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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel

Die Ruinen von Jona.

Gleich nach dem Frühstück brachen Miß Campbell, die Brüder Melvill und die beiden jungen Männer auf. Es war ein herrliches Herbstwetter. Aller Minuten drang ein flüchtiger Schimmer durch einen Riß des ziemlich undichten Gewölks. In solchen hellen Momenten schien es, als ob die Ruinen, die diesen Teil der Insel krönen, die glücklich gruppierten Felsen der Küste, die auf dem zerrissenen Boden von Jona verstreuten Hütten, das von einer stattlichen Brise gefächelte Meer den trübseligen Anstrich, der ihnen anhaftete, von sich streiften und unter den Wirkungen der Sonne ein lustigeres Gesicht zeigten.

Touristentag war es keiner. Tags vorher hatte der Dampfer etwa fünfzig Inselgäste gebracht, und tags darauf würde er wahrscheinlich wieder die gleiche Zahl bringen: heute aber gehörte das Eiland Jona ausschließlich seinen neuen Bewohnern. Es stand also anzunehmen, daß die Ruinen gänzlich verlassen sein würden, wenn die Ausflügler hinkämen.

Unterwegs ging es recht heiter zu. Die gute Laune der Brüder Sib und Sam hatte ansteckend gewirkt. Es wurde geplaudert, der Weg wurde doppelt und dreifach gemacht, auf den kleinen Felsenpfaden zwischen niedrigem Gemäuer aus verwittertem Gestein umhergestreift.

Alles ging mithin aufs beste, als die kleine Gesellschaft zuvörderst vor dem Grabhügel Mac-Leans Halt machte. Dieser schöne Monolith aus rotem Granit und von 14 Fuß Höhe, der die sogenannte »Main Street« beherrscht, ist der einzige Ueberrest von 360 Kreuzen, mit denen die Insel bis in die Reformationszeit, um die Mitte also des 16. Jahrhunderts, bedeckt war.

Olivier Sinclair wollte, was ihm nicht zu verdenken war, eine Skizze von diesem Denkstein zeichnen, der ein Stück vortrefflicher Arbeit ist und in der Mitte einer kahlen, mit graufarbigem Grase bedeckten Fläche eine hübsche Wirkung macht.

Miß Campbell, die Brüder Melvill und Olivier Sinclair gruppierten sich also etwa 50 Schritt vom Grabhügel entfernt, um einen hübschen Gesamtblick zu gewinnen. Olivier Sinclair setzte sich auf die Ecke einer kleinen Mauer und fing an, die ersten Terrainschraffierungen zu machen, von der Stelle, auf welcher sich das Kreuz Mac-Leans erhebt.

Ein paar Augenblicke später kam es allen so vor, als ob eine menschliche Gestalt die ersten Steinlagen zu diesem Grabhügel empor zu klimmen versuchte.

»Na, na!« rief Olivier, »was hat denn dieser Eindringling hier vor?« Dann setzte er hinzu: »Wenn er wenigstens noch als Mönch angezogen ginge, so würde er doch das Bild nicht stören, und ich könnte ihn in knieender Haltung am Fuße dieses alten Kreuzes mitmalen.«

»Es ist bloß ein Neugieriger, Herr Sinclair, der Sie wohl recht stören wird,« antwortete Miß Campbell.

»Aber ist das nicht am Ende Aristobulos Ursiklos, der uns, scheint es, überholt hat?« fragte Bruder Sam.

»Ganz gewiß ist er es,« setzte Bruder Sib hinzu.

Tatsächlich war es Aristobulos Ursiklos. Auf dem Unterbau des Grabhügels rittlings sitzend, bearbeitete er es mit Fäustelhieben.

Ueber diese Mineralogen-Unverfrorenheit ganz außer sich, rief Miß Campbell zu ihm hin:

»Was treiben Sie denn hier, mein Herr?« herrschte sie ihn an.

