, daß es Miß Campbell und den Brüdern Melvill vor allem darum ging, sich unter Oliviers Sinclairs Führung nach der Fingals-Grotte zu begeben.

Die Touristen, die von Iona kommen, haben die Gewohnheit, sich vom Obaner Personendampfer zur Grotte hinüberbooten zu lassen, man kann aber auch bis in ihren äußersten Winkel gelangen, wenn man auf den Felsen rechts landet, wo sich eine Art gangbaren Kais befindet.

Dazu entschloß sich auch Olivier Sinclair.

Es wurde also von Clam-Shell aufgebrochen, und zwar die Straße entlang, die am östlichen Inselsaume hinführte. Die Spitzen der gleichsam von Ingenieurshand senkrecht eingerammten Basaltpfähle bildeten ein sicheres, trockenes Pflaster am Fuße der hohen Felsen. Während dieser Promenade von wenigen Minuten wurde geplaudert, wurden die Eilande bewundert, an denen die Brandung mit ihrem bis auf den Grund hinunter grünlich schimmerndem Wasser schlug. Es hätte sich keine herrlichere Straße zu der Grotte hindenken lassen, die würdiger gewesen wäre, von einem Helden aus »Tausendundeiner Nacht« bewohnt zu werden.

Am südöstlichen Winkel der Insel angelangt, führte Olivier Sinclair seine Kameraden mehrere von der Natur geschlagene Stufen hinauf, die keiner Palasttreppe zur Unzier hätte gereichen können. Am Fuße derselben hob und senkte sich schwach, wie wenn es nach Atem ränge, das Wasser, dessen Ruhe bereits von der Unruhe der hohen See draußen erfaßt wurde. Dort spiegelte sich der ganze Unterbau des Massivs wider, dessen schwärzlicher Schatten unter den Fluten zitterte.

Auf dem oberen Absatz angelangt, wandte sich Olivier Sinclair links und zeigte Miß Campbell eine Art schmalen Kais oder vielmehr eine natürliche Bank, die der Wand bis zur Tiefe der Grotte hin folgte. Ein durch eiserne Haken im Basalt verfestigtes Geländer diente zwischen der Wand und dem scharfen Grate des kleinen Kais als »Handläufer«.

»Ach!« sagte Miß Campbell, »diese Brustwehr verdirbt mir tatsächlich den Fingalpalast einigermaßen.«

»Freilich,« erwiderte Olivier Sinclair, »wenn sich Menschenhand in die Arbeit der Natur mischt, ist es niemals anders.«

»Ist es von Nutzen, soll man sich ihrer bedienen,« sagte der Bruder Sam.

»Und ich tue das!« setzte der Bruder Sib hinzu.

Auf den Rat ihres Führers blieben die Besucher der Fingalsgrotte vor dem Eingänge stehen.

Vor ihnen dehnte sich eine Art Kirchenschiff, hoch und tief und voll geheimnisvollen Halbschattens. Der Abstand zwischen den beiden Seitenwänden auf dem Meeresniveau maß etwa 34 Fuß. Nach rechts und links verdeckten Basaltpfeiler, die dicht aneinander gerückt waren, wie in gewissen Kathedralen der letzten gotischen Periode, das Massiv der Tragemauern. Auf das Kapitäl dieser Pfeiler stützten sich die Widerlager eines gewaltigen Spitzbogen-Gewölbes, das sich unter dem Schiff an 50 Fuß über das Durchschnittsniveau des Wassers erhob.

Miß Campbell wie auch ihre Begleiter mußten sich, von diesem ersten Anblick in Entzücken versetzt, endlich aus ihrer Betrachtung reißen und diesem das Innenbankett bildenden Vorsprunge folgen.

Dort reihen sich in geschlossener Ordnung Hunderte von prismatischen Säulen, aber von ungleicher Größe, den Produkten einer gigantischen Kristallisation ähnlich, aneinander; ihre zierlichen Grate heben sich ebenso scharf ab, wie wenn ihre Konturen durch den Meißel eines Dekorateurs herausgeholt worden wären. An die zurücktretenden Winkel der einen fügen sich mit geometrischer Akkuratesse die herausspringenden Winkel der andern. Das von außen hereindringende Licht spielte auf allen diesen gleichsam fassettierten Winkeln. Vom Wasser im Innern ausgenommen, gleichwie von einem Spiegel zurückgeworfen, sich auf den unter Wasser befindlichen Steinen und Wassergewächsen mit grünlichen Farben sättigend, sprühte das Licht in tausenderlei Funken von den Vorsprüngen der Basalte, die dem Gewölbe dieser in der ganzen Welt ohne Rivalen dastehenden Gruft als regellose Deckenfelder dienten.

