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Der grüne Pelz. Zweiter Band

Philipp Galen: Der grüne Pelz. Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorPhilipp Galen
titleDer grüne Pelz. Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170822
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Sechstes Kapitel.
Einem trüben Morgen folgt oft ein heiterer Abend.

Als Bodo am Mittag dieses Tages zum ersten Mal nach dem Besuch vor die Augen der weiblichen Hausbewohner trat, schien er die innere Verstimmung und Aufregung, die derselbe in seinem Gefolge gehabt, so ziemlich überwunden zu haben; die letzten äußeren Spuren davon aber auch aus seinem Gesicht hinwegzuwischen, war ihm nicht ganz so vollkommen gelungen. Seine Wangen zeigten noch immer eine ungewöhnlich lebhafte Färbung und sein dunkles Auge glänzte in einer ganz eigentümlichen Weise – zwei charakteristische Zeichen, die weder Fräulein Treuholds noch ihrer Nichte scharfer Beobachtung entgingen und die eben nicht imstande waren, den Anteil zu vermindern, den beide an dem Wohlbefinden des guten Hausherrn zu nehmen sich gedrungen fühlten.

Der Legationsrat ließ durch nichts merken, daß er die fragenden Blicke der alten Haushälterin wahrnehme, im Gegenteil zeigte er sich während der gemütlichen Speisestunde unbefangen wie an jedem anderen Tage und war freundlich und aufmerksam wie sonst, wenn er auch keine besondere Lebhaftigkeit im Gespräch entwickelte.

Im Laufe des Mahles aber konnte die gute Treuhold ihre Neugierde nicht länger bemeistern und nach einer zufällig entstandenen etwas längeren Pause, als man gerade eine andere Speise erwartete, sagte sie mit erzwungen scherzhaftem Tone, der den Ernst im Hintergrunds nur zu deutlich durchschimmern ließ:

»Der Herr Baron hat sich heute morgen ja nicht lange aufgehalten, Herr Legationsrat. Ich hatte schon geglaubt, wir würden heute mittag die Ehre haben, ihn als Gast an unserm Tische zu sehen.«

Bodo fuhr wie aus einem inneren Traume auf und es schien ihm im ersten Augenblick einige Mühe zu kosten, den neu angeregten Gedankenzug des guten Fräuleins zu verfolgen. »Meine liebe Treuhold,« erwiderte er mit einem freundlichen, aber doch bedeutungsvollen Blick, »es kann uns jemand, der sechs Stunden bei uns verweilt, unter Umständen weniger aufhalten, als einer, der nur sechs Minuten bleibt.«

Fräulein Treuhold dachte einige Augenblicke nach, ehe sie mit der naiven Frage hervortrat: »Das kann wohl sein, denke ich, aber in welche Klasse gehörte denn heute der Baron, da er weit über sechs Minuten und viel weniger als sechs Stunden geblieben ist?«

»Vielleicht in die unter Umständen erträgliche Mittelklasse!« erwiderte der Legationsrat nach kurzem Besinnen und indem er sich ein Stück Brot nahm und dasselbe wider Wissen in hundert kleine Stücke schnitt.

Fräulein Treuhold warf einen raschen Blick auf die still vor sich nieder sehende Gertrud, als wollte sie sagen: »Das war freilich eine Antwort, aber sie hat uns nicht klüger gemacht. Ah, wir müssen also etwas weiter forschen. – Warum mag er aber so früh gekommen sein?« fragte sie laut, »das ist ja ganz etwas Ungewöhnliches hier.«

»Bei ungewöhnlichen Menschen, meine Liebe, darf uns kein Abweichen von der gemeinen Regel überraschen,« erwiderte der Gefragte gleichgültig; »diesmal aber hatte sein früheres Erscheinen einen sehr natürlichen Grund. Der Herr Baron lud mich auf heute zum Diner ein und wollte mich sogar gleich mitnehmen. Damit ich aber Zeit behielte, meine etwaigen Geschäfte zu beenden und die notwendige Toilette zu ordnen, hatte er die Aufmerksamkeit, so früh zu kommen. – Genügt Ihnen das, meine Liebe?«

»O, es genügt mir schon, Herr Legationsrat, indessen dann wundere ich mich nur, daß Sie seiner Einladung nicht gefolgt sind.«

Bodo lächelte still vor sich hin und spielte mit den geschnittenen Brotstückchen, wie jemand, der an etwas ganz anderes denkt, als an diese harmlose Beschäftigung. »Ich esse zu gern zu Hause,« sagte er langsam und bedächtig, »Sie wissen es ja. Auch hatte ich Geschäfte, die sich nicht gleich abbrechen ließen, und so habe ich meinen Besuch auf eine andere Zeit versprochen. – Ich kann ja jeden Tag hinüberreiten, wenn mir die Lust kommt!« setzte er mit gleichgültigerem Tone hinzu.

»Haben Sie einen bestimmten Tag festgesetzt?« fragte Fräulein Treuhold etwas vorsichtig, da sie zu bemerken glaubte, daß der Legationsrat das von ihr eingeleitete Gespräch nur ungern fortsetzte.

»Nein!« erwiderte er ruhig und aß dann von der ihm eben durch Rieke dargereichten Speise.

Fräulein Treuhold erblickte im Geiste die Schranke, die ihr durch diese kurze Antwort gezogen wurde, und schwieg. Als man aber mit Essen fertig war und nur noch einige gleichgültige Worte wechselnd bei Tische saß, konnte sie sich doch nicht enthalten, zu sagen: »Aber, Herr Legationsrat, Sie nehmen es mir gewiß nicht übel, wenn ich mir die Bemerkung erlaube, daß Sie etwas angegriffen aussehen.«

Bodo lehnte sich in seinen Stuhl zurück, faltete die Serviette zusammen und sagte: »Ja, da mögen Sie recht haben. Ich fühle mich, wenn auch nicht angegriffen, doch etwas abgespannt und – beinahe müde.«

»Dagegen weiß ich ein vortreffliches Mittel,« nahm nun Gertrud mit warm errötendem Gesicht das Wort.