»Das sehen Sie doch, Miß Campbell,« antwortete Aristobulos Ursiklos, »ich versuche, ein Stück von diesem Granit loszutrennen.«

»Wozu sind bloß solche Narreteien? Die Zeit der Bilderstürmerei ist doch, meiner Meinung nach, längst vorbei!«

»Ich bin doch kein Bilderstürmer,« versetzte Aristobulos Ursiklos, »sondern ein Geologe und als solcher habe ich ein Recht darauf, zu untersuchen, welcher mineralogischen Klasse dieses Gestein hier angehört.«

Ein kräftig geführter Fäustelschlag hatte das Werk des Denkmalschänders vollendet: ein Stein aus dem Unterbau kollerte über den Boden. Aristobulos Ursiklos hob ihn auf, verdoppelte die Sehstärke seiner Brillengläser durch eine große Naturforscher-Lupe, die er aus ihrem Futteral zog, und näherte den aus dem Kreuze geschlagenen Stein seiner Nasenspitze.

»Ganz genau, wie ich mir dachte,« äußerte er: »ein roter Granit mit sehr dichtem Korn, höchst widerstandsfähig, wahrscheinlich vom Nonnes-Eilande stammend, denn er gleicht aufs Haar dem Granit, der von den Baumeistern des 12. Jahrhunderts zum Bau der Kathedrale von Jona verwandt worden ist.«

Eine so herrliche Gelegenheit, sich in eine archäologische Dissertation zu stürzen, welche die eben hinzugetretenen Brüder Melvill mit anhören zu sollen meinten, ließ sich Aristobulos Ursiklos selbstverständlich nicht entgehen.

Miß Campbell war, alle weitere Höflichkeit außer acht lassend, zu Olivier Sinclair getreten, und als die Skizze fertig war, trafen sich alle wieder auf dem Vorplatz der Kathedrale.

Dieses Denkmal alter Zeit ist ein aus zwei zusammenhängenden Kirchen bestehender Gebäudekomplex, dessen Mauern die Stärke von Festungswällen haben und dessen Pfeiler fest sind wie Felsen – nicht zu verwundern also, daß sie den Härten dieses Klimas seit dreizehn Jahrhunderten getrotzt haben.

Ein paar Minuten lang gingen die Besucher in der ersten Kirche umher, die sich durch die Bogenform ihrer Gewölbe und durch die krumme Linie ihrer Arkaden als romanischen Bau ausweist, während die zweite Kirche, ein gotischer Bau aus dem 12. Jahrhundert, Schiff und Querschiff der ersten bildet. So sahen sie auf ihrem Gange durch diese Ruinen und über diese großen viereckigen Steinquadern hinweg, deren Fugen und Risse stellenweise das Erdreich durchschimmern lassen, ein Zeitalter nach dem andern an ihrem Auge vorbeiziehen. Hier waren es Grüfte schließende Platten, dort in Winkeln errichtete Grabsteine mit ihren gemeißelten Figuren, die von dem vorüberziehenden Wanderer auf ein Almosen zu rechnen schienen.

Ein Gesamtbild, das in seiner dumpfen, strengen Schweigsamkeit und Schwere die Poesie vergangener Zeitalter atmete!

Miß Campbell, Olivier Sinclair und die Brüder Melvill drangen nun, ohne gewahr zu werden, daß ihr übergelehrter Reisegefährte hinter ihnen zurückblieb, unter das dicke Gewölbe des viereckigen Turmes vor. Dies Gewölbe überragte ehedem das Portal der ersten Kirche, die später auf dem Schnittpunkte der beiden Gebäude sich erhob.

Kurze Zeit nachher wurden auf den hallenden Steinfliesen taktmäßige Schritte vernehmlich. Man hätte meinen können, eine vom Hauch irgend eines Geistes beseelte Steinfigur schritte wuchtig einher, gleich dem Komthur in Dons Juans Saale, dessen Statue, höhnend von dem galanten Helden zum Essen geladen, von der Stätte seines Grabes im Kreuzgang der Kirche erscheint.

