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Der grüne Pelz. Zweiter Band

Philipp Galen: Der grüne Pelz. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorPhilipp Galen
titleDer grüne Pelz. Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170822
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Neuntes Kapitel.
»Boas! Schließ' den Garten auf!«

»Ja, ich bin auf Sellhausen geboren, so viel ich wenigstens weiß, und der schön geschlängelte Fluß, den Sie da vor Ihrem Fenster blitzen sehen, die roten Felsen, auf denen auch Ihr Haus gegründet ist, und die blauen Berge in der Ferne da drüben, die unser gesegnetes Vaterland umkränzen, waren mit die ersten Gegenstände, auf die mein kindliches Auge fiel, als ihm der göttliche Sinn des Gesichts aufging. Nicht so glücklich war es in bezug auf die Frau selbst, die mir das Leben gegeben. Meine Mutter starb kurze Zeit nach meiner Geburt, und ich gehöre also auch zu den armen Kindern, deren Leben mit einem vielleicht kostbareren bezahlt werden mußte.«

Frau Birkenfeld, die ihr Strickzeug leise in Bewegung gesetzt, ließ bei diesen Worten eine etwas zweifelhafte Miene wahrnehmen, schüttelte kaum merklich mit dem Kopfe und sah in einer Weise zum Fenster hinaus, als könne sie diesem letzteren Ausspruche nicht unbedingt beistimmen. Bodo bemerkte es wohl, aber ließ sich dadurch nicht beirren, und fuhr ruhig zu sprechen fort:

»Wer mich in meiner ersten Jugend pflegte, weiß ich nicht, ich glaube aber, es war eine Bäuerin aus Allerdissen. Mein Selbstbewußtsein, ich erinnere mich des Tages genau, erwachte in meinem sechsten Lebensjahre, am Weihnachtstage, als der Pfarrer aus Breitingen bei meinem Vater zum Besuch war und mir ein Bilderbuch schenkte. Als ich die Abbildungen darin gesehen, die sämtlich Gegenstände aus der Naturgeschichte und Werke der Menschenhand und des Menschengeistes betrafen, konnte ich vor Freude die ganze Nacht nicht schlafen, und ich ruhte ferner nicht eher, als bis ich auch die Buchstaben darin lesen und den Geist derselben verstehen konnte, was allerdings eine Zeit wegnahm, meinen Geist selbst aber schnell nach verschiedenen Richtungen entwickelte. Lesen, schreiben und rechnen zu können, war jetzt meine ganze Lebensaufgabe geworden, und ich zeigte dabei einen Fleiß, der meinen Vater, wie er mir später oft gesagt, in Verwunderung setzte.«

Die alte Frau lächelte bei diesen Worten verstohlen vor sich hin, seufzte aber nichtsdestoweniger von Zeit zu Zeit leise dabei auf.

»Jenen ersten Unterricht in den Anfangsgründen menschlichen Wissens erteilte mir mein Vater selbst, wobei sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet blieb, aus mir einen brauchbaren Landwirt zu machen, wozu er mich von Anfang an bestimmt hatte. Allein dazu spürte ich nicht die geringste Lust in mir, mein innerer Trieb, mein ganzes Sehnen und Trachten ging vielmehr dahin, alles Mögliche zu lernen, zu sehen und zu verstehen, weshalb mir auch der Besuch des benachbarten Pfarrers, der mich in dieser Richtung bestärkte, immer ein Festtag war. Seiner Einwirkung auf meinen Vater, den mein Wissensdrang mit Unruhe erfüllte, habe ich es auch zu verdanken, daß ich zu ihm in das Pfarrhaus gesandt und darin zur weiteren Erziehung und zur Entwicklung meines Geistes einige Jahre belassen wurde.

Das Pfarrhaus zu Breitingen nun schloß damals meine ganze Sehnsucht und Seligkeit ein. Es gab reichlichen Unterricht, Unterweisung nach allen Seiten und Bücher in Fülle, die ich mit wahrem Heißhunger verschlang. Vor allen Dingen aber lernte ich die so wohltätig auf das jugendliche Gemüt einwirkende Frauenhand, das Frauenherz und Gemüt kennen, und meine kleine Seele jauchzte vor Entzücken auf, wenn ich in die blauen Augen der guten Pfarrerin sehen konnte, die wie eine Mutter über mich wachte und mir auf jede Weise den so früh erlittenen Verlust zu ersetzen trachtete.

Doch, ich darf Sie nicht langweilen und muß schneller in der Beschreibung meiner Jugend vorwärts eilen,« fuhr er fort, als er bemerkte, daß seine Zuhörerin unruhig hin und her rückte. »Mit großer Mühe und eiserner Beharrlichkeit setzte es der Pfarrer durch, daß mein Vater von seinem früheren Plane, mich nur die geringen Kenntnisse eines gewöhnlichen Landwirts damaliger Zeit erwerben zu lassen, abging und mich auf die Gelehrtenschule Pforta schickte. Schulpforta hat viele bedeutende Männer in seinen Mauern sich entwickeln und bilden sehen, einen fleißigeren Schüler als mich aber mag es wohl selten daselbst gegeben haben. Ich faßte alle Disziplinen rasch und begierig auf, lernte im Spielen und studierte Tag und Nacht außerdem die neueren Sprachen, worin mir meine Lehrer nebenbei noch Unterricht erteilten. So war ich schon mit siebzehn Jahren zur Universität reif, die ich, infolge der fortgesetzten Bemühungen des befreundeten Pfarrers in der Heimat, und dank einer einflußreichen Verwendung von außen her, deren ich noch genauer gedenken werde, beziehen durfte, wozu sich mein Vater nur ungern entschloß und wodurch ich ihm, glaube ich, früher entfremdet wurde, als es geschehen sein würde, wenn ich seinem Wunsche gefolgt und ein einfacher Landmann geworden wäre.«

Bei diesen Worten schaute Frau Birkenfeld lebhaft auf, als hätten sie ein großes Interesse für sie. Als sie aber dabei auf Bodos leuchtende Augen traf, die sie unverwandt festhielten, wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu und nickte nur von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe, als wollte sie sagen: »Fahren Sie fort, ich höre ganz gern zu!«

»Über meinen Aufenthalt in Pforta hätte ich nun nichts weiter zu sagen,« fuhr Bodo fort, »wenn ich nicht daselbst eine Bekanntschaft gemacht, die meinem ferneren Leben seine ganze Gestalt und Richtung gegeben, und die ich also, wenn ich meinen Lebenszweck verfehlt, beklagen muß, obgleich ich ihr alle die reichen Erfahrungen verdanke, die ich im Leben selbst gesammelt habe.«

»Was war das für eine Bekanntschaft?« fragte Frau Birkenfeld etwas neugierig.

»Das war die des jungen Grafen Lerchenstein aus M..., der auch ein Zögling von Pforta war und sich mit großer Neigung an mich anschloß. Ich mußte ihn während der Ferien sogar zu seinen Eltern begleiten, und hierdurch gelangte ich in Kreise, die meinem eigentlichen Empfinden und Denken sehr wenig zusagten.«

»Warum nicht?« fragte die alte Frau mit blitzendem Auge.

»Sie sollen es sogleich hören. Ich weiß nicht, wie es kam: als ich den Glanz und den Überfluß, den Prunk und das sogenannte vornehme Treiben in der Familie meines Freundes in der ausländischen Hauptstadt sah, suchte mich ein eigentümliches Gefühl heim. Es war mir zu Mute, als sei ich nur durch einen blinden Zufall, durch einen unerklärlichen Irrtum in diese Zirkel versetzt und als gehörte ich eigentlich ganz wo anders hin.«

Frau Birkenfeld stöhnte ganz laut auf, ließ ihre Arbeit sinken und starrte den Redenden, der ruhig und gelassen blieb, auf eine seltsame Weise an.