Bodo wandte ihr sogleich den Kopf zu, blickte sie fragend an und sagte: »Dann bitte ich, es mir mitzuteilen, ich werde es jedenfalls versuchen.«

»Sie sollten ein Stündchen schlafen,« fuhr sie fort, »oder sich nur legen und dabei ruhen.«

»Ah, ja, Sie mögen recht haben. Ruhen will ich, aber am Tage zu schlafen – das verstehe ich nicht.«

»Es lernt sich sehr leicht, Herr von Sellhausen.«

Bodo warf einen eigentümlich forschenden Blick auf die unbefangen Redende, und dieser Blick leuchtete so hell, daß die eben zugestandene Abspannung fast spurlos verschwunden schien. »Vielleicht wie so manches andere?« fragte er freundlich.

»Gewiß, wie so manches andere. Mein Vater pflegt, wenn er sich durch irgend etwas ermüdet fühlt, gleich nach Tische sich auf ein Sofa zu legen, wenigstens eine bequeme Lage anzunehmen. Dabei ergreift er ein Buch, liest ein paar Zeilen, und wenn er, nachdem er die Augen geschlossen, nach einer Weile, selbst nach wenigen Minuten wieder aufblickt, fühlt er sich frisch und kräftig wie zuvor.«

»Das will ich in der Tat heute ebenso machen,« versetzte Bodo, vom Stuhle aufstehend, »und ich danke Ihnen für die neue Belehrung.«

»O, es war nur ein wohlgemeinter Rat, Herr von Sellhausen!«

»Ich erkenne ihn an und bin auch dafür dankbar. Er soll sich sogleich in die Tat verwandeln. Ich empfehle mich, meine Damen. Adieu, Herr Hinz!« –

Kaum hatte der Legationsrat das Zimmer verlassen, und der Verwalter war ihm eben gefolgt, so sagte die Tante zur Nichte: »Das war wirklich ein guter Rat, Gertrud. Ich freue mich, daß du ihn gegeben hast. Er sah ganz elend aus.«

»O nein, Tante, elend nicht, aber müde und matt gewiß.«

»Ohne allen Zweifel. Der Baron hat ihm gewiß arg zugesetzt, mit nach der Grotenburg zu fahren.«

»Sie können auch andere wichtige Dinge besprochen haben, liebe Tante.«

»Das haben sie gewiß. O, ich kenne den guten Herrn! Eine Kleinigkeit bringt ihn nicht um seine Ruhe. Hast du wohl bemerkt, wie seine Augen glänzten und seine Backen wie von einem inneren Feuer glühten?«

Gertrud nickte und nahm die Serviette des Rats und steckte sie in den ihr zugehörigen silbernen Reif.

»Ich bin fabelhaft neugierig, was sie miteinander verhandelt haben,« fuhr Fräulein Treuhold fort, sich ebenfalls an dem Tische zu schaffen machend. »Aber wie soll man dahinter kommen?«

»Mit Geduld!« lautete Gertruds leise gesprochene Antwort.

»Ei, mein Kind, die magst du wohl haben, du bist jung, ich aber bin alt und habe sie nicht. Auch interessiere ich mich mehr für meinen guten Herrn, als du, die du ihn nur erst seit Tagen kennst, während ich ihn schon als Kind gekannt und bedauert habe.«

Gertrud warf einen seltsam raschen, fast verwunderten Blick auf die Tante, als spreche sie damit eine Frage aus, die sie den Lippen nicht anvertrauen wollte. Gleich darauf aber ließ sie das schöne Auge sinken und fragte: »Warum denn bedauert?«

»Ach Gott, Trude, dazu war so mancher Grund vorhanden. Das arme Kind hat ja nie eine Mutter gehabt.«

»Dann müßtest du mich ebenfalls bedauern – ich habe auch keine.«

»O, o, das ist etwas ganz anderes, Trude. Du warst schon halb erwachsen, hattest Pflegerinnen in Fülle und hast doch deine gute Mutter wenigstens gekannt. Er aber verlor sie kurze Zeit nach seiner Geburt, und ich meinte eben, ich hätte ihn als Kind bedauert. Doch ja, auch jetzt bedaure ich ihn mehr als dich, und es ist wahrhaftig Grund dazu vorhanden. Dich wird dein vernünftiger Vater niemals zwingen, eine Heirat zu schließen, die dir notwendigerweise zuwider sein muß.«

» Muß er sich denn zwingen lassen?«

»Du fragst seltsam. Kind, obgleich du doch die Verhältnisse kennst, und es gehörte viel Zeit dazu, dir eine erschöpfende Antwort zu geben.«

»So will ich auch darin Geduld haben, liebe Tante. – Wo wollen wir heute den Kaffee trinken?«

»Ach, danach habe ich ihn zu fragen vergessen. Wähle du also den Ort, und er wird höflich genug sein, deiner Wahl seinen Beifall zu schenken.«

*

Daß Gertruds Rat ein guter gewesen, sollte der von dem lästigen Morgenbesuche ermattete Legationsrat bald erkennen lernen. Er hatte sich auf sein Zimmer begeben, sich aufs Sofa gelegt und ein Buch zur Hand genommen. Das Lesen behagte ihm noch weniger als das Denken, und so gab er sich einer fast schrankenlosen Träumerei hin, die etwas mild Einschläferndes und Beruhigendes in ihrem Gefolge hatte, daß er wirklich und sogar recht fest einschlief, ohne eine Ahnung davon zu haben.

