Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gottfried Keller >

Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
Schließen

Navigation:

Will ich nun, grübelte ich weiter, ein Beispiel wirkungsreicher Arbeit, die zugleich ein wahres und vernünftiges Leben ist, betrachten, so ist es das Leben und Wirken Friedrich Schillers. Dieser, aus dem Kreise hinausfliehend, zu welchem Familie und Landherr ihn bestimmt, alles im Stiche lassend, was ihn nach ihrem Willen beglücken sollte, stellte sich in früher Jugend auf eigene Faust, nur das tuend, was er nicht lassen konnte, und schaffte sich sogar durch eine Ausschweifung, eine überschwengliche und wilde Räubergeschichte, Luft und Licht; aber sobald er dies gewonnen, veredelte er sich unablässig von innen heraus, und sein Leben wurde nichts anderes als die Erfüllung seines innersten Wesens, die folgerechte kristallinische Arbeit des Idealen, das in ihm und seiner Zeit lag. Und dieses einfach fleißige Dasein verschaffte ihm endlich alles, was seinem persönlichen Wesen genügte. Denn da er, mit Respekt zu melden, ein gelehrter Stubensitzer war, so lag es eben nicht in ihm, ein reicher und glänzender Weltmann zu sein. Eine kleine Abweichung in seinem leiblichen und geistigen Wesen, die eben nicht Schillerisch war, und er wäre es auch geworden. Aber nach seinem Tode erst, kann man sagen, begann sein ehrliches, klares und wahres Arbeitsleben seine Wirkung und seine Erwerbsfähigkeit zu äußern, und wenn man ganz absieht von der geistigen Erbschaft, die er hinterlassen, so muß man erstaunen über die materielle Bewegung, über den bloß leiblichen Nutzen, den er durch das treue Hervorkehren seiner Ideale hinterließ. So weit die deutsche Sprache reicht, sind in den Städten nicht viele Häuser, in welchen seine Werke nicht stehen, und auf den Dörfern sind sie wenigstens in einem oder zwei Häusern zu finden. Je weiter aber die Bildung der Nation sich verbreitet, desto größer wird diese Vervielfältigung werden und zuletzt in die niederste Hütte dringen. Hundert Gewinnhungrige lauern nur auf das Erlöschen des Privilegiums, um die edle Lebensarbeit Schillers so massenhaft und wohlfeil zu verbreiten wie die Bibel, und der umfangreiche Nutzverkehr, der während der ersten Hälfte eines Jahrhunderts stattgefunden, wird während der zweiten Hälfte um das Doppelte wachsen. Welch eine Menge von Papiermachern, Druckersleuten, Verkäufern, Angestellten, Laufburschen, Lederhändlern, Buchbindern verdienten und werden ihr Brot noch verdienen! Dies ist, im Gegensatze zu der Revalenta arabica manches Treibens, auch eine Bewegung und doch nur die rohe Schale eines süßen Kernes, eines unvergänglichen nationalen Gutes.

Das war ein einheitliches organisches Dasein; Leben und Denken, Arbeit und Geist dieselbe Bewegung. Aber es gibt doch auch ein getrenntes, gewissermaßen unorganisches Leben von gleicher Ehrlichkeit und Friedensfülle, das ist, wenn einer täglich ein bescheidenes dunkles Werk verrichtet, um die stille Sicherheit für ein freies Denken zu gewinnen, Spinoza, der optische Gläser schleift. Aber schon bei Rousseau, der Noten schreibt, verzerrt sich das gleiche Verhältnis ins Widerwärtige, da er weder Frieden noch Stille daran sucht, vielmehr sich wie die andern quält, er mag sein, wo er will.

Was ist nun zu tun? Wo liegt das Gesetz der Arbeit und die Erwerbsehre, und wo decken sie sich?

Dergestalt spintisierte ich über etwas, worin ich zunächst gar keine Wahl hatte; denn die Not und der Ernst des Lebens standen zum erstenmal wirklich vor der Türe. Das fiel mir auch endlich ein; ich gedachte auch jener Spinne, die ihr zerstörtes Netz von neuem herstellte, und sagte mir, indem ich mich erhob: Es hilft nichts, ich muß wieder anfangen! Ich sah mich unter meinen Habseligkeiten um und suchte nach Gegenständen, welche zu einer zierlich bunten Behandlung in anspruchslosen kleinen Schildereien geeignet schienen. Nichts Minderes führte ich plötzlich im Sinne, als eine derartige Praktik aufzutun, welche sich, wie ich wähnte, jederzeit beiseite legen ließ. Es handelte sich nicht um jene höhere Schönmalerei, wie sie der Motive stibitzende Meister handhabte, ich aber nicht bewältigen konnte, sondern um ein Herabsteigen auf eine tiefere Stufe, wo der Glanz der gemalten Teebretter und Dosendeckel beginnt. Freilich nicht ganz so tief wollte ich gehen; ich dachte immerhin einen gewissen Wert zu verarbeiten, dabei aber auf die Unkunde und den roheren Geschmack des untern Marktes Rücksicht zu nehmen mit allerhand billigen Effekten. Aber so eifrig, ja ängstlich ich auch in meinen Mappen suchte, so dünkte mich doch alles, was ich in die Hand bekam, jedes Studienblatt, jeder kleine Entwurf zu gut dafür, es war zu schade darum. Wollte ich meine früheren Arbeitsfreuden nicht gewaltsam selbst verderben, so mußte ich noch tiefer gehen und eigene Erfindungen machen, an denen nichts verloren ging.

