Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gottfried Keller >

Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
Schließen

Navigation:

15

Der Grillenfang

Ich schlief bis in den Nachmittag hinein, und als ich erwachte, wußte ich nichts mit mir anzufangen; die Welt und mein Kopf schienen mir beide leer und ausgestorben. Ich dachte an das Ende des Kadettenfestes in meiner Knabenzeit, an dasjenige des Tellenspieles und sagte mir: Wenn alle deine Freudenfeste einen solchen Ausgang nehmen, so wird es besser sein, du gehst nicht mehr hinzu, wo es dergleichen gibt! Zunächst las ich das Narrenkleid zusammen, das zerstreut am Boden lag, und hing es im Atelier als malerischen Gegenstand an einen Nagel, und den Distel- und Stechpalmenkranz legte ich um den Zwiehanschädel, den ich auf die Kommode des kleinen Schlafzimmers setzte, um dergestalt ein heilsames Memento zu errichten. Das Spielerische und Ziersüchtige in uns bleibt in allem Elende und unter allen Gestalten lebendig, bis wir zerbrochen sind. Vielleicht ist es ein Teil des Gewissens; denn wie das Tier nicht lacht, so spielt der ganz Gewissenlose nicht, es sei denn um Gewinn.

In meiner dunkel müßigen Lage war mir der Besuch Reinholds des Winzers und Geigenspielers willkommen, der mich aufsuchte und einen Liebesdienst von mir verlangte. Er berichtete, daß der hilflose Zustand Agnesens noch stundenlang gedauert und sie sich erst gegen Morgen so weit erholt habe, daß die Heimschaffung möglich geworden, und zwar bereits bei Tageshelle. Allein nachteilige Gerüchte von einem sozusagen zuchtlosen Benehmen, von einer Berauschung, in deren Folge sie von einem reichen Bewerber sofort verlassen und aufgegeben worden sei, wären schon vorausgedrungen, und als das Gefährt vor dem Hause angekommen und das Mädchen, matt und niedergeschlagen, ausgestiegen sei, hätten sich die Nachbarfenster geöffnet und die Leute mit sichtlicher Verachtung oder wenigstens Mißbilligung zugeschaut. Er selbst habe nebst einer Magd vom Landhause die Arme begleitet, sich aber natürlich sofort wegbegeben, ohne mit in das Haus zu treten. Aber auch dies Erscheinen eines neuen Beschützers habe den bösen Schein noch verschlimmert, und es liege wohl an uns, die wir das Unsrige beigetragen, den Leumund des unschuldigen Wesens zu verteidigen. Er habe nun den Plan gefaßt und mit seinen Freunden verabredet, heute abend unter dem Fenster des geprüften Fräuleins eine ernsthafte und ehrbare Musik, eine Serenade in würdigster Form abzuhalten; um jede Störung zu vermeiden und das Ansehen der Sache zu erhöhen, sei schon die amtliche Erlaubnis eingeholt. Nach Schluß der Serenade aber gedenke er stracks hinaufzugehen und der Verlassenen feierlich seine Hand anzutragen.

»Absichtlich«, fuhr er fort, »will ich von allem, was vorausgegangen, nichts wissen, was man auch munkeln mag! Wie sie ist, in diesem Augenblicke, mit ihrem Gesichtchen, ihrer leichten Gestalt, mit ihrem ganzen Wesen und ihrem kleinen Schicksal gefällt sie mir und dünkt mich unentbehrlich! Und wenn ich mich irre, so wird es nur in dem Sinne sein, daß sie mehr ist, als ich geglaubt habe! Etwas warme Sonne, ein wenig Glück, was man so nennt, gleichsam ein Gläschen guten Rheinweins werden sie munter machen!«

»Und was soll ich hiebei tun?« fragte ich verwundert, aber auch mit Teilnahme, da mir das Vorhaben des gemütlichen Mannes als die beste Hilfe in der Not erschien.

