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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Aber Agnes regte sich nicht, und auch als die Mutter hinging und sie sanft rüttelte, wehrte sie ab und bat wimmernd, sie ruhig zu lassen, oder das Herz breche ihr entzwei. In ihrer Verzweiflung begann jene den Tisch zu decken und den Tee zu bereiten; sie holte ein paar Schüsseln mit kalten Speisen und eine Torte herbei und setzte alles auf den Tisch. Schon für gestern abend, klagte sie, habe sie ein Tütchen des feinsten Tees gekauft und etwas zum Knuspern bereit gehalten, da sie auf die frühzeitigere Rückkunft der jungen Leutchen gehofft habe; jetzt möge die kleine Mahlzeit uns doch noch dem erwarteten Besuch zu Ehren nützlich werden; verdorben sei nichts.

Wir saßen, und das Wasser kochte in dem blanken wenig gebrauchten Teekesselchen seit geraumer Zeit, und noch meldete sich kein Besuch, weil es überhaupt noch zu früh war. Die gute Frau wurde ungeduldig; sie fing an zu zweifeln, ob Reinhold wirklich kommen werde; ich suchte sie zu beruhigen, und wir warteten wieder eine gute Weile. Endlich wurde sie Wartens satt und machte den Tee fertig; wir tranken eine Tasse, aßen etwas weniges und harrten wieder, plauderten mit zerstreuten Worten und Gedanken, bis die ermüdete Frau über meiner Einsilbigkeit einnickte. So trat jetzt eine tiefe Stille ein, und nach einiger Zeit merkte ich an den sanften regelmäßigen Atemzügen, die ich vom Ofenwinkel her vernahm, daß auch Agnes schlummerte. Da ich selbst keineswegs genug geschlafen hatte, fielen mir die Augen ebenfalls zu, und ich schlief zur Gesellschaft mit, während die kleine Lampe das Zimmer schwach erleuchtete.

Wir mochten ein Stündchen einträchtig geschlummert haben, als wir durch eine volltönige, aber sanfte Musik geweckt wurden und gleichzeitig das Fenster von rotem Glanze erhellt sahen. Die überraschte Witwe und ich eilten zum Fenster. Auf dem kleinen Platze standen acht Musizierende vor einigen Musikpulten, vier Knaben hielten brennende Fackeln empor und am Eingange des Platzes gingen zwei Polizeimänner auf und ab, welche die rasch sich sammelnden Zuhörer in Ordnung hielten. Zu den Geigern hatte Reinhold noch einige Bläser mit Horn, Hoboen und Flöte angeworben; er selbst saß auf einem Feldstühlchen und handhabte das Violoncell.

»Jesus Maria! was ist das?« sagte die erstaunte Mutter Agnesens.

»Zünden Sie Lichter an!« erwiderte ich, »das ist eben der Herr Reinhold mit seinen Freunden, der Ihrer Tochter eine Serenade bringt! Ihr gilt die Musik, um ihr vor der Welt und dieser Stadt eine Ehre zu erweisen!«

Ich öffnete einen Flügel des Fensters, indessen die Frau nach ihren Staatsleuchtern eilte und die rosenroten Kerzen entflammte, welche jetzt trefflich zustatten kamen. Das Adagio aus einem ältern Italiener floß mit dem lauen frühzeitigen Lenzhauche gar prächtig herein.

»Kind!« flüsterte die Mutter dem aufhorchenden Mädchen zu, »wir haben ein Ständchen, wir haben ein Ständchen! Komm, sieh nur hinaus!« Ich hörte ihre Stimme zum erstenmal so herzlich erfreut und wirklich beseelt zu dem Kinde reden, so erlösend wirkte der musikalische Vorgang auch auf sie, und Agnes wandte ihr bleiches Gesicht stumm nach dem Fenster. Dann erhob sie sich langsam und ging heran. Sowie sie aber die vielen Gesichter auf der Straße und unter allen Nachbarfenstern im Fackellichte erblickte, floh sie wieder nach ihrem Sitze, legte die gefalteten Hände in den Schoß und neigte das Haupt leise zur Seite, um keinen Ton der schönen Musik zu verlieren. So blieb sie, bis die drei Stücke, welche die Männer aufführten, zu Ende waren und die Musik mit einer melodisch heitern, fast reigenartigen Wendung geschlossen hatte, die Musikanten aufbrachen und still hinweggingen, während das Volk auf der Gasse lauten Beifall klatschte. Auch die sauberen Kästchen und Futterale, in welchen sie ihre Instrumente trugen, erhöhten beim Publikum den Eindruck des Außergewöhnlichen und Vornehmen; die Leute betrachteten, indem sie sich langsam zerstreuten, neugierig das merkwürdige Haus, und die am Fenster stehende Frau genoß alles bis zum letzten Moment; selbst das Forttragen der Pulte dünkte ihr das Feierlichste und Großartigste, was sie erleben konnte.

