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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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4

Das Flötenwunder

Das Geldpaket wurde mir nicht, wie der Brief, von dem Hauswirtskinde, sondern von dem Postboten selbst aufs Zimmer gebracht. Sein gewichtiges Treppensteigen, das so lange ausgeblieben, belebte die Leute sofort mit einer vorläufigen Genugtuung über das ungebrochene Vertrauen, das sie mir geschenkt; mit dankbarer Gesinnung empfingen sie dann ihr ziemlich aufgelaufenes Guthaben, nachdem ich das Geld nicht ohne Mühe von den vielen Hüllen und Schnüren befreit und den neuen Brief rasch durchflogen hatte, der von unsicherer, ihren Gegenstand nicht übersehender Sorge geschrieben war.

Auch der Schneider, der Schuhmacher und die übrigen Lieferanten unterschrieben ihre Rechnungen mit freundlicher Zufriedenheit und empfahlen sich für weitere Kundschaft. Das machte mir alles so viel Vergnügen, als ob es mein eigenes Verdienst wäre und ich die lieben Zahlungsmittel selbst erworben hätte. Fast bedauerte ich, daß nicht noch mehr zu bezahlen und die Herrlichkeit so bald zu Ende war; doch wurde der Übermut gedämpft, als ich noch am gleichen Tage auch bar Geliehenes an gute Bekannte zurückzahlte und dieselben das Geld mit vollkommener Gleichgültigkeit beiseite legten. Hieran sah ich, daß ich in ihren Augen nicht etwas besonders Merkwürdiges getan hatte, und zog die Hörnlein der Selbstzufriedenheit wieder ein. Dennoch war ich leichten Mutes, betrachtete die Zahlungsfähigkeit der Mutter gewissermaßen als meine eigene und feierte am Abend ein kleines Befreiungsfest, mit dessen Aufwand, so bescheiden er war, das Mütterchen sich einen halben Monat lang erhalten konnte. Ich sang sogar in rascherem Takte, als seit manchen Tagen geschehen, ein Lied voll Sorgenverachtung mit, wie wenn ich aller Übel der Welt ledig wäre.

Allein gleich am Morgen gewahrte ich, daß noch ein Ende der Kette vorhanden in Gestalt des Häufleins Taler, welches von meinem Schatz übriggeblieben war. Denn als ich denselben erst jetzt genauer berechnete und abzählte und die letzte schon angebrochene Papierhülse vollends auseinander schlug, zeigte es sich, daß ich höchstens ein Vierteljahr daran zu leben hatte. Ich wunderte mich nicht wenig, wie die Sorge so behende wieder hereingeschlüpft, und vermutete zuletzt, sie sei gar nicht von der Stelle gegangen, gleich der Frau des Swinegels, die im Wettlaufe mit dem Hasen ruhig in der Furche saß und rief: »Ich bin all hier!«

Doch zögerte ich nicht, einen neuen Auslauf nach dem Erwerbe zu unternehmen; mit Überlegung schlug ich, wie ich glaubte, einen klugen Mittelweg ein, indem ich ein paar kleinere Landschaften ohne Anspruch auf geistreichen Stil oder Phantasie, dagegen mit sorgfältiger Rücksicht auf Gefälligkeit zu malen begann, immerhin aber eine gewähltere Naturwahrheit zugrunde legte und nicht mit Gewalt das einmal zierlich Gewachsene ins Plumpe, das Geformte ins Formlose verwandelte. Auf diesem Wege vermeinte ich einen glücklicheren Erfolg nicht verfehlen zu können, während mir unter der Hand das angestrebte Gefällige der Ausführung nur zu einer gewissen reinlichen Bescheidenheit geriet, die Form aber für den roheren Blick sofort wieder einen verdächtigen Anschein von Stil gewann. Das war freilich wieder nicht zweckmäßig; denn die gleichen Menschen, welche die Angelegenheiten ihres täglichen Lebens nur mit großen Worten und erhabenen Wendungen behandeln, sind es ja, die sogleich die Nase zurückziehen, wenn sie in der Kunst etwas wittern, das wie Stil oder Form aussieht.

Neben der Vorsicht, die ich an die Arbeit verwandte, beschäftigte mich noch das Abwägen der fliehenden Zeit mit der täglichen Abnahme meines Barvorrates; dies alles mit einem geruhigen Maß von Furcht und Hoffnung durchwirkt, läßt mir jene kleine Spanne Zeit samt ihren kleinen Verhältnissen als ein Stück wohlverbrachten friedlichen Daseins erscheinen, gleichmäßig erfüllt von bescheidenem Anspruch, redlicher Tätigkeit und tröstlicher Erwartung des unbekannten Erfolges. Fehlt einem solchen Zustand einstweilen das tägliche Brot nicht, während das kommende Bedürfnis doch die Seelenkräfte wach erhält, so wäre er lebenslang leicht zu ertragen. Das erkennt man erst, wenn die Hoffnungen gebrochen sind und man den früheren Zustand, wo sie noch ungewiß waren, wieder herbeiwünscht.

