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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Eine Wolke am Horizont.

Eine Auseinandersetzung war notwendig geworden: da aber Aristobulos Ursiklos bei solcher Auseinandersetzung nichts zu suchen hatte, schnitt ihm Miß Campbell ein frostiges Kompliment und kehrte nach dem Caledonian-Hotel zurück.

Aristobulos Ursiklos hatte den Gruß der jungen Dame nicht minder kühl erwidert. Augenscheinlich gekränkt darüber, daß man ihn mit einem Strahl, gleichviel welcher Farbe, in Parallele gestellt hatte, ging er den Strandweg wieder zurück, die ganze Zeit über in den gemessensten Ausdrücken Selbstgespräche führend.

Bruder Sam und Bruder Sib kamen sich beide gar nicht recht geheuer vor. Sobald sie den reservierten Salon betreten hatten, warteten sie, die Ohren hängen lassend, auf die Worte, mit denen Miß Campbell sie anreden würde.

Er war eine kurze, aber deutliche Auseinandersetzung. Zu dem Zwecke, freien Ausblick auf den Meereshorizont zu haben, waren die Herrschaften nach Oban gekommen, aber es war nichts oder doch bloß so wenig zu sehen, daß es der Mühe nicht verlohnte, davon zu reden.

Mit ihrem guten Glauben konnten sich die beiden Oheime schließlich wohl rechtfertigen: aber das war auch das einzige. Keiner von ihnen hatte eben Oban gekannt! wer hätte sich auch denken können, daß in Oban kein Meer, kein richtiges Meer sein würde, da doch die Badegäste förmlich nach Oban strömten. Es war vielleicht der einzige Punkt der Küste, wo sich, dank diesen unglückseligen Hebriden, die Wasserkreislinie nicht am Himmel zeichnete.

»Nun denn,« hub Miß Campbell an in einem Tone, dem sie möglichst strengen Klang zu geben suchte, »so müssen wir eben an einen anderen Ort reisen, denn jeder andere Ort wird besser sein als Oban – auch auf die Gefahr hin, sich des Vorteils einer Begegnung oder eines Verkehrs mit Herrn Aristobulos Ursiklos begeben zu müssen.«

Die Brüder Melvill ließen instinktiv die Köpfe sinken und machten auf diesen direkten Vorstoß keinerlei Erwiderung.

»Wir wollen ohne Verzug unsere Vorbereitungen treffen,« sagte Miß Campbell, »und noch heute abreisen.«

»Also reisen wir ab!« versetzten die beiden Brüder Melvill, die ihre Gedankenlosigkeit bloß durch eine Betätigung passiven Gehorsams wieder wettmachen zu können meinten: und im Nu erschallten, wie es Brauch und Regel war, die Namensausrufe:

»Elsa!«

»Elsi!«

»Elschen!«

»Else!«

»Elsbeth!«

Dame Elsbeth kam herein und hinter ihr drein Partridge. Beiden wurde unverzüglich bekannt gegeben, daß abgereist werden solle, und da beide wußten, daß ihre junge Herrin immer recht behalten müsse, fiel es ihnen gar nicht ein, nach dem Grunde zu dieser beschleunigten Abreise zu fragen.

Aber man hatte ohne den Eigentümer des Caledonian-Hotels, man hatte ohne Herrn Mac-Fyne gerechnet.

Es hieße schlechte Bekanntschaft mit diesen schätzbaren Industriellen, selbst im gastfreundlichen Schottland, haben, wollte man sie für fähig halten, eine aus drei Herrschaften und zweiköpfigem Dienstpersonal bestehende Familie abreisen zu lassen, ohne daß sie zuvor alles mögliche, sie festzuhalten, versucht hätten. Nicht anders verhielt es sich im gegenwärtigen Falle.

