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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Einer der Glasmaler lachte bei diesen Worten: »Mir fällt ein drolliges Beispiel solcher Verkleidungskunst ein«, sagte er und erzählte: »In meiner Vaterstadt, in welcher besonders im Herbst große Märkte stattfinden, waren wir Gassenbuben scharenweise dahinter her, auf diesen Märkten die häufig auf die Erde rollenden Äpfel, Birnen, Pflaumen und andere Früchte, wenn sie umgeladen und ausgemessen wurden, zu haschen und solche auch vom Haufen wegzustibitzen. Da lief dann immer ein Junge zwischen uns mit, den keiner kannte, der aber immer zuvörderst und am behendesten von allen war, sich die Taschen füllte, verschwand und bald wieder erschien, um sie abermals zu füllen. Auch wenn der neue Wein von den Bauern in die Stadt geführt und vor den Bürgerhäusern abgezapft wurde und wir mit langen hohlen Schilfrohren unter die Wagen hockten, die Röhrchen heimlich in die untergestellten Bütten und Kübel steckten, um den von den Küfern beim Abmessen einstweilen dorthin gegossenen überschüssigen Most aufzusaugen, war der unbekannte Junge bei der Hand, schluckte den Wein aber nicht hinunter, wie wir taten, sondern ließ das vollgesogene Rohr weislich in eine Flasche ablaufen, die er in seiner Jacke verborgen trug. Der Kerl war nicht größer, aber etwas stärker als wir, hatte ein sonderbares ältliches Gesicht, aber eine helle Kinderstimme, und als wir ihn einmal drohend fragten, wie er eigentlich heiße, nannte er sich kurzweg Jochel Klein. Nun, dieser Jochel war ein künstlicher Gassenjunge, nämlich eine klein gewachsene arme Witwe aus der Vorstadt, die nichts zu beißen und zu brechen hatte und von der Not und ihrem Genie gedrungen die Kleider eines verstorbenen zwölfjährigen Sohnes anzog, den Zopf abschnitt und sich so zu gewissen Stunden auf die Straße wagte und sich unter die Buben mischte. Als sie ihre Kunst auf die Spitze trieb, wurde sie entdeckt. Auf dem Käsemarkt, wo die Käsehändler ihren Verkehr hielten, hatte sie beobachtet, wie diese Männer mit hohlen Kässtechern aus den großen Schweizerkäsen zum Behufe des Kostens ihrer Qualität runde Stäbchen oder Zäpfchen herausstachen, davon ein Endchen säuberlich vorn abbrachen, kosteten, und das Zäpfchen im übrigen wieder in das Loch steckten, daß der Käse wieder ganz war. Also versah sie sich mit einem gewöhnlichen Nagel, strich um die Käse herum und erspähte die Stellen, wo eine zarte Kreislinie ein solches Stäbchen anzeigte. Dann steckte sie im geeigneten Momente den Nagel hinein und zog es heraus, und oftmals trug sie wohl ein halbes Pfund trefflichen Käses nach Haus. Endlich aber, da die Käsehändler überall auf ihren Vorteil erpichter und unduldsamer sind als andere Kaufherren, wurde sie erwischt und der Polizei übergeben und bei dieser Gelegenheit ihr wahrer Stand entdeckt. Man nannte sie aber den Jochel Klein, solang sie lebte.«

Agnes ergötzte sich an der einfachen und harmlosen List der armen Frau und bedauerte nur den schlechten Ausgang. Der andere Glasmaler hingegen meldete sich auch mit einer Verkleidungsgeschichte eines Weibes, die aber grauslicher sei als die von dem weiblichen Gassenjungen.