Als sie endlich das Fenster zumachte und sich umwandte, stand Reinhold in der Stube und begrüßte sie ehrerbietig, und ich nannte zugleich seinen Namen. Dann entschuldigte er sich wegen der Freiheit, die er sich genommen, eine so aufdringliche Störung zu bringen, welche sie der allgemeinen Karnevalsstimmung zugut halten wolle; und sie erwiderte ihm mit großen Komplimenten und Danksagungen, wobei sie in einen so glückselig singenden Ton geriet, daß es beinahe klang, wie wenn einer in Flageolettönen auf der Geige spielen würde. Plötzlich unterbrach sie sich, um die Tochter herbeizurufen, die ihr ungebührlich lang im Winkel zu säumen schien. Diese war aber unbemerkt hinausgeschlüpft und kam jetzt wieder herein. Sie hatte über ihr Morgenkleid, in welchem sie den Tag über getrauert, einen weißen Schal geschlagen und die Enden auf den Rücken gebunden. Das schwarze Haar hatte sie einfach zusammengefaßt und im Nacken in einen mächtigen Knoten geschlungen, alles in einer Minute und wahrscheinlich ohne in den Spiegel zu sehen. In Haltung und Gesichtsausdruck schien sie um zehn Jahre älter; selbst die Mutter sah sie mit großen Augen an, wie wenn sie einen Geist erblickte. Aufrechten Ganges trat Agnes dem Gottesmacher entgegen, richtete mit ruhigem Ernste die Augen auf ihn und gab ihm die Hand. Wäre sie in Samt und Seide gehüllt gewesen, so hätte sie den Blick Reinholds nicht so bannen können, wie sie jetzt mit ihrer einfachen Erscheinung tat, und ich selbst mußte sogleich denken: Gott sei Dank daß Lys fort ist und sie nicht mehr sieht, sonst ginge das Unheil von neuem an!

Reinhold aber betete mit stummer Anschauung sein eigenes Werk an; denn, buchstäblich zu sagen, hatte er die geknickte Blume aufgerichtet, daß sie wieder leben konnte. Die Ehren, die er ihr gegeben, leuchteten so rein von ihrer Stirn und um die stillen dunkeln Augensterne, daß er demütig betreten nicht zu Worte zu kommen wußte, auch als wir nun am Tische saßen und die Mutter neuen Tee machte. Es ging etwas verlegen und einsilbig zu, bis die Alte auf die rheinische Heimat des Gastes zu reden kam und ihn fragte, ob es wahr sei, daß sein hiesiger Aufenthalt nicht mehr lange dauere und er dorthin zurückkehre. Das löste ihm die Zunge, indem er dartat, wie Kirchen und Prälaten mit ihren Bestellungen seiner harrten und auf die gewonnenen Fortschritte in der Arbeit zählten. Dann freute er sich des Lobes der schönen Heimat. »Mein Haus«, sagte er, »liegt außerhalb des alten Städtchens am sonnigen Abhang, wo man den Rheingau hinauf und hinunter schaut; Türme und Felsen schwimmen in bläulichem Dufte, durch welchen das breite Wasser zieht. Hinter dem Garten legt sich der Wein an den aufsteigenden Berg, und oben steht eine Kapelle Unserer Lieben Frau, die weit über das Land hinschaut und sich ins letzte Abendrot taucht. Dicht daneben habe ich ein kleines Lusthäuschen gebaut und unter demselben ein Kellerchen in den Stein gehauen, wo stets ein Dutzend Flaschen klaren Weines liegen. Wenn ich nun einen neuen Kelch fertig habe, so steige ich, eh ich die innere Vergoldung anbringe, hier hinauf und leere das Gefäß drei- oder viermal auf das Wohl aller Heiligen und aller frohen Leute. Denn ich will nur gestehen, meine Silberarbeit, etwas Musik und der Wein sind meine einzige Freude gewesen und meine besten Tage die sonnigen Feiertage der Mutter Gottes, wenn ich zu ihrem Preise in den benachbarten Kirchen spielte, während unten auf bekränztem Altare meine Gefäße glänzten; und ich muß bekennen, daß nachher ein Räuschchen an heiterer Pfaffentafel mir als der Gipfel des Daseins erschien. Das wird freilich nicht mehr so sein, ich weiß jetzt etwas Besseres –«