Aber er schlief nicht lange. Schon nach einer guten halben Stunde wachte er wieder auf, und als er zum Bewußtsein kam, was mit ihm geschehen, freute er sich, indem er die Bemerkung machte, daß er sich wirklich wieder vollkommen erfrischt fühle. In diesem Augenblick glaubte er jedoch ein leises Geräusch an seiner Tür zu hören.

»Ist jemand vor der Tür?« fragte er laut.

Die Tür öffnete sich, und Fräulein Treuhold trat lebhaft und mit frohem Gesicht herein.

»Ah,« rief sie, »Sie haben also wirklich geschlafen?«

»Vortrefflich. Aber was gibt's?«

»Wir haben schon wieder Besuch bekommen, Herr Legationsrat –«

Bodo sprang hastig von seinem Lager auf. »Was,« rief er. »schon wieder Besuch? Es ist doch nicht ein anderer Baron?«

»Nein, diesmal nicht – es ist der Meier zu Allerdissen, Herr!«

»Ah!« rief Bodo frohlockend, »das ist ein Labsal, Treuhold! Wahrhaftig, das ist mir lieb. Nach dem Überfall von heute morgen konnte mir nichts Angenehmeres begegnen. Aber warum kommt er nicht schnell herauf?«

»Er sitzt mit seiner Tochter in der großen Laube im Garten; Gertrud wollte nicht, daß er Ihren Schlaf unterbräche, und ich kam jetzt eigentlich bloß herauf, um ein wenig zu lauschen. Vielleicht aber trinken Sie jetzt mit uns im Garten den Kaffee?«

»Vorwärts! Sogleich – ich bin dabei!« Und er griff rasch nach seinem Hut und eilte mit einer Hast die Treppe hinunter, daß Fräulein Treuhold ihm unmöglich ebenso eilig folgen konnte. –

Als der Herr vom Hause in den Garten trat und in der Laube mit der schönen Aussicht nach der Weser neben Gertrud den Meier sitzen sah, der in seinem blauen Frack und dem Panamahut eine ungemein stattliche und sogar feine Erscheinung darbot, ging ihm das Herz vor Freude weit auf. Als er nun aber näher an den ihm schon entgegenkommenden Mann herantrat und ihm wieder in das offene, ehrliche Gesicht mit den treuen blauen Augen blickte, fühlte er sich auf eine seltsame Weise wohltätig berührt und die aufrichtigste Herzlichkeit und Wärme sprach sich bei der nun folgenden Begrüßung in seiner Stimme, ja in jedem seiner Worte und in seinem ganzen Wesen aus.

»Mein lieber Meier!« rief er schon von weitem und streckte ihm die Hand entgegen. »Da sind Sie also endlich! O, Sie bringen mir einen erquickenden Regen nach langer Dürre ins Haus! Seien Sie mir tausendmal willkommen – ich habe Sie schon lange im stillen erwartet!«

»Ich wäre auch wohl früher gekommen,« erwiderte der Meier, nachdem er seine Begrüßung gesprochen, »wenn mich nicht nur mancherlei Arbeit, sondern auch der Gedanke abgehalten hätte, daß auch Sie die Ihrige hatten. Sie werden nicht immer am Fenster gesessen und nach Besuch ausgeschaut haben – wie?«

»Nein, ach nein, gewiß nicht. Ich bin sogar viel umhergeschweift, um meine Pflichten als Nachbar endlich zu erfüllen. Doch davon wollen wir nicht sprechen. Ich denke, wir nehmen hier vor der Hand Platz und bitten Fräulein Treuhold dabei um eine Tasse Kaffee. Nicht wahr?«

»Er wird schon besorgt, Herr von Sellhausen,« sagte die Alte, ging aber doch selbst nach dem Hause, wohin ihr Gertrud gleich nach Begrüßung der beiden Männer schon vorangegangen war.

Wenige Augenblicke später trug Rieke auch schon das Gewünschte herbei, die Haushälterin und ihre Nichte fanden sich ebenfalls ein und man schlürfte nun das duftende Getränk, indem man über Verschiedenes plauderte, wie es zwischen Bekannten zu geschehen pflegt, bevor sie die Sammlung zu ernsterem Gespräche gewinnen.

Nachdem man aber geraume Zeit unter der schattigen, von Blumen umdufteten Laube gesessen, die schöne Aussicht genügend bewundert und dann eine Zigarre angebrannt, erhoben sich die Männer, wahrscheinlich infolge einer Frage des Meiers, die den Stand der Feldfrüchte und den wahrscheinlichen Beginn der Ernte betraf.

»Wollen wir einen Gang durch die Felder machen?« fragte Bodo seinen Gast.

»Dazu bin ich immer bereit, Herr von Sellhausen. Wer kann oft genug den Segen Gottes betrachten?«

»So kommen Sie! Adieu, meine Damen, auf baldiges Wiedersehen – und – wir bitten uns ein treffliches Abendbrot aus. Sie müssen Ehre bei Ihrem Vater einlegen, mein Fräulein!« wandte er sich zu der errötenden Gertrud, die kaum ihre Freude verbergen konnte, ihren Vater von dem Legationsrat so herzlich behandelt zu sehen.

Die beiden Männer gingen langsam über den Hof, nach diesem und jenem schauend, denn dem scharfen Auge des fremden umsichtigen Landwirts entging fast kein Strohhalm. Aber er hatte sich schon in kurzer Zeit überzeugt, daß auch äußerlich alles in Ordnung sei und daß Herr Hinz unter dem neuen Herrn seine Pflicht noch eifriger erfülle, als unter dem alten. Als sie außerhalb des Tores waren, schlug der Meier, als wäre er hier bekannter als sein Führer, den Weg zur Rechten ein, aber indem er sich aufmerksam überall umblickte, wurde er allmählich stiller und zuletzt schritt er gänzlich schweigsam, wie in tiefe Gedanken versunken, neben dem Legationsrat her.