Es war Aristobulos Ursiklos, der mit seinen Bein-Meterlängen die Größenverhältnisse der Kathedrale maß.

»Einhundertundsechzig Fuß von Ost nach West,« sagte er und vermerkte diese Ziffer in dem Augenblicke, als er in die zweite Kirche trat, in seinem Notizheft.

»Ach! Sie sind es, Herr Ursiklos!« rief ironisch Miß Campbell: »vordem Mineraloge und jetzt Landmesser?«

»Und siebzig Fuß bloß dort, wo sich die Kirchenschiffe kreuzen,« versetzte Aristobulos Ursiklos.

»Und wieviel Zoll?« fragte Olivier Sinclair.

Aristobulos Ursiklos faßte Olivier Sinclair ins Auge wie jemand, der nicht weiß, ob er sich ärgern soll oder nicht. Aber die Brüder Melvill mischten sich rechtzeitig ein und führten ihre Nichte und die beiden jungen Herren in das Kloster.

Von diesem Bauwerk sind nur noch unkenntliche Trümmer vorhanden, trotzdem es das mit der Kirchenreformation über alles Katholische hereinbrechende Vernichtungswerk überdauert hat. Nach dieser Zeit wurde es für einige Kanonissinnen des Ordens vom heiligen Augustin, denen der Staat hier Asyl gewährte, als Wohnstätte hergerichtet. Was jetzt noch von ihm steht, sind bloß klägliche Ruinen eines von den Orkanen zerstörten Klosters, das weder Bogengewölbe noch romanische Pfeiler besaß, um den Unbilden eines nordischen Klimas ungestraft zu trotzen.

Trotzdem konnten die Besucher, als sie, was von dem ehedem so blühenden Kloster noch stand, durchforscht hatten, nicht umhin, ihre Bewunderung der besser erhalten gebliebenen Kapelle zu zollen, deren innere Verhältnisse auszumessen von Aristobulos Ursiklos nicht für notwendig erachtet wurde. Von dieser Kapelle, die entweder noch nicht so lange stand oder vielleicht fester gebaut war als die Refektorien und Zellen des Klosters, fehlte bloß das Dach: hingegen bildet die fast unversehrt gebliebene Empore einen Ueberrest mönchischer Architektur, der von Archäologen außerordentlich geschätzt wird.

In dem westlichen Teile der Kapelle erhebt sich das Grabmal der letzten Aebtissin der hier asylberechtigten Nonnengemeinschaft. Auf der Marmorplatte desselben sieht man eine zwischen zwei Engeln gemeißelte Jungfrauenfigur und darüber eine das Jesuskind auf den Armen haltende Madonna.

»Ganz wie die heilige Jungfrau mit dem Stuhle und die sixtinische Madonna, die einzigen Jungfrauenbilder Rafaels, die nicht die Augenlider senken, blickt auch diese Jungfrau – man möchte fast meinen, sie lächle mit den Augen!«

Diese Aeußerung aus dem Munde Miß Campbells traf durchaus zu, aber sie ergab nichts anderes, als daß Aristobulos Ursiklos ziemlich spöttisch die Lippen verzog.

»Woher haben Sie denn den Gedanken, Miß Campbell,« sprach er, »daß Augen jemals zu lächeln vermöchten!«

Vielleicht fühlte Miß Campbell Lust, ihm darauf zu antworten, daß man auf solchen Gedanken keinesfalls kommen könne, wenn man ihm in die Augen sähe; aber sie schwieg.

»Es ist ein vielverbreiteter Irrtum,« versetzte Aristobulos Ursiklos, als stünde er auf dem Lehrkatheder und hielte Vortrag, »vom Lächeln der Augen zu reden. Aber die Sehorgane sind, wie uns die Okulistik lehrt, jeglichen Ausdruckes vollständig entkleidet. Zum Exempel: Legen Sie auf ein Gesicht eine Maske, betrachten Sie die Augen dieses Gesichts durch diese Maske, und ich halte jede Wette, daß es Ihnen nicht möglich sein wird, zu erkennen, ob dieses Gesicht heiter, traurig oder zornig ist.«

»Ach! wirklich?« versetzte Bruder Sam, der an dieser kurzen Lektion Interesse zu finden schien.

