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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
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Vierzehntes Kapitel

Das Leben auf Jona.

Mittlerweile kam Jona, – mit seinem alten Namen »Wogen-Eiland« – dessen »Abthügel« bis zu 400 Fuß über den Meeresspiegel aufragt – mehr und mehr in Sicht, denn der Dampfer näherte sich ihm mit bedeutender Geschwindigkeit.

Um die Mittagszeit herum legte derselbe an einem kleinen Hafendamm, aus schlecht behauenen Felsen errichtet, die vom Wasser mit grünlichem Schleier überzogen wurden, an. Die Passagiere gingen ans Land, die einen, und zwar die größere Menge, um sich nach einer kurzen Zeitspanne schon wieder einzuschiffen, die anderen, und zwar die wenigeren, – und wer das war, weiß der Leser – von der Absicht erfüllt, sich in Jona niederzulassen.

Die Insel hat keinen Hafen im eigentlichen Sinne. Ein Kai, aus Steinen geschichtet, schützt eine der Buchten gegen die Wogen von hoher See. Sonst von Hafen keine Spur. Dortselbst suchen zur schönen Jahreszeit ein paar Lustjachten und die Fischerschluppen Zuflucht, die in diesen Gewässern den Fischfang betreiben.

Miß Campbell und die sie begleitenden Herren überließen den anderen Touristen die programmmäßige Besichtigung der Insel, für welche die Zeit von zwei Stunden vorgesehen war, und widmeten sich der Aufgabe, eine passende Wohnung zu suchen. Auf der Insel Jona den Komfort der reichen Badeort-Villen des Vereinigten Königreiches zu finden, darauf durfte man freilich nicht rechnen.

Das ganze Jona zählte nämlich höchstens drei Meilen in der Länge bei einer Breite von einer Meile und, alles in allem gerechnet, kaum 500 Einwohner. Die Insel ist Besitztum des Herzogs von Argyle, wirft aber bloß eine Revenue von einigen hundert Pfund ab. Weder von einer Stadt im gebräuchlichen Sinne des Worts, noch von einem Flecken, noch auch nur von einem Dorfe ist hier die Rede. Ein paar verzettelte Häuser, zum größten Teile einfache Lehmhütten, pittoresk von Ansehen, wenn man sie so nennen will, aber grob und im rohen aufgeführt, fast durchweg ohne Fenster und Licht bloß durch die Tür erhaltend, ohne Schornstein, mit einem einfachen Loche im Dache, durch das der Rauch Abzug fand, von Mauerwerk keine Rede, bloß Stroh- und Lehmwände, mit Weiden- und Heidekrautschüttung statt eines Schieferdaches, die durch dickes Tanggeflecht gehalten wurde.

Wer könnte nun wohl meinen, daß Jona oder Eona oder Hyona die Wiegenstätte der Druiden-Religion aus der Urzeit der skandinavischen Geschichte war? Wer möchte sich vorstellen können, daß auf die Druiden im sechsten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung der heilige Columba – der fromme Sohn Irlands, nach dessen Namen Jona gleichfalls genannt wird – daselbst zu dem Zwecke, die neue Glaubenslehre des Heilandes bei den Pikten und Scoten einzubürgern, das erste Kloster gegründet habe, das jemals auf schottischem Boden stand, und das die Cluniacenser oder Mönche von Cluny bis zur kirchlichen Reformation bewohnen sollten! Wo möchte man wohl heute die umfangreichen Bauten suchen, die gewissermaßen als Priesterseminar dienten und aus denen die Bischöfe und Hochäbte des Vereinigten Königreiches Großbritannien hervorgingen? Wo sollte man unter dem Trümmergeröll die Bibliothek wieder auffinden, die so reich war an Archiven über die Vergangenheit, an Handschriften über die römische Geschichte und der Gelehrtenwelt damaliger Zeit eine so nutzspendende Fundgrube zur Mehrung ihrer Bildung war? Nein! die Gegenwart weist nichts auf als Trümmer und Schutt dort, wo die Kultur, die das nördliche Europa so gänzlich, so von Grund aus umgestalten sollte, die ersten Wurzeln schlug. Von der ehemaligen Sankta Columba ist weiter nichts mehr vorhanden als das heutige Jona mit ein paar ungeschlachten Bauern, die dem sandigen Inselboden eine mittelmäßige Gersten-, Kartoffel- und Kornernte abringen, und einigen wenigen Fischern, die mit ihren Kähnen die fischreichen Gewässer der kleinen Hebriden ausbeuten und ihr Leben auf diese Weise fristen.