»Was ich von Ihnen wünsche«, versetzte er, »ist, daß Sie gegen Abend in das schmale Haus, in das Juwelenkästchen gehen und die Frauen suchen hinzuhalten, damit sie es nicht verlassen und doch von der Musik überrascht werden. Ferner sollen Sie, wenn es nicht von selbst geschieht, das Gespräch auf mich bringen, in nicht auffälliger Weise, und mich ein bißchen anrühmen, das heißt nicht meine Person, sondern meine Verhältnisse, ich will sagen meinen bescheidenen Wohlstand, der mir erlaubt, unbesorgt eine Frau heimzuführen. Ich wünsche, daß Sie das ganz beiläufig tun, jedoch als von etwas Bekanntem, sozusagen außer Zweifel Stehendem sprechen, so daß diese Voraussetzung bereits vorhanden ist, wenn ich komme, und ich nicht selbst davon anfangen muß. Es ist solches wichtig und in dergleichen Verwicklungen meistens von entscheidendem Einfluß. Und Sie werden nicht lügen, sofern Sie nicht etwa aufschneiden, ich geb Ihnen mein Wort darauf! Etwas Grundeigentum und mein Kunsterwerb reichen zu einem bürgerlichen, doch keineswegs knauserigen Leben hin, und für die Zukunft ist mir das Erbe einer alten Tante sicher, die mich immer wegen des Heiratens plagt und eine Aussteuer bereit hält wie für eine einzige Tochter. Halt – diesen Umstand könnten Sie etwas ausmalen! Es ist wirklich komisch, wie die Gute immer noch Einkäufe macht, sobald sie etwas sieht, wovon sie denkt, es wäre in meinem dereinstigen Haushalte zu brauchen, und so stapelt sie in ihrem von alters her angefüllten Hause stets neue Vorräte von kleinen und großen Dingen auf. – Also reden Sie, sprechen Sie! Wollen Sie meine Wünsche erfüllen? Ich kann Ihnen sagen, es ist mir zumute wie einem, der einen Diamant, den ein Dummkopf weggeworfen hat, liegen sieht und nun fürchtet, es möchte ihn ein anderer finden, ehe er selbst zur Stelle ist!«

Ich mußte innerlich lächeln über dies treffliche Stückchen Weltlauf, das sich so artig selbst berichtigte, wenn Reinholds Pläne gelangen. Gern sagte ich ihm zu, seine Wünsche zu erfüllen, so gut ich es verstände, und er eilte nach der weiter nötigen Verabredung in Hoffnung davon.

Mir konnte für den leeren öden Tag der Auftrag nur willkommen sein, so neu es mir war, eine Art Kuppelei zu betreiben. Nachdem du fast zwei Tage lang das hintangestellte Schätzchen eines Don Juans gehütet hast, sagte ich mir, kannst du dies Altweibergeschäft dir auch noch gefallen lassen, es paßt zum andern, auch zu dem gefehlten Duell!

Mit anbrechender Dämmerung begab ich mich auf den Weg und stand alsbald vor der Stubentür der Frauen, die in tiefster Stille saßen; denn kein Laut war zu vernehmen. Erst auf ein Anklopfen hörte ich ein mattes »Herein!« und als ich eintrat, sah ich in dem halbdunkeln Gemache nur die Frau Mutter in ihrem Lehnsessel, den Kopf in beide Hände gestützt. Auf dem Tische vor ihr lag ein kleines Kästchen. Mich erkennend, sagte sie mit heiserer Stimme nichts als »Ein schönes Fest für uns! Eine schöne Nacht und ein schöner Tag!«

»Ja«, antwortete ich kleinlaut, »es war etwas verhext und ist manchem wunderlich gegangen!«

Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann geläufiger fort: »Eine schöne Wunderlichkeit! Wenn ich den Kopf vor die Türe strecke, so zeigen die Nachbarn mit Fingern auf mich! Eine Gevatterin nach der andern, die sich sonst nie sehen lassen, ist heute eingedrungen, um sich an der Schande zu weiden! Da schleppt man das Kind zwei Nächte herum und schickt es mir betrunken nach Haus und durch fremde Leute! Und der hübsche reiche Bewerber, dieser Herr Lys, hat natürlich genug an der Aufführung, sagt ab und macht sich davon! Da sehen Sie, was wir alles erlebt haben!«

Sie zog einen Brief hervor, der unter dem Kästchen lag, und entfaltete ihn; es war aber zu dunkel, um lesen zu können. »Ich will Licht holen!« sagte sie, ging müde und verdrossen hinaus und kehrte mit einem bescheidenen Küchenlämpchen zurück, da es nicht der Mühe wert schien, einem von der schnöden Gesellschaft ein besseres Licht vorzusetzen. Ich las den kurzen Brief, worin Lys mit wenigen Zeilen anzeigte, daß er auf unbestimmte Zeit, vielleicht für immer abreisen müsse, für gute Freundschaft, die er genossen, herzlich dankte, Glück und Wohlergehen wünschte und die Tochter bat, ein kleines Andenken freundlich anzunehmen. Als ich das gelesen, öffnete die betrübte Frau das Kästchen, in welchem eine ziemlich kostbare Uhr mit feiner Kette glänzte.

