Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
projectiddbf399c3
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel

Ein Gespräch mit Dame Elsbeth.

Die Rückkehr nach Oban vollzog sich unter Schweigen. Miß Campbell sprach nicht: die Brüder Melvill getrauten sich kein Wort zu äußern. Und doch trugen sie gar keine Schuld daran, daß dieser unheilvolle Nebel gerade zur rechten Zeit gekommen war, daß der letzte Strahl der Sonne dadurch verhüllt wurde. Schließlich brauchte man noch nicht zu verzweifeln. Sechs Wochen dauerte noch die schöne Jahreszeit. Wenn während des ganzen Herbstes nicht eines schönen Abends mal der Horizont dunstfrei wäre, das sei doch wirklich ein großes Unglück!

Indessen war ein wundervoller Tag verloren gegangen, und das Barometer schien so bald keinen ähnlichen zu versprechen. In der Tat sank die launische Nadel des Aneroiden allmählich auf Veränderlich. Aber was für alle Welt noch schönes Wetter war, konnte Fräulein Campbell nicht befriedigen.

Am folgenden Tage, dem 8. August, schwebte warmer Nebel vor den Sonnenstrahlen. Die Mittagsbrise war diesmal nicht stark genug, sie zu zerteilen. Eine lebhafte Färbung bedeckte am Abend den Himmel mit Purpur. Alle tiefen Nuancen von Chromgelb bis zum dunkeln Ultramarin machten aus dem Horizont eine leuchtende Malerpalette. Unter dem flockigen Schleier kleiner Wolken färbte der Sonnenuntergang den Hintergrund des Gestades mit allen Strahlen des Spektrums bis auf den einzigen, den die phantastische und von einem Hang zum Uebernatürlichen erfüllte Mist Campbell gerade sehen wollte.

Und so war es am nächsten und am übernächsten Tag. Die Kalesche blieb daher in der Wagenremise des Hotels. Wozu sollte man zu einer Beobachtung ausfahren, die bei dem Zustand des Himmels unmöglich war? Die Höhen der Insel Seil konnten auch nicht günstiger sein als der ebene Strand von Oban, und es war besser, man blieb daheim, wenn man doch nur auf Enttäuschungen rechnen durfte.

Ohne sonderlich schlecht gelaunt zu sein, begab sich Mist Campbell am Abend in ihr Zimmer, die ungefällige Sonne verwünschend. Sie ruhte von den weiten Spaziergängen aus und träumte im Wachen. An was dachte sie? An die Sage, die sich an den Grünen Strahl knüpfte? Mußte sie ihn erst erblickt haben, damit sie in ihrem eigenen Herzen klar sah? Und wenn vielleicht im eigenen nicht, dann aber im Herzen andrer?

An diesem Tage führte Helena in Begleitung von Dame Elsbeth ihr Mißgeschick bei den Ruinen von Dunolly-Castle spazieren. An dieser Stelle, am Fuße einer alten Mauer, die von dichtem, hochwachsendem Epheu bekleidet war, hatte man einen wunderbaren Blick auf das von der Rundung der Bucht von Oban gebildete Panorama, die in das Meer der Hebriden gestreuten Inseln, die wilde Scenerie von Kerrera und die große Insel Mull, deren Felsen auf der Westseite den ersten Anprall der Stürme aus dem Westen des Atlantischen Ozeans auffingen.

Hier betrachtete Miß Campbell die herrliche Fernsicht, die vor ihren Blicken sich ausbreitete. Aber sah sie dieses Bild auch wirklich? Lenkte sie irgend eine Erinnerung ab? Jedesfalls konnte man bestimmt sagen, daß es nicht das Bild des Aristobulos Ursiklos war. In Wahrheit hätte es dieser junge Pedant nicht sehr gut getroffen, wenn er die Ansicht gehört hätte, die an diesem Tage Dame Elsbeth »frisch von der Leber weg« über ihn äußerte.

»Er gefällt mir nicht!« wiederholte sie. »Nein! Er gefällt mir nicht! Er denkt nur daran, daß er selbst mit sich zufrieden ist. Was für eine Figur würde er in Helensburgh abgeben? Er ist vom Clan der »Mac-Egoisten«, mit denen ich nichts zu schaffen haben mag. Wie konnten nur die Herren Melvill auf den Gedanken kommen, daß er je ihr Neffe werden könnte? Partridge kann ihn ebensowenig leiden wie ich, und Partridge weiß Bescheid! Nun, Miß Campbell, gefällt er denn Ihnen?«

»Von wem sprichst du?« fragte das junge Mädchen, die von den Aeußerungen der Dame Elsbeth nichts gehört hatte.