»Ja,« fuhr er fort, »so war mir zu Mute. Der mich umgebende Glanz blendete wohl einen Augenblick mein jugendliches Auge, aber mein Herz ließ er kalt und ich wendete mich sogar täglich, stündlich weiter von ihm ab. Dieses Gefühl hat sich später, als ich erst die Ursachen dieser auffallenden Wirkung kennen lernte, immer mehr in mir verstärkt und ich habe mich eigentlich nie in den höheren Regionen zu Hause gefühlt, in denen ich doch noch bis vor kurzer Zeit mein Leben zu verbringen genötigt war. Denn in diesen Regionen weht eine kalte, weniger den Leib, als die Seele und das Herz erkältende Luft. Man muß unter ihren Einflüssen geboren sein, wenn man sich darin behaglich fühlen will, wie nur der Fisch im Wasser, der Vogel in der Luft und der Hirsch im grünen Walde sich wohl befindet. Mir war jenes kalte, höfische, glatte und im ganzen überaus langweilige Element – ich möchte es das der Masken und der Spiegelfechterei nennen – von Anfang an fremd, und so ist es mir geblieben bis zuletzt, obwohl ich mich oft heimisch darin zu machen versuchte und deshalb oft meinem gepreßten Herzen Zwang angetan habe.«

»Darin taten Sie unrecht!« warf Frau Birkenfeld hastig ein.

»Ja, indessen, ich kannte mein Unrecht, und so lebte ich nur äußerlich, niemals aber, niemals innerlich darin fort. Mir hat die Natur ganz andere Ansichten, Neigungen und Wünsche gegeben; ich liebe bei weitem mehr das Leben selbst, als den Schein des Lebens. In jenen Kreisen aber gab es fast nur Schein und keine Wahrheit, mehr Schimmer und Glanz als wirklich reellen Wert, mehr Form als Gehalt, und dafür hat mich die gute Natur einmal nicht bestimmt.«

Frau Birkenfeld lehnte sich so weit in ihren Sessel zurück als es ging, holte tief Atem, als sauge sie eine süße Luft ein und sagte: »Na, das freut mich. Das ist eine vernünftige Idee!«

Bodo ließ sich dadurch nicht stören, sondern fuhr ruhig fort: »Mein junger Freund in Pforta, der Grafensohn, war im Grunde ein guter, aber geistig nur wenig begabter Mensch, dennoch war er von Kindesbeinen an, schon durch seine Geburt und den Einfluß seines Vaters, zu einer bedeutenden Lebensstellung und zu großen Ehren erkoren. Er schwang sich nicht durch eigene Kraft in diese Stellung hinein, nein, er ward fast hineingestoßen, alles war schon für ihn vorbereitet, fertig, noch ehe er geboren war; der weichste Stuhl stand überall für ihn bereit, wenn er sich setzen wollte, und der Hände gab es genug, die ihn trugen, um ihn an die rechte Stelle zu rücken. Er sah das selbst ein und fühlte seine persönliche Schwäche. Er brauchte oft eine Stütze, eine Hilfe, und dazu – war ich gut und stark genug. Er stützte sich fest auf mich und ich half ihm redlich. Ich habe von Jugend an tüchtig für ihn gearbeitet und zum Dank nahm er mich ans Schlepptau seines stets mit frischem Winde segelnden Lebensschiffes und ich ward allmählich mit ihm und durch ihn ein kleiner Mann, wie er ein großer wurde.«

»Aber das ist ja schändlich!« warf Frau Birkenfeld fast vorwurfsvoll ein.

»Was wollen Sie?« fuhr er fort. »Das ist ja im Leben immer und überall so, was hätte ich also für mich voraushaben sollen? Nein, ich am allerwenigsten, denn ich habe niemals Ansprüche gemacht, an nichts, an niemanden, und so bin ich bis heute geblieben und habe mich eigentlich in nichts verändert, als daß ich größer, älter und – verzeihen Sie – auch etwas klüger geworden bin.

Genug, Frau Birkenfeld, durch die Vermittelung des mächtigen Vaters meines Freundes wurde ich, da sich mein Freund nicht von mir trennen wollte und meiner Hilfe auch ferner zu bedürfen glaubte, nach Vollendung unserer akademischen Studien in die diplomatische Karriere gebracht und, ich muß sagen, im Anfang segelte ich ganz flott mit gutem Winde und war mit meiner Fahrt zufrieden. Ich kam zuerst nach Berlin und Wien, sah viel von der sogenannten großen Welt, lernte eine Menge Menschen kennen, bereicherte die Vorräte meines Geistes und – fand sehr bald, daß man auch als Diplomat sein Herz für sich behalten und bewahren könne, daß man sich nicht gemein zu machen brauche, wenn andere sich gemein machten, selbst wenn man Tag und Nacht, Jahre hindurch, unter ihnen und mit ihnen lebt. Mit einem Wort, ich blieb trotz aller Schwindeleien und Intriguen der hohen Welt, der einfache Sohn meines einfachen Vaters – nun? Ist Ihnen unwohl geworden?«

Frau Birkenfeld hatte einen kleinen Schrei ausgestoßen, als habe sie irgend eine unsichtbare Nadel gestochen. Sie faßte sich jedoch schnell wieder, wandte sich mit erzwungener Ruhe zu Bodo, griff aber wiederholt zu ihrem Taschentuche, als fühlte sie das Bedürfnis, sich öfters zu schnäuzen.

»Nein, nein,« sagte sie rasch, »das sind alte Stiche, die mich oft heimsuchen, aber sie bedeuten nichts. Fahren Sie schnell fort, Ihre Geschichte ist lehrreicher, als ich dachte.«

»In Wien blieb ich für ein Jahr und wurde dann nach Frankreich in die Kapitale der modernen Zivilisation versetzt. O, welche traurigen Erfahrungen machte ich da! Allerdings trieb man es im allgemeinen nicht viel anders, als in dem lieben Deutschland, nur drängte und wütete man unverschämter, heftiger auf einander los. Mit den süßesten Worten und den liebevollsten Blicken gibt man sich dort Rippenstöße, die bis ins Herz dringen, und je tiefer die moralische und physische Niederlage ist, die man »seinem Freunde« bereitet, um so lauter frohlockt und triumphiert man. Ach, dies leidige Jagen nach dem steilen und doch so abschüssigen Gipfel hin ist ja überall zu Hause, selbst an dem kleinsten Hofe, im winzigsten Staate, überall sucht einer den anderen zu verjagen, niederzutreten und sich an seine Stelle zu setzen, als wäre der Tod des einen erst das rechte Leben des andern.

Doch ich will keine Reflexionen anstellen, sondern erzählen. – Mein Avancement schritt langsam vor, während mein Freund auf unsichtbaren Flügeln emporgehoben und weiter getragen wurde. Er fühlte sich jetzt durch mich und die Wunderkraft der höheren Welt hinreichend erstarkt und trat seinen Weg ferner allein an, während ich auf meinen mir großmütig zugeworfenen Krücken langsam nachhinkte. Indessen kam ich doch allmählich vorwärts, sah London, Turin, Konstantinopel und wurde zuletzt nach Athen gesandt, um eine überaus verwickelte und halb verlorene Sache halten und flicken zu helfen, so lange es ging.

