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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
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Siebzehntes Kapitel

An Bord der Clorinda.

Am andern Tage, gegen 6 Uhr früh, fuhr aus dem kleinen Hafen von Iona eine niedliche Jolle mit 45 bis 50 Tonnengehalt, die »Clorinda«, und gewann, von einer flotten Nordostbrise gefaßt, mit den Halsen dicht steuerbords, mit Geschwindigkeit die hohe See.

Die »Clorinda« führte Miß Campbell, Olivier Sinclair, die Brüder Sam und Sib, Dame Elsbeth und Partridge von dannen. Daß der Tolpatsch Aristobulos nicht mit an Bord war, versteht sich von selbst. Was nach dem Vorfall des letzten Abends abgemacht und schleunigst ausgeführt wurde, war auf dem Rückwege vom Abthügel zur Herberge durch Miß Campbell kurz und bündig wie folgt angedeutet worden:

»Liebe Oheime! Da es Herrn Aristobulos Ursiklos nicht in den Sinn kommen will, Iona den Rücken zu wenden, so wollen wir Iona dem Herrn lassen! Zum ersten male in Oban, zum andern male hier ist uns zufolge seines Verschuldens unsre Beobachtung mißglückt. Keinen Tag länger wollen wir an einem Flecke verweilen, wo dieser aufdringliche Mensch sich das Vorrecht anmaßt, seine Tolpatschereien auszuführen!«

Gegen diesen so klar ausgesprochenen Vorschlag hatten die Brüder Melvill nichts einzuwenden. Zudem teilten sie die Unzufriedenheit, die Miß Campbell und Olivier Sinclair empfanden, und wünschten ihn ganz ebenso herzlich, wie diese beiden jungen Leute, dorthin, wo der Pfeffer wächst. Ganz entschieden war die Lage ihres Prätendenten ärger gefährdet als je. Daß es zwischen Miß Campbell und ihm zu einer Einigung kommen könne, war allem Anschein nach völlig ausgeschlossen. Auf die Verwirklichung ihres hiermit illusorisch gewordenen Planes mußten sie für jetzt und alle Zeit verzichten.

»Schließlich sind Versprechungen übereilter Väter keine Handschellen!« konnte Bruder Sam dem Bruder Sib, indem er ihn beiseite nahm, zuflüstern.

Mit andern Worten bedeutete das soviel, daß kein Mensch durch einen Eid gebunden werden könne, den ihm Verhältnisse abgewonnen hatten, die später nicht mehr zutrafen, und mit einer sehr deutlichen Gebärde hatte Bruder Sib zu diesem echt schottischen Diktum seine vollständige Zustimmung erklärt.

In dem Augenblick, als im untern Schenkraume der »Rüstkammer Duncans« die letzten Abschiedsworte für die Nacht gewechselt wurden, sagte Miß Campbell:

»Morgen geht's weiter! Hier will ich keinen Tag mehr verweilen!«

»Das ist eine abgemachte Sache, meine teure Helena,« versetzte der Bruder Sam – »aber wohin sollen wir unsre Schritte wenden?«

»Dorthin, wo wir sicher sein dürfen, diesen Herrn Ursiklos nicht mehr zu treffen! Vor allem ist es also wichtig, daß niemand davon etwas erfährt, daß wir Iona verlassen oder wohin wir uns begeben.«

»Abgemacht!« erwiderte Bruder Sib; »aber, liebes Kind! wie kommen wir von hier weg, und wohin ziehen wir?«

»Der Tausend!« rief Miß Campbell, »wir sollten bis zum Tagesgrauen nicht Mittel und Wege finden, von dieser Insel wegzukommen? Die schottische Küste sollte für uns keine unbewohnte Stätte oder auch, meinetwegen, keine unbewohnbare Stätte haben, wo wir unser Experiment in Ruhe und Frieden fortsetzen könnten?«

Ganz ohne Frage hätten die Brüder Melvill keine Antwort zu geben vermocht auf diese Doppelfrage, zumal dieselbe in einem Tone gestellt wurde, der weder eine Ausflucht noch einen Hinterhalt zuließ.