Als ich beide Zwillingsbilder fertig hatte, war es mit dem zufriedenen Leben vorbei, und ich mußte auf den Handel ausgehen. Sie der öffentlichen Ausstellung anzuvertrauen, konnte ich mich nach jenem plagiatorischen Unglück nicht schon wieder entschließen, was allerdings ein Zeichen des Anfänger- und Dilettantentums war; denn eine volle Begabung kann dergleichen leicht verschmerzen und braucht sich nicht darum zu kümmern, wie das Schattenvolk sich um das Eigentum von Ideen und Erfindungen zankt.

Ich begab mich nun zu einem angesehenen Händler, Beherrscher der Auktionen und Aufkäufer von Künstlernachlässen, welcher auch ganz neue Bilder kaufte, wenn sie vor seiner Kennerschaft Gnade fanden oder seine Gewinnlust sonst durch irgendeinen geheimnisvollen Vorzug reizten. In einem schönen Hause war das Erdgeschoß mit sogenannten alten Meistern und neueren Gemälden angefüllt und hinter den Fenstern waren stets einige zu sehen, aber niemals etwas, für das der Mann keinen Namen hatte. War es eine gewisse Geziertheit oder war es Schüchternheit, ich ging zuerst ohne meine Landschaften hin, um sie dem Händler anzubieten in der Form, daß ich anfragte, ob ich dieselben herbringen lassen oder seinen Besuch zur Besichtigung erwarten dürfe. Mein Eintreten in die Handelsgalerie blieb gänzlich unbeachtet, da der Inhaber mit einem Häuflein Herren und Kennern dicht vor einem kleinen Rähmchen stand, dessen Inhalt sie mit zusammengesteckten Köpfen und Vergrößerungsgläsern beguckten, während er seine Lehrsätze über die Rarität vortrug. Plötzlich führte er, die Lupe in der Hand, den Trupp in ein anstoßendes Zimmer, um dort vor einem ähnlichen Gegenstande vergleichende Studien vorzunehmen, und ich blieb ein Weilchen allein in dem Raume. Endlich kehrten die Herren in aufgelöster Ordnung, in lebhaftem Gespräche begriffen, zurück, indem sie eine große Heilswahrheit zu vereinbaren und zu redigieren schienen; es handelte sich offenbar weniger um ein Geschäft als um eine jener Liebhaberkonferenzen, durch die solche Bildermänner ihrem Hazardspiel einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben pflegen. Indessen bemerkte der Kaufherr meine Anwesenheit und fragte nach meinem Begehren.

Ich brachte das Anliegen ziemlich betreten vor, im Gefühl, daß ich etwas erbitte, was kein Mensch mir zu gewähren schuldig sei, und hatte es auch kaum getan, als der Mann, ohne nur zu fragen, wer ich sei, kurz und trocken sagte, er kaufe die Sachen nicht, und sich wegkehrte.

Hiemit war mein Geschäft abgetan; ich hatte keine Veranlassung, auch nur eine Minute länger dazubleiben, und befand mich eine Viertelstunde später wieder zu Hause bei den zwei Bildchen.

Ich unternahm an diesem Tage nichts weiter, durch ein unheimliches Gefühl von Ärger und Sorge beklemmt. Ich konnte mir nicht klarmachen, daß das Verhalten des Händlers dasjenige der meisten Leute war, die alles, was sie nicht von sich aus wünschen und suchen, durch die immergrüne Hecke der abschlägigen Antwort von sich abhalten und es darauf ankommen lassen, was zu ihrem Nutzen sich allenfalls dennoch hindurchdrücken wolle und könne.

Am nächsten Tage machte ich mich abermals auf den Weg, nahm aber klüglich die in ein Tuch gewickelten Bilder mit, damit sie wenigstens angesehen wurden. Ich suchte einen Händler von minderem Range auf, bei dem die Verkehrssummen schon beträchtlich niedriger standen als bei dem vorigen, obschon er mit den Gegenständen besser umzugehen, sie sogar selber zu reinigen, auszubessern und neu zu firnissen verstand. Ich traf ihn in einem ziemlich dunkeln Lokale inmitten seiner Töpfchen und Gläser, wie er eben die Löcher einer alten bemalten Leinwand ausflickte. Er hörte mich aufmerksam an und stellte meine Landschaften selbst in ein möglichst günstiges Licht, und nachdem er die Hände an der Schürze abgewischt, schob er sein Samtkäppchen über den kahlen Vorderkopf zurück, stützte die Hände gegen die Hüfte und sagte sogleich, ohne sich lange zu besinnen: »Die Sachen sind nicht übel, aber sie sind nach alten Kupferstichen gemacht, und zwar nach guten!«

Erstaunt und verdrießlich erwiderte ich: »Nein, diese Bäume habe ich selbst alle nach der Natur gezeichnet, und sie stehen wahrscheinlich jetzt noch; auch das übrige existiert beinahe alles, wie es hier ist, nur liegt's etwas mehr auseinander!«

»In diesem Falle kann ich die Bilder erst recht nicht brauchen!« versetzte er, indem er die betrachtende Stellung aufgab und das Käppchen wieder zurechtrückte; »man wählt nach der Natur keine Motive, die wie aus alten Kupferstichen aussehen! Man muß mit der Zeit leben und vorwärts schreiten!«