Ich will kein Wort über meine Mühen und Anstrengungen der verschiedensten Art verlieren; man ist ja auf der Welt, um zu arbeiten – ja, zu arbeiten, sage ich – Sie sehen mich so groß dabei an – und ich arbeitete wacker, selbst gegen den Strom, mit beiden Armen, mit Kopf und mit Hand – nur nicht mit dem Herzen, denn mein Herz war immer noch mein, mir allein gehörig geblieben; und ich habe es schließlich aus dem Wust des Lebens gerettet und glücklich ganz und heil mit nach Hause gebracht. O! – Aber diese ewige Arbeit ohne innere Befriedigung, dieser unablässige Kampf ohne wahre Ehre und möglichen Sieg ermüdete endlich auch meinen willfährigen Geist. Es zog ein mir bisher unbekannter Drang nach Ruhe und Frieden in meine Brust ein und damit zugleich entwickelte sich allmählich die Sehnsucht nach meiner Heimat, dem stillen Vaterhause. Wie aus langem Schlummer erwacht, wurden Wünsche in mir rege, Menschen zu sehen, zu gewinnen, zu besitzen, die mir wirklich nahe ständen, und die Erkenntnis brach sich Bahn, daß mein bisheriges Leben vielleicht nicht in dem richtigen, für mich gezogenen Geleise verlaufen. Da tauchten denn mit einem Male vor meinen entschleierten Augen in der Ferne das Glück und Behagen eines friedlichen Stillebens auf: der innere Trieb, meine verworrenen Gedanken zu sammeln, in kleinem Kreise für andere wirklich Gutes zu wirken, Erreichbares zu erstreben und endlich auch zur eigenen inneren Zufriedenheit zu gelangen, die jedes Menschen, der es ehrlich mit sich meint, recht eigentliches Ziel ist, wurde von Stunde zu Stunde brennender. – Da haben Sie also schon meine Liebe zur Einsamkeit und die Möglichkeit der inneren Zufriedenheit dabei!« fügte er lächelnd hinzu, indem er auf die vorher von Frau Birkenfeld gesprochenen Worte hindeutete.

»Ja freilich,« sagte sie nachdenklich, »aber der stille Kummer fehlt noch!«

»O, der sollte auch nicht ausbleiben, und zu ihm komme ich jetzt bald, Frau Birkenfeld.«

»Nun, fahren Sie nur fort, Sie haben mich neugierig gemacht.«

»Ich gab meinem Vater Kenntnis von der Umwandlung oder, wenn Sie lieber wollen, von der endlichen Entwicklung meiner Ansichten vom Leben, und sprach den Wunsch aus, nach Hause zurückzukehren und unter seinen Augen, mit seiner Beihilfe ein einfacher Landwirt zu werden. Er billigte diesen Wunsch und von nun an nahm meine Sehnsucht nach Ruhe und Frieden mit aller Welt auf eine erstaunliche Weise von Tag zu Tag zu.

Ich nahm meinen Abschied, den man mir nur mit Widerstreben erteilte. Ich wollte zu meinem Vater eilen, zu dem mich ein seltsamer, unerklärlicher Drang trieb, allein – Gott ließ mir die Erfüllung dieses Wunsches nicht zuteil werden – er nahm meinen Vater früher zu sich, als ich ihn erreichen konnte, und so kam ich nach Sellhausen, nur um an seinem Grabhügel zu stehen, über die Gebrechlichkeit, die Irrtümer und die vergeblichen Hoffnungen alles Irdischen nachzudenken und dabei mit dem nur einzig übrig gebliebenen Troste zu mir zu sprechen: Was Gott tut, das ist wohlgetan!«

Bodo schwieg nach diesen Worten eine Weile, teils um frischen Atem zu schöpfen, teils um seine Zuhörerin zu beobachten, die bei seinen letzten Worten in ihrer Haltung und in ihrem teilnahmvoll blickenden Gesichte eine sichtliche Rührung verraten hatte. Nachdem aber Bodo wenige Minuten geschwiegen, nickte sie beistimmend mit dem ehrwürdigen Kopfe und wiederholte halblaut, wie zu sich selbst sprechend: »Ja, ja, es muß wohl sein! Sie haben recht. Was Gott tut, das ist wohlgetan, und der Mensch – doch halt!« unterbrach sie sich plötzlich, richtete sich wieder straff in die Höhe und fuhr gelassen fort: »Wir wollen uns nicht gegenseitig rühren, das nützt zu nichts und man kann seine Zeit besser verwenden, als nur zu stöhnen und zu seufzen. Vorwärts also! Sie kamen nun nach Sellhausen, um die schöne Erbschaft Ihres Vaters in Empfang zu nehmen, nicht wahr? Erzählen Sie mir das recht umständlich, ich habe eine gewisse Sympathie dafür und bin sehr begierig – Ihren stillen Kummer kennen zu lernen.«

Bodo lächelte fast schmerzlich bei diesen Worten, schüttelte auf eigentümliche Weise sanft den dunklen Kopf und sagte: »Ja, ja, ich kam nach Sellhausen, aber die Erbschaft habe ich darum noch nicht angetreten.«

»Wie?« fuhr die alte Frau seltsam heftig auf, als habe sie diese Eröffnung schon lange erwartet. » Noch nicht? Was hindert Sie denn daran?«

»Mein Vater hat mir einen kleinen Riegel vor die Tür geschoben, hinter welcher diese Erbschaft verwahrt wird. Am ersten Abend, als ich auf Sellhausen eingetroffen war, überreichte mir die gute Treuhold einen Brief von ihm. Er enthielt seine Abschiedsworte an mich und – einen Wunsch, den ich, als seinen letzten, wohl zu beachten hatte.«

Die Gestalt der kleinen Frau richtete sich hoch auf, ihr Kopf drehte sich fast drohend nach dem Sprechenden hin und ihre Augen schauten ihn, selbst durch die blaue Brille erkennbar, mit zornigem Funkeln an. »Sprechen Sie,« stieß sie kurz und heftig hervor, » mir können Sie alles sagen.«

»O, ich bin auch nicht geneigt, Ihnen irgend etwas zu verbergen. Genug, mein Vater übergibt mir in jenem Briefe Haus und Hof, seine ganze Hinterlassenschaft, jedoch nur – unter einer Bedingung, Frau Birkenfeld.«

»Hahaha!« lachte die alte Frau laut auf. »Eine Bedingung? Also wirklich? Er stellte Ihnen Bedingungen?«

»Ja, er stellte sie mir – ein Vater hat ja das Recht dazu – und zwar die – daß – daß« –

Er schwieg. Es wollte nicht über seine Lippen, was er jetzt sprechen sollte, sein Herz empörte sich gleichsam dagegen. Da änderte sich zu seiner höchsten Verwunderung die ganze Szene, denn Frau Birkenfeld nahm plötzlich ihre Brille ab, legte sie vor sich auf den Tisch und sah ihn zum ersten Mal mit ihren natürlichen, wunderbar klaren Augen an, in denen überdies ein Geist, eine Fülle von Kraft und eine durchdringende Klugheit lag, die Bodo bis jetzt noch nicht darin entdeckt hatte.

»Bah!« rief sie mit einem ganz anderen und viel natürlicheren Tone, »nehmen wir vor einander die Masken ab. Da haben Sie mein Gesicht und nun zeigen Sie mir auch Ihr Herz ganz und klar. Sind wir so weit mit einander gekommen, können wir auch noch weiter kommen. Die Bedingung Ihres Vaters kenne ich, Sie brauchen sich also nicht zu scheuen, sie mir zu offenbaren. Mit einem Wort: Sie sind der einzige und alleinige Erbe, wenn Sie die Tochter des Barons von Grotenburg heiraten, nicht wahr?«

»Mein Gott,« rief Bodo aufspringend, sich an den Nähtisch dicht vor die kleine Frau stellend und sie mit höchstem Interesse aus nächster Nähe betrachtend, »Sie wissen das auch? Weiß denn die ganze Welt, was mein Vater über mich zu beschließen für sein Recht gehalten hat?«

»Still, still, Herr, ereifern Sie sich nicht. Ich kann das wissen, mir schadet das so wenig wie Ihnen, und entnehmen Sie also daraus, daß Sie keine Geheimnisse vor mir zu haben brauchen. Ich weiß mehr als viele andere zusammengenommen, aber ich verrate auch nichts, was ich nicht verraten darf.«

»Gut,« erwiderte Bodo, auf der Stelle seine vollkommene Ruhe wieder gewinnend, »also Sie wissen das! Nun, ich bin auch damit zufrieden. Ja, diese Bedingung hat mir mein Vater gestellt.«

»Und Sie werden sie eingehen?« fragte die alte Dame mit herausfordernder Kühnheit, wobei es Bodo bedünken wollte, als ob sie plötzlich ein ganz anderes Wesen hervorgekehrt hätte und mehr herrisch und gebieterisch aufträte, wo sie vorher nur aufmerksam und erwartungsvoll gewesen war.