»Es ist aber eine alte Geschichte aus dem sechzehnten Jahrhundert«, sagte er; »im Jahre 1560 oder 62 laut der Chronik geschah es in der Stadt Nimwegen, im Geldernschen gelegen, daß der Scharfrichter nach dem Städtlein Grave an der Maas, auf der brabantischen Grenze, berufen wurde, um drei Missetäter zu richten. Der Nachrichter von Nimwegen lag aber krank und schwach im Bett, weil ihm sein eigner Knecht mit einem vergifteten Süppchen vergeben hatte, um seine Stelle zu bekommen. Denn, sagt der Chronist, es ist kein Amt so elend, daß nicht einer da wäre, der es auf Kosten seiner Seele erhaschen möchte. Der Meister berichtete also an den Rat zu Grave, er könne nicht kommen, werde aber seine Frau stracks an den Scharfrichter von Arnheim senden, mit dem er einen Vertrag zu gegenseitiger Aushilfe geschlossen habe, und es werde derselbe rechtzeitig sich stellen und zu Gebote sein. Der Frau befahl er, sich unverweilt nach Arnheim zu begeben und den dortigen Geschäftsfreund in Kenntnis zu setzen. Doch die Frau, ein wohlgewachsenes, schönes und freches Weib, war geizig und wollte den Lohn eines so einträglichen Geschäftes nicht fahren lassen. Statt nach Arnheim zu gehen, zog sie heimlich die Kleider ihres Mannes an, nachdem sie Hemd und Wams der Brust wegen erweitert hatte, setzte seinen Federhut auf den schnell geschorenen Kopf, gürtete das breite Richtschwert um und machte sich bei Nacht und Nebel auf den Weg nach Grave, wo sie zur rechten Stunde eintraf und sich bei dem Bürgermeister meldete. Ihm fiel zwar ihr glattes Gesicht und die junge helle Stimme auf, und er fragte, ob sie oder vielmehr er, der angebliche Scharfrichter, auch die hinreichende Kraft und Übung zu dem vorhabenden Werke besitze. Aber sie versicherte mit frechen Worten, daß sie das Spiel genugsam kenne und es schon manchmal getrieben habe. Sie griff auch gleich nach dem Stricke, an welchem der erste der armen Sünder hinausgeführt wurde, und setzte sich so in den Besitz desselben. Als es aber so weit gekommen, daß der Mann auf dem Stuhle saß und sie ihm die Augen verband, ward er etwas unruhig; sie bückte sich tiefer über ihn her, um zu sehen, ob die Binde überall gut schließe, und so spürte er ihre weiche Brust an seinem Kopfe. Sogleich schrie er, es sei ein Weib da! Er wolle aber nicht von einem solchen, sondern von einem ordentlichen Nachrichter getötet werden, das sei sein Recht! Der arme Mensch hoffte durch den Umstand einen Aufschub zu gewinnen. In der entstehenden Verwirrung schrie er immer lauter, man solle ihr die Kleider herunterreißen, so werde man sehen, daß es ein Weibsbild sei. Da die Sache endlich die Umstehenden nicht unwahrscheinlich dünkte, wurde einem Henkersknecht geboten, sich zu überzeugen, und mit der Schere, mit welcher er soeben dem Übeltäter das Haar abgenommen, schnitt er dem Weibe auf Brust und Rücken Wams und Hemd auf und streifte es ihr von den Schultern, so daß sie vor allem Volke mit entblößtem Oberkörper dastand und mit Schmach von der Richtstätte gejagt wurde. Die Verbrecher mußten wieder ins Gefängnis geführt werden; das aufgebrachte Volk aber wollte das Weib ins Wasser werfen und ließ sich nur mit Mühe daran verhindern. Dennoch stürzten die Frauen und Mägde aus den Häusern, verfolgten die fliehende Scharfrichterin mit Kunkeln und Besenstielen bis vor die Stadt und zerbleuten ihr den glänzend weißen Rücken. So nahm diese Verkleidung ein schlechtes Ende für die verwegene Amazone. Als ihr Mann bald darauf starb, wurde wirklich der falsche Knecht, der ihn vergiftete, an seiner Stelle Nachrichter zu Nimwegen, heiratete die Witwe, und hatte demnach der Henker eine Frau, die seiner wert war.«

Mit dieser derben Geschichte hatte unser Geplauder die Grenze fast überschritten, die wir dem anwesenden Mädchen schuldig waren. Sie schüttelte schaudernd den Kopf und säumte nicht, ihr Glas auszutrinken, als wir zusammen anstießen. Während der ganzen Unterhaltung hatte jeder seinen langen Kelch fest in der Hand gehalten, damit er nicht umfalle und zu gelegentlichem Zuspruch dem Munde möglichst nah sei, und Agnes hatte in ihrer Unerfahrenheit und im glücklichen Vergessen aller Not uns getreulich nachgeahmt. Als unwissenden Junggesellen war uns unbekannt, wie man sich in solchem Falle mit einem weiblichen Wesen zu benehmen hat, und füllten alle Gläser, sooft sie sich leerten, uns der wachsenden Aufregung und Fröhlichkeit des guten Kindes erfreuend.

Reinhold, der Gottesmacher, hatte während der langen Plauderei von einem hinter der Agnes stehenden Orangenbäumchen blühende Zweige gebrochen, sie zu einem Kränzlein verflochten und drückte ihr jetzt dasselbe auf den Kopf. Zugleich bat er sie, ihn mit einem Tänzchen zu beglücken, zu welchem einer oder zwei von den andern aufspielen sollten.

