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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 98
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Draußen glänzte anhaltend der lieblichste Spätsommer; Sonnenschein lag auf der Stadt und dem ganzen Lande, und das Volk trieb sich bewegter als sonst im Freien herum. Der Laden des Meister Joseph war fortwährend angefüllt mit Leuten, welche Fahnen holten oder bestellten, mit zuschneidenden und nähenden Mädchen, mit Tischlern, die frische Stangen brachten; der Alte regierte und lärmte in bester Laune dazwischen herum, nahm Geld ein, zählte Fahnen, und ab und zu kam er in das Finsterloch herein, wo ich mutterseelenallein in dem blassen Lichtstrahl der Mauerritze stand, den weißen Stab drehte und die ewige Spirale zog.

Er klopfte mir dann etwas sachte auf die Schulter und flüsterte mir ins Ohr: »So recht, mein Sohn! Dies ist die wahre Lebenslinie; wenn du die recht akkurat und rasch ziehen lernst, so hast du vieles erreicht!« In der Tat fand ich in dieser einfachen Beschäftigung allmählich einen solchen Reiz, daß mir die in dem Loche zugebrachten Tage wie Stunden vergingen. Es war die unterste Ordnung von Arbeit, wo dieselbe ohne Nachdenken und Berufsehre und ohne jeglichen anderen Anspruch als denjenigen auf augenblickliche Lebensfristung vor sich geht; wo der auf der Straße daherziehende Wanderer die Schaufel ergreift, sich in die Reihe stellt und an selbiger Straße mitschaufelt, solange es ihm gefällt und das Bedürfnis ihn treibt.

Unablässig zog ich das gewundene Band, rasch und doch vorsichtig, ohne einen Klecks zu machen, einen Stab ausschießen zu müssen oder einen Augenblick durch Unschlüssigkeit oder Träumerei zu verlieren, und während sich die bemalten Stäbe unaufhörlich häuften und weggingen, während ebenso beständig neue ankamen, wußte ich doch jeden Augenblick, was ich geleistet, und jeder Stecken hatte seinen bestimmten Wert. Ich brachte es so weit, daß der ganz verblüffte Joseph mir schon am dritten Abend nicht weniger als zwei Kronentaler als Tagelohn auszahlen mußte, mehr, als er mir für die beste Zeichnung gegeben hatte. Erst sperrte er sich dagegen und schrie, er habe sich verrechnet, es sei nicht die Meinung gewesen, daß ich so viel an dem Zeug verdienen solle!

Ich dagegen verstand keinen Spaß und beharrte auf der Abrede mit der Behauptung, die erworbene Fertigkeit ginge ihn nichts an und er solle froh sein, wenn er, dank derselben so viele Fahnen liefern könne; genug, ich fühlte mich hier ganz auf einem sicheren Grunde und schüchterte das Männchen dermaßen ein, daß es sich schleunig zufriedengab und mich aufforderte, nur so fortzufahren, die Sache sei bestens im Gange.

Er hatte auch einen gewaltigen Zulauf und versorgte einen guten Teil der Stadt mit seinen Huldigungspanieren. Ich aber drehte unverdrossen den Stab und durchwanderte, mit meinen Gedanken auf der unablässig sich abwickelnden blauen Linie, eine Welt der Erinnerung und der Ausschau in die Zukunft. Ich hatte nicht im Sinne, zugrunde zu gehen, und konnte doch nicht den Ausgang sehen, der ja unzweifelhaft vorhanden war, da der Glaube an eine göttliche Weltordnung mir nach wie vor im Blute wohnte, wenn ich mich auch in acht nahm, abermals die Angel nach einem kleinen Gebetswunder auszuwerfen. Zuletzt begnügte ich mich mit dem Bewußtsein der unmittelbaren Sicherheit, daß ich für diesen und eine Reihe von Tagen ja zu leben habe. Ein ledernes Geldbeutelchen, das ich mir nach Art der Fuhr- und Schiffleute angeschafft, hervorziehend, überzeugte ich mich, wie der bescheidene Schatz von Silberstücken, der wohlverschnürt darin ruhte, sich zusehends vermehrte.