Dieser bemerkte diese Umwandlung sehr bald und glaubte, dem Meier gefalle der Zustand der Felder nicht. »Was meinen Sie,« sagte er, einen Augenblick stehen bleibend, »hat dieser Roggen nicht Ihren Beifall?«

»Doch wohl, ei gewiß, er kann ja nicht besser sein, Herr von Sellhausen, aber – aufrichtig gesagt, ich dachte eben weder an Roggen noch Weizen, noch sonst eine Frucht – vielmehr –«

»Nun, an was dachten Sie denn?«

»Ach, ich komme immer wieder auf mein altes Thema zurück und das müssen Sie mir verzeihen. Was einmal in meinem Herzen sitzt, sitzt fest.«

»Ah, ich glaube sie zu verstehen. – Sie dachten an meinen Vater, lieber Meier?«

»Ja, Herr von Sellhausen, an ihn dachte ich. Und das darf sie nicht wundern. Indem ich diese Felder beschreite, die ich so lange nicht betreten – es ist jetzt beinahe ein Jahr her – lebt alles in meiner Erinnerung wieder auf, was ich das letzte Mal mit Ihrem guten Vater sprach. Es fiel mir damals nicht im Traume ein, daß ich heute schon mit seinem Sohne gehen würde, wo ich so oft mit ihm selbst gegangen bin.«

»Hoffentlich werden Sie nun mit mir eben so oft hier gehen? Oder haben Sie keine Lust dazu?«

Der Meier stand still, legte seine breite Hand, von der er schon lange den Handschuh abgezogen, auf die Schulter des jungen Mannes, sah ihm tief in das kluge Auge und sagte: »O ja, Lust habe ich dazu und ich hoffe es auch zu können. Aber dann müssen Sie zuvor den ersten August überstanden haben.«

Bodo schwieg und blickte, vielleicht zufällig, nach einer anderen Seite. »Ja,« sagte er dumpf – »doch sollte Sie oder mich der erste August daran hindern können? Ich denke das nicht oder – verstehe ich Sie nicht recht?«

Der Meier lächelte bitter, fast schmerzlich. »Lassen Sie uns doch darüber schweigen,« sagte er, langsam weitergehend. »Kommt Zeit, kommt Rat! Wir haben sogar noch etwas zu besprechen, was dem ersten August notwendig vorhergeht. Und damit beginne ich jetzt. – Sie sind also bei den drei Baronen gewesen?«

»Ah, meinen Sie das? Ja, lieber Meier, da bin ich gewesen – Gott sei Dank! sage ich, daß es hinter mir liegt.«

Der Meier stand wieder einen Augenblick still, beobachtete den Redenden aufmerksam und fragte dann ruhig: »Wo waren Sie zuerst?«

Bodo berichtete den ersten und zweiten Besuch und erwähnte so ziemlich alles, was ihm dabei aufgestoßen war. Als er mit seiner Erzählung zu Ende gekommen, lachte der Meier bitter auf und sagte: »Ja, ja, so sind sie, ich erkenne sie aus Ihrer Schilderung vollkommen, in allem und jedem. Es ist ein merkwürdiger Schlag von Leuten. Sie richten ihr Eigentum zugrunde, um ihre vornehmen Gelüste zu befriedigen und einen süßen Kitzel zu empfinden, und sie würden die ganze Welt zugrunde richten, wenn das Eigentum derselben ihrer herrischen Willkür zu Gebote gestellt würde. Na, Sie wissen nun, was Sie von ihnen zu halten haben, und ich kann mir alle weiteren Bemerkungen darüber ersparen. Aber von der Grotenburg sprechen Sie ja nicht – wie gefiel es Ihnen da?«

»Darf ich offen reden, lieber Meier?«

»Wie es Ihnen ums Herz ist – ich stehe für mich.«

»Nun denn gerade herausgesagt – bis jetzt gefällt es mir ebenso wenig auf der Grotenburg als an den beiden andern Orten. Vielleicht kommt das Interesse noch,« setzte er lächelnd hinzu, »bis jetzt aber ist noch keins vorhanden.«

»Schließen Sie in diese Ihre Meinung auch die Tochter des Barons ein?«

»Ganz und gar, lieber Meier, und sie erst recht!«

»Aber wo bleibt der Wunsch Ihres Vaters?«

»Wahrscheinlich bei und mit ihm im Himmel.«

»Aber der erste August – wo bleibt der?«

»Der erste August? Er geht ruhig seines Weges, ihm folgt der zweite und dritte, wie alle Jahre. Aber Sie machen ein so bedenkliches Gesicht. Er kann mich doch nicht schrecken? Sie tun ja, als müßte ich Furcht vor ihm haben, wenn ich nicht als verlobter Bräutigam vor den Gerichtsmann träte?«

»Mein lieber Herr von Sellhausen,« sagte der Meier treuherzig, »so weit ich Sie kenne, fürchten Sie sich vor nichts, und darin haben Sie recht, ich würde es ebenso machen, so lange ich ein reines Gewissen habe. Ein Mann ist ein Mann, und ein solcher kennt nur die Erfüllung seiner Pflicht, das Recht, das Gesetz, den Mut und die Kraft, nicht aber die Furcht und am wenigsten den Schrecken. Dennoch aber wäre es mir angenehm gewesen, wenn der Wunsch Ihres Vaters mit Ihren Wünschen übereingestimmt hätte und alles noch vor uns Liegende dann glatt und eben verlaufen wäre. Natürlich sind Sie mit Ihrem letzten Entschluß darüber noch nicht aufs Reine gekommen? – Sie verzeihen diese seltsame offenherzige Frage, indessen – wenn ich auch Ihrem Vater an Eides Statt mein Wort gegeben habe, das Ihnen bis jetzt noch Verborgene vor der Zeit nicht zu enthüllen – so viel darf, kann und will ich Ihnen doch sagen – das ist mir nicht verboten – daß ich einer der vier Zeugen bin, die am ersten August mit bei der Testamentseröffnung, sollte sie sich notwendig erweisen, zugegen sein werden, und zwar der Zeuge, der von allen Vieren die obwaltenden Verhältnisse am genauesten kennt. Hier haben Sie also den Grund, warum ich ein so warmes Interesse an Ihrer Entschließung nehme.«

