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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
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Dreizehntes Kapitel

Die Herrlichkeiten des Meeres.

Wer verfiel ob des Entschlusses, den die Gäste des Caledonian-Hotels faßten, in Verdruß und Verzweiflung? Der Besitzer des Caledonian-Hotels – kein anderer! Wie gern hätte Herr Mac-Fyne, wenn er es gekonnt hätte, all diese Inseln und Eilande, die den Ausblick aufs Meer von Oban aus verdecken, in die Luft sprengen lassen! Sobald aber die Herrschaften abgereist waren, fand er Trost in dem lebhaften Ausdruck seines Bedauerns darüber, daß er einer solchen Familie von Ideenreitern Herberge und Unterstand gegeben habe.

Um acht Uhr morgens bestiegen die Brüder Melvill, Mife Campbell, Frau Elsbeth und Partridge den Schnelldampfer »Pionier« – wie es auf den Anschlagzetteln hieß – der zwischen der Insel Mull und Jona und Staffa verkehrte und dann abends nach Oban zurückfuhr.

Olivier Sinclair war seinen Reisebegleitern zum Abfahrtskai, an die auf Pfählen ruhende Anlände, vorausgeeilt und wartete auf dem Steg, der von einem Radkasten des Dampfers zum andern geschlagen war.

Von Aristobulos Ursiklos war hinsichtlich dieser Reise keine Rede. Die Brüder Melvill hatten indessen gemeint, ihm Kenntnis von dieser beschleunigten Abreise geben zu sollen. Die einfachste Höflichkeit erforderte solches Verhalten, und sie waren die höflichsten Leute, die es auf der Welt geben konnte.

Aristobulos Ursiklos hatte die Mitteilung der beiden Oheime ziemlich kühl entgegengenommen und sich mit einem einfachen »Danke schön« begnügt, ohne über seine Pläne etwas verlauten zu lassen.

Die Brüder Melvill hatten sich deshalb verabschiedet; sie sagten sich wiederholt, daß, wenn sich ihr Schützling so streng reserviert halte und wenn Miß Campbell sich gegen ihn etwas verschnupft zeige, beides vorbeigehen würde am ersten schönen Herbstabend, nach einem recht schönen Sonnenuntergang, woran es auf der Insel Jona doch wahrscheinlich nicht fehlen würde. Zum wenigsten waren sie solcher Meinung.

Als alle Passagiere an Bord waren, wurden nach dem dritten Signal mit der Dampfpfeife die Taue gelöst, und der »Pionier« steuerte aus der Bai in südlicher Richtung, um in die Enge von Kerrera einzubiegen.

An Bord befand sich eine gewisse Anzahl solcher Touristen, die sich zu dieser herrlichen Rundfahrt um die Mull-Insel, die bloß zwölf Stunden Zeit in Anspruch nimmt, zwei- bis dreimal in der Woche verleiten lassen, Miß Campbell und ihre Reisegefährten sollten sich schon bei der ersten Landungsstelle von ihnen trennen.

Tatsächlich konnten sie es kaum erwarten, bis sie in Jona waren, in diesem neuen für ihre Beobachtungen aufgemachten Lager. Das Wetter war großartig, das Meer ruhig wie ein See. Die Ueberfahrt würde herrlich sein. Wenn ihnen dieser Abend nicht die Verwirklichung ihres Wunsches brächte, nun! so würden sie geduldig warten, nachdem sie sich auf der Insel eingerichtet hätten. Dort würde der Vorhang schon gelüftet werden! Zum wenigsten wäre doch die Dekoration immer da! Verzögerung, Aufenthalt wäre aber nur möglich zufolge schlechter Witterung.

Kürz vor der Mittagszeit sollte das Reiseziel erreicht werden. Der Schnelldampfer »Pionier« fuhr die Meerenge von Kerrera hinunter, um die Südspitze der Insel herum, schoß durch die weite Ausbuchtung des Firth of Lorn, ließ zur Linken Colonsay mit seiner alten Abtei liegen, die durch die berühmten Lords der Inseln im 14. Jahrhundert errichtet wurde, und fuhr dann dicht an der Südküste von Mull, die gleich einer Riesenkrabbe mitten in die See hinein gesetzt liegt und sich mit der untern Schere leicht nach Südwesten zu krümmt. Eine Zeitlang ließ sich in einer Höhe von 3500 Fuß über fernen, rauhen und schroffen Hügeln, deren natürliche Kleidung das Heidekraut bildet, der Ben More sehen: seine runde Kuppe beherrschte all die reichen Weiden, die mit äsenden Wiederkäuern gleichwie mit ebensoviel Flecken und Tupfen bedeckt waren, und die von der Ardanalish-Spitze mit ihrem mächtigen Massiv jäh abgeschnitten werden.

