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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Die Partie ging zu Ende; Lys und Rosalie hatten den alten Herren einige Louisdors abgenommen, was den Unverbesserlichen als ein günstiges Zeichen so bewegte, daß er seine Freude nicht verbergen konnte. Doch Rosalie nahm die Karten zusammen und bat die Spieler, zu welchen auch die von den andern Tischen getreten waren, eine kleine Rede von ihr anzuhören.

»Ich habe mich«, begann sie mit artiger Beredsamkeit, »bisher arg gegen die Kunst versündigt, indem ich, obgleich mit Glücksgütern gesegnet, soviel wie nichts für sie getan habe! Ich bin um so tiefer beschämt, als es mir so gut unter den Künstlern ergeht, und ich glaube auch schon meine Dankbarkeit für die ehrenvolle Anwesenheit so fröhlicher Musenkinder am besten einigermaßen abzutragen, wenn ich endlich beginne, etwas Nützliches zu tun. Nun aber ist es eine bekannte Eigenschaft der Protektoren und Gutesstifter, daß sie für ihre Sache stets Teilnehmer anwerben und möglichst ins Breite wirken müssen, damit das Gute um so mehr Boden gewinne. So hören Sie denn, werte Freunde! Am heutigen Nachmittage, als ich um das Haus herumging, irgendeinen Dienstboten zu rufen, fand ich in einer verborgenen Ecke des Gartens den jüngsten und zierlichsten unserer Gäste, den Pagen Gold des Herrn Bergkönigs, der am Zuge so großmütig seine Schätze ausgestreut hat. Der noch nicht siebzehn Jahre zählende Knabe stand bei seinem Genossen, dem Pagen Silber, einen offenen Brief in der Hand, bleich und entsetzt und schwere heiße Tränen in seinen hübschen Augen zerdrückend. In der offenen und teilnehmenden Stimmung, in der wir uns ja alle befinden, konnte ich mich nicht enthalten, hinzuzutreten und mich nach der Ursache solchen Leidwesens freundlich zu erkundigen. Da vernehme ich, daß schon in den gestrigen Abendzeitungen die Nachricht von einem großen Feuer gestanden hat, welches seit Tagen in der fernen Vaterstadt des trauernden Knaben wütet, während wir in unserem Freudengedränge hiervon keine Ahnung hatten. Und heute bringt der Silberpage, der in der Morgenfrühe ordentlich schlafen gegangen ist und mittags seinen Freund abholen wollte – denn beide sind Zöglinge unserer Akademie und arbeiten nebeneinander, heute nachmittag bringt er jenen Brief hier hinaus, wo er den Freund aufgesucht hat. In dem Briefe steht, daß auch die Straße, darin jener geboren und seine alternde Mutter wohnt, bereits in Asche liegt und die Mutter ohne Obdach ist. Ich lasse durch Herrn Erikson in der Eile weitere Nachfrage halten. Der blutjunge Mensch, ungewöhnlich begabt, ist in ungewohnt frühem Alter hierher gesandt worden, um mit Hilfe einiger geringer Sparmittel sich frühzeitig emporzubringen, ein Wagnis, welches sich bis jetzt durch den glücklichen Fleiß des Schülers zu rechtfertigen schien. Nun ist alles in Frage gestellt! Nicht nur sind vielleicht die Existenzmittel durch das Feuer für immer verloren, sondern der arme Gesell kann im Augenblicke nicht einmal hineilen und sein Mütterchen in dem Elend und Wirrsal aufsuchen, weil er die paar Taler, die hiezu dienen würden, an die Kosten dieses Karnevals gewendet hat, überredet von andern, die seine glückliche Knabengestalt nicht entbehren mochten, und weil er ohnedies gerade einer Sendung von Hause entgegensah, die nun nicht kommen kann. Und eben über seinen vermeintlichen Leichtsinn macht er sich die bittersten Vorwürfe und will in Selbstanklagen vergehen, wie wenn er das entsetzliche Feuer selber angezündet hätte! Ich habe den unseligen Pagen, dem das Goldausstreuen so schlecht bekommen ist, sogleich veranlaßt, nach seiner Wohnung zu gehen und seine Sachen zu packen; allein mich dünkt, man sollte trachten, daß er auch wiederkommen und weiterlernen kann, sobald das Mütterchen versorgt und beruhigt ist. Mit einem Wort: ich möchte für den Unglücksvogel eine bescheidene Pension stiften, die ein paar Jährchen hinreicht, und hier den Anfang machen! Ich lege die Karten aus, halte Bank, wie ich es leider an Badeorten gesehen habe, als ich meine seligen Eltern dahin begleiten mußte. Wer verliert, muß es verscherzen; wer gewinnt, legt die Hälfte des Gewinns in diese Schale, die den Pensionsfonds vorstellt! Spielen dürfen nur Nichtkünstler; Herr Lys ist ausgenommen, der nicht von seiner Kunst lebt, wie ich höre!«

