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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Glücklicherweise begegnete ich zu dieser Zeit einem eben im Flor stehenden Landschafter, mit dem ich in Eriksons Gesellschaft ein paarmal zusammengetroffen und auf einem gewöhnlichen Bekanntschaftsfuße stand. Der Mann besaß eine sichere und wirksame Technik; er brachte sozusagen keinen Pinselstrich zu viel oder zu wenig an, und jeder leuchtete mit ungebrochener Kraft; also waren auch seine Bilder überall gern gesehen, und er kam mit solchem Fleiße der Nachfrage entgegen, daß er schon begann, Mangel an Gegenständen zu empfinden, und mehr Gemälde lieferte, als er Ideen dazu im Vorrat besaß. Er wiederholte sich öfter und war sogar um einzelne Wolken- oder Erdformen verlegen, da er alle schon ein oder mehrere Male irgendwie gebraucht hatte, obschon er noch nicht vierzig Jahre alt war. Denn er besaß eine stattliche Frau und eine Schar Kinder, die ernährt sein wollten, und da er bei dieser Bemühung einmal im glücklichen Schusse war, so gedachte er gleich auch wohlhabend zu werden. Wenn man für die alten Tage sorgen will, pflegte er zu sagen, so muß man das in den jungen Tagen tun. Auch sei es ihm unmöglich, die einzelnen seiner Kinder in der Armut zu denken; darum müsse er sie alle dagegen schützen und zugleich hiedurch bewirken, daß sie einstmals für ihre Kinder ebenso gesinnt seien; so nähmen die Dinge auf lange hin ihren guten Verlauf, einzig infolge eines entschlossen angewandten Grundsatzes.

Er fragte mich, was ich treibe, und ich benutzte die Gelegenheit, ihn um seinen Rat zu ersuchen. Bereitwillig kam er zu mir und sah etwas überrascht meine Arbeit oder vielmehr die ihr zugrunde liegende Naturstudie. Die Bäume, als die aus einem ehemaligen Hochwalde ausgeschnittenen Überbleibsel, zeigten alle so eigentümlich malerische Formen, wie man sie nicht leicht vorfindet oder zum zweitenmal antrifft, und die lichte Ordnung, in welcher sie sich besonders über die Höhe hin bewegten, war nicht weniger originell. Da überdies die Eichen seither vermutlich auch niedergelegt und in ihrer Entlegenheit von einem andern Zeichner kaum wiedergegeben worden, so erhielt der Gegenstand der Studie wie des entworfenen Bildes ohne mein Verdienst den Charakter einer wertvollen Seltenheit. Dieser Umstand mochte den erfahrenen Landschafter anregen, sich lebhaft mit dem Entwurf zu beschäftigen. Er begann erst mit Worten die zu große Fülle desselben, die sich selbst im Wege stand, zu sichten, das Überflüssige oder Hindernde auszusondern und das Wesentliche zusammenzurücken. Dann ergriff er, von Eifer hingerissen, Stift und Papier, und brachte, fortwährend sprechend, mit fester Hand seine Meinung so trefflich in sichtbare Gestalt, daß binnen einer halben Stunde eine Meisterskizze fertig war, die in jeder Sammlung guter Handzeichnungen ihren bestimmten Rang einnehmen konnte. Ich sah freilich mit geheimem Bedauern mehr als ein sinniges und frommes Motiv, das ich nicht hatte opfern wollen, verschwinden, bemerkte aber auch mit Wohlgefallen, wie gerade dadurch eine neue stärkere Wirkung des übrigen zum Vorschein gelangte und auch eine glückliche Ausführung erleichtert werden mußte. Ich freute mich, den Mann zu guter Stunde gefunden zu haben und sah mich schon an der Arbeit. Allerdings mußte ich einen frischen Entwurf herstellen, da der Meister nach beendigter Beratung sein Blatt ruhig zusammenfaltete, in die Tasche steckte und mich freundlich meiner dankbaren Gesinnung überließ.

Bei der Ausführung des Bildes suchte ich nun mein Bestes zu tun und hielt mich fleißig und hoffnungsvoll an die Arbeit, bei welcher ich so gut als möglich der Kritik des Meisters folgte. Es wollte mir zwar nachträglich vorkommen, als ob in der Komposition etwas allzu stark aufgeräumt worden sei für meine bescheidene Farbengebung, bei der ich, da es sich endlich um ein ordentliches Vollenden handelte, mit den ersten Regeln zu kämpfen hatte. Dennoch war ich nach Verfluß einer Anzahl Wochen nicht unzufrieden mit dem Erzeugnis, wie es sich innerhalb meiner vier Wände darstellte; ich ließ es mit einem einfachen, unvergoldeten Rahmen versehen, der den Ernst künstlerischer Gesinnung, die nicht nach Prunkmitteln hascht, ausdrücken sollte und auch meinen Verhältnissen entsprach, und sandte das Bild in die Ausstellungsräume, wo das Neueste wöchentlich aufgehangen und der Verkauf vermittelt wurde.