Das malerische Jona trat nun im Nordwesten in Sicht, fast am äußersten Ende der südlichen Spitze von Mull. Das unermeßliche, unendliche Atlantische Meer dehnte sich jenseits von Jona.

»Der Ozean ist Ihr Freund, Herr Sinclair?« fragte Miß Campbell ihren jungen Reisegefährten, der neben ihr auf der Brücke des »Pionier« stand und sich an dem herrlichen Bilde weidete.

»Ob er mein Freund ist, Miß Campbell?« erwiderte er. »Jawohl! und ich bin keiner von jenen unwürdigen Gesellen, die seinen Anblick als eintönig schmähen. Für meine Augen gibt es nichts Abwechslungsreicheres als sein Bild; man muß es nur unter seinen verschiedenen Phasen zu betrachten verstehen. Denn, fürwahr! das Meer wird aus so vielen Schattierungen gebildet, die so wunderbar ineinander verschmolzen sind, daß es für einen Maler vielleicht schwerer ist, seinen Gesamteindruck, der einförmig und mannigfach zugleich ist, wiederzugeben als ein Gesicht zu malen, so beweglich seine Physiognomie auch sein mag.«

»Allerdings,« sagte Miß Campbell, »das Bild wandelt sich unablässig unter dem geringsten Hauche, der über das Meer hinstreicht, und je nach dem Lichte, mit dem es sich sättigt, zeigt es zu allen Tagesstunden ein anderes Gesicht.«

»Betrachten Sie es doch in diesem Augenblicke, Miß Campbell!« versetzte Olivier Sinclair. »Es ist absolut ruhig! Könnte man nicht von einem entschlummerten schönen Antlitz sprechen, dessen bewunderungswürdige Reinheit durch nichts beeinträchtigt wird? Es trägt keine Runzel, keine Falte; es ist schön, es ist jung! es ist bloß ein unermeßlich großer Spiegel, wenn man es so nennen will, aber ein Spiegel, der den Himmel widerstrahlt und in welchem der ewige Gott sich betrachten kann!«

»Ein Spiegel, den bloß allzu häufig der Hauch von Stürmen trübt!« setzte Miß Campbell hinzu.

»Ei!« antwortete Olivier Sinclair, »das ist es ja eben gerade, was dem Ozean die große Mannigfaltigkeit von Bildern verleiht! mag bloß ein wenig Wind sich aufnehmen, so wird er ein anderes Antlitz zeigen, wird Falten und Runzeln zeigen; die Hohlsee wird ihm weißes Haar aufsetzen, er wird im Nu alt werden, wird hundert Jahre mehr »auf dem Pelze haben«: wird aber immer majestätisch bleiben mit seinem neckischen Phosphorleuchten und seinen Schaumborten und Schaumkämmen!« »Meinen Sie, Herr Sinclair,« fragte Miß Campbell. »daß irgend ein Maler, und wäre er ein noch so großes Genie, all diese Schönheiten des Meeres jemals auf eine Leinwand zu bringen vermöchte?«

»Ich glaube es nicht, Miß Campbell, und wie sollte er auch? Das Meer hat in Wahrheit keine eigentliche Farbe. Es ist nichts anderes als eine unendliche Widerstrahlung des Himmels! Ist es blau? mit unserem Blau läßt es sich nicht malen! Ist es grün? mit unserm Grün vermag man es nicht wiederzugeben! Eher wäre eine Wiedergabe möglich, wenn es rast und tobt, wenn es finster, fahl, tückisch ist – wenn es aussieht, als ob der Himmel alles Gewölk mit ihm vermenge, das er über ihm in Schwebe hält! Ach, Miß Campbell! je mehr ich ihn sehe, je länger ich ihn sehe, um desto erhabener, großartiger erscheint er mir, dieser Ozean! – Ozean! Dies Wort sagt alles! dies Wort bedeutet Unermeßlichkeit! Er überdeckt in unergründlichen Tiefen Wiesenflächen ohne Ende – Wiesen, neben denen die unsrigen Wüsten und Einöden sind! So sagt Darwin. Was sind im Vergleich zu ihm die größten Kontinente? Bloße Inseln, die er mit seinen Wässermassen umschließt! Er bedeckt die vier Fünfteile der Erdkugel! Zufolge einer Art unablässigen Kreislaufs – ganz als ob er ein lebendiges Wesen wäre, dessen Herz an der Aequatorlinie schlüge – ernährt er sich selber mit den Dünsten, die er ausströmt, durch die er die Quellen speist, die in Gestalt von Flüssen wieder zu ihm kehren oder die er direkt wieder entgegennimmt in Gestalt von Regengüssen, die aus seinem Schoße aufsteigen. Ja! der Ozean, das ist die Unendlichkeit – Unendlichkeit, die man nicht sieht, aber die man fühlt, nach dem Ausdruck eines Dichters – Unendlichkeit, in ihrer Größe nur zu bemessen nach dem Weltenraume, den der Ozean widerspiegelt in seinen Wassern!«