Zum Glück war aber Olivier Sinclair zur Stelle, der in zuversichtlichem Tone sagte:

»Miß Campbell, das läßt sich alles ins Geleise bringen! und zwar, bitte! folgendermaßen: hier ganz in der Nähe liegt eine Insel oder vielmehr ein bloßes Eiland, das ganz für unsere Zwecke höchst geeignet ist – und auf diesem Eiland wird uns kein aufdringlicher Mensch in den Weg kommen!«

»Welches Eiland ist das?«

»Staffa! Sie können es ja nördlich von Iona, in einer Entfernung von etwa zwei Seemeilen, sehen!«

»Läßt sich dort Unterhalt finden und ist es möglich, hinzugelangen?« fragte Miß Campbell.

»Jawohl,« erwiderte Olivier Sinclair, »und außerordentlich leicht! Im Hafen von Jona habe ich eine von den bekannten Jachten liegen sehen, die immer segelfertig gehalten werden, wie ja überall in englischen Häfen während der schönen Jahreszeit. Kapitän und Mannschaft stehen jedem Touristen zur Verfügung, der sich ihrer Dienste zur Fahrt durch das Aermelmeer, in die Nordsee oder nach dem irländischen Meer versichern will. Nun! wer hindert uns denn, diese Jacht zu heuern? auf vierzehn Tage Proviant mit hinüber zu nehmen? denn irgendwelche Mittel zum Unterhalt bietet Staffa nicht – und morgen in aller Frühe hinüber zu segeln?«

»Herr Sinclair!« erwiderte Miß Campbell, »wenn es uns gelingt, morgen in aller Stille diese Insel zu verlassen, so dürfen Sie sich tiefer Dankbarkeit versichert halten.«

»Wir werden morgen vormittag, vorausgesetzt, daß sich in der Frühe ein bißchen Wind aufnimmt, in Staffa sein,« versetzte Olivier Sinclair, »und abgesehen von Touristen, die sich dort zweimal in der Woche etwa ein Stündchen aufzuhalten pflegen, werden wir dort von keiner Menschenseele gestört werden.«

Wie immer, erklangen im Nu aus dem Munde der Brüder Melvill die Namen, die sie der Kammerfrau zu geben pflegten.

»Elsa!«

»Else!«

»Elsi!«

»Elschen!«

»Elsbeth!«

Und im Nu war Dame Elsbeth zur Stelle.

»Morgen reisen wir ab!« sprach Bruder Sam.

»Vor Tagesgrauen!« ergänzte Bruder Sib.

Ohne irgendwelche Bemerkung oder Frage befaßten sich Dame Elsbeth und Partridge mit den Vorbereitungen zur Abreise. Während der Zeit begab sich Olivier Sinclair nach dem Hafen, wo er mit John Olduck seine Abmachungen traf.

John Olduck war der Kapitän der »Clorinda«, ein alter Seemann, der noch die Jacke mit metallenen Knöpfen und das Beinkleid aus grobem blauen Tuch, auf dem Kopfe die kleine herkömmliche Kappe mit Goldborte trug. Sobald der Handel glatt war, machte er ohne Säumen alles segelklar mit seinen sechs Mann – durchweg auserlesene Seeleute, die im Winter das Fischerhandwerk, im Sommer den Jachtdienst versahen und hierin allen Seeleuten anderer Nationen unbestreitbar überlegen sind.

Um 6 Uhr früh schifften sich die neuen Passagiere der »Clorinda« ein, ohne irgendwem gesagt zu haben, nach welchem Ziele die Jacht segle. Was von Proviant, frischem oder Pökelfleisch, wie auch von Getränken, erreichbar, wurde zusammengekauft. Zudem hätte auch der Koch der »Clorinda« immer die Gelegenheit und Möglichkeit gefunden, sich auf dem Dampfer, der regelmäßig zwischen Oban und Staffa verkehrt, neu zu verproviantieren.

Vom Tagesanbruch an hatte Miß Campbell es sich in einer reizenden, kokett eingerichteten Kabine im Jachthinterteil bequem gemacht. Das Brüderpaar Melvill nahm die Matratzen der »Haupt-«, oder »großen Kabine« in Beschlag, die jenseits vom »Salon«, im breitesten Teile des kleinen Fahrzeugs gelegen war und alle Bequemlichkeiten aufwies. Olivier Sinclair behalf sich mit einer rückseitig von der großen Treppe, die zum Salon führte, eingerichteten Kabine. Zu beiden Seiten des durch den Schaft des Hauptmastes gebrochenen Speisesaales fanden Dame Elsbeth und Partridge, die erste rechts, der andre links, unmittelbar hinter der Messe und Kapitänskabine Unterkunft. Weiter vorn lag die Küche, in welcher der Koch sein Zepter schwang und sein Quartier hatte. Noch weiter vorn lag der Mannschaftsraum mit den sechs Hängematten für die auf der Jacht befindlichen sechs Matrosen. Es fehlte tatsächlich auf dieser von Ratsey in Cowes gebauten prächtigen Jolle an nichts, und bei schöner See und frischer Brise hatte sie auf allen Regatten des »Kgl. Themse-Jachtklubs« immer einen ehrenvollen Rekord gemacht.