So war nun der Zeitpunkt da, von welchem ich vor der ländlichen Vormundschaftsbehörde so zuversichtlich gesprochen hatte, der Beginn eines rühmlichen Erwerbes. Als ich am nächsten Sonntage die Säle betrat, in denen eine geputzte Menge sich drängte, gedachte ich deutlich jener stolzen Worte, aber jetzt mit kleinem Mute, da schon zu viel von der Sache abhing. Sobald ich das unscheinbare Bild von weitem bemerkte, getraute ich mich nicht, in der Nähe zu weilen, weil ich mir plötzlich wie ein armes Kind vorkam, das sein aus einem Flöcklein Baumwolle und etwas Flittergold verfertigtes Schäfchen am Weihnachtsmarkte mit den vier steifen Beinchen auf einen trockenen Stein gesetzt hat und ängstlich harrt, ob von den tausend Vorübergehenden einer seinen Blick darauf werfe. Das war nicht Hochmut, sondern das Gefühl, daß ich es als einen glücklichen Zufall preisen müßte, wenn sich ein geneigter Käufer für mein Weihnachtslämmchen fände.

Aber auch von einem solchen Zufall konnte schon keine Rede mehr sein; denn als ich in den nächsten Saal ging, sah ich meine Landschaft, von meinem Ratgeber ausgestellt, mit allem Glanze seines Könnens gemalt, von der Wand leuchten, umgeben von einem Rahmen, der allein mehr kostete, als ich für mein Bild zu fordern wagte. Ein daran hängender Zettel verkündete den bereits erfolgten Ankauf des gelungenen Werkes.

Eine Gruppe von Künstlern unterhielt sich vor demselben. »Woher mag nur das famose Motiv sein?« sagte einer, »er hat schon lange nicht so was Neues gehabt!«

»Dort vorn«, erwiderte ein anderer, der soeben herzugetreten, »dort hängt das Motiv noch einmal, offenbar von einem Neuling, der noch nicht recht zu untermalen und noch weniger zu lasieren versteht!«

»Dann hat er's dem gestohlen, der Spitzbube!« lachten die übrigen und gingen hin, mein Schicksal zu betrachten. Ich blieb vor der siegreichen Arbeit stehen und dachte seufzend: Wer's kann, der macht's! Wie ich aber das Bild länger studierte, glaubte ich zu entdecken, daß die von dem Maler getroffenen Abänderungen wohl für seinen technischen Standpunkt gut und nützlich, dagegen für meine platonische Art eher schädlich gewesen seien. Denn da mir der energische Glanz seines Pinsels nicht zu Gebote stand, so wäre die tiefe Innerlichkeit meines ersten Entwurfes, die nachwirkende Unmittelbarkeit der reichen Naturstudie mit ihrer Formenfülle für den Liebhaber ein etwelcher Ersatz gewesen.

Als ich im Weggehen einen Augenblick vor meinem verlassenen Bilde weilte, überzeugte ich mich, daß es, statt besser zu werden, durch den Ratschlag des Meisters förmlich verarmt, zum Beweis, daß auch in diesem Dingen der Fink nichts von der Drossel lernt.

Nach der bestehenden Ordnung mußte ich mein Werk acht Tage auf der Ausstellung lassen, während welcher keine Seele nach seinem Preise fragte. Dann holte ich es weg und lehnte es einstweilen an die Wand. Dann ging ich in das nebenliegende Schlafzimmerchen hinein und setzte mich auf meinen dortstehenden Reisekoffer, was meine Gewohnheit war, wenn ich etwas Kritisches zu überlegen hatte, weil der Koffer ein Stück heimatlichen Gerätes war. So verlief der Ausgang meines ersten Versuches, ein Stück Brot zu erwerben.

Was ist Erwerb und was ist Arbeit? fragte ich mich; hier führt ein bloßes Wollen, ein glücklicher Einfall ohne Mühe zu reichlichem Gewinne, dort eine geordnete, nachhaltige Mühe, welche mehr wirklicher Arbeit gleicht, aber ohne innere Wahrheit, ohne notwendigen Zweck, ohne Idee. Hier heißt Arbeit, lohnt sich und wird zur Tugend, was dort Müßiggang, Nutzlosigkeit und Torheit ist. Hier nützt und hilft etwas stückweise, ohne wahr zu sein; dort ist etwas wahr und natürlich, ohne zu helfen, und immer ist der Erfolg der König, der den Ritterschlag erteilt. – Ein Spekulant gerät auf die Idee der Revalenta arabica (so nennt er es wenigstens) und bebaut dieselbe mit aller Umsicht und Ausdauer; sie gewinnt eine ungeheure Ausdehnung und gelingt glänzend; tausend Menschen werden in Bewegung gesetzt und Hunderttausende, vielleicht Millionen gewonnen, obgleich jedermann sagt: Es ist ein Schwindel! Und doch nennt man sonst Schwindel und Betrug, was ohne Arbeit und Mühe Gewinn schaffen soll. Niemand aber wird sagen können, daß das Revalentageschäft ohne Arbeit betrieben werde; es herrschen da gewiß so gute Ordnung, Fleiß und Betriebsamkeit, Um- und Übersicht wie in dem ehrbarsten Handelshause oder Staatsgeschäfte; auf den Einfall des Spekulanten gegründet ist eine umfassende Tätigkeit, eine wirkliche Arbeit entstanden.