»Mir war das nicht bekannt,« setzte Bruder Sib hinzu.

»Nichtsdestoweniger verhält es sich so,« erwiderte Aristobulos Ursiklos, »und wenn ich eine Maske zur Hand hätte ...«

Aber der erstaunliche Jüngling hatte leider keine Maske zur Hand, und so ließ sich das erstaunliche Experiment, das zweifellos jeglichen Zweifel im Nu aus der Welt geschafft hätte, nicht ausführen. Zudem hatten Miß Campbell und Olivier Sinclair das Kloster bereits verlassen und waren auf dem Wege zum Kirchhof von Jona.

Dieser Ort führt den Namen »Reliquienschrein Obans« zur Erinnerung an jenen Gefährten des heiligen Columba, dem man den Aufbau der Kapelle verdankt, deren Trümmer sich inmitten dieser Gräberstätte erheben.

Es ist eine merkwürdige Stätte, dieses mit Leichensteinen übersäete Stück Land, in dessen Schoße achtundvierzig Könige von Schottland, acht Vizekönige der Hebriden, vier Vizekönige von Irland und ein König von Frankreich gebettet liegen, von dem die Geschichte keine Namen meldet, gleichwie von einem Häuptling vorgeschichtlicher Zeit. Umschlossen von langem eisernen Geländer, bedeckt mit übereinandergeschobenen Fliesen, macht die Stätte, wie man meinen möchte, ganz den Eindruck eines Gräberfeldes von Carnak, Flecken in der Normandie, im französischen Departement Morbihan, als Grabstätte von Druiden berühmt. dessen Steine nicht Druidenfelsen, sondern Leichensteine sind. Darunter dehnt sich, auf dem grünen Saume gebettet, der Granit des Königs von Schottland, jenes durch die düstre Macbeth-Tragödie berühmt gewordenen Duncan. Von diesen Steinen tragen die einen bloß Zierate in Form von geometrischen Zeichnungen: die andern stellen, in runden Bosselierungen gegraben, manche jener wilden keltischen Könige dar, die halb der Sage, halb der Geschichte angehören und mit der Starrheit von Leichnamen sich hier hingestreckt zeigen.

Wieviel Erinnerungen schweifen hinweg über diese Totenstadt von Jona! In welche graue Zeiten irrt die Phantasie zurück, wenn sie den Boden dieses Saint-Denis der Hebriden durchstöbert! ... und wer könnte jener Strophe Ossians uneingedenk bleiben, die an diesen Stätten selber inspiriert worden zu sein scheint?

»Fremdling, du irrest hier auf heldenbesäetem Boden! Singe zuweilen den Preis, den Ruhm der berühmtesten Toten, daß die flüchtigen Schatten derselben freundlich sich sammeln im Kreise um dich!«

Miß Campbell und ihre Gefährten betrachteten die Szenerie in tiefem Schweigen. Sie brauchten sich von keinem vereidigten Führer, der den paar Touristen, die er führt, die unsichern Ereignisse einer in so ferner Vergangenheit liegenden Geschichte verliert, anöden zu lassen.

Es kam ihnen ganz so vor, als sähen sie diese Abkömmlinge des »Lords der Inseln«, Angus Og, des Kameraden von Robert Bruce und Waffenbruders dieses Helden, der für die Unabhängigkeit seines Vaterlandes in den Kampf zog, an ihren Augen vorüberziehen.

»Ach wie gern kehrte ich bei sinkender Nacht hierher zurück!« sagte Miß Campbell; »mir kommt es so vor, als sei die Zeit günstiger, solche Erinnerungen zu wecken. Ich würde den Leichnam des unglücklichen Duncan herbeitragen sehen, würde die Reden der Totengräber hören, wenn sie ihn in die geweihte Erde zu seinen Ahnen betten. Wahrlich, Herr Sinclair, wäre dies nicht der günstige Augenblick, die Kobolde zu wecken, die des Königs Grab hüten?«

»Jawohl, Miß Campbell, und ich denke wohl, Ihrer Stimme zu gehorchen, würden sie sich nicht weigern.«

»Wie, Miß Campbell, Sie glauben an Kobolde?« rief Aristobulos Ursiklos.