Kaum hatte Meister Mac-Fyne Kenntnis von diesem ernsten Zwischenfall erhalten, so erklärte er, so etwas lasse sich doch zu allseitiger Zufriedenheit arrangieren, von der speziellen Zufriedenheit gar nicht zu reden, die es ihm machen würde, wenn es ihm vergönnt sei, solche vornehmen Touristen möglichst lange in seinem Hotel zu haben. Was war es denn, das von Miß Campbell gewünscht und demzufolge von den Herren Sib und Sam Melvill verlangt würde? Ein offner Ausblick auf einen weiten Meereshorizont? Nichts leichter und einfacher als das, zumal es sich ja doch bloß darum handelte, diesen Horizont bei Sonnenuntergang zu betrachten. Vom Oban-Strande aus könnte man ihn nicht sehen? Nun, zugegeben! würde es hinreichen, seinen Standpunkt auf der Insel Kerrera zu nehmen? Nein! Die große Insel Mull würde bloß einen kleinen Teil des Atlantischen Oceans im Südwesten wahrnehmen lassen. Aber wenn man den Strand wieder hinunter ginge, so läge dort die Insel Seil, die durch eine Brücke an ihrer Nordspitze mit dem schottischen Küstenlande verbunden sei. Dort könnte den Ausblick nach Westen hin über einen Bereich von zwei Fünfteln des Kompasses nicht das geringste hindern.

Um zu dieser Insel zu gelangen, sei weiter nichts als ein kurzer Spaziergang von 4-5 Meilen von nöten, und bei ungünstiger Witterung lasse sich die Strecke mit einem vortrefflichen Wagen, wenn ein paar gute Gäule vorgespannt würden, in anderthalb Stunden fahren. Mehr Zeit würden Miß Campbell und ihr Gefolge ganz sicher nicht dazu brauchen! Zur Bekräftigung seiner Worte wies der beredte Hotelwirt noch auf die große, im Vestibül seines Hauses aushängende Karte der Hebriden; Miß Campbell könnte also ohne weiteres feststellen, daß Herr Mac-Fyne kein Wort zuviel oder ein Wort der Unwahrheit spreche. Tatsächlich erstreckte sich ob der Insel Seil ein weiter Sektor, der ein reichliches Drittel dieses Horizonts ausmachte und über den die Sonne während der Woche vor und nach der Tag- und Nachtgleiche hinzog.

Die Sache ließ sich demzufolge zur höchsten Befriedigung des Herrn Mac-Fyne und zur größten Bequemlichkeit der Brüder Melvill arrangieren. Miß Campbell gewährte ihnen aufs großmütigste Verzeihung und machte auf die Anwesenheit des Herrn Aristobulos Ursiklos keinerlei unangenehme Anspielung weiter.

»Aber,« sagte Bruder Sam, »daß man grade in Oban keinen Meereshorizont hat, ist doch zum wenigsten seltsam!«

»Die Natur ist nun einmal so wunderlich!« versetzte Bruder Sib.

Aristobulos Ursiklos war jedenfalls überglücklich, als er erfuhr, daß Miß Campbell den Gedanken, sich nach einem für ihre meteorologischen Beobachtungen günstiger gelegenen Orte zu begeben, fallen gelassen habe: aber er war in seine erhabenen Probleme so vertieft, daß er ganz vergaß, seiner Genugtuung hierüber mündlichen Ausdruck zu geben.

Das phantastische junge Mädchen wußte ihm wahrscheinlich für diese Zurückhaltung Dank, denn wenn sie auch noch immer sich gleichgiltig verhielt, so begegnete sie ihm doch nicht mehr ganz so kühl wie bei der ersten Begegnung.

Unterdessen hatte sich der Stand der Atmosphäre leicht verändert. Blieb auch noch immer schönes Wetter, so verschleierte doch einiges Gewölk, das von der Mittagsglut noch verscheucht wurde, beim Auf- und beim Niedergang der Sonne den Himmel. Es erwies sich also für unnütz, auf der Insel Seil einen Beobachtungsposten aufzusuchen: es wäre verlorene Mühe gewesen, und man mußte sich in Geduld fassen.