»Miß Campbell,« sprach Aristobulos Ursiklos in geringschätzigem Tone, als er die Insel zum erstenmal überblickt hatte, »meinen Sie wirklich, daß Jona soviel wert sei wie Oban?«

»Soviel wert?« versetzte Miß Campbell – »mehr wert, sage ich Ihnen, mehr wert!« – wiewohl sie dabei zweifelsohne denken mochte, daß momentan sich ein Bewohner zuviel auf der Insel aufhalten dürfte.

Mittlerweile machten, da von Kasino oder Hotel hier nun einmal keine Rede sein konnte, die Brüder Melvill wenigstens eine Herberge von leidlicher Beschaffenheit ausfindig, die solchen Touristen zur Unterkunft dient, denen mit den paar Stunden nicht gedient ist, die ihnen der Dampfer zur Besichtigung der druidischen und mönchszeitlichen Trümmer Jonas läßt. »Zur Rüstkammer Duncans« hieß die Herberge stolz, und hier konnten die Brüder Melvill mit Miß Campbell Quartier finden, während sich Olivier und Aristobulos Ursiklos so gut oder schlecht es ging, jeder in einer Fischerhütte behelfen mußten.

Miß Campbell war aber in einer solchen Stimmung, daß sie sich in ihrem Kämmerchen, wenn sie am offenen Fenster saß, das nach Westen zu lag, ganz ebenso wohl fühlte, wie auf der hohen Turmterrasse der Villa Helensburgh, und um vieles, vieles wohler, ganz ohne Zweifel, als im Salon des Caledonian-Hotels. Von hier aus breitete sich der Horizont unter ihren Augen, ohne daß auch nur ein einziges Eiland die Kreislinie desselben störte, und mit einem bescheidenen Teilchen von Einbildungskraft hätte sie wohl meinen können, dreitausend Meilen weit bis zur Küste von Amerika, bis zum jenseitigen Ufer des Atlantischen Weltmeers blicken zu können. Wahrlich! hier hatte die Sonne eine herrliche Bühne, um in all ihrem Strahlenkranze unter den Horizont zu sinken.

Die gemeinsame Lebensweise fand demnach schnell und leicht ihre schlichte Ordnung. Die Mahlzeiten wurden zusammen in der untern Gaststube eingenommen. Dem alten Brauche gemäß setzten sich Dame Elsbeth und Partridge mit an den Tisch ihrer Herrschaft. Vielleicht ließ Aristobulos Ursiklos einige Verwunderung darüber merken, aber Olivier Sinclair fand nichts dagegen einzuwenden. Er hatte für diese beiden Personen vom »Dienst« schon lange eine gewisse Zuneigung gefaßt, wofür sich dieselben höchst dankbar erwiesen.

Hier lebte nun die alte Schottenfamilie das alte Schottenleben in all seiner Einfachheit und Schlichtheit. Wenn man seinen Spaziergang über die Insel gemacht hatte, wenn man über die alte gute Zeit und die damaligen Dinge und Zustände geschwatzt hatte – wobei Aristobulos Ursiklos natürlich niemals verfehlte, seine neuzeitliche Weisheit zur Geltung zu bringen, – versammelte man sich zum Mittags- und um acht Uhr abends zum Nachtmahle. Dann kam der Sonnenuntergang, dessen Beobachtung Miß Campbell niemals unterließ, gleichviel welche Witterung herrschte, gleichviel ob der Himmel bedeckt war oder nicht. Wer konnte denn wissen, ob sich nicht, wenn auch der erstere Fall vorlag, schließlich doch in der niedern Wolkenzone, ein Spalt, ein Riß, ein Loch bildete, durch das der letzte Sonnenstrahl Ausschlupf fand?

Ach, und was für Mahlzeiten gab es hier auf Jona! Walter Scotts waschechte Caledonier hätten bei ihren Festgelagen, bei der Mittagsabfütterung eines Fergus Mac Gregor oder der Nachtmahlsschwelgerei eines Oldbuck des Altertümlers an diesen nach altschottischer Urweise zubereiteten Gerichten nicht den geringsten Anstoß nehmen, nicht den leisesten Tadel herausfinden können. Frau Elsbeth und Partridge wähnten sich um ein Jahrhundert zurückversetzt und schätzten sich ganz so glücklich, als hätten sie zur Zeit ihrer Altvordern mitgelebt. Die Brüder Sam und Sib nahmen die Zusammenstellung von Speisen, wie sie ja vordem auch in der Familie Melvill Brauch und Sitte gewesen waren, mit sichtlichem Wohlbehagen in Kauf.