»Gewiß glaube ich an Kobolde,« erwiderte Miß Campbell, »ich müßte denn keine echte Schottin sein!«

»Aber Sie wissen doch, daß von dergleichen Zeug in Wirklichkeit nichts existiert, daß all solcher Gespensterkram bloß in der Phantasie lebt!«

»Und wenn es mir nun mal gefällt, daran zu glauben?« antwortete Miß Campbell, durch diesen unbequemen Widerspruch in Feuer und Flamme gesetzt. »Wenn es mir nun mal beliebt, an die Brownies zu glauben, die das Hausgerät hüten; an Hexen zu glauben, die sich durch das Hersagen von Runenversen beschwören lassen; an die Walküren zu glauben, jene Schicksalsjungfrauen der skandinavischen Götterwelt, die die in der Schlacht gefallenen Krieger vom Felde tragen; an die von unserm Dichter Burns in so vielen unsterblichen Versen, die kein echter Sohn der Hochlande je zu vergessen vermöchte, so herrlich besungenen Heimchen und Hausfeen zu glauben?«

»Ei, Miß Campbell,« versetzte der halsstarrige Tropf, »glauben Sie am Ende gar, daß die Herren Poeten glauben, was ihre Phantasie sie träumen läßt?«

»Ganz gewiß glauben die Dichter an das, was sie dichten,« mischte sich Olivier Sinclair ein, »oder ihre Lieder würden tönen wie hohles Erz, würden von falschen Tönen wimmeln wie jedes Werk, das nicht einer tiefen Ueberzeugung entspricht.«

»Auch Sie, mein Herr Brutus?« erwiderte Aristobulos Ursiklos; »daß Sie Maler sind, habe ich gesehen: daß Sie auch Dichter seien, wußte ich noch nicht.«

»Das ist einunddasselbe,« bemerkte Miß Campbell, »Kunst gibt es nur eine, wenn auch unter verschiedener Gestalt.«

»Nicht doch! ... nicht doch! ... den Satz kann ich nicht gelten lassen! ... Sie glauben ja selber nicht an diese ganze Mythologie der alten Barden, deren verworrenes Gehirn phantastische Gottheiten entstehen ließ!«

»Bitte recht sehr, Herr Ursiklos!« rief da der Bruder Sam, in seinen teuersten Empfindungen getroffen, »kanzeln Sie nicht unsre Altvordern in solcher Weise herunter, die unser liebes altes Schottland besungen haben!«

»Hören Sie lieber, was sie singen, und suchen Sie zu verstehen, was sie singen!« ergänzte der Bruder Sib, dem die Citate dieses Lieblingsdichters der beiden Brüder wieder auf die Zunge traten. »Ich liebe die Gesänge der Barden. Ich lausche gern den Sagen vergangener Zeiten. Für mich sind sie gleich der Ruhe am Morgen und gleich der Frische des die Hügel befeuchtendes Taues ...«

»Wenn die Sonne auf ihre Hänge bloß heiße Strahlen hernieder senkt,« ergänzte der Bruder Sam, »und friedliche Ruhe über dem See und tiefe Bläue über dem Tale liegt.«

Zweifelsohne hätten die beiden Oheime noch nicht so bald aufgehört, sich mit ossianischer Poesie zu berauschen, wäre ihnen nicht Aristobulos Ursiklos plötzlich in die Rede gefallen mit den Worten:

»Meine Herren! Haben Sie jemals einen dieser Kobolde mit eigenen Augen gesehen, von denen Sie mit solch schwärmerischer Begeisterung sprechen? Nein! Und sind sie zu sehen? kann man sie sehen? auch nicht – nicht wahr?«