»Ich höre Sie gern mit solch schwärmerischer Begeisterung sprechen, Herr Sinclair,« erwiderte Miß Campbell, »und teile diese Begeisterung mit Ihnen! Jawohl! ich liebe das Meer ganz so, wie Sie es zu lieben imstande sind!«

»Und seinen Gefahren zu trotzen würden Sie sich nicht fürchten?« fragte Olivier Sinclair.

»Nein, wahrlich nicht! Furcht würde ich nicht haben! Kann man denn fürchten, was man bewundert?«

»Sie würden eine kühne Reisedame abgegeben haben!«

»Vielleicht, Herr Sinclair,« antwortete Miß Campbell. »Auf alle Fälle gebe ich von allen Reisen, deren Bericht ich gelesen habe, denjenigen den Vorzug, die die Entdeckung ferner Meere zum Ziele haben. Wie viel mal habe ich sie mit den großen Schiffahrern im Geiste durchschweift! Wieviel mal habe ich mich in diese menschlichem Wissen noch verschlossenen Tiefen versenkt – freilich bloß mit meinen Gedanken; aber ich kenne nichts, was beneidenswerter wäre als die Bestimmung, das Schicksal von Heroen, die so große Dinge vollbracht haben!«

»Jawohl, Miß Campbell, in der Geschichte des Menschengeschlechts gibt es nichts, was erhabener, was herrlicher wäre als diese Entdeckungsreisen! Zum ersten male mit Columbus über das Atlantische Meer segeln, mit Magellhan zum ersten male über den Stillen Ozean, mit Parry, Franklin, d'Urville zum ersten male durch die polaren Meere schiffen, ach! welche Träume! welche Träume! Ich kann kein Schiff, gleichviel ob Kriegs-, ob Handelsschiff oder bloße Fischerschluppe, aus dem Hafen fahren sehen, ohne daß sich mein ganzes Ich an seinem Bord mit einschifft! Ich glaube, wenn jemand das Zeug zum Seemann gehabt hat, so bin ich solcher Jemand gewesen – und wenn ich etwas beklage in meinem Leben, wenn ich etwas alltäglich beklage seit meiner Kindheit, so ist es der Umstand, daß mir die seemännische Laufbahn nicht beschieden gewesen!«

»Aber befahren haben Sie das Meer doch?« fragte Miß Campbell.

»Wenn sich mir irgend Gelegenheit dazu bot, ja!« versetzte Olivier Sinclair: »ich habe das Mittelmeer von Gibraltar bis zur levantischen Küste ein bißchen befahren, habe ein Stückchen vom Atlantischen Ozean, bis nach Nordamerika hinüber, befahren, habe mich ein Weilchen in den nördlichen Meeren von Europa herumgetrieben und kenne all diese Gewässer, mit denen die Natur England sowohl als Schottland in so verschwenderischem Maße ausgestattet hat...«

»Und wir dürfen wohl sagen, Herr Sinclair, in solch majestätischer, prächtiger Weise!«