»Das wird die Zukunft lehren,« erwiderte er vorsichtig und unwillkürlich lächelnd, als er das lauernd gespannte Auge der alten Frau regungslos auf sich gerichtet sah.

»Nichts von Zukunft, nichts von Zukunft!« rief sie heftig. »Ich will Ihre Entscheidung – auf der Stelle!«

»Auf der Stelle?« fragte Bodo gedehnt. »Da sind Sie also noch unerbittlicher als der Wille meines Vaters, der mir doch wenigstens sechs Monate Zeit dazu ließ. Doch ich verstehe Sie wirklich nicht recht – Sie meinen doch wohl nur die Entscheidung, die ich bis jetzt gefaßt habe, nicht wahr? Denn erst am ersten August brauche ich mich vor Gericht zu entscheiden und dann wird von meinem Ausspruch abhängen, ob ich der einzige und alleinige Erbe meines Vaters bin oder ob sein Testament in Kraft tritt, das nur dann eröffnet werden soll, wenn ich seinen Wunsch in betreff jener Verbindung nicht erfülle.«

»So, so,« sagte die Alte. »O, Sie sind schlau. Doch hören Sie – ich will mich kurz fassen und aufrichtig sein. Es liegt mir viel daran, daß dieses Testament Ihres Vaters nicht eröffnet werde, sehr viel – verstehen Sie? Und doch, und doch möchte ich es lieber eröffnet sehen, als dass Sie seinen Wunsch erfüllten. Ehrlich gesprochen, finde ich eine solche Handlungsweise von seiten Ihres Vaters unverantwortlich oder, gerade heraus gesagt, schlecht. Ich bin überhaupt keine Freundin von solchen aus gemeinhin verwerflichen Gründen gekuppelten und gedrechselten Ehen, man darf mit einer so heiligen, so wichtigen, so ins ganze menschliche Leben tief eingreifenden Sache nicht so leicht umgehen, nicht spielen und man soll vor allen Dingen keines Menschen Neigung in Fesseln legen – Ihr Vater hätte das also auch nicht tun dürfen, nicht tun müssen. Doch es ist einmal geschehen und – wie die Sachen liegen, sind nur zwei Punkte ins Auge zu fassen und das wollen wir jetzt tun. Erstens also, Sie heiraten Klotilde von Grotenburg und dann sind Sie Ihres Vaters unbestrittener Erbe, nicht wahr?«

»Ja, so ist es!« erwiderte Bodo mit trübem Ernste.

»Oder zweitens, Sie erklären: ich heirate sie nicht – und dann, was dann?«

»Dann wird das Testament eröffnet und vor Zeugen verlesen.«

»Bah! Und wenn er Sie dann enterbt, der gute Vater, und Ihnen nichts von den geträumten Schätzen läßt?«

»Nun, mein Gott,« sagte Bodo mit ernster Miene und fester Stimme, indem er von seinem Stuhle aufstand, »das werden Sie doch in bezug auf meine Person für keinen so großen Verlust halten, dass ich darüber klagen sollte?«

»Ah!« rief die kleine Frau, sprang von ihrem Platze auf und trat dicht an den großen, vor ihr stehenden Mann heran – »das habe ich von Ihnen zu hören erwartet. Da, geben Sie mir Ihre Hand. Sie können nichts für die Handlungsweise Ihres Vaters, so viel sehe ich ein. So. Jetzt erst heiße ich Sie bei mir willkommen. Sie sind ein Mann, wie ich die Männer liebe. Ich kenne Sie jetzt. Nein, Sie haben recht, zu klagen gibt es da nichts, wenn man ein zweifelhaftes, an so albernen Bedingungen gebundenes Vermögen verliert. Aber was würden Sie anfangen, wenn Sie nun nichts, gar nichts erhielten?«

Bodo lächelte auf eine ihm eigentümliche Weise, streckte seine beiden Hände vor, deutete dann damit auf den Kopf und sagte ruhig: »Arbeiten würde ich – hier sind die Werkzeuge dazu!«

Die alte Frau schien über diese Antwort entzückt zu sein. Sie wollte etwas anderes sagen, doch plötzlich besann sie sich und sagte, noch immer dicht vor ihm stehen bleibend: »Doch nein, so weit sind wir ja noch nicht. Es ist ja noch nicht der erste August und Sie können ja bis jetzt nur von Ihrer Entscheidung bis zu diesem Augenblick sprechen. – Sie sind bei den Herren Baronen gewesen, nicht wahr?«

»Ja, ich bin bei ihnen gewesen,« bestätigte Bodo mit einer Miene, die eigentlich schon seine ganze Meinung über sie aussprach.

»Aha, ich verstehe. Sie haben Ihnen gefallen?«

»Nein,« sagte Bodo fest und fast bitter. »Diese Menschen sind – Sie verzeihen, Frau Birkenfeld, es sind ja Ihre Verwandten – so unscheinbare Wesen, was sage ich, so winzige unbedeutende Wesen trotz ihrer Prahlerei und ihres flitterhaften Prunkes, trotz ihrer Frömmigkeit und trotz ihrer schmackhaften Weine, daß mich mein Besuch viel weiter von ihnen entfernt als näher gebracht hat. Wenn die ganze Welt voll von solchen Leuten wäre, so wollte ich lieber eine Ameise als ein Freund und Kostgänger bei ihnen sein.«

»Haha! Haha!« lachte Frau Birkenfeld, lebhaft hin und her trippelnd und vor Freude in die Hände klatschend. »Da haben wir also endlich einen Menschen gefangen, der Augen im Kopf und das Herz auf der rechten Stelle hat!«

Bodo stand bei diesem enthusiastischen Ausruf mitten im Zimmer und sah das seltsame Gebaren dieser merkwürdigen Frau mit stillem Behagen an. Er mußte unwillkürlich lächeln. Sie bemerkte es auf der Stelle und sagte rasch:

»Sie lächeln? So! Wohl Ihnen, daß Sie es können! – Aber denken Sie von Fräulein Klotilden auch so, wie von den anderen? Sprechen Sie dreist, jetzt will, jetzt muß ich alles hören.«

»Nun, ja,« erwiderte Bodo gelassen, »das kann auch geschehen. Meine jetzige Entscheidung also ist, daß ich von dieser jungen Dame eben so denke, wie von ihren Eltern und Vettern.«

»Gut. Und wenn Sie sich jetzt entscheiden und antworten müßten, ob Sie sie heiraten wollen oder nicht, dann würden Sie sagen!«

»Offen und ehrlich – nein!«

»Trotzdem Sie möglicherweise die Erbschaft Ihres Vaters verlieren?«

»Trotzdem – ja!«

Die alte Frau nahm eine würdevolle Miene an; ihre vorher in fieberhafter Aufregung springenden Gesichtsmuskeln beruhigten sich, ihre Augen verloren das unheimlich blitzende Funkeln, und sie sagte ruhig und fast mit weicher Stimme:

»Da haben Sie noch einmal meine Hand! Das will sagen, wir sind keine Feinde mehr, und das Fundament unserer Freundschaft kann als gelegt betrachtet werden, wenn Sie wollen. Nein, Sie haben recht mit Ihrem jetzigen Entschlusse und beharren Sie dabei: heiraten Sie nie ohne Liebe und Neigung, und wo möglich mit einer solchen Neigung, die das ganze Leben hindurch anhält. Das Gegenteil davon muß schrecklich sein. Doch halt! Hat zu dieser Ihrer augenblicklichen Entscheidung vielleicht der Gedanke beigetragen, daß der Vater der Ihnen angetragenen Braut bis über die Augen in Schulden steckt?«

»Gewiß nicht, daran habe ich noch gar nicht oder nur sehr wenig gedacht, denn das Geld ist nie das Erste, woran ich denke, wenigstens bestimmt es meine Handlungsweise nicht. Überdies, wenn aus dieser Verbindung etwas geworden wäre oder noch würde, so wäre ja die Tochter des Barons nicht arm, da sie meine Frau würde.«

Über das Antlitz der alten Frau flog ein blitzartiges Leuchten. »Ah,« sagte sie, »Sie sind also reich?«

»Das will ich damit nicht sagen. Gegenwärtig bin ich fast ohne alles Vermögen, im Falle der Beerbung meines Vaters wäre ich aber doch nicht besitzlos.«

»So. Da ist Ihr Vater nach Ihrer Meinung wohl sehr reich gewesen?«

»Sehr reich wohl nicht, auch hat er mir gesagt, daß Schulden auf seinem Gute haften, nicht unbedeutende sogar, aber bei sparsamem Leben würde es mich sowohl ernähren, wie auch am Ende die Schulden tilgen!«

»Am Ende! Hm! Ja, da tilgt sich freilich alles!« erwiderte die Alte sarkastisch lächelnd. »Auch mag es so sein – aber würde Ihre Frau – diese Klotilde – sparsam sein, wenn auch Sie es zu sein verständen?«

»Das glaube ich nicht, so weit ich sie kenne. Doch lassen Sie jetzt von diesem Gespräche ab, es hat mich eben nicht erwärmt –«

»Aber doch erhitzt, wie es scheint. Ja, lassen wir davon ab, es ist Zeitvergeudung, über ein Nichts zu sprechen. Haha! Aber da fällt mir etwas Gutes ein. Wissen Sie was?«

Sie trat an das Fenster, blickte lange hinaus und sah dann wieder ihren jungen Gast auffallend freundlich, fast zärtlich an. »Betrachten Sie einmal die Wolken,« fuhr sie fort. »Hat der Wind zu wehen aufgehört oder nicht?«

Bodo blickte hinaus. »Er scheint ganz erstorben zu sein,« sagte er. »Die Sonne wendet sich schon stark gegen Westen zu, aber sie scheint warm, die Luft ist heiter und der Himmel blau, so weit mein Auge reicht.«

»Nun ja, so sehe ich es auch an – haben Sie Lust, mit mir ein wenig in meinen Garten zu gehen?«

Bodo blieb erstaunt am Fenster stehen. »Bin ich denn Ihr Freund?« fragte er still lächelnd. »Sie sagten ja vorher nur: wir seien keine Feinde mehr?«

»Still! Nichts mehr davon! Ich sagte Ihnen ja: das Fundament unserer Freundschaft sei gelegt. Mit einem Wort, wollen Sie?«

»Wenn Sie mich für würdig halten, mir Ihren Garten zu zeigen, so bitte ich darum.«

Die alte Frau schritt wie mit verjüngten Kräften durch das Zimmer und zog dreimal hinter einander heftig an einem an der Wand hängenden Glockenzuge. Als man dann gleich darauf eilige Schritte auf dem Hausgange hörte, öffnete sie die Tür ein wenig und rief mit weithin tönender Stimme hinaus:

»Boas! Schließ' den Garten auf!«

Einen Augenblick darauf gab Frau Birkenfeld ihrem Gaste einen Wink, ihr zu folgen, und schritt nun lebhaft den Hausgang hinab, in dem ihr Boas schon mit abgezogenem Hute entgegenkam, nachdem er die stets verschlossen gehaltenen Türen bereits geöffnet hatte. Der alte Mann mit dem schneeweißen, bis auf die Schulter und die Brust herabwallenden Haar und Bart neigte sich ehrerbietig vor seiner Gebieterin, sein ängstlicher und immer staunender Blick blieb aber auf Bodo von Sellhausen haften, als wollte er sein innerstes Wesen zu ergründen suchen. Dabei zitterte er merklich und vermochte kaum so schnell voran zu laufen, wie Frau Birkenfeld ging, um ihr die Tür zum Treibhause offen zu halten. Sie gab ihm im Vorbeigehen, da sie ohne Zweifel seine Gemütsbewegung bemerkte, einen mürrischen Wink, und er zuckte als Antwort leise die Achseln, als wollte er sagen: »Mein Gott, was kann ich dafür! Ich bin ja auch nur ein Mensch!«

Durch das augenblicklich fast leere Treibhaus rasch hindurchschreitend und selbst in dem behaglichen Saale sich kaum nach ihrem Gaste umschauend, schritt sie bis zur Schwelle der offenen Tür desselben. Hier erst blieb sie stehen und indem sie mit der Rechten in den vor ihr liegenden Garten deutete, sah sie sich mit einem fragenden Blick nach dem Legationsrat um, als sei sie begierig, zu erfahren, welchen Eindruck der erste Anblick ihres kleinen Paradieses auf ihn machen würde.

Bodo trat auf die Schwelle neben ihr, sah neugierig hinaus und blieb erstaunt und schweigend auf seinem Platze stehen. Der duftende Garten, kurz vorher reichlich besprengt, und die Blumen darin, von dem Strahle der sinkenden Sonne zauberhaft beleuchtet, boten zu dieser Stunde einen Anblick dar, der im Verein mit dem melodischen Schlage zahlloser Nachtigallen, die soeben ihr feierliches Abendlied anzustimmen begannen, einen ungemein lieblichen und überraschenden Eindruck auf den Beschauer hervorbrachte.

»Nun?« fragte Frau Birkenfeld ihren noch immer schweigenden Gast. »Da haben Sie das grüne Reich, in dem ich unumschränkte Gebieterin bin – wie gefällt es Ihnen?«

»Frau Birkenfeld,« entgegnete Bodo mit wirklicher Empfindung, »das geht über meine Vorstellung! So reizend und einladend habe ich es mir bei Ihnen nicht gedacht.«

Die alte Frau lächelte vor stiller innerer Freude und nickte ihm ermunternd zu. »Ja, ja,« sagte sie, »einladend ist es. Aber nun kommen Sie. Ich will Ihnen zeigen, was ich habe – ach! es ist das Einzige, worauf ich ein wenig stolz bin.«

Sie schritt in den Garten hinaus, nachdem ihr Boas rasch ein Paar Gummischuhe übergezogen und den Regenschirm eingehändigt, und Bodo folgte ihr, seine Blicke immer tiefer in die herrlichen Gebüsche und die prachtvollen Blumenbeete versenkend, auf den bequemen, mit Kies bestreuten Wegen, die an einladenden Ruhesitzen vorüber, allmählich nach der Höhe des Wartturmberges sich empor schlängelten.