Während dieser langen Tage machte Miß Campbell, indem sie ihren beiden Oheimen überließ, mit dem Bräutigam der von ihnen getroffenen Wahl fertig zu werden, Spaziergänge, zuweilen in Gesellschaft von Dame Elsbeth, zumeist aber allein, am Strande der Bucht. Sie ging diesem ganzen Schwarme von Müßiggängern, der die ab- und zuströmende Bevölkerung der Badeorte bildet und fast überall dasselbe Gesicht zeigt, gern aus dem Wege: wie überall am Meere, sah man auch hier Familien, deren einzige Beschäftigung darin besteht, der Ebbe und Flut des Meeres zuzusehen, während Mädchen und Jungen sich mit aller Ungeniertheit britischer Sitte auf dem nassen Sande herumkollern: auch die ernsten, phlegmatischen Kavaliere in ihrem oft ein bißchen zu urwüchsigen Badekostüm, die es für das Hauptstück ihres Badelebens ansehen, sich sechs Minuten lang in die salzige Flut zu tauchen, und jene Herren und Damen von »great respectability" waren hier zu sehen, die starr und steif wie Ladestöcke auf grünen, mit roten, Polstern ausstaffierten Bänken sitzen und in den bekannten bunten Pappbänden mit dem zusammengedrängten Texte, mit dessen Kleinheit in den englischen Ausgaben ein bißchen zu arger Mißbrauch getrieben wird, ein paar Seiten lesen oder öfter nur blättern: desgleichen flanierten, mit dem Fernrohr am Bandelier, den Tropenhelm tief in die Stirn gedrückt, mit den langen Gamaschen über den Beinen und dem Sonnenschirm unter dem Arme, ein paar von den bekannten Touristen-Zugvögeln umher, die in der Regel tags vorher gekommen sind, um tags nachher wieder abzurücken: dann stieß man mitten unter dieser Menge auf Industrielle, die in der Hauptsache Industrien betreiben, die sich unterwegs ausüben lassen und zu denen sich die nötigen Apparate und Werkzeuge in der Tasche mitführen lassen; Elektrotechniker z.B., die jedem, der sich, die Finger zu verbrennen Lust hat, die hierzu notwendige Säure für 2 Pence verkaufen, Musikkünstler, deren auf Räder gestelltes mechanisches Klavier zwischen heimischen Melodien allerhand verunstaltete Motive französischer Lieder spielt; Photographen, die unter freiem Himmel ex tempore Fünfminuten-Gruppenbilder herstellen; Händler im schwarzen Ueberrock und Händlerinnen im Blumenhut, die ihre kleinen Handkarren vor sich her schieben, auf denen sich das schönste Obst der Welt breit macht: und – last, not least – Bänkelsänger, deren fratzenschneidendes Gesicht sich unter der Wachshaut, die es bedeckt, zersetzt und löst, die mit buntscheckigen Parodieen Scenen aus dem Volke spielen und jene Jeremiaden mit zahllosen Kouplets dazu singen, die von echten Landeskindern komponiert und von den nicht minder echten Landeskindern, in deren Mitte sie zum Vortrag gelangen, mit heiliger Inbrunst im Chore mitgesungen werden.

Für Miß Campbell hatte dieses in allen Badeorten gleiche Leben keinerlei Reiz mehr, kannte sie es doch sattsam; ihr war es lieber, diesem ab- und zuströmenden Publikum, das einander genau so fremd ist, als wenn es aus allen vier Winkeln Europas herstammte, den Rücken zu drehen. Darum mußten sie ihre Oheime, wenn sie sich über ihre Abwesenheit ängstigten und sie suchen wollten, am Saume des Strandes, an irgend einem Vorsprunge der Bucht, aber nirgendwo anders aufsuchen. Dort saß dann Miß Campbell gleich der im Sinnen versunkenen Minna im Roman »Der Seeräuber«, mit dem Arm auf einen Felsenvorsprung, den Kopf auf die Hand gestützt, mit der andern Hand die Büschel des hier zwischen dem Gestein wachsenden Fenchels pflückend. Ihr zerstreuter Blick schweifte von einem »Stack«, dessen felsiger Gipfel kerzengerade aufstieg, zu irgend einer finstern Höhle, einem jener »Helyers«, wie sie in Schottland heißen, in denen die Meeresflut braust und tobt.

In der Ferne saßen Kormorane in langen Reihen mit der Unbeweglichkeit der heiligen Vögel des alten Aegyptens, und in weite Fernen folgte sie ihnen mit den Blicken, wenn sie, aus ihrer Ruhe gescheucht, aufflogen und über den Kamm der kleinen Kabbelseewellen hinstrichen.

Woran dachte wohl das junge Mädchen? Aristobulos Ursiklos hätte zweifelsohne die Frechheit besessen, und ihre beiden Oheime wären harmlos genug gewesen, die Meinung zu hegen, ihre Gedanken weilten bei ihm – aber sie hätten sich alle drei getäuscht.

