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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 99
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Inzwischen war von der übrigen Gesellschaft bald das eine, bald das andere Paar zu einem Tanze in den Saal gegangen und wieder erschienen, wodurch unser Tisch abwechselnd leer oder wieder bevölkert wurde. Unerwartet kehrten jetzt zwei Paare in höchster Aufregung zurück und setzten am Tische einen Streit fort, der im Saale ausgebrochen sein mochte. Das eine der Mädchen weinte, die andere schalt, und die dazu gehörigen jungen Männer hatten zu tun, den Sturm zu besänftigen und allerlei Angriffe von sich selbst abzuhalten.

»Da ist die Geschichte wieder los!« sagte Hulda; sich dicht an mich schmiegend, erzählte sie mir mit gedämpfter Stimme, das sei eine Liebschaft übers Kreuz. »Die eine hier hatte nämlich früher den andern zum Schatz und die andere diesen jetzigen; dann haben sie alle vier, hast du nicht gesehen, gewechselt, und es hat diese jenen und jene diesen zum Liebsten. Aber alle Fronfasten gibt's ein jammervolles Gewitter, daß beinah die Welt untergeht. Ein so überzwerches vierspänniges Zeug tut halt nicht gut, es dürfen nur zwei bei einer Sach sein!«

»Aber warum gehen sie denn zusammen, anstatt sich auszuweichen?«

»Das weiß Gott, warum! Immer laufen s' an die gleichen Orte hin und hocken beieinander, wie wenn sie behext wären!«

Ich war ebenso verwundert über das Phänomen wie über die Reden meiner blutjungen Freundin. Der Streit, der sich um unverständliche, scheinbar nichtige Dinge drehte, wurde zuletzt so erregt, daß das dritte Liebespaar, welches im Frieden lebte, sich einmischte und mit Mühe einen Waffenstillstand zuweg brachte. Die Krüge, aus denen je zwei der Leutchen tranken, wurden neu gefüllt. Die streitbaren Mädchen schmollten jedoch nicht nur unter sich, sondern auch mit ihren Geliebten. Die Unparteiischen schritten abermals ein, und es wurde auf Huldas Vorschlag beschlossen, die zwei Paare sollten zur gewaltsamen Bezwingung aller Eifersucht und Unfriedfertigkeit einmal wieder jedes mit dem früheren Gesponsen tanzen, und keines dürfe dazu scheel sehen.

Das wurde denn auch ausgeführt; die ausgetauschten Paare kamen nach einem langen Tanze zurück, jedes der Mädchen am Arme seines alten Genossen; allein statt sich nun wieder zu trennen, nahmen beide neu ausgewechselten Parteien ihre Sachen zusammen und zogen ohne ein Wort zu sagen auf verschiedenen Wegen von dannen. Ganz verblüfft blickten wir Zurückbleibenden ihnen nach, bis sie verschwanden, und brachen dann in ein helles Gelächter aus. Nur Hulda schüttelte den Kopf und sagte: »Das Lumpenvolk!« In der Tat hatten sie in dem Tanze nicht die gehoffte sittliche Ausgleichung, sondern lediglich einen neuen Anreiz ihrer Willkür gefunden und mochten sich nun beeilen, nach so langer Trennung die Lustbarkeiten einer Wiedervereinigung zu genießen.

Bevor ich mich von meinem Erstaunen über die freien Sitten dieses einfachen Völkchens erholt hatte, fühlte ich die weiche Hand des jungen Mädchens auf der Schulter, das endlich auch einen Tanz zu tun begehrte. Obgleich ich nicht daran gedacht, dergleichen Belustigung zu suchen oder zu finden, mußte ich dennoch willfahren, da sie das als selbstverständlich ansah, auch Hut und Schal schon der Freundin anvertraute, die mit ihrem Gesellen noch da war. Erst im Lichte des Tanzsaales, in der freien Bewegung sah ich vollends, wie hübsch sie war. Aber bald sah ich sie nicht mehr, sondern fühlte nur noch ihre leichte Last, weich wie eine Flaumfeder, wenn sie einem Geiste gleich dahinflog. Mußten wir aber anhalten, so sah ich bloß die wohlwollend warmen Augen und das zufriedene Lächeln ihres Mundes, während sie mir die gelockerte Halsbinde ordnete oder mich aufmerksam machte, daß am Hemde ein Knopf fehle.