Als der Weg steiler wurde und die alte Dame nur langsam und sichtbar mit Mühe sich fortbewegte, sagte Bodo, ihr mit zarter Aufmerksamkeit seinen Arm bietend: »Bitte, Frau Birkenfeld, bedienen Sie sich meines Armes. Er ist stark und stützt Sie gern.«

Sie zögerte nur einen Augenblick, dann aber legte sie ihre magere Hand, die sie vorsichtig mit einem Zipfel ihres Pelzmantels bedeckte, in den hingehaltenen Arm und sagte: »Ja, stark ist er, das ist wahr!« Und dann schritt sie so aufgeheitert und mutig weiter, als jauchzte eine innere Stimme in ihr: »O, ich habe endlich eine Stütze, und was für eine! Einen Menschen, dem ich vertrauen kann, ein Herz, das mich nicht belügt. O, wie man sogar in seinem Alter noch glücklich sein kann!«

Langsam, nur wenig sprechend und bisweilen stehen bleibend, um alle die sich allmählich aus den Gebüschen aufrollenden Blumenschätze, die geschmackvoll geordneten Baumgruppen, die bequemen Sitzplätze und die herrlichen Aussichtspunkte zu betrachten, schritten die beiden Personen die grüne Höhe hinan. Um sie her strömten die Rosen, die Lilien, die Levkojen, die Reseda und hundert andere wohlriechende Blumen ihre köstlichen Düfte aus, die Nachtigallen schmetterten und klagten in allen Gebüschen und die Insekten summten ihr zauberisches, unbegreifliches Lied. So kamen sie endlich auf dem grünen Rasen unter den Linden an, wo die Bienenhäuser standen und die fleißigen Tiere noch immer um die Wipfel der hohen Bäume schwirrten und ihre Arbeit eifrig fortsetzten.

Frau Birkenfeld blieb stehen, blickte sich heiter um und suchte dann unendlich freundlich die immer mehr staunenden Augen ihres Begleiters auf. »Da sehen Sie meine kleine Welt,« sagte sie. »Hier haben Sie alles, was ich bisher liebte und pflegte. Ach, Sie haben mir vorher recht wohl getan – vielleicht, ohne es einmal zu wissen.«

»Womit denn?« fragte Bodo mit einer Stimme, die ihm unmittelbar aus dem Herzen zu kommen schien, indem seine dunklen Augen vor stiller Freude und mit wahrhafter Teilnahme gegen den Blick der alten Frau sanft aufleuchteten.

»Damit, daß Sie sagten, Sie wollten lieber eine Ameise sein, als in der Welt verkehren, wo alle Leute solche Barone wie jene drei sind. Hätten Sie gesagt: ein Löwe oder irgend ein anderes edles Tier, es würde mir nicht halb so gut gefallen haben. Aber Sie haben recht: arbeitsam und bescheiden zugleich muß der Mensch sein, und indem Sie die kleine Ameise zu Ihrem Sinnbilde wählten, wollten Sie beides sein. Sie hätten aber auch: eine Biene! sagen können. Ja, ja, das sind meine Lieblinge – sehen Sie, sie umfliegen mich schon, denn sie kennen mich. O, fürchten Sie sich nicht. Sie tun Ihnen nichts. Es wäre das erste Mal, daß sie jemanden stächen, der mit mir unter sie tritt.«

Sie ging jetzt mit ihrem Gaste von einem Hause zum andern, zeigte ihm alles und ließ ihn die innere Einrichtung der kleinen Wohnungen bewundern. Nachdem sie sich aber ziemlich lange dabei aufgehalten, trat sie wieder ihren Rückgang an, sagte ihren Bienen gute Nacht und schritt in den tiefer gelegenen Garten hinab, wo sie sich in einer dicht umrankten Laube niederließ, die eine herrliche Aussicht über das Tal bot und in welcher ein Tisch und einige bequeme Gartenstühle zu ihrem Empfange bereit standen.

Nachdem beide eine Weile hier gesessen und ihre Blicke an dem schönen Abend, der langsam auf das schweigende Tal niedersank, geweidet hatten, hörte man plötzlich den feinen Kies unter den Tritten eines sich Nahenden knirschen und einen menschlichen Atem den Berg herauf keuchen. Es dauerte auch nicht lange, so trat Boas in ganz neuer blauer Bluse, in der einen Hand den Hut, in der andern ein silbernes Handbrett mit einer Flasche und zwei Gläsern tragend, aus dem Gebüsch hervor und stellte, ohne ein Wort zu sprechen, den Wein und die Gläser auf den Tisch vor seine Herrin. Nachdem er dies getan, ging er fort, kam aber sogleich mit einem geräumigen Korbe wieder, den er auf einen Stuhl in der Laube beiseite stellte. Daraus nahm er drei feine Damastservietten, breitete die eine über den Tisch aus, setzte kleine Teller mit silbernen Messern und Gabeln hin und trug dann einige Schüsselchen mit dicker Milch, Früchten, weißem Brot, Honig und zuletzt ein in vier gleiche Stücke zerteiltes Huhn auf. Alles dies tat er schweigend und in gemessenster Weise. Der Legationsrat sah ihn einige Mal, während Frau Birkenfeld ruhig weiter sprach, dabei an und glaubte eine seltsame, nur mit Mühe verhaltene Rührung auf den faltigen Zügen des alten Mannes wahrzunehmen, der sich wiederholt räusperte und öfters verstohlen mit dem Blusenärmel über die Augen fuhr.

Als er fertig war, blieb er stehen, blickte seine Herrin demütig an, die seine stumme Frage verstand und bloß sagte: »Es ist gut, Boas, du kannst gehen!«

Er ging. Aber gleich darauf drang ein vernehmlicher, wenn gleich halb unterdrückter Laut, der nur aus der Brust eines Menschen kommen konnte und der Bodos aufmerksamem Ohr nicht entging, durch das benachbarte Gebüsch nach der Laube herein.

Aber auch die scharfen Ohren der alten Frau hatten ihn vernommen. Sie horchte einen Augenblick gespannt hin, dann stand sie heftig auf, trat hinter das Gebüsch und sah zu ihrer nicht geringen Verwunderung daselbst ihren Gärtner stehen, der bitterlich weinte und sich die alten Augen mit einem roten leinenen Taschentuche trocknete.

»Boas!« flüsterte die alte Dame mit leiser Stimme. »Was fällt dir ein? Alter Mensch, willst du mich durchaus in Verlegenheit sehen? Pfui, schäme dich. Heule jetzt nicht, nachher kannst du meinetwegen heulen, so lange du willst. Marsch, geh hinunter und laß dich nicht wieder vor dem Herrn sehen!«

Boas machte eine flehende Geberde, indem er die gefaltenen Hände gegen seine Gebieterin erhob, als wolle er eine stumme Bitte wagen. »Nichts da!« rief sie etwas lauter und heftiger. »Fort! ich will es!«

Boas schlich tief erschüttert den Berg hinunter, Frau Birkenfeld aber trat mit sichtbar ergriffener Miene in die Laube zurück, legte dem Gaste einige Speisen vor, sah nach der Etikette der bereits entkorkten Weinflasche, goß dann beide Gläser voll und sagte dabei: »Nun wollen wir essen und trinken; es wird uns schmecken. Meine Abendspeisestunde ist zwar eigentlich schon vorbei, aber es tut nichts, es muß Ausnahmen von der Regel im Leben geben und der heutige Tag ist eine Ausnahme. Ach ja! So. Auf Ihr Wohlsein, Herr Legationsrat!«

Sie stieß mit ihrem Glase an das ihr entgegengehaltene des Gastes an und tat einen kräftigen Zug daraus. »Er ist gut,« sagte sie dann, »und das wundert mich nicht. Es ist Johannisberger Kabinettswein und rührt noch von meinem seligen Mann her, der ein Kenner war und ihn nur seinen besten Freunden bei feierlichen Gelegenheiten vorsetzte.«

»Er ist vortrefflich,« bestätigte Bodo, ebenfalls trinkend und wiederholt kostend. »Aber es sollte mir doch leid tun,« fuhr er fort, »wenn mein langer Besuch Ihre Hausregel umgestoßen hätte.«

»Nichts von leid tun, gar nichts!« erwiderte sie. »Beim Mahle, wenn es auch nur so einfach ist, wie dieses, soll man an keine das Gemüt erregenden Dinge denken oder von ihnen sprechen – also langen Sie zu, ich tue es auch – das ist auch eine Unterhaltung.«

So aßen und tranken sie denn, eine Weile schweigsam nebeneinander sitzend. Frau Birkenfeld zwar rührte kaum nur die Speisen an, dem Wein aber sprach sie fleißig zu, als habe sie eine wahre Begier, ihre angegriffenen Lebensgeister anzufeuern. Ihre Augen nahmen dabei einen eigentümlichen warmen Glanz an, ihre Miene wurde allmählich wieder ruhiger und sie warf mitunter einige wohlwollende Blicke auf ihren Gast, der still aß und trank, aber sein Auge scharf auf jeden Vorgang gerichtet hielt, ohne daß man es ihm anmerken konnte.