Miß Campbells Gedanken weilten bei den Vorgängen in dem schrecklichen Schlunde des Corryvrekan. Sie sah die Schaluppe wieder in ihrer Rettlosigkeit, sie sah die Manöver des »Glengarry« wieder, der sich mitten hinein in die tosende Enge wagte. Sie fand im Grunde ihres Herzens jene Aufregung wieder, die ihr die Kehle zusammengeschnürt hatte, als die Unvorsichtigen in der Tiefe des Strudels verschwanden! ... Dann sah sie das Rettungswerk vor sich gehen, sah das im rechten Moment geschleuderte Tau durch die Luft schießen, sah den eleganten jungen Herrn auf dem Dampferverdeck erscheinen, ruhig, lächelnd, bei weitem nicht so erregt wie sie, sah ihn den Dampferpassagieren einen ungezwungenen Gruß zuwinken ...

Für einen romantisch veranlagten Kopf entspann sich hier der Anfang zu einem Roman: aber es nahm den Anschein, als sollte dieser Roman nicht über dieses erste Kapitel hinausgehen. Das begonnene Buch hatte sich unter Miß Campbells Händen jäh wieder zugeklappt. Auf welcher Seite würde sie es wohl je wieder aufschlagen können, da doch ihr »Heros«, ähnlich dem ersten besten Wotan aus den gälischen Heldengesängen, nicht wieder zum Vorschein gekommen war?

Aber hatte sie ihn wenigstens inmitten jener Menge von indifferentem Volk gesucht, das sich am Strande umhertrieb? Vielleicht. Hatte sie ihn wieder getroffen? Nein! Zweifelsohne hätte er sie gar nicht wiedererkennen können. Warum hätte er sie an Bord des »Glengarry« bemerken sollen? Warum sollte er zu ihr hingetreten sein? wie hätte er raten sollen, daß er ihr seine Rettung zum Teil verdankte? Und doch war sie es vor allen andern, welche das rettlose kleine Fahrzeug bemerkt hatte! doch war sie es gewesen, die den Kapitän zuerst gebeten hatte, den Insassen des kleinen Fahrzeugs zu Hilfe zu eilen! und wirklich und wahrhaftig! ihr selber hatte das an diesem Abend vielleicht den Grünen Strahl gekostet!

Zu befürchten war dies tatsächlich.

Während der drei ersten Tage nach Ankunft der Familie Melvill in Oban hätte der Himmel einen Astronomen von der Edinburger oder Greenwicher Sternwarte zur Verzweiflung bringen können. Er war wie mit Dunst wattiert, dieser Himmel! mit einem Dunst, weit trügerischer als es Gewölk hätte sein können. Fernrohre oder Teleskope der stärksten Modelle, der Reflektor von Cambridge ganz ebenso wie der von Parsontown, hätten diesen Dunstschleier nicht zu durchdringen vermocht. Einzig und allein die Sonne würde Macht genug besessen haben, ihn mit ihren Strahlen zu zerreißen; aber wenn sie zum Horizonte niederstieg, verwischte sich die Meereslinie mit leichten Nebelmassen, die den Westen mit den flammendsten Farben purpurn färbten. Infolgedessen wäre es dem Grünen Strahl also nicht möglich gewesen, den Weg zu den Augen eines Beobachters zu finden.

Miß Campbell, von einer etwas kühnen Phantasie hinweggeführt, vermengte nun in ihrem Traume den Schiffbrüchigen im Strudel des Corryvrekan mit dem Grünen Strahl in ein und demselben Gedanken. Soviel steht fest, daß keiner mehr ohne den andern vor ihrem geistigen Auge erschien. Verdunkelten die Dunstschleier diesen, dann verdeckte das Inkognito jenen.

Als es die Brüder Melvill sich beikommen ließen, ihre Nichte zur Geduld zu mahnen, da waren sie ziemlich böse angekommen. Miß Campbell machte gar keine Umstände, ihnen für diese Störungen der Atmosphäre die Verantwortung zuzuschieben. Sie nun wieder hielten sich an das ausgezeichnete Aneroid-Barometer, das sie fürsorglich von Helensburgh mit hergebracht hatten und dessen Nadel von irgendwelcher Steigung absolut nichts wissen zu wollen schien. Fürwahr! ihre Schnupftabaksdose hätten sie hingegeben, hätten sie damit beim Untergange des Strahlengestirns einen von Gewölk freien Himmel zu erreichen vermocht!