Bis jetzt hatte ich das Geld immer offen in der Westentasche getragen; als ein angehender Geldhamster nahm ich mir nun vor, nie mehr ohne Beutel zu wirtschaften, und setzte eifrig meine ruhmlose und zufriedene Arbeit fort. Am Abend suchte ich dann irgendein entlegenes Gasthaus, setzte mich unter unbekanntes Volk und verzehrte mein spärliches Nachtmahl, welches ich, in meinem Beutel herumklaubend, bedächtig und vorsichtig bezahlte, als einer, der weiß, woher es kommt.

Endlich war indessen der Einzugstag herangerückt. Noch in der letzten Stunde kamen einzelne ärmere oder knauserige Leute, ein Fähnchen oder zwei nach reiflichem Entschlusse zu holen, und feilschten um den Preis; dann wurde der Laden still und leer, der Alte zählte seine Einnahme, und vollauf damit beschäftigt, forderte er mich auf, hinauszugehen, den festlichen Einzug der künftigen Herrscherin mit anzuschauen und mir gütlich zu tun.

»Sie machen sich wohl nichts daraus, wie?« fügte er hinzu, als er sah, daß ich keine besondere Lust bezeigte, »sehen Sie, so wird man gesetzt und klug! Schon weiser geworden in der kurzen Zeit, bei der alten Feueresse! So muß es kommen! Aber geht dennoch ein bißchen hinaus, Lieber, und wäre es nur, um die schöne Luft und die Sonne zu genießen!«

Das fand ich billig und ratsam; ich durchstrich die Stadt, die sich mit einem Schlage ganz in Farben, Gold und grünes Laub gehüllt hatte, daß es von allen Enden flatterte und schimmerte. Durch die Straßen wogte eine ungezählte Menschenmenge; glänzende Reiterzüge, Fußvolk, Zünfte, Korporationen und Brüderschaften mit allen möglichen seltsamen Fahnen bewegten sich dem Tore zu, und außerhalb desselben, das ich mit durchschnitt, ergoß sich dieses Freudenheer nach dem Weichbilde hin auf das freie Feld, in eine Volksmenge hinein, die es schon besetzt hielt, da Bauerschaften, ländliche Schulen, Schützen aus weitem Umkreise herangezogen waren. Dazwischen drängte sich ebenso zahlreich das zuschauende Publikum, mit welchem ich mich schieben ließ.

Plötzlich ertönte Geschützdonner, Glockengeläute über der weitgedehnten Stadt; Musikchöre, Trommelschlag und der betäubende Zuruf des Volkes verkündeten, daß die erwartete Fürstin herannahe. Ich sah im Glanze der Nachmittagssonne die Schwerter der voranrasselnden Reiter blinken und darauf in einem Blumenwagen das junge Frauenwesen vorüberschweben über den Köpfen der wogenden Menge, wie in einem Schiffe, das über ein rauschendes Meer gleitet, da ich weder Pferde noch Räder sehen konnte. Erst erfreute mich das ungeheuere Geräusch, dann aber belästigte es mich als etwas Fremdes und erweckte meine republikanische Eifersucht gegen die Macht eines monarchischen Lebens, mit dem ich nichts zu schaffen hatte, an welchem ich nichts mehren und nichts mindern konnte.

»Freilich hast du geschafft und gemehrt!« rief in mir die Stimme des politischen Gewissens, »du hast seit Wochen davon gelebt und trägst sogar den Sündenlohn noch in der Tasche!«

»So hab ich wenigstens nicht auf diese Untertanen geschossen«, erwiderte die Selbstbeschönigung, »wie so oft die Schweizergarden im Fürstendienste getan haben; und in diesem Augenblicke stehen noch vollzählige Regimenter am Fuße von Thronen, die schlechter sind, als der hier gefeiert wird!«

Die Vorstellung der Schweizerregimenter in fremden Diensten brachte wieder eine andere Phantasie hervor; ich sah im Geiste die mehreren Tausende der von mir gesprenkelten Fahnenstecken gleich einem unabsehbaren Zaune aufgestellt und mich als den Feldhauptmann der hölzernen Armee mitten vor derselben stehend, den ledernen Geldbeutel in der Hand. Der Vergleich dieses Ehrenpostens mit demjenigen eines weiland schweizerischen Marschalls im französischen oder hispanischen Heere schien zu meinen Gunsten auszufallen, da wenigstens kein Tropfen Blut daran klebte. Mein Bewußtsein erheiterte sich wieder, sprach sich frei, und ich marschierte an der Spitze des Gewalthaufens meiner unsichtbaren Stangengeister durch die langsam zurückflutenden Massen nach der Stadt zurück.

