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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Olivier Sinclair.

Olivier Sinclair war, um den vormals in Schottland für brave, schneidige junge Bursche üblichen Ausdruck zu brauchen, ein »schmucker Kerl«; paßte dieser aber in moralischer Hinsicht auf ihn, so auch, wie man sagen muß, in physischer nicht minder. Als letzter Sproß eines vornehmen Edinburger Geschlechts, war dieser jugendliche Athener aus dem Athen des Nordens der Sohn eines ehemaligen Senators dieser Hauptstadt von Midlothian. Seiner Eltern in frühem Alter verlustig, war er von seinem Onkel, einem der vier Ammänner der städtischen Behörde, erzogen worden und hatte seine Universitätsstudien mit Erfolg absolviert; in seinem 20. Jahre in den Besitz eines mäßigen Vermögens gelangt, das ihn wenigstens vor Abhängigkeit schützte, und von dem Drange erfüllt, die Welt zu sehen, bereiste er die Hauptstaaten Europas, Indien und Amerika, und die berühmte »Edinburger Revue« lehnte es nicht ab, bei gewissen Anlässen seine Reiseberichte zu veröffentlichen. Als trefflicher Maler, dem es nicht schwer gefallen sein würde, seine Bilder zu hohen Preisen an den Mann zu bringen, wenn er sie hätte verkaufen wollen; poetisch veranlagt – und wem hätte es wohl an Poesie gefehlt, dem das Leben in allen Farben lachte? – warmen Herzens und Künstler von Haus aus, war er so ganz der Mensch, Gefallen zu wecken, und Gefallen zu finden, ohne es darauf anzulegen und ohne sich etwas darauf einzubilden.

In der Hauptstadt des alten Kaledonien begegnet der Mann, der sich verheiraten will, keinen Schwierigkeiten. Dort stehen nämlich die Geschlechter in sehr ungleichem Verhältnis zu einander, und an Zahl ist das schwache Geschlecht dem starken bei weitem überlegen. Zufolgedessen kann es einem jungen Manne, wenn er Bildung und liebenswürdiges Wesen besitzt, wenn er den guten Ton zu wahren weist und noch dazu ein »hübscher Kerl« ist, nicht schwer werden, sich dort eine reiche Erbin auszusuchen, wie sie ihm zu Sinne steht. Und doch schien Olivier Sinclair trotz seiner 26 Jahre noch kein Bedürfnis nach ehelichem Beisammenleben gefühlt zu haben. Erschien ihm der Lebenspfad etwas zu schmal, um ihn Arm in Arm zu wandeln? Nein, zweifelsohne nicht; wahrscheinlicher dagegen ist es, daß er sich beim Alleingehen wohler fühlte, daß es ihm lieber war, der Kreuz und Quere laufen zu können, seinen Launen keinerlei Zwang antun zu müssen; und wer mit seiner Eigenschaft als Künstler und mit seinen Künstlerneigungen, wie nicht minder seinen Touristenneigungen rechnete, den konnte diese Meinung seines Gemüts wahrlich nicht Wunder nehmen.

Nichtsdestoweniger war Olivier Sinclair so recht der Mann, einer jungen blonden Schottlandsdirne ein tieferes Gefühl noch, als bloße Sympathie, einzuflößen. Seine elegante Gestalt, sein offenes freies Gesicht, sein ungezwungenes Wesen, der männliche, energische Ausdruck seiner Züge, der weiche Blick seiner Augen, die Grazie seiner Bewegungen, die Vornehmheit seiner Manieren, seine flotte, geistreiche Rede, sein leichter gefälliger Gang, das freundliche Lächeln: kurz, seine männliche Erscheinung in ihrer Gesamtheit war ganz danach angetan, ein Mädchen in schwärmerische Stimmung zu versetzen. Ihm selber war hiervon kaum etwas bewußt, da er einesteils keine Spur von Eingebildetheit an sich hatte, andernteils an solche Dinge um deswillen nicht dachte, weil er noch lange nicht willens war, sich Fesseln zu schmieden. Zudem gab er zu solch schmeichelhafter Taxierung seiner Persönlichkeit nicht bloß dem weiblichen Bevölkerungselement von »Auld-Reeky« altes Rauchnest, schottischer Spitzname von Edinburg, mit Anspielung auf seine vielen Fabrikschornsteine. A. d. Ü. Ursache, sondern stand bei seinen Altersgenossen und Studienkameraden in keinem geringern Maße von Wertschätzung: er gehörte eben, dem freundlichen gälischen Ausdruck nach, »zu jenem Schlage von Menschen, der weder einem Freunde noch einem Feinde jemals den Rücken kehrt.«

