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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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5

Die Geheimnisse der Arbeit

Das Geldchen, das ich für die Flöte erhalten, reichte auch für einen zweiten Tag aus, da ich es klüglich eingeteilt hatte. Ich erwachte also diesmal ohne die Sorge, heute hungern zu müssen, und das war wiederum ein kleines, zum erstenmal erlebtes Vergnügen, da diese Sorge mir früher unbekannt gewesen und ich erst jetzt den Unterschied empfand. Dies neue Gefühl, mich gegen den Untergang mangels Nahrung gesichert zu wissen, gefiel mir so gut, daß ich mich schnell nach weiteren Habseligkeiten umsah, die ich der Flöte nachsenden könne; ich entdeckte aber durchaus nichts Entbehrliches mehr, als den bescheidenen Bücherschatz, der sich über meinen wissenschaftlichen Grenzüberschreitungen aufgestapelt und verwunderlicherweise noch vollständig beisammen war. Ich öffnete einige Bände und las stehend Seite auf Seite, bis es elf Uhr schlug und Mittag heranrückte. Da tat ich mit einem Seufzer das letzte Buch zu und sagte: »Fort damit! Es ist jetzt nicht die Zeit solchen Überflusses, später wollen wir wieder Bücher sammeln!«

Ich holte rasch einen Mann, der den ganzen Pack mit einem Strick zusammenband, auf den Rücken schwang und mir auf dem Wege zu einem Antiquarius damit folgte. In einer halben Stunde war ich aller Gelehrsamkeit entledigt und trug dafür die Mittel in der Tasche, das Leben während einiger Wochen zu fristen.

Das dünkte mich schon eine unendliche Zeit; allein auch sie ging vorüber, ohne daß meine Lage sich änderte. Ich mußte also auf eine neue Frist denken, um die Wendung zum Bessern und den Glückesanfang abzuwarten. Die einen Menschen verhalten sich unablässig höchst zweckmäßig, rührig und ausdauernd, ohne einen festen Grund unter den Füßen und ein deutliches Ziel vor Augen zu haben, während es andern unmöglich ist, ohne Grund und Ziel sich zweckmäßig und absichtlich zu verhalten, weil sie eben aus Zweckmäßigkeit nicht aus nichts etwas machen können und wollen. Diese halten es dann für größte Zweckmäßigkeit, sich nicht am Nichtssagenden aufzureiben, sondern Wind und Wellen über sich ergehen zu lassen, jeden Augenblick bereit, das leitende Tau zu ergreifen, wenn sie nur erst sehen, daß es irgendwo befestigt ist. Sind sie dann am Lande, so wissen sie, daß sie wieder Meister sind, indessen jene immer auf ihren kleinen Balken und Brettchen herumschwimmen und aus lauter Ungeduld vom Ufer wegzappeln. Ich war nun allerdings keine große Figur in der Geisterwelt, um ein so vornehmes Mittel, wie die Geduld ist, gebrauchen zu dürfen; allein ich hatte damals kein anderes zur Hand, und im Notfall bindet der Bauer den Schuh mit Seide.

Das letzte, was ich außer meinen unverkäuflichen Bildern und Entwürfen besaß, waren die mit meinen Naturstudien angefüllten Mappen. Sie enthielten fast den ganzen Fleiß meiner Jugend und stellten ein kleines Vermögen dar, weil sie lauter reale Dinge aufwiesen. Ich nahm zwei der besseren Blätter, von ansehnlichem Format, welche ich schon im Freien als Ganzes abgeschlossen und in zufällig glücklicher Weise leicht gefärbt hatte. Dieselben wählte ich, um wegen der größeren Wirkung sicher zu gehen, da ich keinen der oberen Kunsthändler, sondern das freundliche Trödelmännchen heimzusuchen gedachte und von vornherein nicht einen wirklichen Wert zu erhaschen hoffte. Vor seinem Geschäfts- und Wohnwinkel angekommen, sah ich erst durch das Fenster und bemerkte die alten Gegenstände dahinter, die Klarinette wie die Kupferstiche und Bildchen, dagegen nicht mehr das Flötenkästchen. Dadurch ermutigt, trat ich bei dem Alten ein, der mich sogleich erkannte und fragte, was ich Neues bringe. Er war günstig gelaunt und ließ mich wissen, daß er jene Flöte längst verkauft habe. Als ich die Blätter entrollt und auf seinem Tische so gut als möglich ausgebreitet, fragte er zuvörderst, gleich dem israelitischen Bild- und Kleiderhändler, ob ich sie selbst gemacht, und ich zögerte mit der Antwort; denn noch war ich zu hochmütig für das Geständnis, daß die Not mich mit meiner eigenen Arbeit in seine Spelunke treibe. Er schmeichelte mir jedoch ohne Verzug die Wahrheit ab, deren ich mich nicht zu schämen brauche, vielmehr zu rühmen hätte; denn die Sachen schienen ihm in der Tat nicht übel und er wolle es damit wagen und ein Erkleckliches daran wenden. Er gab mir auch so viel dafür, daß ich ein paar Tage davon leben konnte, und mir schien das ein nicht zu verachtender Gewinn, obgleich ich seinerzeit lust- und fleißerfüllte Wochen über den Gebilden zugebracht hatte. Jetzt wog ich das winzige Sümmchen nicht gegen den Wert derselben, sondern gegen die Not des Augenblickes ab, und da erschien mir der ärmliche Handelsgreis mit seiner kleinen Kasse noch als ein schätzenswerter Gönner; denn er hätte mich ja auch abweisen können. Und das wenige, was er mit gutem Willen und drolligen Gebärden gab, war so viel, als wenn reiche Bilderhändler größere Summen für eine unsichere Laune ihres zweifelnden Urteils hingeben.