Gemächlich wanderte ich nun durch die geschmückten Straßen und besah mir alle Zierwerke und Veranstaltungen genauer; dann ging ich mit dem sinkenden Abend wieder hinaus, wo alle Trinkstätten und Tanzgärten angefüllt waren. Ich hielt mich aber nirgends auf, bis ich mit aufgehendem Monde zu einer mit hundertjährigen Silberpappeln bewachsenen Flußinsel kam, in deren Mitte ein volkstümliches Zech- und Tanzgebäude hell erleuchtet war und von Geigen, Pauken und Trompeten tönte. Da suchte ich ein einsames Plätzchen unter den Bäumen und möglichst nah am Wasser, dessen fließende Wellen im Mondlichte glänzten. Andere hatten jedoch den gleichen Geschmack, und so ging ich vergeblich an manchen Tischen vorbei; zuletzt mußte ich mich entschließen, an einem Platz zu nehmen, an welchem schon Leute saßen, einige junge Frauenzimmer mit ihren Freunden oder Verwandten. Das Halbdunkel der hohen Bäume war durch eine bunte Papierlaterne etwas erhellt, aber nicht genug, daß das mondbeschienene Wasser um seine freundliche Wirkung gekommen wäre und das Gestirn matter durch die Äste gefunkelt hätte.

Als ich, leicht den Hut rückend, mich niederließ, versicherten mich zwei der Mädchen, die zunächst saßen, mit schalkhaftem Lächeln, es sei für einen guten Bekannten und Arbeitsgenossen Raum genug vorhanden, und erst jetzt erkannte ich in ihnen zwei der Fahnennähterinnen aus Schmalhöfers Laden. Sie hatten sich gar anmutig herausgeputzt, und ich war überrascht, so hübsche Geschöpfe in ihnen zu finden, die ich während der ganzen Zeit kaum angesehen und gegrüßt, wenn ich durch den Laden in das finstere Loch ging oder aus demselben kam. Die ältere von ihnen stellte mich der Gesellschaft, welche aus jungen Arbeitsleuten verschiedener Profession zu bestehen schien, als Standesgenossen vor; denn sie hatten auch von dem Alten meinen Namen erfahren. Man hielt mich offenbar für einen wackeren Tünchergesellen; die jungen Männer boten mir treuherzig ihre Bierkrüge dar, ich tat Bescheid, versah mich selbst mit einem Kruge, und froh, nach langer Einsamkeit unter Menschen zu sein, überließ ich mich der einfachen Geselligkeit, ohne meinen etwas höheren Rang zu verraten, was mir auch übel angestanden hätte.

Der kleine Kreis bestand aus drei Liebespaaren, an der Art kenntlich, wie sie sich unbefangen umfaßt hielten. Zwischen Hoffnung und Furcht schwebend, dauernd verbunden oder wieder getrennt zu werden, verloren sie keine Zeit, sich ihrer Gegenwart zu versichern. Ein viertes Mädchen schien überzählig zu sein; denn es saß ohne Galan zunächst an meiner Seite, vielleicht wegen zu großer Jugend, da es höchstens siebzehn Jahre alt sein mochte. Ich hatte die glänzenden Augen der Kleinen im Trödlerladen schon bemerkt, weil sie immer aufgeblickt, wenn man durchging. Jetzt sah ich auch ihre außerordentlich feine Gestalt, in einen ziemlich feinen weißen Sonntagsschal gehüllt; auf dem Tische lag die zierlichste kleine Hand, deren zarte Fingerspitzen freilich von unzähligen Nadelstichen eine rauhere Haut bekommen hatten, und rechnete man hiezu das weiche braune Haar, das unter dem luftigen Hütchen hervorquoll, sowie das Licht des jungen Busens, wenn das helle Tuch sich einen Augenblick lüftete, so erschien hier im Schatten der Armut ein Schatz von Reizen verborgen, wie ihn mancher Reichtum vergeblich wünschte. Selbst die Blässe des Gesichtes, deren ich mich zu erinnern glaubte, diente jetzt einem Lichtspiele zur Unterlage, indem bald der rötliche Schimmer der im Luftzuge schwankenden Papierlaterne, bald der silberbläuliche Abglanz des Flusses darüber flog und zusammen mit dem Lächeln ihres Mundes, wenn sie sprach, ein geheimnisvolles Leben und Weben bildete. Zum Überflusse hieß sie noch Hulda.