»Jawohl, Miß Campbell! und ich wüßte wahrlich nicht, was sich mit diesen Gestaden unsrer Hebriden vergleichen ließe, an die uns unser Dampfer führt! Es ist ein richtiger Archipel mit einem Himmel nicht ganz so blau wie im Orient, aber mit einem wohl größeren Schatz von Poesie in seinem Chaos von wilden Felsen und nebelumwölkten Horizonten. Der griechische Archipelagus hat einer Gemeinschaft von Göttern und Göttinnen das Entstehen gegeben. Gewiß! das lasse ich gern gelten! Aber daß dies Gottheiten waren höchst philisterhaften Anstriches, höchst positiven Charakters, Gottheiten, denen vor allem doch materielles Leben anklebte, die ihre kleinen Geschäftchen verrichteten und mit Einnahme und Ausgabe rechneten wie wir armen Menschenwürmer auch, das wird Ihnen nicht minder an denselben aufgefallen sein wie mir, Miß Campbell! In meinen Augen zeigt sich der Olymp nie anders als ein Salon mit bald besserer, bald schlechterer Gesellschaft, wo sich allerhand Götter zusammenfanden, die mit den Menschenkindern bisweilen zu lebhafte Aehnlichkeit hatten und mit ihnen alle Schwächen und Irrtümer teilten. Ganz anders verhält es sich doch mit unseren Hebriden! Sie sind die Wohnstätte übernatürlicher Wesen. Die skandinavischen Götter in ihrer unstofflichen, ätherischen Gestaltungsweise sind keine Körper, die sich greifen lassen. So Odin, so Ossian, so Fingal! dazu der ganze Schwarm jener aus den Büchern der Sagas entstiegenen Phantome dichterischer Natur und Kraft! Wie schön, wie herrlich sind sie, diese Gestalten, die unsre Erinnerung mitten im Nebel der arktischen Meere, mitten im Schnee der Polargebiete vor unser geistiges Auge zu zaubern vermag! Das ist ein Olymp von anderer Göttlichkeit als der altgriechische Olymp! ihm hängt nichts Irdisches an, und wenn ihm eine Stätte, seiner Gäste würdig, überwiesen werden müßte, so könnte diese Stätte nirgendswo anders gelegen sein, als in unsern Meeren der Hebriden! Jawohl, Miß Campbell, an solcher Stätte wie hier würde auch ich zu unsern Göttern beten, und als echtes Kind dieses alten und altertümlichen Caledonien möchte ich unsern Archipel mit seinen zweihundert Inseln, seinem dunstbeladenen Himmel, seinen von den Adern des Golfstroms gewärmten vibrierenden Fluten nicht um alle Inselwelten der Meere des Orients vertauschen!«

»Und uns gehört er zu eigen, uns Schotten der Hochlande!« erwiderte Miß Campbell, von den flammenden Worten ihres jugendlichen Gefährten ganz begeistert, »uns Schotten aus der Grafschaft von Argyle! Ach, Herr Sinclair! für unsre caledonische Inselwelt bin ich ganz ebenso leidenschaftlich begeistert wie Sie! sie ist herrlich, erhaben, grandios! ich liebe unsre Inselwelt, liebe sie, auch wenn sie Sturm und Wetter durchbrausen!«

»Sturm und Wetter sind hier freilich von furchtbarer, in ihrer Größe beispielloser Gewalt!« erwiderte Olivier Sinclair. »Die Wucht von Böen, die sich über unsre Hebriden stürzen, nachdem sie über eine Strecke von dreitausend Meilen gebraust sind, vermag nichts aufzuhalten! Welcher andern Küste als der von Amerika liegt Schottlands Küste gegenüber? Bilden sich dort, auf der jenseitigen Küste des Atlantischen Meeres, die großen Stürme, so entfesseln sie hier die ersten Widerstöße der über das westliche Europa gejagten Wogen und Winde! aber was vermögen sie wider unsre Hebriden, die kühner und verwegener sind als jener Mensch, von welchem Livingstone erzählt, daß er sich nicht vor den Löwen, wohl aber vor dem Ozean gefürchtet habe – was vermögen sie wider diese Inseln, die festgeklammert ruhen auf ihrer Granitbasis, die über das Wüten und Toben von Orkan und Meer als stolze Siegerinnen lächeln! ...«

»Meer! ... Meer? ... Was ist's denn anders als eine chemische Verbindung aus Wasser- und Sauerstoff zuzüglich dritthalb Prozent Chlornatrium oder Kochsalz? Freilich, etwas Schöneres als das Schäumen und Zischen von Chlornatrium gibt es nicht!«

Miß Campbell und Olivier Sinclair hatten sich, als sie diese Worte vernahmen, die offenbar an sie gerichtet und gleichsam als Antwort auf ihre schwärmerische Begeisterung gesprochen worden waren, umgedreht...

Dort auf der Brücke stand ... nun, wer? ... Aristobulos Ursiklos! Der unangenehme und ungelegene Patron hatte dem Drange, Oban zu gleicher Zeit mit Miß Campbell zu verlassen, nicht widerstehen können, wußte er doch, daß Olivier Sinclair sie nach Jona begleitete. Zufolgedessen hatte er sich noch vor ihnen auf dem »Pionier« eingeschifft und sich während der ganzen Fahrt unten im Salon verhalten, um erst jetzt, angesichts der Insel Jona, auf Deck zu erscheinen.

Schäumen und Zischen von Chlornatrium oder Kochsalz! Welch ein Schlag, von roher Faust geführt, in den schönen Traum, den Olivier Sinclair und Miß Campbell geträumt hatten!

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