Die Beschaffung des Mehles, die Anfertigung der Büchsen, das Verpacken und Versenden erhält viele Arbeiter; ebenso viele werden beschäftigt durch die zahllosen marktschreierischen Ankündigungen, mit der größten Mühe und Umsicht betrieben. Keine Stadt der verschiedenen Kontinente gibt es, in welcher nicht Setzer und Drucker mit der Herstellung der Inserate und Reklamen Nahrung finden, kein Dorf, in welchem nicht ein Wiederverkäufer eine kleine Steuer darauf erhebt. Diese läuft in tausend Äderchen zusammen und wird in hundert Bankhäusern von ehrwürdigen Buchhaltern, lakonischen Kassierern weitergeleitet bis an die Quelle der Idee zurück. Dort sitzen die Urheber in ihrem Kontor mit ernster Miene in tiefsinniger Tätigkeit; denn sie haben nicht nur das tägliche Geschäft zu überwachen und fortzuführen, sie haben schon auch ihre Handelspolitik zu studieren, um dem Bohnenmehl neue Bahnen zu eröffnen, es in diesem, in jenem Weltteile vor drohender Konkurrenz zu schützen.

Doch nicht immer waltet die tiefe Geschäftsstille, die unverbrüchliche Strenge der Arbeit in diesen Räumen; es gibt Tage der Erholung, der Freude, der sittlichen Belohnung, welche den heiligen Ernst lieblich unterbrechen. Das Zutrauen der Mitbürger hat das Haupt des Hauses mit magistratischen Würden geehrt, und es findet eine anständige Bewirtung aller Schutzbefohlenen statt. Oder es wird die Hochzeit der ältesten Tochter gefeiert, ein Ehrentag für alle, die es angeht; denn es hat sich die durchaus ebenbürtige Verbindung mit der angesehensten Familie des Stadtviertels vollzogen; die Reichtümer sind auf beiden Seiten so gleichmäßig abgewogen, daß keine vernünftige Störung des ehelichen Glückes denkbar ist. Schon am Vorabend wurden Wagenladungen von Palmen und Myrtenbäumen ins Haus gebracht und die Blumenkränze aufgehangen; am Morgen füllt sich die Gasse mit Neugierigen, und das Volk weicht ehrerbietig vor den Kutschen zurück, die in endloser Reihe auffahren, wegfahren und wieder zurückkehren, bis das Festmahl unter schmetternden Fanfaren seinen Anfang nimmt. Bald aber tritt lautlose Stille ein, als der Brautvater an das Glas schlägt und mit bescheidener Rührung, ohne das Schicksal herauszufordern, seinen Lebensgang schildert und das höhere Walten preist, das ihn, den Unwürdigen, so weit geführt habe, wie jetzt allen Augen sichtbar sei. Mit nacktem Wanderstabe, der noch im stillen Kämmerlein aufbewahrt werde, sei er einst in diese werte Stadt gekommen und habe Schritt für Schritt mit Not und Sorge, aber unverdrossenem Fleiße gekämpft und öfters fast den Mut verloren; allein die edle Gattin, die Mutter seiner Kinder, zur Seite, habe er sich immer wieder aufgerichtet und seine Blicke auf das Eine, das Große geheftet, was da not getan! Einsame lange Nächte hindurch habe er mit dem schöpferischen Gedanken gerungen, dessen Früchte nun einer Welt zum Segen gereichen und allerdings nebenbei auch sein redliches Streben gelohnt, einen bescheidenen Wohlstand bereitet haben und so weiter.

So wird aber Revalenta arabica gemacht in noch vielen Dingen, nur mit dem Unterschiede, daß es nicht immer unschädliches Bohnenmehl ist, aber mit der nämlichen rätselhaften Vermischung von Arbeit und Täuschung, innerer Hohlheit und äußerem Erfolg, Unsinn und weisem Betriebe, bis der Herbstwind der Zeit alles hinwegfegt und auf dem Blachfelde nichts übrig läßt als hier einen Vermögensrest, dort ein verfallendes Haus, dessen Erben nicht mehr zu sagen wissen, wie es vordem entstanden, oder es nicht zu sagen lieben.

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