Ein heißes Leben schien in dem zartgegliederten Geschöpfe zu atmen und sich als hingebende Güte zu äußern für alles, was ihm nahe trat. Eine mir rätselhafte Zärtlichkeit begann das Wesen von den Augen bis in alle Fingerspitzen zu überwallen, ohne mit einer Spur von falscher Schmeichelei oder gar Gemeinheit vermischt zu sein; vielmehr war ihr Regen und Bewegen bei alledem so in anmutige Bescheidenheit gehüllt, daß in dem Gedränge der Tanzenden keine Seele etwas davon wahrnahm. Und doch schien sie nicht der mindesten Vorsicht oder Selbstbeherrschung zu bedürfen.

Als durch das Ungeschick einiger Leute der Tanz ins Stocken geriet und Hulda hart an mich gedrückt wurde, verspürte sie meine klopfenden Pulse, legte die Hand an meine Brust, nickte mit großer Freundlichkeit und sagte: »Lassen S' schaun, haben S' wirklich ein Herz?«

»Ich glaube ja!« antwortete ich und sah das liebreizende, ganz nahe Gesicht mit offenem Munde an. Sie nickte nochmals, und wir wollten in dem wieder gelösten Tanzwirbel dahinfahren, als Huldas Freundin uns fand, anhielt und ihr Hut und Tuch mit der Ankündigung übergab, sie wolle jetzt heimgehen, da sie in der Frühe wieder zur Arbeit müsse.

»Auch ich muß um sieben Uhr dahinter sein!« rief Hulda lachend; »denn ich habe wegen der Fahnenschneiderei meine gewohnte Kundschaft vertröstet und soll's nun nachholen! Aber ich mag doch nicht gleich jetzt nach Hause!«

»Nun, du kannst ja noch ein Weilchen bleiben«, sagte die andere, »unser guter Bekannter und Freund geleitet dich nachher schon sicher heim, nicht wahr, Sie sind so gut, Herr Stangenmacher?«

Ich versprach gern, den Dienst zu übernehmen, worauf das letzte der Liebespaare sich verabschiedete, Hulda dagegen mit mir an den verlassenen Tisch zurückkehrte. Wir saßen nun allein unter den Silberpappeln; der Mond stand hoch am Himmel, uns daher nur noch durch den grauen Schimmer bemerkbar, der in den obersten Gewölben der Baumkronen lagerte; unten war es ziemlich dunkel, denn auch der Fluß glänzte nicht mehr an jener Stelle und die Laterne war erloschen.

»Da wollen wir noch ein klein wenig ausruhen und dann auch gehen!« sagte sie und lehnte sich ohne Bedenken in meinen Arm, den ich um ihre Hüften legte. Ich zog indessen den Arm zurück, um ein Glas Punsch oder heißen Wein herbeizuschaffen. Allein sie verhinderte mich und stellte selbst die alte Lage wieder her.

»Nicht trinken!« sagte sie leis, »die Lieb ist eine ernstliche Sach und will nicht betrunken sein, auch wenn sie nur Scherz ist!«

»Was wissen Sie denn schon so viel von Liebe, schönstes Kind, das ja in der Tat fast noch ein Kind ist?«

»Ich? Gerade siebzehn Jahre bin ich! Seit fünf Jahren steh ich ganz einzig in der Welt und habe mich jeden Tag, vom zwölften Jahre an, mit Arbeit ehrlich erhalten und viel erfahren. Darum lieb ich die Arbeit, sie ist mir Vater und Mutter! Und nur eines gibt's, das ich ebenso lieb habe, nämlich die Liebe. Eher sterben, als nicht lieben!«

»Ei, du süßes Zuckerbrot!« sagte ich und suchte den rosigen Mund zu erkennen, welcher solche Worte hervorbrachte.