Im Innern herrschte – wenn es statthaft, diese Zusammenfügung von Worten zu gebrauchen – sonore Stille, jene den tiefen Aushöhlungen eigentümliche Stille, die keinem Besucher zu stören beikommt. Einzig und allein der Wind trug seinen Hauch langgezogener Akkorde hinein, die aus einer melancholischen Kette verminderter Septimen zu bestehen scheinen, die langsam schwellen und langsam verhallen. Es konnte einem unter diesem machtvollen Wehen zu Mute sein, als stünden all diese Prismen wie die Zungen einer Riesenharmonika in Resonnanz. Rührt nicht von diesem seltsamen Eindruck der Name An-Na-Vine oder »harmonische Grotte« her, wie diese Höhle in der keltischen Sprache heißt?

»Und welcher Name könnte besser für sie passen?« sagte Olivier Sinclair, »da doch Fingal Ossians Vater war, dessen Genius die Poesie und die Musik in eine einzige Kunst zu verschmelzen gewußt hat?«

»Ohne Zweifel,« erwiderte der Bruder Sam; »aber gleichwie es Ossian selber aussprach: Wann wird mein Ohr hören den Sang der Barden? Wann mein Herz erbeben beim Sange der Taten meiner Väter? Die Harfe läßt ihr Echo nicht mehr hallen in den Wäldern von Sabora!«

»Ja,« setzte der Bruder Sib hinzu, »der Palast steht jetzt leer, und kein Echo gibt mehr die Gesänge von ehedem wieder!«

Die gesamte Tiefe der Grotte wird auf etwa 150 Fuß geschätzt. In dem Hintergrunde des Schiffs kam eine Art Orgelpositiv in Sicht, in welchem sich eine gewisse Anzahl von Säulen geringerer Dicke und Höhe, aber von ganz der nämlichen Vollkommenheit der Linien zeigte wie am Eingang.

Dort wollten Olivier Sinclair und Miß Campbell mit ihren beiden Oheimen eine Zeitlang verweilen.

Von diesem Punkte aus war die bis zum Himmel sich weitende Aussicht herrlich. Mit Licht gesättigt, ließ das Wasser die Gestaltung des Meeresgrundes erkennen, den hier Säulenschäfte mit 4 bis zu 7 Seiten, aneinandergefügt gleich den Würfeln eines Mosaiks, bildeten. An den seitlichen Wänden spielten Licht und Schatten in erstaunlichen Reflexen. Trat eine Wolke vor die Oeffnung der Grotte gleich einem Gazevorhang, der über das Proszenium eines Theaters fällt, dann verlöschte alles. Dagegen erglänzte und strahlte alles und spielte in den sieben Farben des Regenbogens, wenn sich ein Sonnenlicht-Schwall, von dem Kristall des Meeresgrundes zurückgestrahlt, in langen glänzenden Schwaden bis zum Schiffe des Gewölbes heraufhob.

Jenseits davon brach sich das Meer auf den ersten Lagern des riesenhaften Bogens. Schwarz wie eine Kante von Ebenholz, liefe dieser Rahmen die hinteren Felder zu ihrer vollen Geltung kommen. Jenseits erschien der von Meer und Wasser gebildete Horizont in seinem ganzen Glanze, in der Ferne, zwei Meilen auf hoher See, Jona mit seinen Kloster-Ruinen, die sich in hellem Weiß von den Fluten abhoben.

Alle standen in tiefer Verzückung vor diesem zauberhaften Bilde, und keiner wußte den Empfindungen, die auf ihn einstürmten, Ausdruck zu geben.

»Welch ein verhexter Palast!« rief endlich Miß Campbell, »und welch ein prosaischer Geist müßte es sein, der sich nicht zu dem Glauben bekennen wollte, Gott habe die Sylphen und Undinen geschaffen! Für wen würden im Hauche der Winde die Töne dieser großen äolischen Harfe erzittern? Vernahm nicht Waverley diese übernatürliche Musik in seinen Träumen, diese Selma-Stimme, deren Akkorde unser Romancier gesetzt hat, um seine Helden in Schlaf zu wiegen?«

»Sie haben recht, Miß Campbell,« antwortete Olivier, »und zweifelsohne hat Walter Scott, als er in dieser poetischen Vergangenheit der Hochlande seine Gleichnisse suchte, die Fingalshöhle vorgeschwebt.«