Er stockte bei diesen Worten, die er mit wachsender Wärme gesprochen, ermannte sich aber sogleich, erhob sich vom Stuhle und wendete sich an die Frauen: »Was soll ich längere Umschweife machen? Ich bin hier, um dem Fräulein ein redliches Herz anzubieten, mit allem Zubehör von Hand, Haus und Hof; kurz, ich bin gekommen, einen Heiratsantrag zu machen! Ich bitte um gütiges Gehör und bitte, sofern meine Handlungsweise allzu rasch und verwegen erscheint, zu bedenken, daß gerade solche Festivitäten, wie die soeben beendigte, nicht selten mit derartig unvorhergesehenen Ereignissen abschließen!«

Die gute Witwe, an die äußerste Sparsamkeit gewöhnt, hatte soeben ein Stückchen Zucker, der ihr wider Willen in die Tasse gefallen, mit dem Löffelchen herausgefischt und im stillen auf die Untertasse gelegt, um zu retten, was noch nicht geschmolzen war. Sie leckte das Löffelchen schnell und zierlich ab und begann darauf, vor Vergnügen errötend, in ihren schönsten Tönen von der großen Ehre zu singen, aber auch von der nötigen Bedenkzeit und Überlegung, die man sich gestatten müsse. Allein die Tochter unterbrach sie, womöglich noch blasser als bisher: »Nein, liebe Mama! Auf die Frage des Herrn Reinhold muß nach allem, was wir erlebt und was er für mich getan, sogleich die Antwort folgen, und mit deiner Erlaubnis sage ich ja! Ich habe das Mißgeschick nicht verdient, das mich betroffen; um so williger muß der Dank für meinen Retter sein, der mich aus Verlassenheit und Verachtung emporhebt!«

Mit Tränen der Rührung, die ihr aus den Augen quollen, schritt sie dicht an den glücklichen Freier heran, legte die Arme um seinen Hals und drückte die sehnend geöffneten Lippen, die noch nie geküßt, auf die seinigen.

Er streichelte mit schüchterner Zärtlichkeit ihre Wangen, verwandte aber kein Auge von ihr. Erstaunt und ratlos sah die Witwe zu und Agnes rief: »Sei nur ruhig und zufrieden, Mutter! Gestern noch habe ich zur heiligsten Jungfrau gebetet, sie möchte meinem Herzen geben, was ihm gebührt; heute hab ich den ganzen Tag geglaubt, sie habe mich unerhört gelassen, und jetzt halt ich es doch im Arm, was mir gehört und mir besser zum Heile dient als das, was ich meinte!«

Jetzt schien mir der Zeitpunkt gekommen, wo ich mich schicklich als überflüssig entfernen konnte; denn ich wußte nicht, wo ich hinblicken sollte. Schnell gab ich allen die Hand und eilte davon, ohne mich halten zu lassen oder gehalten zu werden. Auf der Straße sah ich nochmals an das Haus hinauf, wo das Mondlicht auf dem schwarzen Madonnenbilde über der Haustüre lag und den goldenen Halbmond sowie die Krone schwach beglänzte.

Himmel, welch katholische Wirtschaft! sagte ich zu mir selbst und schüttelte den Kopf über das krause Leben. Beim Morgengrauen dieses Tages hatte ich den spitzigen Degen auf einen Gottesleugner gezückt und nun, da es Nacht war, lachte ich wieder über diese Heiligenanbeter.

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