»Bin ich?« flüsterte Hulda; »glauben Sie, ich sei von dem Holz, aus welchem man Essig macht? Schon zwei Liebhaber sind in diesem Herzen gewesen!«

»Himmel, schon zwei! Wo sind sie hin?«

»Nun, der erste war noch zu jung und hier in der Fremde; der mußte weiter wandern und hat mir dann geschrieben, daß er in der Heimat ein Liebchen habe, das er einst heiraten werde. Da gab's Tränen; aber das konnte mir nicht helfen. Dann kam der zweite, der wollte aber nicht arbeiten, und ich mußt ihn beinah ganz erhalten; das ging nicht auf die Dauer, auch schämt ich mich für ihn und ließ ihn laufen! Denn wer nicht arbeitet, soll nicht nur nicht essen, sondern braucht auch nicht zu lieben!«

»Und läuft dieser hier in der Stadt herum?«

»Leider nicht, denn er ist eingesperrt, weil er etwas Schlechtes verübt hat, als ich ihm nichts mehr gab. Darüber hab ich mich so geschämt und gegrämt, daß ich ein halbes Jahr lang niemand anzusehen wagte!«

»Aber jetzt kann's wieder angehen?«

»Gewiß! wer wollte sonst leben?«

Ich wurde immer verwirrter, das jugendliche Geschöpf mit solchem Bewußtsein, solcher Bestimmtheit und Leichtfertigkeit sprechen zu hören, eine so zarte, zerbrechliche Existenz sich erklären zu hören, daß sie in Arbeit und Liebe aufgehe und sonst nichts von der Welt begehre. Und doch war es wiederum wie eine Erscheinung aus der alten Fabelwelt, die ihr eigenes Sittengesetz einer fremden Blume gleich in der Hand trug. Es wurde mir zumut, als ob eine wirkliche Huldin sich aus der Luft verdichtet hätte und mit warmem Blute in meinen Armen läge.

Unser Reden war bereits ein leises Kosen geworden; nach einem Weilchen flüsterte sie mir zu: »Und wie steht es denn mit Ihnen? Sind Sie frei?«

»Leider ganz und gar seit Jahren!«

»Nun denn, so lassen Sie uns ganz still und gemächlich eine Bekanntschaft anfangen und ruhig sehen, wohin sie uns führt!«

Diese prosaisch gemeinen Gewohnheitsworte sagte sie aber mit der Stimme und dem Ausdruck eines Mägdleins, das sein erstes Geständnis preisgibt, oder gewissermaßen mit dem Tone eines jener unsterblichen Wesen, das die Gestalt einer armen Dienstmagd angenommen hat, um in ewiger Jugend und Neuheit einen Liebeshandel zu eröffnen. Freilich lag hierin auch die Sicherheit, daß sie über meinen Verlust ebenso unbeschädigt zur Tagesordnung gehen würde, wie über jeden andern. Das fühlte ich deutlich und suchte dennoch ihre kleine Hand und ihren Mund, der mir mit ambrosisches Frische entgegenkam, so rein und duftig wie eine aufgehende Rose.

»Nun wollen wir gehen!« sagte sie, »wenn Sie so gut sein wollen, mich bis zu meiner Wohnung zu begleiten, so sehen Sie das Haus. Sonnabends kommen Sie so um die neun Uhr vor dasselbe, und wir reden alsdann ab, was wir sonntags beginnen wollen. Die Woche durch aber schaffen wir still und zufrieden drauf los! O wie lieb ist die Arbeit, wenn man dabei an was Liebes zu denken hat und sicher ist, am Sonntag mit ihm zusammen zu sein. Und wenn wir erst so weit sind, daß wir im Stübchen bleiben und uns zusammentun, so mag es regnen und stürmen, wir sitzen ruhig und lachen den Himmel aus!«

..Aber woher weißt du denn, du gutes liebes Kind, daß alles so erwünscht ausfallen und gehen wird, was mich betrifft? Woher kennst du mich denn?«