Nun läßt sich aber von heute nicht anders sagen, als daß er in dem Augenblicke, wo er von der grünen Krocketkugel attakiert wurde, Miß Campbell den Rücken zudrehte. Anderseits war aber Miß Campbell, wie man gleichfalls gelten lassen muß, weder eine Freundin noch eine Feindin von ihm. Kein Wunder also, daß er in dieser Stellung die durch den Schlägel des jungen Mädchens so kräftig geschleuderte Kugel nicht gesehen hatte, daß das Geschoß mitten in die Leinwand hatte fahren können, daß sein ganzer Künstlerapparat von ihm über den Haufen gerannt war.

Miß Campbell hatte auf den ersten Blick ihren »Heros« von Corryvrekan erkannt; aber der Heros hatte die junge Dame vom »Glengarry« mit keinem Blicke wiedererkannt: hatte er sie doch während der kurzen Fahrt von der Insel Scarba nach Oban kaum an Bord bemerkt! Wenn er gewußt hätte, welcher persönliche Anteil an seiner Rettung gerade ihr zufiel, so würde er sich bei ihr ganz gewiß ganz besonders noch bedankt haben; aber er wußte es eben noch nicht und sollte es wahrscheinlich auch wohl niemals erfahren ... und noch am selben Tage verbot Miß Campbell – jawohl, das ist das richtige Wort hierfür! – verbot Miß Campbell ihren Oheimen sowohl wie der Dame Elsbeth und Partridge, in Gegenwart des jungen Mannes irgendwelche Anspielung auf die Vorgänge zu machen, die sich vor dem Rettungswerke an Bord des »Glengarry« abgespielt hatten. Nach dem Unfall mit der Krocketkugel hatten die Brüder Melvill aber ihre Nichte wieder aufgesucht, und zwar in einer Stimmung, die, wenn sich das denken läßt, noch weit gedrückter war als in der Regel der jungen Dame gegenüber, und ohne weiteres begannen sie sich bei dem jungen Maler zu entschuldigen, als ihnen dieser mit den Worten in die Rede fiel:

»Geehrtes Fräulein ... werte Herren ... bitte recht sehr ... glauben Sie mir, die Sache lohnt wirklich nicht der Mühe!«

»Mein Herr ...« sprach Bruder Sib, der sich nicht irre machen ließ ... »nein! wir sind wirklich untröstlich.«

»... und wenn sich, wie wohl zu befürchten steht, das Unglück nicht wieder gut machen läßt ...« setzte Bruder Sam hinzu.

»Es ist ja bloß ein Unfall und durchaus kein Unglück,« erwiderte lachend der junge Mann ... »dem bißchen Kleckserei schadet es wirklich nicht, daß ihm die Krocketkugel der jungen Dame gerechten Garaus gemacht hat!«

Olivier Sinclair sagte das in so lustiger Weise, daß ihm die Brüder Melvill gern die Hände gereicht hätten, ohne weiter noch Umstände zu machen. Auf alle Fälle meinten sie, sich vorstellen zu müssen, wie es unter Herren von Stande Brauch und Sitte zu sein pflegt.

»Herr Samuel Melvill,« sagte der eine.

»Herr Sebastian Melvill,« sagte der andere.

»... und beider Herren Nichte, Miß Campbell,« ergänzte Helena in der Meinung, durch diese eigenmächtige Vorstellung nicht gegen den guten Ton zu verstoßen.

Das bedeutete für den jungen Herrn eine Aufforderung, nun seinerseits Namen und gesellschaftliche Stellung zu bekennen.