Aber noch in meiner Anwesenheit befestigte der Kauz die unglücklichen Blätter an seinem Fenster, und ich machte, daß ich fortkam. Auf der Straße warf ich einen flüchtigen Blick auf das Fenster und sah die sonnigen Waldeinsamkeiten aus der Heimat wehmütig an diesem dunkeln Pranger der Armut stehen.

Nichtsdestoweniger ging ich in zwei Tagen abermals mit einem Blatte zu dem Manne, der mich munter und freundschaftlich empfing. Die zwei ersten Zeichnungen waren nicht mehr zu sehen; das Männchen, oder Herr Joseph Schmalhöfer, wie er eigentlich laut seinem kleinen alten Ladenschilde hieß, wollte aber keineswegs sagen, wo sie geblieben seien, sondern verlangte zu sehen, was ich gebracht habe. Wir wurden bald des Handels einig; ich machte zwar eine kleine Anstrengung, einen barmherzigern Kaufpreis zu erwischen, war aber bald froh, daß der Alte nur kauflustig blieb und mich aufmunterte, ihm ferner zu bringen, was ich fertig machte, immer hübsch bescheiden und sparsam zu sein, wobei aus dem kleinen Anfang gewiß etwas Tüchtiges erwachsen würde. Er klopfte mir wieder vertraulich auf die Achsel und lud mich ein, nicht so trübselig und einsilbig dreinzuschauen.

Der ganze Inhalt meiner Mappen wanderte nun nach und nach in die Hände des immer kaufbereiten Hökers. Er hing die Sachen nicht mehr ans Fenster, sondern legte sie sorgfältig zwischen zwei Pappdeckel, die er mit einem langen Lederriemen zusammenschnallte. Ich bemerkte wohl, daß sich die Blätter, große und kleine, farbige wie Bleistiftzeichnungen, zuweilen längere Zeit ansammelten, bis der Behälter plötzlich wieder dünn und leer war; allein niemals verriet er mit einem Worte, wohin meine Jugendschätze verschwanden. Sonst aber blieb sich der Alte immer gleich; ich fand, solang ich ein Blatt zu verkaufen hatte, eine sichere Zuflucht bei ihm, und endlich war ich froh, auch ohne Handelsverkehr etwa ein Stündchen mit Geplauder bei ihm zu verbringen und seinem Treiben zuzusehen. Wollte ich dann weggehen, so forderte er mich auf, nicht ins Wirtshaus zu laufen und das Geldchen zu vertun, sondern an seinem Tische mitzuhalten, und erzwang es am Ende auch. Übrigens war der allein lebende alte Gnom ein guter Koch und hatte stets ein leckeres Gericht im Hafen auf dem Herde oder im Ofen seines düsteren Gewölbes. Bald briet er eine Ente, bald eine Gans, bald schmorte er ein kräftiges Gemüse mit Schöpsenfleisch oder er verwandelte billige Flußfische durch seine Kunst in treffliche Fastenspeise. Als er mich eines Tages zu seiner Mahlzeit eingefangen hatte, sperrte er plötzlich das Fenster auf, wegen der Wärme, wie er sagte, im Grunde aber, um meinen Bettelstolz zu zähmen und mich den Vorübergehenden zu zeigen. Das merkte ich an seinen schlauen Äuglein und scherzhaften Worten, womit er die Anzeichen von Verlegenheit und Unwillen bekriegte, die ich sehen ließ. Ich ging ihm auch nicht mehr in die Falle und betrachtete meine Bedürftigkeit als mein Eigentum, über das er auf diese Art nicht zu verfügen habe. Seltsamerweise fragte er mich nie, wie oder warum ich arm geworden sei, obgleich er mir Namen und Herkunft längst abgehört. Den Grund seines Verhaltens fand ich in der Vorsicht, jede Erörterung zu vermeiden, um nicht zu etwas menschlicheren Kaufsangeboten moralisch genötigt zu werden. Aus gleicher Ursache beurteilte er auch nie mehr, was ich ihm brachte, als gut oder zufriedenstellend, und mit immer gleicher Beharrlichkeit verschwieg er, wohin er die Sachen verkaufe.