Als aber auch er endlich Messer und Gabel niederlegte, sagte die alte Dame: »So, Sie sind also fertig? Nun gut, dann können wir weiter plaudern.« Und sie begann ihm eine Frage nach der andern vorzulegen, die er stets nach besten Kräften beantwortete, da sie Gegenstände betrafen, in denen er zu Hause war und die sich auf einem ganz andern Felde als ihr früheres Gespräch bewegten.

So mochten sie schon länger als eine Stunde hier gesessen haben und die Sonne neigte sich immer tiefer, die Schatten im Garten wurden immer länger und dichter und ein feiner schleierartiger Dunst lagerte sich über das freundliche Tal, das sich allmählich zum nächtlichen Schlummer vorbereitete.

»Es wird Ihnen doch nicht zu kühl?« wagte Bodo endlich zu fragen, mit der Hand nach der sinkenden Sonne deutend. »Der Abend ist hereingebrochen, und ich möchte Ihre Regel nicht noch länger umstoßen.«

Sie griff fast krampfhaft heftig nach seinem Arm, als fürchte sie ihn plötzlich zu verlieren oder als wolle sie ihn noch länger an sich fesseln. »O nein, o nein,« hauchte sie hervor. »Sie denken doch nicht daran, mich schon zu verlassen? O, tun Sie das nicht, Sie sind ja noch nicht lange bei mir, und ich fürchte mich heute allein zu sein, wenn Sie gegangen sind.«

»Wenn Sie es wünschen, so bleibe ich noch.«

»Ja, bleiben Sie, so lange es geht. Ach, ich habe nicht oft Gesellschaft, die mir zusagt. Sehen Sie, ich bin eine steinalte Frau und stehe so ganz allein und einsam in der Welt. Meine paar Freunde – die meisten habe ich ja überlebt – denen das Herz auf dem rechten Fleck sitzt, der brave Meier und mein redlicher Sachwalter, wohnen weit von mir entfernt und haben viel zu tun, sie können mich also nicht besuchen. Ich aber muß meine Bequemlichkeit und Ruhe haben und kann mein Haus nicht so oft verlassen. Bald vielleicht kommt sogar die Zeit, wo ich nicht mehr aus meinem Zimmer gehen darf – und der Gedanke ist bitter. Ach, was soll dann aus meinem Garten und meinen Bienen werden!«

Sie schwieg eine Weile und dachte, trübe vor sich hinstarrend, über ihre eigentümliche Lage nach.

Bodo sprach einige freundliche Worte, wie sie unter solchen Umständen allein tröstlich sind, indem er sagte, daß man ja, wie sie selbst sage, an das Kommende nicht denken und nur die gegenwärtige Stunde festhalten müsse.

»Ja, ja,« erwiderte sie, »Sie haben wohl recht, aber bisweilen fühle ich mich doch recht einsam in dem alten Hause, und auch die Gedanken wollen nicht mehr, wie früher, helfen, die Langeweile zu vertreiben, wenn ich müde werde und nicht mehr arbeiten kann.«

»Ich will Sie öfter besuchen, wenn Sie es erlauben,« sagte Bodo.

»Ja, tun Sie das, ich bitte darum,« fuhr sie lebhaft fort. »Wir werden uns dann näher kennen lernen und Sie werden sich überzeugen, daß ich nicht die alte unerträgliche Hexe bin, für die mich die Leute halten. Das Herz ist mir noch nicht ganz verknöchert und ein kleiner warmer Lebensstrom pocht und flutet noch immer darin. – Aber ich habe auch einen Wunsch, mein lieber Herr Legationsrat, und ich denke, ich darf es immerhin wagen, ihn auszusprechen.«

»O, sprechen Sie ihn aus, ich wollte, ich könnte Ihnen viele Wünsche erfüllen!«

Die alte Frau dachte eine Weile über diese Worte nach, die einen tiefen Widerhall in ihrem Herzen zu finden schienen, und sagte dann: »Ach, wozu die Ziererei! Ich will dreist sprechen und so wollen wir es von heute an immer zwischen uns halten. Wissen Sie, wie lange ich Sellhausen nicht gesehen habe?«

Bodo fuhr freudig erschrocken auf. »Wie lange nicht?« fragte er beinahe heftig.

»Es sind etwa dreißig Jahre her, und vieles mag sich in dieser langen Zeit daselbst verändert haben.«

»Dreißig Jahre!« sagte Bodo nachdenklich. »Ein ganzes Menschenalter! O ja, da verändert sich überall viel, und auch Sellhausen ist neu gebaut und geschmückt.«

»Ich weiß es wohl und – da haben Sie es – ich möchte es wohl einmal sehen und noch vor dem ersten August, wo Sie es vielleicht auf ewig verlassen, wie?«

Bodo zuckte leise die Achseln. »Was Gott tut, das ist wohlgetan!« sagte er sanft mit seiner tiefen, wohllautenden und ins Herz dringenden Stimme.

»O, wie Sie das sagen! Das ist ein wahrer Trost. Ja, ja, ich muß es vorher noch sehen, und ich werde Sie also bald heimsuchen und dann den Meier mitbringen.«

»Sie sollen mir jede Stunde willkommen sein und dann recht lange bei mir bleiben.«

»Das wollen wir abwarten. Es kommt darauf an, wie es mir bei Ihnen gefällt und ob mich nicht – mein stiller Kummer zu stark bei Ihnen packt. Doch nein, das fürchte ich jetzt nicht mehr. Wir sind ja Freunde, und Sie helfen mir gegen meinen Kummer ankämpfen. Wir haben zusammen gesessen und getrunken, von Herzen miteinander geredet, und so wollen wir uns auch einander beistehen. Ihnen, ja, Ihnen – habe ich alles verziehen –«

»O, Frau Birkenfeld,« rief Bodo tief gerührt bei diesen Worten aus, »wie dankbar bin ich Ihnen dafür, daß Sie mir dies sagen! Könnte ich doch die Hoffnung hegen, daß auch mein Vater auf solche Milde rechnen darf –«

»Still! Davon ein andermal – nichts über Ihren Vater, mit dem habe ich einen andern Strauß als mit Ihnen. Und wenn man glücklich ist, muß man das Glück genießen, es ist flüchtig wie die warme Luft des Frühlings – es schwindet unter den Händen, und über Nacht kommt das eisige Gewitter, das alles erkältet und verwüstet. – Wie lange haben Sie noch zu reiten, bis Sie zu Hause sind?«

»Zwei volle Stunden!«

»Da wird es spät werden, bis Sie nach Sellhausen kommen. Daran bin ich schuld. Die Sonne ist längst hinter den Bergen, und es wird dunkel. Lassen Sie uns aufbrechen – mich friert.«

Und sie schauderte sichtbar zusammen, aber vielleicht mehr, weil sie bald an die sie erwartende Einsamkeit dachte, als weil die kühlere Abendluft, die immer noch warm genug war, eine empfindliche Wirkung auf sie übte.