Lassen wir die Reden hier folgen, die in dem zum Speisesaal umgewandelten untern Gastzimmer beim Essen laut wurden:

»Noch ein wenig von diesen Hafermehl-Küchelchen, die ganz anders schmecken als das weichliche Glasgower Gebäck!«

»Noch ein bißchen von diesem sauren Brei, der noch immer in den Hochlanden eine Leckerspeise des Bergschotten bildet.«

»Noch ein Stück von dem Haggis, den unser großer Dichter Burns in seinen Liedern als den ersten, besten und volkstümlichsten aller schottischen Puddings so würdevoll gefeiert hat!«

»Bitte, noch eine Portion Cockylecky! ist der Hahn auch etwas härtlich, so läßt doch der Lauch, mit dem man ihn zubereitet, nicht das geringste zu wünschen!«

»Und noch einen dritten Teller von diesem Hotchpotch, der besser geraten ist als jede x-beliebige Suppe in unsrer Helensburgher Küche!«

Ach, wirklich! man aß in der »Rüstkammer Duncans« ganz vortrefflich, so lange wenigstens, wie von den an den kleinen Hebriden anlegenden Dampfern frischer Proviant herbeigeschafft wurde, was alle zwei Tage der Fall war. Und getrunken, ach! getrunken wurde wahrlich nicht schlechter!

Wie sich die Brüder Melvill gegenseitig zutranken, wie sie einander, mit den großen Kannen in der Hand, deren jede zum mindesten vier englische Kannen faßte, hoch leben ließen, wie sie sich den » usquebaugh«, das Nationalbier im eigentlichen Sinne des Worts, oder den expreß für sie gebrauten »Hummok« bester Sorte, schmecken ließen, das war tatsächlich des Sehens wert! Und dann den über Gerste abgezogenen Whisky, der noch im Magen der Trinkenden weiter zu gären scheint! und hätten sie sich etwa nicht, wenn es an dem starken Bier gefehlt hätte, an dem einfachen, aus Weizen destillierten »Mum« genügen lassen, wäre es auch nur welcher zu zwei Pence das Glas gewesen, dem sich ja immer durch einen Fingerhut voll Wacholder nachhelfen ließ! Wahrlich! es fiel ihnen kaum ein, dem Sherry und Porter der Helensburgher und Glasgower Weinkeller Klagelieder zu widmen!

Wenn es freilich auch der an modernen Komfort übergewöhnte Aristobulos Ursiklos nicht lassen konnte, sich öfter als schicklich zu beklagen, so schenkte seinen Jeremiaden niemand Aufmerksamkeit. Wenn ihm auf dieser Insel die Zeit lang wurde, so ging sie andern rasch vorbei, und Miß Campbell beschwerte sich mit keinem Worte mehr über die allabendlich den Horizont verschleiernden Dünste.

Jona ist freilich nicht groß, wer braucht denn aber, um einen Spaziergang in frischer Luft zu machen, so große weite Räume? lassen sich nicht die unermeßlichen Flächen eines königlichen Parks in ein Stückchen Garten fassen? Es wurde also promeniert. Olivier Sinclair stöberte da und dort ein paar Fleckchen mit guter Aussicht auf. Miß Campbell sah ihm zu, wenn er malte, und so verging die Zeit.

Vom 26. bis zum 29. August verspürte man nicht die geringste Langeweile. Solch unzivilisiertes Leben harmonierte mit dieser von moderner Kultur unbeleckten Insel, gegen deren kahle, wüste Felsen das Meer ohne Unterlaß peitschte.