Ich fragte auch nicht mehr danach. Wie ich nun gestimmt war, gab ich gern alles hin für das kärgliche Brot, das die Welt mir gewährte, und empfand dabei die Genugtuung, es verschwenderisch zu bezahlen. Das konnte ich mir um so eher einbilden, als das wenige, das ich erhielt, der erste Gewinn war, den ich eigener Arbeit verdankte; denn nur der Gewinn aus Arbeit ist völlig vorwurfsfrei und dem Gewissen entsprechend, und alles, was man dafür einhandelt, hat man sozusagen selbst geschaffen und gezogen, Brot und Wein wie Kleid und Schmuck.

So erhielt ich mich ungefähr ein halbes Jahr, so wenig mir der Alte für die mannigfachen Studienblätter und Skizzen gab; denn sie wollten fast kein Ende nehmen, was freilich eines Tages dennoch geschah. Ich war aber nicht bereit, sofort wieder zu hungern. Daher löste ich meine großen gefärbten oder grauen Kartons von den Blendrahmen, zerschnitt jeden sorgfältig in eine Anzahl gleich großer Blätter, die ich in einem Umschlag aufeinanderlegte, und trug diese merkwürdigen, immer noch stattlichen Hefte eines nach dem andern zu dem Herrn Joseph Schmalhöfer. Er beschaute sie mit großer Verwunderung; sie sahen auch wunderbar genug aus. Die große kecke Zeichnung, die ohne Ende durch alle die Fragmente ging, die starken Federstriche und breiten Tuschen erschienen auf den kleineren Bruchstücken doppelt groß und gaben ihnen als Teilen eines unbekannten Ganzen einen geheimnisvollen fabelhaften Anstrich, so daß der Alte sich nicht zu helfen wußte und wiederholt fragte, ob das auch etwas Rechtes sei. Ich machte ihm aber weis, das müßte so sein, die Blätter könnten zusammengesetzt werden und machten alsdann ein großes Bild; sie hätten indessen auch einzeln für sich ihre Bedeutung und es sei auf jedem etwas zu sehen, kurz, ich drehte ihm zum Spaß eine Nase und dachte mir dabei, wenn sie ihm auch auf dem Halse blieben, so sei das nur eine kleine Einbuße an dem Gewinne, den er von mir gezogen. Das Trödelgreischen rieb sich verlegen das Bein, welches mit einer juckenden Flechte behaftet war, ließ aber die sibyllinischen Bücher nicht fahren, sondern verkaufte sie eines Tages alle miteinander, ohne daß ich erfuhr, wohin sie gekommen.

Als ich den Ertrag dieses letzten Verkaufes aufgebraucht hatte, war mein Latein für einmal wieder zu Ende. Versuchsweise ging ich zu dem Bild- und Kleiderhändler, um nach den zwei Ölbildern zu sehen. Sie hingen an der alten Stelle und ich bot sie dem Manne zu Eigentum an auch für den bescheidensten Preis, den er ansetzen würde. Er war jedoch nicht geneigt, irgend etwas Bares dafür auszulegen, und ermunterte mich zur Geduld, wobei ich ja ein besseres Geschäft machen werde. Ich war das auch zufrieden und hatte somit immer noch eine kleine Hoffnung in der Welt hängen und einen schwebenden Handel. Von da ging ich weiter und kehrte bei meinem Schmalhöfer ein, ihm einen guten Tag zu wünschen. Er blickte mir sofort auf die leeren Hände; ich sagte jedoch, ich hätte nichts mehr zu veräußern.