»Miß Campbell, meine Herren Melvill,« sagte er mit allergrößtem Ernst, »ich könnte Ihnen antworten, mein Name sei »Fock«, also der gleiche, wie ihn ein Pikett Ihres Krockets trägt, könnte Ihnen das um deswillen antworten, weil ich von der grünen Kugel attakiert worden bin; mein Name lautet indessen nicht so, sondern höchst einfach Olivier Sinclair.«

»Herr Sinclair,« erwiderte Miß Campbell, die gar nicht wußte, wie sie diese Antwort auffassen sollte, »erlauben Sie mir, mich zum letztenmale recht sehr bei Ihnen zu entschuldigen, daß ich ...«

»Und auch uns,« ergänzten die Brüder Melvill, »auch uns, bitte ...«

»Miß Campbell,« versetzte Olivier Sinclair, »ich erkläre wiederholt, daß die Sache soviel Aufhebens gar nicht wert ist. Ich versuchte gerade, mit brandenden Wogen einen Effekt herauszuholen; da kann es nun wohl sein, daß es mit Ihrer Kugel sich ebenso verhalten hat, wie mit jenem Schwamme eines Malers im Altertum – ich komme nicht gerade auf den Namen – der ihm quer durch sein Bild schoß, und daß, wie dort, auch hier eine Wirkung erzielt wird, die mein Pinsel umsonst wiederzugeben versuchen möchte!«

Diese Worte wurden mit so liebenswürdigem Tone gesprochen, daß sich Miß Campbell und die Brüder Melvill eines Lächelns nicht erwehren konnten. Was die Leinwand anbetrifft, so hob Olivier Sinclair dieselbe vom Boden auf; sie war nicht mehr zu brauchen, das ganze Bild mußte von neuem gemacht werden.

Nicht ohne Nutzen wird es sein, zu bemerken, daß Aristobulos Ursiklos nicht mit zur Stelle war, also diesen Austausch von Entschuldigungen und Höflichkeiten nicht mit anhören konnte. Als die Partie Krocket zu Ende war, hatte sich der junge Gelehrte aus Aerger darüber, daß er seine theoretischen Kenntnisse mit seinen praktischen Fähigkeiten nicht in Einklang bringen konnte, sich verabschiedet und in sein Hotel verfügt. Vor drei bis vier Tagen durfte man nicht darauf rechnen, ihn wiederzusehen, denn er wollte nach der Insel Luing hinüberfahren, einer der kleinen Hebriden, die südlich von der Insel Seil liegt. Dort wollte er geologische Studien in den reichen Schieferbrüchen machen.

Die Untersuchung konnte also nicht durch die lehrhaften Auseinandersetzungen beeinträchtigt werden, die Aristobulos Ursiklos mit unfehlbarer Sicherheit über die Breite der Flugbahnen oder andere auf den Unfall bezügliche Fragen zum besten gegeben haben würde.

Olivier Sinclair erfuhr nun, daß er für die Gäste des Caledonian-Hotel durchaus keine unbekannte Größe war, und wurde nun über die Ereignisse während der Ueberfahrt auf das laufende gesetzt.

»Was? Miß Campbell und Sie, meine Herren,« rief er, »Sie waren an Bord des »Glengarry«, der mich noch grade zur rechten Zeit aus dem Wasser fischte?«

»Jawohl, Herr Sinclair!«

»Und einen schönen Schreck haben Sie uns eingejagt,« setzte Bruder Sib hinzu, »als wir durch den merkwürdigsten aller Zufälle Ihres im Strudel des Corryvrekan so gut wie verlorenen Kahnes ansichtig wurden.«

»Weniger wohl ein Zufall, als eine Fügung der Vorsehung,« ergänzte Bruder Sam, »und höchst wahrscheinlich, ohne die Einmischung von ...«

Hier machte ihm Miß Campbell durch einen Wink verständlich, daß sie nicht im geringsten danach verlange, eine Rolle als Befreierin zu spielen ... um keinen Preis wolle sie in solcher Rolle als Schutzpatronin der Schiffbrüchigen erscheinen ...