»Von dem, an den Sie nicht denken können ... sei es auch nur, um die Ehre des Clans zu wahren!«

»An wen, glaubst du, könnte ich nicht denken?«

»Nun, an diesen Herrn Aristobulos, der besser dran täte, auf der anderen Seite des Tweed nachzusehen, ob dort jemals die Campbells was mit den Ursiklos zu tun gehabt haben!«

Dame Elsbeth rückte immer offen mit der Sprache heraus, aber sie mußte doch sehr »in die Wolle geraten« sein, daß sie sich mit ihren Gebietern in Widerspruch setzte – allerdings geschah es zu gunsten ihrer jungen Herrin! Uebrigens merkte sie es wohl, daß Helena gegen diesen Liebhaber sich mehr als gleichgiltig zeigte. In Wahrheit konnte sie nicht ahnen, daß dieser Gleichgiltigkeit ein weit lebhafteres, einem andern geltendes Gefühl gegenüberstand.

Indessen hätte es Dame Elsbeth vermuten können, als Miß Campbell sie fragte, ob sie in Oban den jungen Mann wieder gesehen hätte, dem der »Glengarry« so glücklich Hilfe geleistet hatte.

»Nein, Miß Campbell,« antwortete Dame Elsbeth, »er mußte gleich abreisen, aber Partridge glaubt ihn gesehen zu haben ...«

»Wann?«

»Gestern, auf der Straße von Dalmaty. Er kam mit dem Rucksack auf dem Rücken wie ein Künstler auf Reisen. Ach, dieser junge Mann ist ein Tor! Sich so vom Strudel von Corryvrekan packen zu lassen, das ist ein schlechtes Zeichen für die Zukunft. Er wird nicht immer gleich ein Schiff finden, das ihm zu Hilfe kommt, und es wird ihm noch einmal ein Unglück zustoßen!

»Glaubst du, Dame Elsbeth? Wenn er unklug gewesen ist, so hat er sich doch mutig gezeigt, und inmitten der großen Gefahr scheint ihn doch die Kaltblütigkeit nicht einen Augenblick verlassen zu haben.«

»Wohl möglich, aber sicherlich, Miß Campbell,« versetzte Dame Elsbeth, »hat dieser junge Mann nicht gewußt, daß er am Ende Ihnen seine Rettung verdankt, denn sonst wäre er am Tage nach seiner Ankunft in Oban doch wohl gekommen, sich bei Ihnen zu bedanken!«

»Sich bei mir bedanken?« antwortete Miß Campbell, »und warum? Ich habe für ihn nur getan, was ich für jeden andern auch tun würde und was, glaube mir, jeder andre an meiner Stelle auch täte!«

»Würden Sie ihn wiedererkennen?« fragte Dame Elsbeth, das junge Mädchen beobachtend.

»Ja,« antwortete offen Miß Campbell, »und ich gestehe. das Charakteristische an seiner Person, der ruhige Mut, den er zeigte, als er auf Deck stieg, ganz als ob er gar nicht eben dem Tode knapp entronnen wäre, und die warmen Worte, die er zu seinem alten Gefährten sagte, indem er ihn an die Brust drückte, all dies ist mir nahe gegangen.«

»Meiner Treu,« versetzte die würdige Frau, »wem er ähnelt, das kann ich nicht sagen, aber sicher ist er ganz anders wie dieser Herr Aristobulos Ursiklos.«

Miß Campbell lächelte, ohne etwas zu erwidern, erhob sich und stand einen Moment unbeweglich, indem sie einen letzten Blick auf die fernen Höhen der Insel Mull warf, dann stieg sie, während Dame Elsbeth ihr folgte, den trockenen Pfad hinunter, der auf die Straße von Oban mündete.

Diesen Abend ging die Sonne unter wie in leuchtendem Staube – leicht und zart wie beflitterter Tüll und ihr letzter Strahl verschwand noch im Abendnebel.

Miß Campbell kehrte ins Hotel zurück, sprach wenig dem Diner zu, das ihre Oheime für sie hatten herrichten lassen, und nach einem kurzen Spaziergang am Strand kehrte sie in ihr Zimmer zurück.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.