»Ich danke Ihnen für diese Mitteilung,« erwiderte Bodo ruhig, »und sehe keinen Grund, Ihnen dieselbe übel zu deuten. Also Sie sind einer der vier Zeugen? Ah, nun kann ich mir auch die drei anderen vorstellen. Haha! Doch – weg damit! Heute ist nicht der erste August und morgen auch nicht – da, betrachten Sie diesen Weizen – ist er nicht herrlich?«

»Herrlich, ja!« sagte der Meier, stehen bleibend und still nachsinnend. »Ja, der Weizen steht herrlich,« wiederholte er, »aber wir – wir standen eben bei den Grotenburgs.«

»Lassen Sie uns mit den Grotenburgs fertig sein, ich habe heute schon zu viel daran denken müssen. Der Alte war nämlich schon morgens acht Uhr bei mir und wollte mich mit Gewalt in sein Haus zum Essen schleppen. Um mich zu kirren, erklärte er mir das Wohlgefallen, was Frau und Tochter an mir gefunden, aber ich ließ mich nicht kirren und danke meinem Schöpfer dafür, denn sonst hätte ich nicht diesen Gang mit Ihnen machen und mein Herz frei sprechen können. O, ich habe einen bitterbösen Morgen gehabt und einen guten Nachmittag und Abend verdient.«

Der Meier lächelte bei diesen Worten still vor sich hin und nickte dann bedeutsam mit seinem ausdrucksvollen Kopfe. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen,« sagte er, »und werde es erwidern, wo ich kann. Ja, ja! Ich wußte es wohl, daß Sie in der Klemme sitzen, und daß sie immer enger und beklemmender wird, je näher der erste August heranrückt. Haha! Da haben wir den abscheulichen Tag schon wieder, aber nun soll es das letzte Mal – wenigstens heute – gewesen sein. – Jetzt habe ich aber noch eine andere Frage auf dem Herzen,« setzte er nach einer kleinen Pause, und wie es Bodo bedünken wollte, mit einem fast feierlichen Ernst hinzu.

»Lassen Sie mich dieselbe hören.«

»Frau Birkenfeld ist von ihrer Reise zurückgekehrt. Wären Sie neulich eine halbe Stunde länger bei mir geblieben, so dürfte die Bekanntschaft schon lange angeknüpft sein. So macht manchmal eine kleine halbe Stunde einen bedeutenden Unterschied aus.«

»Sie sagen das ja so feierlich! Ist denn diese Bekanntschaft so wichtig, daß Sie nochmals darauf zurückkommen?«

Der Meier zögerte mit der Antwort. »Ja!« sagte er dann fest und mit verständlichem Nachdruck.

»So. Nun, ich weiß schon, daß die alte Dame zurück ist. Bei den Baronen war davon die Rede, noch dazu in einer Weise, die mich empört hat.«

»Das kann ich mir denken. Ich kenne das. Aber nun zu Ihnen. Sie sind, wie es scheint, noch nicht auf der Cluus gewesen?«

»Nein, doch habe ich heute schon daran gedacht, bald hinzugehen.«

»Tun Sie es sobald wie möglich, ich bitte Sie darum. Zwar werden Sie vielleicht keinen rechten Genuß davon haben, aber – so weit ich darüber urteile, – kann es Ihnen noch weniger schaden. Sie werden bald finden, daß die alte Dame gewisse unbesiegliche Vorurteile hat, aber, glauben Sie mir, sie hat mehr Herz als sie selber weiß. Auch wundern Sie sich nicht, wenn Sie nicht liebevoll, ach nein, durchaus nicht liebevoll empfangen werden, aber alles in allem sind Sie ein Mann, der mir dazu angetan scheint, wenigstens einige ihrer Vorurteile zu erschüttern oder gar über den Haufen zu werfen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Das kann ich Ihnen nicht näher entwickeln. Sie müssen es selbst zu ergründen suchen. Seien Sie klug, aber fest, vorsichtig, aber gerade, nicht zu starr, aber männlich, und wenn Sie das alles sind, werden Sie nicht ohne Resultat von der alten Dame scheiden.«

»Was für ein Resultat meinen Sie?«

»Fragen Sie nicht, man hat nicht für alles eine Antwort. Gehen Sie hin, schauen Sie – und – handeln Sie – das ist die Hauptsache. Ein andermal sprechen wir mehr davon. Wann wollen Sie hingehen?«

Bodo überlegte einen Augenblick. »Morgen,« sagte er, »ja, morgen kann und soll es geschehen.«

»Wohl!« rief der Meier mit wunderbar zufriedenem Aufblick, »so gebe Ihnen Gott einen guten Tag – ich hoffe das Beste. Vielleicht gelingt es Ihnen, und Ihnen allein, die alte Feindschaft zwischen Ihrem Vater und der Witwe Birkenfeld in Vergessenheit zu bringen. – Doch nun zu etwas anderem. Meine Tochter geniert Sie doch nicht in Sellhausen?«

Bodo konnte den unerwarteten Übergang von einem so dunklen auf ein so klares Thema nicht so rasch bewältigen, wie der Meier, da derselbe ihn ganz unvorbereitet traf. Er schwieg daher einen Augenblick, dann aber erhob er sein Auge voll gegen seinen Begleiter, lächelte seltsam und sagte: »Genieren? Mich? Ihre Tochter? Wie kommen Sie zu der Frage?«

»Nun, es könnte doch sein. Ich höre, sie speist mit Ihnen und Sie behandeln sie ungemein freundlich. Dafür will ich Ihnen meinen Dank sagen. Es gefällt dem lieben Dinge auch recht gut bei der Tante und sie ist Ihnen für manche schöne Belehrung verpflichtet, die außer dem Bereiche der Küche liegt. Auch das erkenne ich dankbar an.«

»Danken Sie nicht zu viel, mein lieber Meier, auch ich bin Ihrer Tochter für manche Belehrung verpflichtet.«

»Wie soll ich das verstehen?«

Bodo erzählte die kleine Szene vom Tage vorher bei dem Spargelbeet, sowie das, was sich daran knüpfte.