»Da sei ohne Sorge, ich kenne dich schon so ein wenig, und etwas wagen muß das Herz und früh auf sein, wenn es leben will! Wenn du wüßtest, was ich schon gesehen und erfahren habe! Und wenn es dir an Arbeit fehlen sollte, so kann ich sie dir verschaffen, ich komme weit herum und höre und sehe mehr, als mancher glaubt!«

Sie hatte sich an meinen Arm gehängt und ging fest und munter neben mir her, ein kleines Liebeslied summend und immer dasselbe wiederholend. Ich traute meinen Sinnen kaum, mitten in der Not und Bedrängnis, in die ich geraten war, auf der vermeintlich dunkelsten Tiefe des Daseins so urplötzlich vor einem Quell klarster Lebenswonne, einem reichen Schatze goldenen Reizes zu stehen, der wie unter Schutt und dürrem Moose verborgen hervorblinkte und schimmerte!

Den Teufel auch! dachte ich, das Völklein hat ja wahre Hörselberge unter sich eingerichtet, wo der prächtigste Ritter keine Vorstellung davon hat; wie es scheint, muß man selbst arm werden, um die Herrlichkeit zu finden!

»Was studieren Sie denn so fleißig?« sagte Hulda, ihr Liedchen unterbrechend.

»Nun, ich betrachte mir eben das schöne Glück, das ich so unverhofft gefunden habe! Darüber darf man doch ein bißchen erstaunt sein?«

»Ei, was sind das für aufgeputzte Worte! Wie aus einem Lesebuch! Aber wenn ich es bedenke, so hab ich schon ein paarmal gemeint, du redest und tätest nicht wie ein richtiger Arbeitsgesell. Du hast vielleicht schon bessere Zeit gehabt und eigentlich nicht ein Handwerker werden sollen?«

»Ja, es ist so was! Aber nun bin ich zufrieden, besonders heut!«

»Komm, komm!« sagte sie, umhalste mich und küßte mich mit süßester Innigkeit, daß ich wie im Rausche weiter mit ihr ging; denn unser Weg war lang.

Ich hatte aber meine vorhinnigen Worte nicht gelogen, sondern setzte sie in Gedanken fort: Warum sollst du nicht untertauchen in diese glückselige Verborgenheit, allem ideal- und ruhmsüchtigen Treiben entsagend? Warum solltest du nicht gleich morgen wieder solcher Arbeit nachgehen, wie du seit Wochen verrichtet hast, ein Arbeiter unter Arbeitern sein, deines bescheidenen Brotes jeden Tag gewiß und jeden Abend deine stille Ruhe findend an diesem zarten Busen, der einer so langen Jugend entgegenblüht? Schlichte Arbeit, goldene Liebe bei zufriedenem Brot, was willst du mehr! Und kann am Ende nicht noch etwas Besseres dabei herauskommen, insofern es irgend zu wünschen ist?

Als wir endlich vor der Haustüre der Hulda anlangten, war ich überzeugt, ein echtes und glückhaftes Abenteuer erlebt zu haben, und versprach, am nächsten Samstagabend unfehlbar da zu sein. Andere spät Heimkehrende verhinderten eine letzte Abschiedszärtlichkeit, und sie schlüpfte nach einigen höflichen Dankesworten für die Begleitung rasch neben jenen hinein.

Der Mond näherte sich seinem Untergange. Ein starker Wind bewegte die Tausende von Fahnen in den still gewordenen Straßen, daß es überall, in der Tiefe und auf der Höhe der Häuser und Türme, wallte und flatterte, wie von Geisterhänden bewegt. Aber auch in meinem Innern, durch alle Adern wogte und rauschte erst jetzt die erwachte Leidenschaft, wild und sanft, süß und frech zugleich, die Hoffnung, ja Gewißheit, in wenigen Tagen von einem Schatze geheimer Glücksgüter Besitz zu nehmen, die ich mir vor Stunden noch nicht hätte träumen lassen.

So kehrte ich in meine verödete Wohnung zurück, die ich seit der letzten Morgenfrühe nicht mehr betreten hatte.

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