Bodo erhob sich rasch, bot wieder seinen Arm dar und führte die alte Frau, nachdem er sie sorgsam in den Pelz gehüllt, langsam den Berg hinab. Unterwegs sprach sie kein Wort. Es war, als ob das Leben, das bisher so kräftig in ihr pulsiert, eingeschlummert wäre. Im Zimmer angekommen, wo sie Bodo zuerst empfangen, stand sie vor ihm still, sah ihm tief und lange in die Augen und sagte sanft:

»Es ist fast ganz dunkel hier, aber ich erkenne doch noch Ihre Züge und sehe den Glanz Ihres Auges. Ach!« Und sie fuhr mit den Händen über beide Augen und wandte sich hastig ab.

»Leben Sie wohl!« sagte Bodo, nach dem Hute greifend.

»Gute Nacht! Geben Sie mir aber erst Ihre Hand. So. Ich – danke für Ihren Besuch!«

»Und ich für Ihren Empfang!«

»Still! Der Empfang war nicht angenehm, für Sie ebensowenig wie für mich, ich weiß es wohl – aber alte Leute haben Launen, Sie wissen es ja! Doch ich denke, der Abend hat den Nachmittag aus Ihrem Gedächtnis verwischt, wie bei mir.«

»Ganz und gar, Frau Birkenfeld!«

»So geleite Sie Gott!«

Sie begleitete ihn bis an die Haustür, drückte noch einmal seine Hand und kehrte in ihre stille Stube zurück, als er die Stufen nach dem Vorgarten hinunter schritt.

Kaum aber war die Tür hinter dem Abgehenden zugefallen, so stürzten Boas und Dina aus dem Hinterhause zu ihrer Herrin herein, mit starren Gesichtern und emporgehobenen Händen. Als Frau Birkenfeld aber ihre Dienstboten in solcher Aufregung bei sich eintreten sah, richtete sie sich straff in die Höhe, riß die drohenden Augen weit auf und rief:

»Was wollt Ihr? Hinaus – den Augenblick! Kein Wort will ich hören, ich verbiete es Euch. Und vor einer Stunde läßt sich kein Mensch bei mir sehen!«

Sie wies mit gebieterischer Geberde nach der Tür und die beiden alten Getreuen schlichen ebenso leise wieder ab, wie sie stürmisch gekommen waren, um sich in ein hinteres Zimmer zu begeben und dort mäuschenstill zu verweilen, wie ihnen geboten, denn sie wußten, daß ein von ihrer Herrin in solcher Weise ausgesprochener Befehl niemals übertreten werden durfte.

Als aber die beiden Diener das Zimmer verlassen hatten, trat Frau Birkenfeld wie ein geheimnisvoller Schatten an das Fenster, legte ihre heiße Stirn gegen eine Scheibe, und starrte mit ihrer ganzen Sehkraft nach dem Flusse hinab. Es war noch nicht so dunkel, daß sie nicht das Boot mit dem Gaste hätte hinüber fahren sehen können. Sobald sie sich aber überzeugt, daß dieser jenseits des Wassers sei, glitt sie vom Fenster zurück, zündete mit bebender Hand eine Wachskerze auf einem kleinen silbernen Leuchter an, trat auf den Flur, überzeugte sich, daß alles still und sie allein sei, riegelte das Haus auf und ging mit dem brennenden Lichte in den Vorgarten hinaus.

Die Luft war völlig unbewegt, es rührte sich kein Blatt, so daß die Flamme der Kerze nicht einmal davon in Bewegung gesetzt wurde. Die alte Frau trat nun geräuschlos in den kleinen Vorgarten, bückte sich und spähte aufmerksam nach etwas auf dem Boden. Bald auch hatte sie entdeckt, was sie suchte. Es war die Karte des Fremden, die sie in ihrem ersten Grimm zerrissen und aus dem Fenster geworfen hatte. Die vier Stücke lagen nicht weit voneinander entfernt auf einem Rosenbeet. Sie raffte sie schnell zusammen und eilte wie mit einem Schatze in ihr einsames Zimmer zurück, das sie sogleich hinter sich verschloß.

Dann aber entwickelte sich eine unbegreifliche und schwer zu schildernde Szene.

Die alte Frau setzte sich auf einen Stuhl an den Tisch vor dem Sofa, legte behutsam die vier Stücke der Karte zusammen, so daß sie wieder ein Ganzes bildeten, und beugte nun tief das greise Haupt darüber hin.

»Bodo von Sellhausen. Legationsrat a. D.« las sie. Sie las es wohl zehnmal hintereinander und jedesmal bebte ihr Herz von neuem mächtiger auf; ihre Finger zitterten wie Espenlaub und ihr klares Auge umflorte sich mit einem trüben Schleier.

Plötzlich ließ sie den Kopf auf die untergebreiteten Hände sinken und, was ihr vielleicht in einem Menschenalter nicht begegnet, begegnete ihr jetzt. Sie weinte laut. So laut und mit so herzzerreißenden Tönen, daß sich ein Herz von Stein hätte darüber erbarmen mögen.

Ebenso plötzlich aber hörte auch dieser seltsame Schmerzensausbruch wieder auf. Die starke Seele dieses gebrechlichen Körpers hatte den Schmerz bezwungen und sie war wieder die geistig gefaßte Frau Birkenfeld.

»Es ist vorbei.« sagte sie halblaut zu sich, »was ich die beiden letzten Stunden gefürchtet habe. Ich wußte, daß es kam. Ah! Nun ist mir leicht und ich kann wieder denken. Boas hat also nicht allein geweint. Was der alte Mensch für Augen hat! Ich glaubte, nur meine wären gut und treu. Nun, das soll ihm vergolten werden! Ach! Aber ich muß heute noch schreiben – vieles und wichtiges – an Backhaus. Doch wie? Schreiben? Wie kann das geschrieben werden? Nein, ich muß morgen selbst hinüber und mit ihm sprechen. Ja, das will ich und so soll es sein, so wahr mir Gott helfe! Denn es muß bald abgemacht werden, was ich abmachen will; ich bin eine alte Frau und meine Stunde kann jeden Augenblick schlagen. Aber Gott sei Dank, daß ich noch rüstig bin! Ich kann noch helfen und hier soll und muß geholfen werden. O, o, o, wie sehr hatte der Meier recht, als er sagte: ich sollte nur sehen! Jetzt erst verstehe ich ihn. Mein Gott, mein Gott, das war ein Tag!«

Plötzlich fuhr sie erschrocken zusammen. »Es kommt aber noch ein Tag,« fuhr sie fort, »der wird nicht so angenehm wie dieser, obgleich vielleicht noch viel wichtiger sein. Der erste August! Wenn er nur standhaft bleibt! O, er – ja! Aber ich? Wenn ich wüßte, was der alte – der alte Sellhausen in seinem Testament geschrieben, ich wollte meinen halben Garten dafür geben – und das ist viel! Doch ruhig, ruhig, Grete, er wird ja kein Dummkopf gewesen sein! – Fast denke ich mir, was er gesagt hat! Der Alte war immer schlau, wie andere Menschenkinder. Aber dann – nun ja, zuerst kommt Er – und es gibt einen harten Schlag – und dann komme Ich – und mein Schlag wird nicht weniger hart sein für den, den er trifft, denke ich. Hahaha! Jetzt kann ich wieder lachen – die alte Grete lacht – und das hat stets etwas zu bedeuten gehabt und es muß doch noch nicht so schlimm um sie stehen.«

Hierauf kauerte sie sich wieder über die Karte, las sie noch einmal und buchstabierte langsam die Worte:

»Bodo von Sellhausen.
Legationsrat a. D.«

Da aber war die ausgedungene Stunde vorüber, denn Frau Birkenfeld hatte lange in Nachdenken zugebracht. Sie horchte auf, als habe sie draußen ein Geräusch vernommen. Sie hatte sich nicht getäuscht. Es waren Boas und Dina, die sich auf dem Hausgange vernehmen ließen, um zu ihrer Herrin zu eilen und diese schloß jetzt ruhig die Tür auf und ließ die treuen Dienstboten bereitwillig in ihr Zimmer ein.

Ende des zweiten Bandes.

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