»Das ist es gerade, was Sie irre führt, mein Herr, und daß Sie niemals einen Kobold gesehen haben, darum beklage ich Sie,« erwiderte Miß Campbell, die ihrem Widersacher um kein Härchen nachgegeben hätte. »In allen Hochlanden Schottlands sieht man sie erscheinen, wie sie längs der verlassenen Talschluchten hingleiten, auf der Tiefe der Schluchten aufsteigen, über die Fläche der Seeen tanzen, sich in den friedlichen Gewässern unserer Hebriden tummeln und Spiel und Scherz treiben inmitten der Stürme, die der Nordlands-Winter über sie bringt. Und dann weiter! jener Grüne Strahl, dem ich mit solcher Hartnäckigkeit nachjage – warum sollte er nicht die Schleppe oder Schärpe einer Walküre sein, die mit ihrer Franse in den Fluten des Horizonts schleppt?«

»Ach, um Gottes willen!« rief Aristobulos Ursiklos »reden Sie bloß nicht so was! Was Ihr Grüner Strahl ist und wie es sich mit ihm verhält, will ich Ihnen gleich sagen ...«

»Lassen Sie es ungesagt, mein Herr,« rief Miß Campbell, »ich mag es gar nicht wissen!«

»Doch! doch!« erwiderte Aristobulos Ursiklos, von der Diskussion jählings erhitzt.

»Lassen Sie es, Herr! ich verbiete Ihnen das Wort.«

»Und doch werde ich es sagen, Miß Campbell! Dieser letzte Strahl, den die Sonne in dem Moment wirft, wenn der obere Rand ihrer Scheibe den Horizont trifft, sieht, wenn er überhaupt grün aussieht, um deswillen grün aus, weil er sich in dem Moment, wenn er durch die dünne Wasserlage zieht, mit der Farbe dieses Wassers vollsaugt ...«

»Seien Sie still ... Herr ... Ursiklos!«

»Es sei denn, dieses Grün folge auf ganz natürliche Weise nach dem Rot der plötzlich verschwundenen Scheibe, weil unser Auge den Eindruck dieser Farbe aufbewahrt hat, denn Grün ist die Komplementärfarbe von Rot.«

»Ach bitte, mein Herr! Ihre physikalischen Schlüsse ...«

»Meine Schlüsse, Miß Campbell, stehen in Uebereinstimmung mit der Natur der Dinge,« antwortete Aristobulos Ursiklos, »und hierüber eine Denkschrift zu veröffentlichen, liegt gerade in meiner Absicht.«

»Gehen wir, liebe Oheime! gehen wir!« rief Miß Campbell, alles Ernstes erbittert ... »Herr Ursiklos möchte mir mit seinen Aufklärungen und Erläuterungen schließlich noch meinen Grünen Strahl versalzen!«

Nun mischte sich Olivier Sinclair dazwischen.

»Mein Herr,« sagte er, »ich glaube ja, daß es Ihrer Denkschrift über den Grünen Strahl an Kuriosität nicht fehlen wird, vielleicht haben Sie aber nichts dagegen, wenn ich mir die Freiheit nehme, Ihnen ein Thema zu nennen, dem ein noch größeres Interesse innewohnt.«

»Und welches Thema wäre dies?« fragte Aristobulos Ursiklos, sich auf den Hacken aufrichtend.

»Es wird Ihnen wohl nicht unbekannt geblieben sein, mein Herr, daß von verschiedenen gelehrten Herren das brennende Thema: »Vom Einflusse der Fischschwänze auf die Wellenbildung im Meere« wissenschaftlich behandelt worden ist?«

»Oho, mein Herr!«

»Je nun, mein Herr! es läßt sich Ihnen ja noch mit einem andern Thema aufwarten, das mir für Ihre gelehrten Forschungen ganz besonders geeignet zu sein scheint: Vom Einflusse der Blasinstrumente auf die Sturmbildung in der Atmosphäre!«

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