Nach diesen Worten zog sie eine beschwerte Börse und legte sie vor sich auf den Tisch. Dann mischte sie die Karten und rief: »Also machen Sie Ihr Spiel, Herren und Damen! Rot oder Schwarz?«

Die etwas überraschte Gesellschaft zögerte ein paar Sekunden; da setzte Lys ritterlich ein Goldstück und gewann. Rosalie zahlte ihm die Hälfte und warf die andere in eine geleerte Zuckerschale, die gerade zur Hand war.

»Schönsten Dank, Herr Lys! Wer setzt weiter?« sagte sie fröhlich und huldvoll.

Ein älterer Mann, den sie mit »Brav, Herr Oheim!« anredete, setzte ein Zweiguldenstück und gewann auch. Sie legte einen Gulden in die Schale und gab ihm den andern samt seinem Einsatz. Drei oder vier Damen, hiedurch ermutigt, wagten gleichzeitig ein Guldenstück und verloren; Rosalie warf lachend für jede einen halben Gulden in das Gefäß. Die Frauen zu rächen, wie er sagte, legte Lys abermals einen Louisdor hin, worauf einige Herren sich mit doppelten Talerstücken einstellten und auch die Frauen sich wieder mit einzelnen halben, ja ganzen Gulden hervorwagten. Das Gewinnen und Verlieren wechselte ziemlich gleichmäßig, aber stets fiel etwas in die Zuckerbüchse, und wenn auch langsam, wuchs der Pensionsfonds, wie Rosalie es nannte, doch sichtbarlich an.

Doch Lys rief jetzt: »Das geht zu sachte voran!« und .setzte vier Goldstücke, den Rest des Bargeldes, das er in seiner Börse trug. »Schönen Dank abermals!« sagte Rosalie, als sie gewann und die Hälfte in die Schale warf. Es war nicht recht ersichtlich, ob Lys sich mit ihr freute; doch ergriff er einen Stuhl und setzte sich der schönen Frau gegenüber, indem er rief: »Noch immer besser muß es kommen!« Er pflegte niemals auszugehen, ohne eine größere Summe Geldes in Noten bei sich zu tragen, einer langjährigen Reisegewohnheit zufolge. Auch jetzt hielt er die Brieftasche in seinen Gewändern irgendwo versorgt, zog sie hervor und legte eine Note von hundert rheinischen Gulden hin, dann, als er sie verlor, die zweite, dritte und so weiter bis zur zehnten, welches die letzte war. Der ganze Vorgang, Zug um Zug, dauerte nicht länger als zwei Minuten, so daß Rosalie mit einem einzigen strahlenden Blicke und einem einzigen Lächeln, das sie fast ohne zu atmen auf Lysen gerichtet hielt, ausreichte von der ersten bis zur letzten Note, welche sie ohne Abzug einer Hälfte vorweg in die Schale warf. Die blitzartige Schnelligkeit, mit welcher der Zufall spielte, verlieh der Szene eine eigentümliche Anmut und brachte den Eindruck hervor, wie wenn die rosige Bankhalterin mehr als Brot essen könnte, das heißt geheimnisvoller Künste mächtig wäre.