Für alle war es eine wirkliche Freude, als die »Clorinda« segelklar war und den Anker gelichtet hatte, den Wind abfing und unter dem Großsegel, Hintersegel, Fock- und Gaffelsegel in die See hinaus glitt. Graziös vorm Winde geneigt, ohne daß ihr weißes, aus Kanadafichtenholz gezimmertes Deck von einer einzigen der kurzen Wellen, die von einem senkrecht zur Wasserlinie stehenden Vorsteven geteilt wurden, einen einzigen Schwapper abbekommen hätte.

Die Entfernung zwischen den kleinen Hebriden Jona und Staffa ist sehr kurz. Mit etwas Segelwind hätten 25 Minuten für eine Jacht, die leicht ihre acht Meilen in der Stunde machte, für die Ueberfahrt gereicht. Aber momentan herrschte Gegenwind – außerdem war die Flut im Sinken und bei ziemlich scharfer Ebbe machten sich, bis sie an die Höhe von Staffa kamen, doch verschiedenerlei Lavierungen nötig. Zudem zeigte Miß Campbell ziemlich geringes Interesse an der Fahrt. Die Hauptsache war, daß die »Clorinda« auf hoher See war. Eine Stunde später verschwand Iona in den Frühnebeln und mit ihr verschwand auch das verabscheute Bild jenes Freudenstörers, den Helena bis auf den Namen aus ihrem Gedächtnis streichen wollte. Frisch von der Leber weg sagte sie denn auch zu ihren Oheimen:

»Nun! habe ich nicht recht gehabt, Papa Sam?«

»Durchaus, meine liebe Helena!«

»Ist es Mama Sib auch recht so?«

»Vollkommen recht!«

»Na, das muß man gelten lassen,« setzte sie hinzu, einen der beiden alten Herren nach dem andern herzend und küssend, »daß ein Onkelpaar, das mir solchen Troddel als Mann aufhalsen wollte, ganz wahrhaftig keinen berühmten Einfall gehabt hat!«

Auch hierzu sagten sie alle beide Ja!

Alles in allem genommen war es eine brillante Fahrt, die bloß den einen Fehler hatte, daß sie zu kurz war. Und wer hinderte es denn, sie länger auszudehnen? wer hinderte daran, mit der Jolle vor dem Grünen Strahl her zu fahren? ihn mitten im Atlantischen Meere zu suchen? Aber, nein! an der Absprache, nach Staffa zu segeln, wurde festgehalten, und John Olduck traf seine Maßnahmen, um mit dem Einsetzen der Flut dieses unter allen Hebriden besonders gefeierte Eiland zu erreichen.

Gegen 8 Uhr wurde in dem Speisesaal der »Clorinda« das erste Frühstück gedeckt, das aus Tee, Butter und Brotschnittchen bestand. Die Gäste waren bei bester Laune und taten den Speisen, ohne jegliches Bedauern über den Verlust der Gastwirtsküche von Iona, alle Ehre an. Die undankbaren Leute!

Als Miß Campbell hierauf wieder an Deck stieg, hatte die Jacht vor dem Winde gewendet und die Halsen umgeholt. Sie steuerte nun auf den prächtigen Leuchtturm zu, der auf dem Felsen von Skerryvore steht und in einer Höhe von 150 Fuß über dem Meeresspiegel sein erstklassiges Leuchtfeuer aufsteigen läßt. Da sich die Brise ausgefrischt hatte, kämpfte sich die Jacht, die alle Segel gespannt hatte, gegen die Ebbe vorwärts. kam aber Staffa nur langsam näher ... und doch »schliß sie die Feder« – um die Schnelligkeit, ihrer Fahrt mit einem echt schottischen Ausdruck zu bezeichnen.