»Nur munter, Freundchen!« rief er und nahm mich bei der Hand, »wir wollen sogleich eine Arbeit beginnen, die sich sehen lassen wird! Jetzt sind wir gerade auf dem rechten Punkt, da darf nicht gefeiert werden!« Und er führte und schob mich in ein noch dunkleres Verlies, das hinter dem Laden lag und sein Licht nur durch eine schmale Schießscharte empfing, die in der feuchten, schimmligen Mauer sich auftat. Nachdem ich mich einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt, erblickte ich das Gewölbe angefüllt mit einer Anzahl hölzerner Stäbe und Stangen, ganz neu, rund und glatt gehobelt, von allen Größen lastweise an den Wänden stehend. Auf einer uralten Feueresse, dem Denkmal irgendeines Laboranten, der vielleicht vor hundert Jahren hier sein Wesen getrieben, stand ein Eimer voll weißer Leimfarbe inmitten mehrerer Töpfe von anderen Farben, jeder mit einem mäßigen Streicherpinsel versehen.

»In vierzehn Tagen«, lispelte und schrie der Alte abwechselnd, »wird die Braut des Thronfolgers in unsere Residenz einziehen! Die ganze Stadt wird geschmückt und verziert werden, Tausende und aber Tausende von Fenstern, Türen und Gucklöchern werden mit Fahnen in unsern und den Landesfarben der Braut besteckt; Fahnen von jeder Größe werden die nächsten zwei Wochen die gesuchteste Ware sein! Schon ein paarmal hab ich die Unternehmung bestanden und ein gut Stück Geld verdient. Wer der erste, Schnellste und Billigste ist, hat den Zulauf. Drum frisch dranhin, keine Zeit ist zu verlieren! Habe mich schon vorgesehen und Stöcke machen lassen, weitere Lieferungen sind bestellt, das Zuschneiden des Tuches und das Nähen wird ebenfalls beginnen. Ihr aber, Freundchen, seid wie vom Himmel ausersehen, die Stangen anzustreichen!

Bst! Nicht gemuckst! Hier für diese großen gebe ich einen Kreuzer das Stück, für diese kleineren einen halben; von diesen ganz kleinen aber, welche für die Mauslöcher und Blinzelfensterchen der armen Reichsleute und Untertanen bestimmt sind, müssen vier Stück auf den Kreuzer gehen! Jetzt aber merkt auf, wie das zu machen ist, alles will gelernt sein!«

Er hatte schon mehrere Stänglein halb und ganz vorgearbeitet; nachdem der Stecken mit der weißen Grundfarbe bestrichen, welche für beide Königreiche dieselbe war, wurde er mit einer Spirallinie von der andern Farbe umwunden. Der Alte legte eine der grundierten Stangen in die Schießscharte, hielt sie mit der linken Hand waagrecht, und indem er, den Pinsel eintauchend, mich aufmerksam machte, wie dieser weder zu voll noch zu leer sein dürfe, damit eine sichere und saubere Linie in einem Zuge entstände, begann er, die Stange langsam zu drehen und von oben an die himmelblaue Spirale zu ziehen, womöglich ohne zu zittern oder eine unvollkommene Stelle nachholen zu müssen. Er zitterte aber doch, auch geriet ihm der weiße Zwischenraum und die Breite der blauen Linie nicht gleichmäßig, so daß er das mißlungene Werk wegwarf und rief: »Item! Auf diese Art wird's gemacht! Eure Sache ist es nun, das Ding besser anzugreifen; denn wozu seid Ihr jung?«

Ohne mich einen Augenblick zu besinnen, ergriff ich einen Stab, legte ihn auf und versuchte neugierig die seltsame Arbeit, und bald ging sie gut vonstatten. Eifrig fuhr ich fort, bis um die Mittagszeit; als ich da aus dem Finsterloch hervortrat, fand ich den Alten zwischen drei oder vier Nähterinnen hausend, denen er das Fahnenzeug zumaß und hundert Lehren erteilte wie sie zwar nicht liederlich, doch auch nicht zu gut nähen sollten, sondern so, daß die Arbeit rüstig vorrücke und die Fahnen dennoch zusammenhielten, wenn sie im Winde flatterten, ohne daß sie hinwiederum eine Ewigkeit zu dauern brauchten. Die Weiber lachten, und ich lachte auch, als ich hindurchging und das Männchen mir nachrief, in einer Stunde unfehlbar wieder da zu sein. Das geschah, und ich brachte die folgenden Tage bis ans Ende mit der neuen Beschäftigung zu.

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