»Ist dies reiche Geschenk«, rief sie, »nicht ein Beweis, wie ernst er gesinnt war, da er sich sogar jetzt noch so edel benimmt, trotz der Schmach, die man ihm angetan?«

»Sie irren sich!« sagte ich, »niemand hat sich etwas vorzuwerfen, am allerwenigsten das gute Fräulein! Lys hat Ihre Tochter von Anfang an sitzen lassen und ist einer andern Schönheit nachgelaufen; und weil er von dieser zurückgewiesen wurde, denn es ist, kurz gesagt, die nunmehrige Braut seines Freundes Erikson, hat er sich von hier entfernt. Ich weiß bestimmt, daß er für Ihr Kind verloren war, eh dasselbe aus Kummer und Aufregung unwohl wurde. Und es ist wahrscheinlich ein Glück für das Fräulein, nach meiner Meinung sogar gewiß!«

Die Frau sah mich groß an; aus dem Hintergrunde des schmalen, aber tiefen Zimmers ertönte ein stöhnender Laut. Erst jetzt gewahrte ich, daß Agnes in einem Winkel neben dem Ofen saß. Ihr Haar war aufgelöst, aber nicht wieder geflochten worden und bedeckte das Gesicht und die Hälfte der gebeugten Gestalt. Überdies hatte sie ein Tuch um Kopf und Schultern geworfen und in das Gesicht gezogen; das letztere drückte sie, vom Zimmer abgewendet, an die Wand und verharrte so ohne Bewegung.

»Sie getraut sich nicht mehr am Fenster zu sitzen!« sagte die Mutter.

Ich ging hin, sie zu begrüßen und ihr die Hand zu reichen; allein sie wendete sich noch tiefer ab und begann leise in sich hinein zu weinen. Verlegen ging ich zum Tische zurück, und da ich von meinen eigenen Abenteuern moralisch geschwächt war, so kamen mir selbst Tränen in die Augen. Das rührte hinwieder die Witwe, daß auch sie anfing, wobei sich ihr Gesicht so stark verzerrte, wie man es nur an flennenden kleinen Kindern sieht. Es war ein ganz merkwürdiger, unbehaglicher Anblick, über welchem sich meine Augen schnell trockneten. Aber auch bei der Frau war der Gewitterschauer wie bei Kindern rasch zu Ende und mit ganz veränderter Stimme lud sie mich erst jetzt zum Sitzen ein. Zugleich fragte sie, wer eigentlich der Fremde gewesen, der Agnesen in der Frühe heimbegleitet habe. Ob der die Unglücksgeschichte nicht noch weiter verbreiten werde? Keineswegs, antwortete ich; denn das sei ein gutbestellter braver Mensch; und ich säumte nun nicht, mit anscheinend gleichgültigen Worten und mit der nötigen Vorsicht diejenige Beschreibung des Gottesmachers und seiner Verhältnisse anzubringen, die seinen Wünschen entsprechen mochte. Nur bei der Schilderung der Tante und ihrer Ausstattungssucht, welche es einer dereinstigen Frau des Neffen fast unmöglich mache, außer ihrer Person etwas im Hause unterzustellen, zu legen, aufzuschichten oder zu hängen, wurde mein Vortrag belebter, weil er mich selber belustigte. Übrigens, schloß ich, werde Herr Reinhold mit der Erlaubnis der Frauen heute abend seinen Besuch abstatten, um der Anstandspflicht zu genügen und sich nach dem Befinden des erkrankten Fräuleins zu erkundigen, und weil er wisse, daß ich die Ehre hätte, im Hause eingeführt zu sein, so habe er mich ersucht, die Erlaubnis auszuwirken und ihn alsdann vorzustellen. Diese höfliche Ankündigung gab der Frau einen Teil ihres Selbstvertrauens zurück.

»Kind!« rief sie auffahrend, »hörst du? Wir bekommen Besuch; geh, zieh dich an, mache dein Haar auf, du siehst ja aus wie eine Hexe!«

 << Kapitel 84  Kapitel 86 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.