Da hatte ich die ganze Stilfrage in einer Nuß. Ich packte meine Bilder zusammen und warf im Abgehen einen wehmütigen Blick auf die Sammlung roher Zufälligkeiten und gemalter Düngerhaufen, welche als Zeitgemäßes oder eigentlich eher die Zukunft Ahnendes die Wände bedeckten, da es die Arbeiten armer Teufel waren, die aus Ungeschick mit billigem Pinsel und im Dunkeln das schufen, was seither anspruchsvoll ans Licht getreten ist. Ich stand allerdings selber höchst kümmerlich auf der Gasse, kehrte jedoch mit dem Stolze eines verarmten Hidalgo dem Hause den Rücken und wanderte weiter. Unentschlossen, ob ich nicht lieber nach meiner Wohnung zurück wolle, durchirrte ich mehrere Straßen und geriet vor den Kaufladen eines israelitischen Schneiders, der zugleich mit neuen Kleidern und mit neuen Bildern handelte. Manche Künstler ließen sich von ihm bekleiden, und er mochte dadurch, indem er an Zahlungs Statt zuweilen eine Malerei zu übernehmen oder zu pfänden genötigt war, zu einem kleinen Galeriebesitzer geworden sein, der schon mehr als einen guten Schnitt gemacht hatte, wenn er entweder die Arbeiten bedrängter Kunstjünger erworben, die nachher zu Ruf gekommen, oder wenn er, ohne es zu wissen, von andern Unkundigen ein wertvolles Stück erwischte. Vor demjenigen Teil seines Geschäftslokales, worin die Bilder aufgestellt waren, sah ich einen Augenblick durch das Fenster, und da der Raum wenigstens von reinlicher Ordnung und Sorgfalt zu zeugen schien, so lockte mich das, einzutreten und mein Angebot abermals vorzubringen. Der Handelsmann zeigte sich gleich bereitwillig, die Sachen anzusehen, betrachtete sie mit lüsterner Neugierde, ließ sich alles Wie, Was und Wo erklären und fragte zuletzt, ob ich die Dinger wirklich selbst gemacht habe und ob sie gut gemalt seien? Das war gar nicht so naiv, wie es aussah, denn er blickte mich in der Zeit genau an, um aus meinen Mienen den Grad eines berechtigten oder eiteln Selbstvertrauens zu lesen, wie er einen anderen, der ihm einen goldenen Ring antrug, zunächst fragte, ob derselbe auch echt sei; im letzteren Falle erkannte er das Gold schon vorher und wollte durch die Frage erfahren, mit welchem Menschen er zu tun habe; in meinem Falle dagegen wußte er den Menschen im voraus zu beurteilen, durch dessen Verhalten aber wollte er erfahren, wie er das Handelsobjekt anzufassen habe. Als ich zögernd erwiderte, ich hätte die Bilder so gut gemacht, als es nur möglich gewesen, ohne daß es mir anstehe, sie zu loben; auch werden sie wohl nicht sehr vortrefflich sein, sonst würde ich nicht damit hier stehen; immerhin aber seien sie des bescheidenen Preises wert, den ich verlange – schien ihm das nicht übel zu gefallen, und er wurde freundlich und gesprächig, indem er dazwischen die Bilder ab und zu ebenso unentschlossen als wohlwollend betrachtete. Ich begann die gute Hoffnung zu schöpfen, daß sich jetzt etwas ereignen würde; allein es erfolgte nichts weiter als das plötzliche Anerbieten, die Bilder in Kommission zu übernehmen, in seinem Lokale auszustellen und so vorteilhaft als tunlich zu verkaufen. Hiebei blieb es denn auch; denn zu etwas weiterem hätte sich der Mann nicht verstanden, und sein Vorschlag war nicht unbillig, sein Verhalten aber menschlich, da es mir Hoffnung ließ und ich mit leichterem Herzen meine Wohnung aufsuchen konnte, als wenn ich die Bilder wieder hätte hintragen müssen.

So blieb mir für einmal die Welt des Erwerbes wie durch eine Mauer verschlossen, an welcher ich keine Türe fand, nicht ein Schlupfloch, durch welches eine Katze gekrochen wäre. Ich hatte freilich auf den drei Gängen gewiß nicht hundert Worte verloren, allein auch ein hundertundeintes hätte nicht geholfen; wäre Erikson noch dagewesen, so würde er mir die Bilder mit wenig Worten verkauft haben, indem er hinging und sagte: »Was fällt Euch ein? Ihr müßt sie nehmen!« Oder Ferdinand Lys hätte sie mich ausstellen lassen und mit seinem Ansehen als reicher Mann einem andern Reichen empfohlen, und ich wäre wie hundert andere auf einen leidlich breiten Weg geraten und auf ihm geblieben. Aber beide Freunde hatten sich von der Kunst selbst abgewendet und lebten, wo ich nicht wußte, gleich Abgeschiedenen, die dem Zurückgebliebenen fernher zuzuwinken schienen: Geh du dort auch weg!

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