Der Meier lachte herzlich. »Ja,« sagte er, »sie ist ein liebes Kind. Unter ihren Händen gedeiht alles, und sie hat Sinn und Verständnis für alles Gute und Schöne. Nichts geht ihr über die Beobachtung der Natur und dessen, was sich darin bewegt und regt. Darum ist sie auch selbst so natürlich geblieben.«

Bodo schwieg bei diesem Lobe des wahrlich nicht parteiisch eingenommenen Vaters, und diesen selbst schien dies Schweigen nicht zu verwundern. Sie kamen auch bald auf ein neues Thema und dabei – es betraf die Felder, die bevorstehende Ernte und was dazu gehört – blieben sie stehen, bis sie gegen Abend wieder auf dem Gute anlangten.

*

Es war ein so schöner und warmer Abend, daß die Frauen den Tisch im Garten hatten decken lassen, wohin man sich auch sogleich wieder begab, nachdem der Hausherr mit seinem Gast zurückgekehrt war.

»Ehe ich's vergesse,« sagte der Meier, kurz bevor man sich zu Tische setzte, und zog ein versiegeltes Paket aus der Tasche, »ich habe Ihnen auch Ihr Geld wieder mitgebracht. Hier haben Sie es, wie wir es versiegelt in meinen Schrank gelegt. Bitte aber dennoch, den Inhalt zu zählen.«

»Das habe ich ganz vergessen!« rief Bodo heiter, aber doch mit einiger Verlegenheit. »Sehen Sie da, wie wenig mein Sinn nach Geld und Geldeswert steht.«

»Das ist eine Eigenschaft, die man nicht häufig findet, Herr Legationsrat. Sie könnten es aber doch über lang oder kurz gebrauchen und so hielt ich es für geraten, es Ihnen mitzubringen.«

»Ich danke Ihnen auch recht herzlich dafür, aber ich hatte noch Geld genug von meiner Reise übrig behalten und hier auf dem Lande braucht man ja nichts.«

»Da sind Sie ein sehr glücklicher Mann,« scherzte der Meier, »ich gebe Geld genug aus und Ihre lieben Vettern, die Herren Barone, sind gewiß anderer Meinung darin, als Sie. – Aber wie, Sie stecken es uneröffnet in die Tasche? Wollen Sie es denn nicht zählen?«

Über Bodos Gesicht leuchtete ein freundlicher Schimmer herzlichsten Vertrauens und er schüttelte den Kopf, indem er sagte: »Nein, mein lieber Meier. Daß es richtig ist, habe ich im Gefühl, und darum wollen wir uns die schöne Zeit nicht mit Zählen töten. Hier aber haben Sie Ihren Schein – sehen Sie ihn an und nun seien Sie für Ihre Freundlichkeit bestens bedankt.«

Dabei nahm er aus seiner Brusttasche den darin aufbewahrten Schein und gab ihn dem Meier, der ihn gar nicht anblickte, sondern ihn gleich in kleine Stücke zerriß und diese dem Winde preisgab.

»Sie wollen es so und ich füge mich,« sagte er, »aber gehen Sie nicht mit allen Ihren Geldgeschäften so leichtfertig um, Sie könnten einmal an den unrechten Mann kommen, wie es mir auch schon ergangen ist.«

»Man muß seine Leute kennen,« antwortete der Legationsrat, »und damit sei die Sache abgemacht. – Nun, liebe Treuhold, haben Sie auch für ein gutes Glas Wein gesorgt? Wir sind durstig und haben einen tüchtigen Weg zurückgelegt.«

»Vom allerbesten, denke ich, Herr von Sellhausen. Ich habe von 34er Rheinwein genommen, den Ihr Herr Vater und der Meier so oft zusammen getrunken.«

»Ah, ich kenne ihn!« rief dieser. »Nun, Sie müssen noch einen guten Vorrat davon haben, so viel ich weiß.«

»Darum habe ich mich noch nicht bekümmert,« erwiderte Bodo ernst. »Was mir noch nicht ganz gehört, gehört mir gar nicht, und so habe ich nur wenig von dem angetastet, was mein Vater übrig gelassen hat. Nach dem ersten August, lieber Meier, – da haben Sie ihn nochmals – dann soll es geschehen, und wenn ich das Inventarium aufnehme, sollen Sie dabei sein – wie, wollen Sie?«

Der Meier lächelte trübe, gab aber seinen Beifall zu erkennen und reichte seinem jungen Freunde die Hand hin, die derselbe gefordert hatte. –

So war die Zeit zum Abendessen herangekommen und man speiste gemütlich, was die Frauen in reichlicher Fülle und zierlichster Anrichtung auf den Tisch bringen ließen. Fräulein Treuhold sowohl wie Gertrud waren dabei ganz erstaunt, den Legationsrat so munter wie sonst nie zu sehen, die harmloseste Freude sprach sich in seiner Miene, in seinen Worten, in seinem ganzen Wesen aus, und alles das nur, weil er, wie beide Frauen merkten, in dem Meier einen Menschen gefunden, der ihm behagte, den er in so kurzer Zeit liebgewonnen und dessen Freundschaft so viele trübe Stunden aufwog, die er wider seinen Willen im Kreise der teuren Vettern verbracht hatte.