»Aber, Herr Sinclair,« nahm hierauf der Bruder Sam das Wort, »wie konnte bloß der alte Fischer, der sich in Ihrer Begleitung befand, die Unklugheit begehen, sich in diese Strömungen zu wagen ...«

»... deren Gefahren ihm als Einheimischem doch zur Genüge bekannt sein mußten?« ergänzte Bruder Sib.

»Ihn darf keine Anklage treffen, meine Herren Melvill,« versetzte Olivier Sinclair, »die Unklugheit rührt von mir her, einzig und allein von mir, und eine Weile lang habe ich gemeint, daß mich die Schuld an dem Tode dieses wackeren Menschen trifft, aber an der Oberfläche dieser brandenden Wogen, in deren Bereiche das Meer Aehnlichkeit mit einer über einen blauseidenen Fond geworfenen Guipürespitze hat, spielten so erstaunliche Farben, daß mich die Lust ankam, unbekümmert um alles andere mitten in diesem lichtdurchtränkten Schaume ein paar neue Schattierungen aufzusuchen. Und nun fuhr ich weiter, und immer weiter! Mein alter Fischer witterte freilich die Gefahr, machte mir Vorstellungen, wollte nach der Seite der Jura-Insel zurückfahren; aber ich lieh ihm kaum Gehör, bis es schließlich so weit kam, daß unser Kahn in eine Strömung geriet und dann mit unwiderstehlicher Gewalt zum Schlunde hin gezerrt wurde! Freilich beseelte uns der Wunsch, dieser anziehenden Kraft Widerstand zu leisten ... ein Wogenschlag blessierte meinen Kameraden, der mir nicht beispringen konnte, und ganz sicher würden wir ohne die Dazwischenkunft des »Glengarry«, ohne die aufopfernde Hingabe seines Kapitäns und ohne das menschliche Mitgefühl der Passagiere in den Stand der Legende hinübergewandert sein, mein Matrose und ich, und heute im Nekrologe des Corryvrekan ein paar Ziffern mehr ausfüllen!«

Miß Campbell hörte zu, ohne ein Wort zu sprechen, und schlug manchmal die schönen Augen zu dem jungen Manne auf, der es sich gar nicht beikommen ließ, sie durch seine Blicke zu belästigen. Sie konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er von seiner Jagd oder vielmehr seinem Fischfange nach Farbenschattierungen des Meerwassers sprach. War sie denn nicht auch auf solchem Abenteuer begriffen, wenn auch auf einem minder gefahrvollen, so doch immer einer Jagd auf Farbennuancen, freilich an der Himmelsfläche, auf der Jagd nach dem Grünen Strahl?

Die Brüder Melvill konnten mit der diesbezüglichen Bemerkung hierüber nicht hinter dem Berge halten, als sie von dem Beweggrunde sprachen, der sie nach Oban geführt hatte, nämlich der Beobachtung einer physikalischen Naturerscheinung, über deren Art und Beschaffenheit sie den jungen Maler unterrichteten.

»Was? den Grünen Strahl?« rief Olivier Sinclair.

»Sollten Sie ihn etwa schon gesehen haben, Herr Sinclair?« fragte das junge Mädchen lebhaft – »was? wirklich?«

»Nein, Miß Campbell,« antwortete Olivier Sinclair; »habe ich denn überhaupt gewußt, daß es mal irgendwo einen Grünen Strahl gegeben hat? Nein! wahrhaftig nicht! Aber sehen will ich ihn auch! ganz gewiß! Die Sonne soll nicht mehr hinter dem Horizont verschwinden, ohne daß sie mich zum Zeugen ihres Unterganges hat! Und, beim heiligen Dunstan! ich will kein Bild mehr im Leben malen, als mit dem Grün ihres letzten Strahls!«

Ob Olivier Sinclair diese Worte mit leichtem Anflug von Ironie sprach oder ob er sich von der künstlerischen Seite seines Naturells leiten ließ, hätte sich schwer erkennen lassen. Eine gewisse Ahnung sagte indessen der jungen Dame, daß es Olivier Sinclair fern läge, Späße zu treiben.