Indem ich dieses genauer bedachte, trat mein Vorhaben in ein sehr ungünstiges Licht; ich ließ mutlos das Blatt sinken, das ich eben hielt, und setzte mich wieder auf den Reisekoffer. Das sollte also das Ende so langer Lehrjahre und die Erfüllung so großer Hoffnungen und zuverlässiger Worte sein! Der Selbstausschluß vom Gebiete gebildeter Kunst und ein unrühmliches Verschwinden in der Dunkelheit, wo arme Teufel mit Nichtswürdigkeiten das Leben fristen! Ich bedachte nicht einmal, daß ich ja mit einer ernsthaften Arbeit auftreten gewollt, ein diebischer Routinier mich aber des Erfolges beraubt hatte; ich suchte nur den Punkt meiner Fehlbarkeit, weil ich zu hochfahrend war, mich für einen Pechvogel zu halten, und endigte, ohne klar zu sein, mit einem Seufzer nach Aufschub, den ich mir schon früher gewährt und nutzlos vertan hatte, soweit es den nächsten notwendigen Zweck betraf.

Da saß ich nun, den Kopf abermals in die Hände begraben, und schweifte mit den Gedanken umher, bis sie in der Heimat anlangten und mir von dort aus die neue Sorge zusandten, daß die Mutter meine Lage ahnen und sich darüber bekümmern könnte. Ich hatte ihr sonst regelmäßig und in einem heiteren Tone geschrieben, ihr allerlei von den fremden Sitten und Gebräuchen erzählt, die ich sah, und manche Schwänke und Schnurren eingeflochten, um sie aus der Ferne zum Lachen zu bringen und wohl auch mit meiner Fröhlichkeit groß zu tun. Sie antwortete mit treulichen Berichten über den Weltlauf zu Hause und jeden Spaß vergalt sie mit einer Hochzeit oder einem Todesfall, mit dem Schiffbruch einer Haushaltung oder dem verdächtigen Glücke einer anderen. Auch der Oheim war gestorben und die Kinder hatten sich zerstreut im verworrenen Getümmel der Heerstraße und zogen schon ihre Kinderkärrchen hinter sich her, gleich den Juden in der Wüste. Seit einiger Zeit waren jedoch meine Briefe seltener und einsilbiger geworden; die Mutter schien sich zu scheuen, nach dem Grunde zu fragen, wofür ich ihr dankbar war, da ich doch nichts Rechtes zu melden wußte. Seit einigen Monaten hatte ich gar nicht mehr geschrieben, und sie hielt sich auch still. Als ich jetzt so in der Stille saß, klopfte es sachte an der Türe des äußeren Zimmers; ein Kind kam herein und brachte mir einen Brief, der Schrift und Siegel der Mutter zeigte.

Sie wollte die Ungewißheit oder vielmehr die Furcht nicht länger ertragen, daß es nicht nach Wunsch und Hoffnung mit mir stehe; sie verlangte daher Aufschluß über meine Umstände und Aussichten, besorgt, daß ich bereits Schulden habe, weil sie von keinem Erwerb wisse und das kleine Erbe doch lange aufgebraucht sei. Für den Fall der Not habe sie einige Ersparnisse am Überflüssigen gemacht, die jetzt bereit lägen, ihren Dienst zu tun, wenn ich nur offen berichten wolle.