Was den gelehrten Herrn Ursiklos betrifft, so beging er eines Tages, als die Rede auf diese Dunstschleier kam, mit denen sich der Himmel bedeckte, die richtige Tolpatscherei, die Bildung solcher Dunstschleier zu dieser Zeit für ganz natürlich zu finden. Von diesem Standpunkte aus bis zur Eröffnung eines kleinen Lehrkursus über Physik war bloß ein Schritt, und den Schritt tat er in Gegenwart von Miß Campbell. Er sprach über die Wolken im allgemeinen, über ihre absteigende Bewegung, die sie mit dem Sinken der Temperatur wieder zum Horizont führt, von den zum vesikularen oder bläschenförmigen Zustande reduzierten Dünsten, von ihrer wissenschaftlichen Klassifizierung in Nimbus, Stratus, Cumulus und Cyrrhus! Daß er für seinen gelehrten Krimskrams keinen Lohn, nicht mal einen Schinderlohn fand, darüber Worte zu verlieren, dürfte wohl unnütz sein.

So scharf und deutlich trat dies sogar zu Tage, daß die Brüder Melvill sich nicht klar werden konnten darüber, wie sie sich eigentlich während dieser ungelegenen Konferenz verhalten sollten!

Ja! Miß Campbell »setzte«, um den beim modernen Dandy üblichen Ausdruck herzusetzen, den jungen Gelehrten »direkt auf den Sand«: zuerst tat sie so, als sähe sie, um ihn nicht anhören zu müssen, ganz wo anders hin: dann richtete sie die Blicke unverwandt empor zum Schlosse von Dunolly, um sich ja nicht den Anschein zu geben, als beachte sie ihn: zuletzt betrachtete sie die Spitze ihrer zierlichen Badeschuhe – ein Zeichen von Gleichgiltigkeit und Teilnahmlosigkeit, wie es offenkundiger kein zweites mehr gibt, und ein Beweis für die ausgesprochenste Mißachtung, wie ihn unverblümter keine Schottin zu geben vermag und zwar betreffs der Reden sowohl, die die Person, die sich mit ihr unterhält, im Munde führt, als betreffs der Person, die solche Reden führt, selbst.

Aristobulos Ursiklos, der niemals jemand anders sah und hörte, als sich selber, der niemals ein Wort sprach als für sich selber, merkte hiervon nicht das geringste oder tat wenigstens so, als ob er nichts merke.

In solcher Weise verstrichen der 3., 4., 5. und 6. August; aber im Lauf dieses letzten Tages stieg zur großen Freude des Brüderpaares Melvill das Barometer um einige Striche über »veränderlich«.

Der folgende Tag kündigte sich also unter den glücklichsten Auspicien an. Um 10 Uhr morgens leuchtete die Sonne im hellsten Glanze und der Himmel breitete über das Meer seinen durchsichtigsten Azur.

Miß Campbell konnte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Eine Kalesche für Spazierfahrten stand in dem Schuppen des Caledonian-Hotels immer zu ihrer Verfügung. Jetzt oder nie war der Augenblick, sich ihrer zu bedienen!

Um 5 Uhr nachmittags setzten sich also Miß Campbell und die Brüder Melvill in die von einem Kutscher, der »mit vieren zu fahren« aufs beste verstand, gelenkte Kalesche. Partridge stieg auf den Hintersitz und die vier Gäule, mit der Schmitze der langen Peitsche kräftig gekitzelt, schossen auf der Landstraße von Oban nach Clachan wie Pfeile dahin.

Aristobulos Ursiklos hatte zu seinem lebhaften Bedauern – sofern solches nicht auf seiten von Miß Campbell lag – nicht an der Partie teilnehmen können, da ihn die Ausarbeitung irgend einer wissenschaftlichen Denkschrift grade stark in Anspruch nahm.

Der Ausflug war nach allen Seiten hin scharmant. Die Kalesche fuhr die Straße längs dem Strande, an der Meerenge hin, welche die Insel Kerrera von der Küste Schottlands trennt. Diese Insel vulkanischen Ursprungs war höchst malerisch, beging aber in Miß Campbells Augen in einer Hinsicht großes Unrecht: sie verdeckte nämlich den Meereshorizont. Da indessen bloß fünftehalb Meilen unter diesen Bedingungen zu bezwingen waren, hatte sie nichts dawider, dem harmonischen Profil Bewunderung zu zollen, dessen Riß sich auf leuchtendem Hintergrunde abhob, zusammen mit den Ruinen des Dänenschlosses, welches die südliche Spitze der Insel krönt.