Miß Campbell hatte sich im Hinterschiff auf eines jener dicken Polster aus grobem Linnen halb hingestreckt, die an Bord von Lustfahrzeugen englischer Herkunft gebräuchlich sind. Sie berauschte sich an dieser Schnelligkeit, die weder durch die Holzer einer Chaussee noch durch die Erschütterungen eines Bahngeleises gestört wurde – eine Schnelligkeit, die sich am besten der eines über eine gefrorene Seefläche hinsausenden Schlittschuhläufers vergleichen läßt. Nichts Anmutigeres für das Auge als diese zierlich und vornehm gebaute, schwachgeneigte »Clorinda« über diese kaum schäumenden Fluten gleiten zu sehen, bald empor-, bald herniedersteigend auf ihrem Kamme. Zuweilen schien sie in der Luft zu schweben wie ein von seinen mächtigen Fittigen getragener Riesenvogel.

Dieses von den großen Hebriden des Nordens und Südens bedeckte, von einer Küste im Osten geschützte Meer wies Aehnlichkeit auf mit einem Binnenwasserbecken, dessen Fluten noch keine Brise zu stören vermocht hat.

Die Jacht lief schräg auf die Insel Staffa zu, die von einem großen, einsam auf der Höhe der Mull-Insel liegenden Felskegel von knapp 100 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel gebildet wird. Man konnte meinen, sie sei es, die den Platz verändere, und nicht das Schiff, weil sie nämlich bald ihre basaltischen Ufer der Westseite, bald die rauhen Felsenhaufen der Ostseite zeigte. Eine optische Täuschung bewirkte, daß sie sich auf ihrer Basis zu drehen schien, je nach der Laune der Winkel, unter denen die »Clorinda« bald sie hervor-, bald sie zurücktreten ließ.

Indessen gewann die Jacht, trotz der Ebbe und trotz der Brise, nur wenig Terrain. Als sie westlich, außerhalb der vordersten Spitzen von Mull, steuerte, wurde sie vom Meere energischer geschüttelt, aber sie hielt sich tapfer gegen die Vorflut der hohen See; aber beim nächsten Wellengang fand sie wieder ruhiges Wasser, von dem sie geschaukelt wurde wie eine Kinderwiege.

Gegen 11 Uhr hatte sich die »Clorinda« ziemlich weit nach Norden hinauf gearbeitet, so daß sie sich bloß noch nach Staffa tragen zu lassen brauchte. Die Schoten wurden nachgelassen, das Gaffelsegel sank vom Masthaupte nieder, und der Kapitän traf seine Maßnahmen, um vor Anker zu gehen.

In Staffa gab es keinen Hafen; aber es ist, ganz gleich was für Wind herrscht, nicht schwierig, längs des östlichen Ufers zwischen den Felsen hindurch zu steuern, die bei einem Kampf der Elemente in früherer geologischer Periode zu wunderlichen Formen zerrissen und ausgehöhlt worden sind. Bei schlimmem Wetter würde die Oertlichkeit freilich nicht danach angetan sein, daß sich ein Fahrzeug, das über eine gewisse Tonnenlast hinausginge, dort halten könnte.

Die »Clorinda« fuhr also ziemlich dicht an dieser Streu von schwarzem Basaltgestein hin. Geschickt manövrierend, ließ sie auf der einen Seite den Felsen von Bouchaillie liegen, dessen momentan sehr seichte See die zum Bündel gruppierten prismengleichen Scheren zu Tage treten ließ, auf der andern oder linken Seite jene das Gestade säumende Chaussee. Dort liegt die beste Anlände des Eilandes, dort liegt die Stelle, wo die Fahrzeuge die hergeführten Touristen, wenn sie ihren Spaziergang über die Höhen von Staffa vollendet haben, wieder einbooten.

Die »Clorinda« lenkte in eine kleine Bucht hinein, die fast am Eingange der Clam-Shell-Grotte lag; die Besanraa wurde niedergelassen, das Klüversegel eingeholt, der Anker sank auf den Grund.

Nach einer kurzen Weile waren Miß Campbell und ihre Reisegefährten ausgebootet und stiegen an den ersten Basaltstufen links von der Grotte ans Land. Dort befand sich eine durch Geländer gesicherte Holztreppe, die von der ersten Treppe aus bis zu dem runden Rücken der Insel emporführte.

Einer nach dem andern stieg die Treppe herauf, und bald standen sie alle auf dem obern Plateau.

Endlich also waren sie in Staffa, ganz ebenso aller bewohnten Welt entrückt, als wären sie von einem Sturm auf das ödeste aller Eilande des Stillen Ozeans geworfen worden.

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