Das Kind, welches den Brief gebracht, stand noch da, als ich ihn schnell gelesen; ich hatte es beim Zeichnen des Jesuskindes in jener christlich-mythologischen oder geologischen Landschaft als Modell benutzt, um ihm die nötigsten Verhältnisse abzusehen, und da das Bild durch mein Herumsuchen zufällig in den Vordergrund geraten, so stand das Knäbchen vor demselben und sagte: »Das bin ich!« indem es den Finger auf das Himmelskind legte. Durch diese anmutige Fügung erhielt der Vorgang einen übernatürlichen Anklang; der kleine Träger der guten Botschaft erschien gewissermaßen als ein Abgesandter der göttlichen Vorsehung selbst, und so wenig ich an ein Wunder, etwa in Gestalt eines allgütigen Scherzes derselben, glaubte, gefiel mir das kleine Abenteuer doch über die Maßen wohl und machte mir den mütterlichen Brief doppelt erquicklich. Es ist nicht anders zu sagen, genau betrachtet mußte die gleiche Figur, mit der ich in dem Entwurf jenes Bildes eine tiefsinnige Ironie zu begehen der Meinung war, jetzt meine Angelegenheiten wenigstens mit einer artigen Parabel verzieren helfen, sie mit einem Bezuge auf das Unendliche veredeln.

Alles schien jetzt gut und jede Erfüllung wieder möglich, ja wahrscheinlich zu sein; keinen Augenblick zögerte ich, das Opfer anzunehmen, und schrieb meine Antwort etwas kleinlaut und doch offen und wohlgemut. Dabei ermangelte ich nicht, meiner wunderlichen Universitätsstudien zu erwähnen und dieselben als eine für die Gegenwart allerdings nachteilige, für die Zukunft aber doch irgendwie Nutzen bringende Störung darzustellen; und schließlich landete ich wieder an dem Kap der guten Hoffnungen und Verheißungen.

Als die Mutter diesen Brief empfing und ihn gelesen hatte, schloß sie die Stubentüre zu und ihren alten Schreibtisch auf und brachte aus dessen Fächern zum erstenmal den Schatz ihrer Ersparnisse ans Licht. Sie fügte die Taler zu Rollen und diese zu einem unförmlichen Pakete, umwand es mehrmals mit starkem Papier und dieses mit Schnüren, beträufelte es überall mit Siegellack und drückte das Petschaft darauf, alles sehr unkaufmännisch mit überflüssiger Mühe, denn es war schon lange fest genug; aber es war doch jedenfalls fest. Dann schob sie das schwere Paket in eine taftene Handtasche oder Ridiküle, legte es auf den Arm und eilte auf Seitenwegen zur Post; denn sie wünschte nicht gesehen zu werden, weil sie nicht gesonnen war zu antworten, wenn jemand sie befragt hätte, wo sie mit dem Gelde hinwolle. Mühselig und mit zitternder Hand streifte sie das seidene Säcklein von dem Geldkloben, reichte ihn durch das Schiebefensterchen und gab ihn mit einem Gefühl der Erleichterung aus der Hand. Der Beamte besah die Adresse, dann die Frau, machte seine umständlichen Verrichtungen, gab ihr den Empfangsschein, und sie begab sich, ohne sich umzuschauen, hinweg, als ob sie soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben hätte. Der linke Arm, auf dem sie die Last getragen, war steif und ermüdet, und so kehrte sie etwas angegriffen in ihre Behausung zurück, stillschweigend durch ein Gedränge von Leuten, welche keinen Gulden für ihre Kinder hergeben, ohne damit zu prahlen, zu lärmen oder darüber zu jammern und zu klagen. Zu jener Zeit, als mein Oheim lebte und noch predigte, hatte er einmal gesagt: »Gott weiß wohl, welche Leute bescheiden und still sind und welche nicht, und er zwickt die letzteren gelegentlich ein wenig, ohne daß sie wissen, woher es kommt, und ich habe ihn im Verdacht, daß das ihm alsdann einen kleinen Spaß macht!«

Zu Hause fand die Mutter die Klappe des Schreibtisches noch geöffnet und die Schublädchen aufgezogen, die nun leer waren; sie schloß dieselben und öffnete beiläufig dasjenige, in welchem für ihr tägliches Bedürfnis ein unbeträchtliches Häuflein Münze in einem Schälchen lag und verkündigte, daß zunächst nun jede Wahl verschwunden war zwischen Gütlichtun und weiterem Darben und daß die gute Frau jetzt mit dem besten Willen sich keine guten Tage mehr hätte machen können. Allein das wurde von ihr weder bemerkt, noch kam es in Frage. Sie stieß auch dies Lädchen sogleich wieder zu, versorgte Schreibzeug und Siegellack, verschloß den Schrank und setzte sich auf das alte Sorgenstühlchen ohne Lehnen, um von ihren Taten auszuruhen, aufrecht wie ein Tännlein.

So sehe ich sie jetzt noch, obgleich ich nicht dabei war, dank der Kenntnis ihrer Gewohnheiten, ähnlich wie der Altertumskundige mit seinen Hilfsmitteln und Anhaltspunkten die Ansicht eines zerstörten Denkmals wiederherstellt.

 << Kapitel 92  Kapitel 94 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.