»Herr Sinclair,« hub sie wieder an, »der Grüne Strahl ist nicht mein persönliches Eigentum, er glänzt oder leuchtet für jedermann! Darum, weil er sich verschiedenerlei Wißbegierigen oder Neugierigen auf einmal zeigt, verliert er nichts von seinem Werte! wenn es Ihnen recht ist, so können wir ja den Versuch machen, ob es uns zusammengelingt, seiner ansichtig zu werden.«

»Von Herzen gern, Miß Campbell!«

»Aber Geduld müssen wir dazu haben.«

»An Geduld soll es nicht fehlen.«

»Auch darf man sich davor nicht fürchten, daß einem die Augen weh tun,« meinte Bruder Sam.

»Solche Gefahren zu laufen, verlohnt sich bei dem Grünen Strahl schon,« erwiderte Olivier Sinclair, »und daß ich aus Oban den Fuß nicht eher setzen werde, als bis ich ihn gesehen habe, das gelobe ich Ihnen!«

»Einmal haben wir uns bereits,« sagte Miß Campbell, »nach der Insel Seil begeben, um diesen Strahl zu beobachten, aber es hat sich damals leichtes Gewölk über den Horizont gezogen, und zwar gerade in dem Augenblick des Sonnenunterganges!«

»Ist das ein fatales Ereignis gewesen!«

»Freilich, ein recht fatales Ereignis, Herr Sinclair,« versetzte Miß Campbell, »denn seit diesem Tage haben wir noch kein einziges mal wieder ausreichend klaren Himmel gehabt.«

»Der wird sich schon wieder einfinden, Miß Campbell! Der Sommer hat ja sein letztes Wort noch nicht gesprochen, und ehe die schlechte Jahreszeit wiederkehrt, wird uns die Sonne schon, wie Sie mir glauben dürfen, den Grünen Strahl nicht vorenthalten.«

»Um Ihnen alles zu sagen, Herr Sinclair,« versetzte Miß Campbell, »so würden wir ihn ganz sicher am Abend des 2. August, und zwar am Horizont des Kanals Corryvrekan, gesehen haben, wäre unsre Aufmerksamkeit nicht durch eine gewisse Rettungsarbeit in Anspruch genommen worden.«

»Was sagen Sie da, Miß Campbell?« erwiderte Olivier Sinclair; »sollte ich wirklich tolpatschig genug gewesen sein, Ihre Blicke in einem solchen Augenblick abzulenken? Sollte mein Unbedacht Sie um den Grünen Strahl gebracht haben? Dann habe ich doch mich bei Ihnen zu entschuldigen! und Sie erlauben wohl, daß ich das jetzt tue, daß ich Ihnen wegen meiner unzeitgemäßen Dazwischenkunft mein tiefstes Bedauern melde. So etwas wird mir zum zweiten male ganz gewiß nicht wieder passieren!«

In dieser Weise wurde auf dem Heimwege nach dem Caledonian-Hotel über diese und manch andre Dinge noch geplaudert. Dort war Olivier Sinclair grade erst am Tage vorher abgestiegen, gelegentlich seiner Rückkehr von einem Ausflug in die Umgegend von Dalmaly. Dieser junge Herr, dessen freies, ungezwungenes Wesen und mitteilsame Natur den beiden Brüdern durchaus nicht mißfielen – ganz im Gegenteil vielmehr – fand nunmehr Veranlassung, von Edinburg und von seinem Onkel, dem Ammann Patrick Oldimer, zu sprechen. Nun fand es sich, daß die Brüder Melvill mit dem Ammann Oldimer mehrere Jahre lang in Beziehungen gestanden hatten. Zwischen den beiden Familien war früher gesellschaftlicher Verkehr gepflegt worden, der einzig und allein infolge der Entfernung, die sie später trennte, aufgegeben worden war. Man fand sich also jetzt auf dem Fuße alter Bekanntschaft wieder. Kein Wunder demnach, daß Olivier Sinclair von seiten der Brüder Melvill die Aufforderung erhielt, die früheren Beziehungen wieder aufzufrischen, und da für ihn absolut kein Grund vorlag, sein Zelt lieber anderswo als in Oban aufzurichten, erklärte er sich mehr denn je zuvor als willens, in Oban zu bleiben und sich an den Nachforschungen nach dem vielbesprochnen Strahle zu beteiligen.