Miß Campbell war glücklich, daß sie der neugierigen, schwatzlustigen Welt der Badeorte hatte entfliehen können; ganz so wie im Park von Helensburgh, ging sie im »Rockelay« aus, der sie wie eine Mantille einhüllte, auf dem Kopfe nichts anderes als den » snod«, jenes mit dem Haar verschwimmende Band, das den jungen Schottinnen so prächtig steht. Olivier Sinclair wurde nicht müde, ihre Grazie, den Liebreiz ihrer Person, eine Anziehungskraft, die auf ihn in einer, Weise wirkte, über die er sich übrigens bald nicht mehr im unklaren war, zu bewundern. Oft irrten beide, plaudernd, träumend, betrachtend, bis an die äußersten Grenzen des Strandes hinaus, wo ihre Füße auf dem Tang der von der jüngsten Anspülung des Meeres rückständig geblieben, wandelten. Vor ihnen schwirrten in Scharen jene schottischen Tauchervögel auf, die » tamnie-nories«, deren Einsamkeit sie störten, auch » pictarnies«, die auf die kleinen, von den Stauwassern der Widersee angeschwemmten Fische lauern, und jene schwarzgefiederten Bassan-Lummen mit weißen Flügelspitzen, gelbem Kopf und gelbem Halse, die besser als die Vertreter der Schwimmvögel- oder Schwimmpfötler-Klasse in der geflügelten Welt der Hebriden bezeichnet werden.

Wenn dann der Abend kam, und die noch immer von Dunstgewölk verschleierte Sonne zu Rüste gegangen war, dann war es für Miß Campbell und ihre Begleiter ein unsagbarer Genuß, zusammen auf irgend einem öden Strande die ersten Nachtstunden zu verleben. Dann stiegen die Sterne am Horizont herauf, und mit ihnen kehrten all die Erinnerungen aus den Gesängen Ossians wieder. Im tiefsten Schweigen hörten dann Miß Campbell und Olivier Sinclair dem Brüderpaare zu, das abwechselnd die Strophen des alten Barden, des vom Unglück verfolgten Sohnes Fingals, hersagte:

»O Stern, der Nacht vertraulicher Genosse, dess' Haupt sich strahlend aus den Wolken hebt, der majestätischen Schrittes auf dem Azur des Firmaments vorübergleitet – was blickst du nach der Ebene herab?

»Des Sturmes laute Stimme schweigt, am Felsenfuß nur murmeln leis' die Wellen, Libellen mit durchsicht'gen Flügeln schwirren allein noch in der heil'gen Ruh, der Nacht.

»Du Strahlenstern, was blickst du nach der Eb'ne? Doch seh' ich schon, wie du dich freundlich lächelnd, zum fernen Rand des Horizonts herabneigst – Leb' wohl, leb' wohl, du schweigend Himmelslicht!«

Dann schwiegen die Brüder Sib und Sam – und alle begaben sich zurück nach ihrem Herbergskämmerchen.

So gering aber auch die Sehergabe war, mit der die Brüder Melvill ausgestattet worden, so konnte ihnen doch nicht entgehen, daß Aristobulos Ursiklos an Terrain genau dasjenige verlor, was Olivier Sinclair gewann, in der Wertschätzung von seiten der Miß Campbell nämlich. Die beiden jungen Leute gingen sich möglichst aus dem Wege. Darum wurde es den beiden Oheimen gar nicht leicht, diese ganze kleine Welt in Harmonie zu halten, sie miteinander zusammenzuführen, selbst aus die Gefahr hin, daß ihre Nichte ein Schmolllippchen machte. Ja! sie wären die Glücklichsten unter der Sonne gewesen, hätten sich Ursiklos und Sinclair in Freundschaft zusammengefunden, statt einander zu meiden, statt gegen einander eine geringschätzige Zurückhaltung zu zeigen? Lebten sie denn in dem Wahne, daß alle Menschen Brüder seien, und zwar Brüder von dem Schlage, dem sie selber angehörten?

Zuletzt brachten sie es durch allerhand geschickte Manöver so weit, daß man am 30. August übereinkam, einen gemeinsamen Spaziergang zu den Ruinen von Kirche, Kloster und Kirchhof, die im Nordwesten und Süden des Abthügels liegen, zu unternehmen. Zu diesem Spaziergang, der Touristen kaum zwei Stunden Zeit kostet, waren die neuen Gäste von Jona noch nicht gekommen. Hierin lag ganz ohne Frage ein Verstoß gegen die sagenumwobenen Schatten jener Einsiedlermönche, die ehedem die Hütten am Strande bewohnten – ein Mangel an Achtung gegen jene großen Toten der königlichen Geschlechter, die von Fergus II. bis auf Macbeth reichten.

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