»Wir haben genug!« rief sie, »tausend Gulden ohne das Bare! Mehr als fünfhundert Gulden soll ein so junger Bursch im Jahr nicht vertun. Also können wir ihn zwei Jahre durchbringen und wollen das Geld beim Bankier hinterlegen. Morgen aber soll er vorerst nach Hause reisen!«

Dann malte sie sich und uns die Erkennungsszene aus, welche zwischen der abgebrannten Mutter und dem unverhofft mit Hilfe erscheinenden Sohne stattfinden werde; sie beschrieb nochmals, wie der blühende Junge, fern von der Heimat, mitten im Jubel eines Maskenfestes von der Schreckenskunde überfallen, verzweifelt dagestanden und mit den bitteren Tränen gekämpft habe. Sie war in ihrer Freude jetzt so schön, daß sie den Höhepunkt weiblichen Reizes erreichte und einen Abglanz ihrer Schönheit auf Lysens Gesicht warf, als sie ihm über den Tisch weg die Hand bot, die seinige drückte und herzlich schüttelte, indem sie sagte: »Freuen Sie sich nicht auch an dem bißchen Sonnenschein, das wir Ihnen danken? Ohne Ihren raschen Edelmut wäre ja nicht sobald geholfen! Sie sollen auch unser Vorsteher sein und mich heut abend zu Tisch führen!«

Bei diesen Worten schienen ihre Gedanken eine andere Richtung zu nehmen; sie erhob sich, bat um Entschuldigung und zog sich zurück. Gleich darauf eilte auch Lys durch die gleiche Tür fort, als ob er etwas Vergessenes zu sagen hätte. Es dauerte eine halbe Stunde, bis Rosalie an Eriksons Arm wieder erschien, um an der Spitze ihrer lustigen Hausbesatzung zu Tisch zu gehen. Lys kam nicht wieder; man hörte, er sei in das Waldlager hinüber, das er auch noch habe in seiner Lustbarkeit sehen und studieren wollen.

Was inzwischen vorgefallen, wurde später ziemlich im Zusammenhange denjenigen bekannt, die von den Dingen in dieser oder jener Weise berührt waren. Lys hatte mit stürmischen Schritten, mit plötzlicher Entschlossenheit die Verschwundene verfolgt und in einem einsamen Zimmer erreicht, wo sie mit einem andern als ihm eine kurze Zwiesprache zu halten dachte. Ihre beiden Hände ergreifend, erklärte er seine ernste und heilige Liebe und forderte sein Lebensglück und seine Ruhe von ihr, die einzig sie ihm geben könne. Sie sei das Weib der Weiber, die göttliche Frau, die immer nur einmal in der Welt sei, schön und hell und heiter, wie der Stern der Venus, klug und gütig und nur sich selber gleich. Er wisse jetzt, warum er sich in Irrsal und Wankelmut umgetrieben, indem er das Beste geahnt und gesucht, aber nicht habe finden können; aber nun habe er auch die unerbittliche Pflicht und das unveräußerliche Recht, es zu erringen. Keine Rücksicht dürfe ihn hindern, in so entscheidender Stunde den Schritt über die schwanke, schmale Brücke zum Dasein zu tun und ihr das ungeteilte und ganze, von keinen Zufälligkeiten getrübte Leben anzubieten, ein Leben, das die Notwendigkeit, nicht die eiserne, sondern die goldene, selbst sein würde. Denn es sei nicht möglich, daß irgendein Lebendiger sie so zu kennen und zu würdigen vermöge wie er, das fühle er untrüglich und glühend, wie ein lohendes Feuer, eine Glut, die zugleich ein Licht, das Licht des Urteils sei, das gegenseitig sein müsse.

Und was solcher großen Worte mehr sein mochten, ihm selbst ungewohnt; denn er soll dabei so gut und begeistert, ja hinreißend ausgesehen haben, daß es Rosalien unmöglich war, den Überfall mit einer schalkhaften oder verletzenden Wendung abzuweisen, obgleich sie sich schon durch den Anzug, in welchem er heute in ihrem Hause erschienen, unangenehm betroffen fand.