»Nein!« rief sie, »zuerst will ich euch einmal einen Ländlertanz allein vorführen, den ihr alle vier spielen sollt!« Die Gesellen gehorchten, nahmen die Instrumente aus den Futteralen und stimmten sie wieder. Ich rückte zur Seite, sie spielten einen damals sehr beliebten Volkstanz jener Gegend, und Agnes tanzte auf dem kleinen Raume, der zwischen den Bäumchen übrig war, mit aller Anmut die langsame und eine gewisse Sehnsucht ausdrückende Weise. Kaum war der letzte Takt verklungen, so verlangte sie, indem sie sich das schäumende Glas geben ließ und es mit dürstenden Lippen leerte, einen Walzer, den sie noch allein tanzen wollte. Die guten Junggesellen geigten, so kräftig sie vermochten, und Agnes drehte sich, die Hände in die schlanken Hüften stützend, mit glänzenden Augen um sich selber. Auf einmal griff sie mit den Armen in die Luft, als suche sie jemanden, stand still, nahm den Kranz vom Kopfe, besah ihn, setzte ihn wieder auf und fing darauf an zu schwanken. Ich sprang schnell hinzu und führte sie zu ihrem Stuhle; die Musiker hielten erschreckt inne, das arme Mädchen aber warf Kopf und Arme auf den Tisch, daß alle Gläser umstürzten, und begann überlaut mit herzzerreißendem Jammer zu weinen und nach ihrer Mutter zu rufen. Sie weinte und rief so durchdringend, daß andere Gäste herbeikamen und wir in der größten Bestürzung und Ratlosigkeit herumstanden. Wir versuchten sie aufzurichten; allein sie sank uns aus den Händen und zu Boden, wo sie leichenblaß mit zitternden Lippen und Händen ausgestreckt lag und bald gänzlich leblos schien, so daß jetzt eine ängstliche Stille eintrat.

Endlich mußten wir uns entschließen, das arme reglose Wesen wegzutragen und im bewohnten oder zur Hilfe bereiten Teile des Hauses eine Stätte zu suchen. Der Bergkönig faßte sie unter den Armen, der Gottesmacher nahm die Füße, und so trugen sie die leichte, silberschimmernde Last sorgsam davon. Ich ging voraus, und die zwei Glasmaler folgten, ihre Violinen unter dem Arm, die sie einzupacken keine Zeit fanden und doch nicht zurücklassen wollten, weil es gute Instrumente waren.

Frau Rosalie war leider in Eriksons Begleitung schon nach der Stadt gefahren, ohne von irgendwem Abschied zu nehmen, damit nicht gegen ihren Willen ein Aufbruch stattfände und die Lustbarkeit gestört würde. Um so willkommener war die Hausmeisterin oder Verwalterin, die herbeikam und unsern Trauerzug in ihre eigene Wohnstube leitete, wo die Regungslose auf ein bequemes Ruhebett und einige herbeigeholte Kissen gelegt wurde.

»Es ist nicht so schlimm«, sagte die beratene Frau, als sie unsern Schrecken bemerkte, »das Fräulein wird einen Rausch haben, das wird bald vorübergehen!«

»Nein, sie hat einen Kummer!« flüsterte ich ihr zu.

»Dann hat sie eben in den Kummer hinein getrunken«, versetzte sie, »wer gibt einem jungen Mädchen denn so viel zu trinken?«

Erst jetzt erröteten wir und standen in Beschämung und Verlegenheit, bis uns die wackere Frau fortschickte, nachdem sie sich noch erkundigt hatte, wo die Erkrankte hingehöre. »Der Wagen der Herrschaft«, sagte sie, »wird noch einmal herauskommen, um etwa nötig werdende Dienste zu leisten; also werden wir für alles besorgt sein.« Reinhold anerbot sich und ließ es sich nicht nehmen, im Hause zu bleiben; er drang in mich, ihm den ferneren Schutz der Verlassenen anheimzustellen, und ich war es zufrieden, da er für einen wohlbeschaffenen braven Mann galt. Agnes ging also, um ihr Schicksal zu erfüllen, in ihrer Bewußtlosigkeit und überhaupt während des ganzen Festes von einer Hand in die andere, wie ehemals eine in die Sklaverei geratene Königstochter.

Ich trennte mich von den Geigern, die für Unterbringung ihrer Instrumente zu sorgen hatten, und machte mich auf den Weg. Übrigens wurde sowohl hier als am Walde drüben allgemein aufgebrochen, und die Straße war von den Wagen der Heimkehrenden bedeckt. Da ich nicht gleich eine Unterkunft fand, zog ich vor, zu Fuß zu gehen, und um nicht von den Fuhrwerken, die im Trabe fuhren und sich jagten, gefährdet zu werden, betrat ich den Seitenpfad, der sich auf dem Waldboden längs der Straße hinzog. Der abnehmende Mond erhellte den Weg einigermaßen durch die Bäume; immerhin behinderte das Gestrüppe des Unterholzes da und dort die Schritte und ich holte denn auch einen einsamen Wandler ein, der sich mit Weißdornruten und Brombeerstauden ärgerlich herumschlug. Es war Lys, unter dessen dunklem Mantel das feine Leinwandkleid hervorschimmerte und an den Dorngeflechten hängen blieb.

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