So saß man bis zum späten Abend in der Laube, bei mildem Lampenschein und einem Glase Wein beisammen, plauderte und scherzte, bis endlich der Meier aufstand und sich zur Rückkehr nach seinem Gute anschickte.

»Soll ich Sie fahren lassen?« fragte Bodo.

»Bewahre! Mir tut das Gehen nach so reichlicher Tafel wohl und vielleicht begleiten Sie mich ein Stückchen?«

Gertrud hatte bei dieser Frage ihres Vaters ihr sanftes Auge forschend auf den Legationsrat gerichtet, offenbar gespannt, was er erwidern werde. Diesem entging so leicht kein Blick, der im Bereiche seiner Augen abgesandt ward, und so sagte er: »Gewiß, gehe ich mit Ihnen und vielleicht begleiten uns auch die Damen eine Strecke?«

Gertrud sprang sogleich von ihrem Stuhle auf und eilte ins Haus, sprach aber kein Wort; Fräulein Treuhold stimmte ebenfalls dem Spaziergange bei und wollte sich eben dazu rüsten, als Gertrud mit zwei Tüchern aus dem Hause zurückkehrte und mit strahlendem Antlitz das größere der Tante überreichte.

»So,« sagte diese, »du warest also schon darauf vorbereitet?«

»Dir zu dienen, liebe Tante, bin ich jeden Augenblick vorbereitet!« Mit diesen Worten hüllte sie die alte Dame in ihr Tuch ein, nahm ihr kleineres über den Arm, da es ihr noch zu warm war, und man trat den Weg nach dem Hofe an, über den man schreiten mußte, um auf das Feld zu gelangen, über welches der Weg nach der Chaussee führte.

Es war ein windstiller, überaus milder und lieblicher Sommerabend. Prachtvoll funkelten die Sterne am mattblauen Himmel und gossen ihr freundliches Licht über die mit reicher Frucht beladenen Fluren aus. Dabei war die Luft so würzig rein, daß man entzückt einen tiefen Atemzug nach dem andern tat, und die vier Personen schritten in heiterster Stimmung auf dem schmalen Fahrwege zwischen den Weiden dahin. Plaudernd und scherzend, wie man nach gutem Mahle an einem solchen Sommerabend und in froher Gesellschaft so gern zu tun pflegt.

Voran schritt Bodo und der Meier, so eifrig miteinander redend, daß einem oder dem andern alle Augenblicke die Zigarre ausging, was jedesmal einen kurzen Aufenthalt verursachte, da sie doch wieder in Brand gesetzt werden mußte. Hinter ihnen her, das Gehaben der Männer beobachtend und es zuweilen mit fröhlichen Scherzen bekrittelnd, gingen die Frauen, die Jüngere die Ältere am Arme führend. Als man aber die breite Chaussee erreicht, blieben die Männer stehen, erwarteten die Frauen und schritten nun neben ihnen her die Landstraße entlang, dem noch fernen Meierhofe zu.

Nach einer Viertelstunde langsamen Wandelns aber blieb der Meier stehen und sagte: »Bis hierher begleiten Sie mich nur, Herr Legationsrat; der alten Treuhold wird sonst der Rückweg zu weit. Leben Sie wohl, mein lieber junger Freund, denn so darf ich Sie ja wohl jetzt nennen. Der alte ist darum nicht vergessen, Sie sind nur an die bisher leere Stelle getreten, und dabei habe ich den größten Vorteil. Ich habe heute einen angenehmen und genußreichen Tag bei Ihnen verlebt und sage Ihnen meinen Dank für die freundliche Aufnahme. Die Worte, die wir heute nachmittag getauscht, sollen nicht in den Wind gesprochen sein. Sie verstehen mich. Wenn Sie morgen frühzeitig von der Cluus zurückkehren, sprechen Sie bei mir ein; sollte es wider Erwarten spät werden, so verlange ich das nicht, und Ihr Ausbleiben wird mir in diesem Falle sehr angenehm sein. – Und nun, Gertrud, gehst du mit mir oder wieder mit der Tante zurück?«

Gertrud reichte ihm kindlich zärtlich die Hand und sagte aufrichtig: »Wenn du mich entbehren kannst, Väterchen, gehe ich diesmal noch mit der Tante; mein Kursus ist noch nicht zu Ende, und ich habe noch vieles zu lernen.«

Der Meier lachte, küßte sein Kind herzlich und rief: »Dann Gott befohlen! Man muß beim Scheiden nicht viele Worte machen; beim Wiedersehen spricht es sich leichter. Gute Nacht, meine alte Treuhold, und noch einmal gute Nacht, Herr von Sellhausen!«

Gleich darauf hatte man sich getrennt. Der Meier ging mit festem, gemessenem Schritt seinem Hofe zu, und die drei andern traten den Rückweg nach dem Gute an, anfangs schweigend, denn jedes mochte über die zuletzt verlebten Stunden etwas zu denken haben.