Miß Campbell, die Brüder Melvill und Olivier Sinclair trafen sich also recht oft während der folgenden Tage am Strande von Oban. Dort beobachteten sie zusammen, ob die Witterungsverhältnisse zur Aenderung zu neigen schienen, oder nicht. Zehnmal des Tags sahen sie das Barometer nach, das immer wieder Lust zum Steigen verriet, und am Morgen des 14. August tatsächlich so liebenswürdig war, über 30 7/10 Striche hinauszugehen.

Mit welcher Befriedigung Olivier Sinclair an diesem Tage die frohe Nachricht Mist Campbell überbrachte! Ein Himmel so rein wie das Auge einer Madonna! Ein Azur, der im Verschwinden die feinsten Nüancen vom Indigo bis zum Ultramarin aufwies. Keine Dunstwolke irrt ganzen Weltenraum, die einem Hygrometer oder Feuchtigkeitsmesser zu tun hätte geben können! Die Aussicht auf einen herrlichen Abend und großartigen Sonnenuntergang. der für die Astronomen jeglicher Sternwarte eine wahre Freude gewesen sein würde!

»Haben wir unsern Strahl nicht bei Sonnenuntergang gesehen,« sagte Olivier Sinclair, »so müßten wir gerade blind gewesen sein!«

»Lieben Oheime,« antwortete Miß Campbell, »Sie verstehen doch? heut abend gilt's!«

Es wurde also ausgemacht, daß vorm Essen nach der Insel Seil aufgebrochen werden solle. Gegen 5 Uhr erfolgte der Aufbruch. Die Kalesche führte auf der pittoresken Glachaner Chaussee Miß Campbell und Olivier Sinclair, die beide vor Freude und Wonne strahlten, mitsamt den Brüdern Melvill, die ihren Teil von diesem beiderseitigen Strahlen abbekamen, entlang. Man hätte wirklich sagen können, sie führten auf ihrem Wagensitze die Sonne mit einher, und die vier Rosse des flinken Gefährts seien die Hippogryphen des Appollowagens – Apollos, des Tagesgottes!

Auf der Insel Seil sahen sich die zur Beobachtung der Sonne hierher gelangten vier Personen einem Horizonte gegenüber, dessen Linien durch keinerlei Behinderung gestört wurden. Auf der Spitze eines schmalen Vorgebirges, das zwei Buchten von einander schied und etwa eine Meile ins Meer hinaus ragte, suchten sie sich Plätze. Nichts vermochte hier den Blick gen Westen zu beeinträchtigen, weit über ein Viertel des Horizonts hinweg war der Himmel völlig frei.

»Na, endlich also wird er uns sichtbar werden, dieser neckische Strahl, der so blutwenig Lust zeigt, sich sehen zu lassen!« sagte Olivier Sinclair.

»Das glaube ich auch,« antwortete Bruder Sam.

»Davon bin ich fest überzeugt,« setzte Bruder Sib hinzu.

»Und ich für meinen Teil hoffe es,« äußerte Miß Campbell mit einem Blick auf das öde Meer und den fleckenreinen Himmel.

Tatsächlich ließ alles voraussehen, daß sich die Erscheinung bei Sonnenuntergang in ihrem vollen Glanze zeigen würde.

Schon stand das Strahlengestirn, das sich in schräger Linie senkte, nur wenige Grade noch über dem Horizonte. Seine rötliche Scheibe färbte mit gleichmäßiger Tinte den Hintergrund des Himmels und zog eine lange blendende Schleppe über die entschlummerten Gewässer der See.

Stumm und leicht erregt von diesem Ende eines schönen Tages, harrten sie alle der ersehnten Erscheinung, die Blicke auf die langsam, gleich einem riesigen Meteor, versinkende Sonne geheftet. Plötzlich entrang sich Miß Campbells Kehle ein unwillkürlicher Schrei; ihm folgte ein ängstlicher Ausruf, den weder die Brüder Melvill noch Olivier Sinclair zurückhalten konnten. Eben stieß nämlich von dem am Fuße der Insel Seil gelegenen Eilande Easdale eine Schaluppe ab und rückte langsam nach Westen zu vor. Ihr schirmähnlich gespanntes Segel glitt an der Horizontlinie hin. Stand zu befürchten, daß es die Sonne in dem Moment verdecken würde, wenn sie in den Fluten verlöschte?