Ich fragte sie, ob sie wirklich so heiße oder ob sie den Namen bloß angenommen habe, wie das bei Frauenzimmern des arbeitenden und dienenden Standes, dem wir angehörten, zuweilen vorkomme.

»Nein«, erwiderte sie, »ich habe den Namen nebst vier andern von meinen Eltern bei der Taufe erhalten. Es sind arme Schustersleute gewesen, die bei meiner Taufe weder einen Schmaus auszurichten noch solche Paten herbeizuziehen vermochten, von denen irgendein Angebinde zu hoffen war. Weil sie nun dennoch einen gewissen vornehmen Tick besaßen, so statteten sie mich dafür mit fünf Namen aus. Ich habe sie aber alle abgeschafft bis auf den kürzesten; denn da unsereins immer zu den Behörden laufen muß, um seine Beschreibung in Ordnung zu erhalten, so wurde ich von den Beamten jedesmal angefahren, ob meine Namen bald zu Ende seien, oder ob sie vielleicht einen neuen Bogen anbrechen müßten, um sie alle aufzuschreiben.«

»Und sie haben doch den schönsten von den fünf Namen behalten?« sagte ich, von dem Ernste belustigt, mit welchem sie die Geschichte erzählte.

»Nein, nur den kürzesten! Die andern waren alle länger und prachtvoller! – Aber Sie tragen ja zu viel Geld bei sich herum, das muß man nicht tun!«

Ich hatte meinen wohlgerundeten Geldbeutel auf den Tisch gestellt, um einen neuen Krug Bier zu zahlen, den man mir brachte, da ich durstig gewesen und mit dem ersten schon fertig geworden.

»Das ist mein Verdienst von den Fahnenstangen«, sagte ich, »ich werd's schon versorgen, wenn ich's nicht brauche!«

»Himmel! So viel haben Sie bei dem Alten verdient? Und ich hab's auf kaum vierzehn Gulden gebracht!«

»Ich hab es vom Stück, da kann man sich an den Laden legen und dem Patron die Nase lang machen!«

»Hört, Leute, der hat's vom Stück !«rief sie den andern zu, »der verdient ein Geld! Wo stehen Sie eigentlich in Arbeit, oder sind Sie für sich?«

»Ich bin augenblicklich ohne Meister und denke es zu bleiben, solang es geht.«

»Es wird gewiß gehen, denn fleißig sind Sie ja von früh bis spät, das haben wir gesehen und oft zueinander gesagt! ›Wenn er nur nicht so hochmütig wäre‹, meinten die andern, aber ich hielt dafür, Sie seien eher traurig oder langweilig. Haben Sie denn schon zu Nacht gegessen?«

»Noch nicht! Und Sie?«

»Auch noch nicht! Wissen Sie was, da ich allein bin, so könnten wir zusammenlegen und miteinander essen, dann stellen wir auch ein Pärlein vor!«

Ich fand diesen Vorschlag sehr angenehm und klug und wurde von einem Wohlgefühl erwärmt, unversehens so gut untergebracht zu sein. Ich lud die artige Hulda daher ein, mir das Traktament zu überlassen; allein sie tat es durchaus nicht anders als auf gemeinschaftliche Kosten, und als das bestellte Essen anlangte, holte sie ein anständig versehenes Täschchen hervor und ruhte nicht, bis ich ihren Anteil hinnahm. So spiesen wir denn vertraulich und waren guter Dinge, nur wollte das anziehende Wesen nicht von den Kartoffeln nehmen, die ich zu den Karbonaden, die sie gewünscht, bestellt hatte. Vielmehr sagte sie, es scheine, daß ich noch nie einen Schatz besessen, ansonst mir bekannt wäre, daß Arbeitsmädel, wenn sie feiertags zum Vergnügen gehen, keine Kartoffeln essen wollen. Wie ich das wissen könne, fragte ich, und was denn das für ein Geheimnis sei.

»Weil sie die Woche hindurch sich fast nur von Kartoffeln nähren und davon genug bekommen!« erklärte sie. Ich drückte mein Mitleid aus, ohne zu gestehen, daß ich schon schlechtere Tage gesehen; denn das hätte mir ihre Achtung schwerlich erworben, wie ich wenigstens dachte.

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