Endlich aber unterbrach die alte Treuhold zuerst die lange Pause. »Ich hörte vorher mit Erstaunen,« sagte sie, »daß Sie morgen nach der Cluus wollen, Herr Legationsrat. Ist dem so?«

»Ja, Liebe, der Meier hat mich an meine Pflicht erinnert, und der will ich nun nachkommen.«

»So, so,« sagte die Alte leise. »Na, dann gebe Gott seinen Segen!«

»Den gibt er immer, wenn man ihn nur zu bemerken vermag. – Aber Sie ächzen und stöhnen ja so seltsam? Wird Ihnen das Gehen so schwer? Wollen Sie sich vielleicht meines Armes bedienen?«

»Ja, lieber Herr, geben Sie ihn mir her, ich bitte darum; ich bin wirklich nicht mehr an das weite Gehen gewöhnt, wie es scheint.«

Bodo reichte der alten Dame seinen linken Arm, und dann warf er einen fragenden Blick auf die neben der Tante gehende Gertrud, die bescheiden auf der anderen Seite geblieben war. »Darf ich Ihnen meinen rechten Arm anbieten, Fräulein Gertrud?« fragte er, »denn ich bin wie alle Adamskinder mit zwei Armen zur Welt gekommen.«

Gertrud zierte sich nicht, sie kam schnell auf die andere Seite, legte ihren weichen runden Arm leicht in den des jungen Mannes, und nun schritten sie dicht nebeneinander und so langsam wie möglich wieder schweigend die Chaussee zurück.

Während die beiden Frauen auf diesem Gange ihre Augen mehr zur Erde gesenkt hielten, richtete Bodo die seinigen fast nur zu dem sternenbesäeten Himmel empor. Er fühlte sich glücklich und zufrieden wie lange nicht, obwohl er sich selbst wohl kaum die wahre Ursache davon eingestehen mochte. Das Landleben hatte an diesem Tage, der so verhängnisvoll begonnen, einen neuen Reiz für ihn gewonnen, er fühlte sich plötzlich ungemein heimisch auf seiner Scholle, und er hätte sie in diesem Augenblick gewiß nicht mit den größten Gütern der Welt vertauscht.

Plötzlich unterbrach er das herrschende Schweigen, blieb einen Augenblick stehen und sagte mit tiefernster und doch weicher Stimme: »Sehen Sie den Sternenhimmel da obenan – ist es nicht eine wahre Pracht? Wenn uns seine Geheimnisse doch ganz erschlossen werden könnten! Doch das bleibt ewig ein frommer Wunsch, und niemand wird ihn je erfüllen können!«

»Das muß auch so sein,« wagte Gertrud leise zu sagen. »Es muß etwas Unbegreifliches, Rätselhaftes, ewig Verschlossenes auf und über der Erde geben, um unsern Sinn, wenn es nottut, und wie oft tut es das, zu erheben, unsern Glauben zu spornen und unsere Hoffnung, über alle Erdensorgen hinweg, siegreich himmelwärts flattern zu lassen.«

»O, wie sehr haben Sie recht!« erwiderte Bodo beinahe liebevoll. »Ja, so ist es, so muß es sein. Und darum kann ich es auch wohl begreifen, warum der Mensch es von jeher geliebt hat, sein irdisches Schicksal dem himmlischen Firmamente anzuvertrauen und seine Laufbahn hier unten mit dem Willen eines höheren Wesens da oben in Verbindung zu setzen. Wir lieben es alle, mehr oder weniger bewußt, das eigene Glück von dem Rätselhaften und Unbegreiflichen über den Sternen abhängig zu machen. Warum auch nicht? Auf Erden kann uns niemand vorher verkünden, was uns bevorsteht, und so bleibt uns nur der Himmel übrig, um die jedem Sterblichen bedeutungsvolle Frage an ihn zu richten: Wie wird es künftig mit mir sein?«

»Aber leider antwortet uns der Himmel nicht oft,« erwiderte Gertrud mit sinnigem Wesen, und das schöne Auge, wie ihr Begleiter vorher, dem strahlenden Firmamente zuwendend.

Bodo schwieg einen Augenblick, dann sagte er warm: »Sie haben recht: der Himmel antwortet nicht immer, bisweilen aber doch.«

»Wie verstehen Sie das?«

»Nun, es kommt darauf an,« versetzte Bodo lächelnd, »ob der Mensch den rechten Himmel fragt – und fragt er den rechten, so antwortet er ihm oft.«

»Gibt es denn zwei oder mehrere Himmel?« fragte Gertrud, nun auch lächelnd und dabei das rosige Gesicht ihrem Begleiter zukehrend, der die ruhige, klare Schönheit desselben trotz der Dunkelheit wie von einem magischen Lichte umflossen zu bemerken glaubte. Er senkte seinen dunklen Blick in die beiden blauen Augen, die ihn jetzt freundlich fragend anschauten, und er hätte wohl eine Antwort auf diese Frage gehabt, aber er sprach sie nicht aus, sondern verschloß sie fest in sein Inneres, wo schon so manche gedachte und noch unausgesprochene Antwort verborgen lag.

»Nun, Sie antworten ja nicht?« fragte Fräulein Treuhold mit einiger Neugierde. »Ein guter Lehrer muß auf alle Fragen seiner Schüler eine passende Antwort haben.«

»Ich will sie auch nicht schuldig bleiben,« erwiderte Bodo mit einiger Befangenheit, »nur müssen meine Schüler Geduld haben. Es kommt vielleicht eine Zeit, wo ich noch rätselhaftere Fragen beantworten kann.«

»Weiß es der Himmel!« dachte Fräulein Treuhold, während alle drei rüstig weiterschritten, Lehrer und Schülerin aber anhaltend schwiegen. »Nun predigt der auch schon Geduld! Was das für geduldige Seelen sind! Am liebsten wüßte ich immer gleich alles auf der Stelle, und diese beiden verschieben stets das Interessanteste auf die Zukunft!«

»Wissen Sie, wie Sie in diesem Augenblick aussehen?« scherzte Bodo, sich zu der nachdenklichen Treuhold wendend.

»Nun, wie denn?«

»Wie eine Person, die durch den Wolkenschleier da oben dringen und den lieben Gott selbst fragen möchte: Wie wird unsere Zukunft beschaffen sein?«

»Wahrhaftig? Seh' ich so aus? Na, es ist nicht das erste Mal, daß Sie das Richtige getroffen haben, denn daran dachte ich eben wirklich!«

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