Es war eine Frage von Sekunden. Die Schritte rückwärts zu lenken, von der einen Küste zur andern hin zu rennen, um sich dem Einfallspunkte gegenüber zu befinden, war ausgeschlossen, denn dazu war keine Zeit mehr; außerdem war das Vorgebirge zu schmal, daß man sich unter einem Winkel hätte entfernen können, der groß genug war, um sich wieder in die Sonnenachse zu stellen.

Miß Campbell wollte verzweifeln: sie war außer sich und rannte auf den Felsen hin und her. Olivier Sinclair haspelte sich ab, der Barke Zeichen über Zeichen, Winke über Winke zu geben: er schrie ihr zu, soviel seine Lungen herhielten, ihr Segel zu reffen.

Vergebliche Anstrengungen! es sah ihn niemand, und es konnte ihn niemand hören. Unter einer leichten Brise stieg die Schaluppe mit der Flut, die sie trug, höher und höher am westlichen Himmel herauf.

Gerade als der obere Rand der Sonnenscheibe zu verschwinden sich anschickte, glitt das Segel über ihn hin und verdeckte ihn hinter seinem undurchsichtigen Trapez.

Enttäuschung! Diesmal war der Grüne Strahl vom Fuß dieses dunstfreien Horizonts aus emporgeschossen, hatte sich aber an dem Segel gebrochen, bevor er das Vorgebirge erreicht hatte, an welchem so viele Blicke ihm gierig auflauerten.

Miß Campbell, Olivier Sinclair, die Brüder Melvill waren bitter enttäuscht und bitterböse, vielleicht viel bitterböser, als es dieser widrige Zufall wert war, und wie versteinert standen sie auf ihrem Flecke, vergaßen das Weggehen und verwünschten den Kahn und die darin fuhren.

Millerweile hatte der Kahn an einem kleinen Vorsprunge angelegt, direkt am Fuße des Vorgebirges.

Gleich daraus stieg ein Passagier ans Land, der sich von zwei Schiffern von der Insel Luing quer über die See hatte herfahren lassen. Während die Schiffer in der Schaluppe sitzen blieben, schritt der Passagier um den Strand herum und erklomm die ersten Felsen, in der Absicht, die Spitze des Vorgebirges zu erreichen.

Ganz ohne Frage mußte dieser ungelegene Herr die Gruppe von Beobachtern kennen, die sich auf dem Plateau postiert hatten, denn er begrüßte sie mit einer Handbewegung, die von Vertraulichkeit gleichsam überströmte.

»Herr Ursiklos!« rief Miß Campbell.

»Der? der war's?« antworteten die beiden Brüder.

»Was kann denn das für ein Herr sein?« sprach Olivier Sinclair bei sich.

Es war wirklich der Unglückspilz von Aristobulos Ursiklos, der von einem mehrtägigen wissenschaftlichen Ausflug von der Insel Luing nach Hause zurückkehrte.

Welcher Empfang ihm von denjenigen zuteil wurde, deren heißesten Wunsch er vernichtet hatte, darüber Worte zu vertieren, wäre überflüssiges Beginnen.

Weder dem Bruder Sam noch dem Bruder Sib fiel es auch nur ein, die Herren Olivier Sinclair und Aristobulos Ursiklos einander vorzustellen. Tatsächlich! sie vergaßen diese einfachste aller Höflichkeitsformen! Helenas Verdruß veranlaßte sie, die Augen niederzuschlagen, weil sie nicht das geringste Verlangen verspürten, den Prätendenten ihrer Wahl zu sehen.

Miß Campbell stand da, die kleinen Händchen geballt und die Arme über der Brust gekreuzt; ihre Augen schleuderten Blitze und sie sah ihn an, ohne ein Wort an ihn zu richten. Endlich fanden die Worte den Weg über ihre Lippen:

»Herr Ursiklos! besser wäre es schon gewesen, Sie hätten sich gar nicht sehen lassen, statt daß Sie solch eine Eselei begingen!«

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