»Hier möchte ich den Schatten Ossians beschwören!« rief das schwärmerische junge Mädchen; »warum sollte der unsichtbare Barde nicht, nach 15 Jahrhunderten Schlafes, auf meinen Ruf wieder erscheinen? Ich male mir mit Vorliebe aus, wie sich der Unglückliche, blind wie Homer, ein Dichter wie Homer, als er die Heldentaten seines Zeitalters besang, mehr denn einmal in diesen Palast geflüchtet hat, der noch heute den Namen seines Vaters trägt! Dort haben ohne Zweifel Fingals Echos seine epischen und lyrischen Inspirationen oft wiederholt im reinsten Accent der gaelischen Idiome. Glauben Sie denn nicht, Herr Sinclair, daß der alte Ossian sich ebendahin setzen konnte, wo wir sitzen? und daß die Töne seiner Harfe sich zu den rauhen Klängen von Selmas Stimme gesellen mußten?«

»Wie soll man nicht glauben, Miß Campbell,« versetzte Olivier Sinclair, »was Sie mit so überzeugtem Tone sprechen?«

»Wie wäre es, wenn ich ihn riefe?« flüsterte Miß Campbell ... und mit ihrer hellen, frischen Stimme ließ sie den Namen des alten Barden in den wehenden Wind hinein erschallen.

Aber so lebhaft Miß Campbell auch wünschte, und obgleich sie ihn dreimal gerufen hatte, gab doch bloß das Echo Antwort. Ossians Schatten erschien im väterlichen Palast nicht.

Die Sonne war aber unter dichtem Gewölk verschwunden. Die Grotte füllte sich mit schweren Schatten. Das Meer fing draußen an zu schwellen. Die langen Wellen brachen sich laut an den letzten Basaltsäulen des Hintergrundes. Die Touristen begaben sich also wieder auf das schmale, vom Sprühregen der Wogen bereits getroffene Bankett, bogen um den vom Sturm heftig heimgesuchten Winkel des Eilandes herum und standen dann wieder auf der Straße, vorm Wind geschützt.

Seit zwei Stunden hatte das schlimme Wetter merklich zugenommen. Der Orkan traf die schottische Küste unmittelbar, aber durch die Basaltwände des Ufers geschützt, konnten die Touristen Clam-Shell noch bequem erreichen.

Am anderen Morgen zeigte das Barometer wieder einen sehr tiefen Stand. Der Sturm blies mit großer Gewalt, dichteres fahleres Gewölk hing tiefer vom Himmel nieder. Noch regnete es nicht, aber die Sonne war auch schon verschwunden.

Miß Campbell schien über dies Mißgeschick nicht so betroffen, wie man hätte glauben können. Dieses Leben auf einer vom Sturme gepeitschten öden Insel entsprach ihrem feurigen Naturell. Gleich einer Heldin Walter Scotts fand sie Gefallen daran, zwischen den Felsen von Staffa herum zu irren, in neue Gedanken versunken, zumeist allein, und keiner wagte es, ihre Einsamkeit zu stören.

Oft kehrte sie auch nach der Fingals-Grotte zurück, deren poetische Seltsamkeit sie fesselte. Träumerisch verbrachte sie dort ganze Stunden, ohne der guten Ratschläge zu achten, die man ihr gab, sich ja nicht weit in die Höhle hinein zu wagen.

Am 9. September hatte die Depression ihr Maximum erreicht und lag direkt über der schottischen Küste. Im Zentrum des Orkans verschoben sich die Luftschichten mit beispielloser Gewalt. Diesem rasenden Sturm auf dem Plateau der Insel Widerstand zu leisten, wäre unmöglich gewesen.

Gegen 7 Uhr abends, gerade als das Diner in Clam-Shell ihrer wartete, hatten Olivier Sinclair und die Brüder Melvill Ursache zur höchsten Beunruhigung. Miß Campbell war gegen drei Uhr weggegangen, ohne zu sagen, wohin, und war noch nicht zurückgekehrt. Nicht ohne steigende Sorge faßte man sich bis gegen 6 Uhr in Geduld, aber noch immer erschien Miß Campbell nicht.

Olivier Sinclair kletterte wiederholt auf das Plateau der Insel, aber es war niemand zu sehen.

Nun raste der Sturm mit unvergleichlicher Wut, und das aufgewühlte Meer schlug unablässig gegen den ganzen südwestlichen Teil des Eilands.

»Unglückliches Mädchen!« schrie plötzlich Olivier Sinclair auf. »Wenn die Aermste noch in der Fingalshöhle steckt, dann müssen wir sie herausholen, oder sie ist verloren!«

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