»Das war ehedem der Wohnsitz der Mac-Douglas de Lorn,« meinte der Bruder Sam bemerken zu sollen.

»Und für unsere Familie,« setzte der Bruder Sib hinzu, »besitzt dieses Schloß ein historisches Interesse, denn es wurde von den Campbells zerstört und in Brand gesteckt, nachdem alle Bewohner ohne Gnade und Barmherzigkeit niedergemacht worden waren.«

Dieses wichtige Faktum schien ganz besonders Partridges Beifall zu finden, denn dieser wackere Schotte klatschte zu Ehren des Clan leise in die Hände.

Als die Insel Kerrera passiert war, lenkte der Wagen in eine schmale, über leicht welliges Terrain führende Straße, die direkt nach dem Dorfe Clachan führte. Dort rasselte er über jenen künstlichen Isthmus, der in Gestalt einer Brücke über den schmalen Wasserarm setzt und die Insel Seil mit dem Festlande verbindet. Eine halbe Stunde später hielt der Wagen im Grunde einer Schlucht. Dort blieb derselbe stehen, während die Touristen den ziemlich steilen Hang eines Hügels erklommen, um sich auf dem äußersten Felsenrande am Küstensaume einen Platz zum Sitzen zu suchen.

Hier konnte dem Blicke von Beobachtern sich nicht das geringste hindernd entgegenstellen, weder das Eiland Easdale, noch das Eiland Inish, die neben der Insel Seil zum Scheitern gelangt zu sein schienen. Zwischen der Spitze Ardanalish der Insel Mull, einer der größten der Hebriden, im Nordosten und der Insel Colonsay im Südwesten dehnte sich ein großes breites Stück Meer, in welches die Sonnenscheibe bald ihre Feuerstrahlen tauchen sollte.

Miß Campbell hielt sich, ganz in ihre Gedanken vertieft, ein Stück abseits. Ein paar Raubvögel, Adler oder Falken, waren die einzigen Wesen, die diese Einöde belebten; sie zogen ihre Kreise über den »Dens«, kleinen, trichterähnlich in Felswänden ausgehöhlten Talschluchten.

Astronomisch gerechnet, mußte die Sonne zu dieser Jahreszeit und unter diesem Breitengrade um 7 Uhr 54 Minuten untergehen, und zwar genau in der Richtung, wo die Spitze Ardanalish lag. Ein paar Wochen würde es aber nicht möglich gewesen sein, ihr Verschwinden hinter der Meereslinie zu beobachten, denn die Masse der Insel Colonsay dürfte sie den Blicken entzogen haben.

An diesem Abend waren also Zeit und Ort für die Beobachtung der Naturerscheinung vorzüglich gewählt.

Die Sonne zog gerade in einer schrägen Bahn über den gänzlich wolkenfreien Himmel.

Den Augen fiel es schwer, den Glanz ihrer in flammendes Rot übergetretenen Scheibe zu ertragen, der sich in den Fluten durch eine lange Lichtschleppe widerspiegelte. Und doch hätte sich weder Miß Campbell, noch hätte sich das Oheimpaar Melvill dazu verstehen können, die Augen zu schließen – nein! nicht einmal einen Augenblick lang!

Noch ehe aber das Strahlengestirn den Horizont mit seinem untern Rande berührt hatte, stieß Miß Campbell einen Ruf der Enttäuschung aus! Ein schwaches Wölkchen, dünn und schwach wie ein Federzug, lang wie der Wimpel eines Kriegsschiffs, war eben am Himmel in Sicht getreten. Es schnitt die Scheibe in zwei ungleiche Teile und schien sich mit ihr bis zum Meeresniveau niederzusenken.

Es schien, als hätte ein Hauch, und wenn er noch so schwach und gering gewesen wäre, hinreichen müssen, dies Wölkchen zu verjagen, zu zerstreuen! ... Aber ein solcher Hauch kam nicht! ein solcher Hauch regte sich nicht! und als die Sonne bis auf einen minimalen Bogen zusammengeschrumpft war, da beschrieb jener feine schmale Dunststreifen auf dem Flecke, wo er sich befand, die Linie zwischen Himmel und Wasser.

Der in dieses schwache Wölkchen verirrte Grüne Strahl hatte den Weg zu dem Blicke der Beobachter nicht finden können.

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