Sie entzog ihm erschreckt die Hände, trat zurück und rief: »Bester Herr Lys! Ich verstehe von Ihren geheimnisvollen Reden nur so viel, daß das Licht, das gegenseitige Urteil, von dem Sie sprechen, uns gänzlich fehlt. Ich bin nicht das Weib der Weiber, behüte mich Gott davor, da müßte ich ja die Summe aller Schwachheit sein! Ich bin ein einfaches, beschränktes Wesen und kann zunächst keine Spur einer Neigung zu Ihnen entdecken, und Sie können mich ebensowenig kennen, da Sie mich vor noch nicht vierundzwanzig Stunden zum erstenmal gesehen haben!«

Er unterbrach sie jedoch, suchte wieder ihre Hände zu fassen und fuhr fort: er kenne sie wohl, samt ihrer Vergangenheit und Zukunft. Eben daß sie in Demut und Verkennung dahingelebt, sei das Wahrzeichen ihrer Bestimmung, siegreich zur Klarheit und zum Glanze ihres Rechtes zu kommen! Das sei ja das Tiefsinnige in so vielen Götter- und Menschensagen, daß die himmlische Güte und Schönheit in Dunkelheit und Dienstbarkeit niedergestiegen und aus der rührenden Unkenntnis ihrer selbst zum Bewußtsein gerufen worden seien, das Wesenhafte sich aus dem Staube des Unwesentlichen habe befreien müssen.

Plötzlich schlug sie die Hände zusammen und rief mit klagendem Tone: »Himmel, welch ein Unglück! Hätt ich das nur vor acht Tagen gewußt – jetzt ist es wieder einmal zu spät! Ich bin verlobt, raten Sie, mit wem?«

»Mit Erikson!« versetzte er mit einiger Heftigkeit. »Ich habe mir's halb gedacht! Aber das tut nichts! Die echten Schicksalswandlungen gehen über dergleichen hinweg, wie ein Morgenwind über das Gras! Vor dem Entschlusse von heute muß der verjährte Wille von gestern verbleichen.«

»Nein!« erwiderte sie mit Kopfschütteln und scheinbar trauriger Verlegenheit, »ich gehöre zu dem Geschlechte derer, die Wort halten; ich kann nicht anders, ich gehöre zum Grase!«

Sie schwieg einen Augenblick, wie um sich zu besinnen, während er mit dringlichen Reden wieder begann; doch sie unterbrach ihn abermals, als ob sie einen guten Gedanken gefunden hätte.

»Ich habe gehört oder gelesen von ausgezeichneten Frauen, welche mit unbedeutenden Männern friedlich gelebt, indessen sie aber mit höchst bedeutenden Geistern eine Seelenfreundschaft gepflegt haben, wozu jedoch für den Anfang eine beträchtliche Entfernung gehört, bis das beruhigende Alter die rechte Weihe bringt. Solche Frauen, wenn sie genugsam Kinder geboren und wohl erzogen haben, sollen alsdann nicht selten zum höchsten Verständnis jener Geister sich emporschwingen, da es ihnen nicht mehr an Zeit gebricht, den großen Dingen nachzuleben. Nun sehen Sie, wie schön wir es doch noch einrichten könnten, wenn wir nur wollten. Sollte wirklich etwas so Außerordentliches in mir sein, wie Sie mich bald glauben machen, so kann ich ja einstweilen meinen unbedeutenden Erikson heiraten, Sie entfernen sich für ein paar Jahrzehnte –«

Sie schwieg nicht ohne Besorgnis, als Lys mit einem schmerzlichen Seufzer auf einen Stuhl sank und vor sich niedersah. Er merkte erst jetzt, daß die reizende Frau ihr Spiel trieb, und da er zugleich sein Kleid gewahrte, mochte er der bedenklichen Lage inne werden, in die seine Schwäche ihn geführt, vielleicht auch zum erstenmal ihn die Empfindung von der dunklen leeren Stelle in seinem sonst so reichen Wesen überschatten.

Ungehört auf den weichen Teppichen des kleinen Zimmers war Erikson schon vor einigen Minuten eingetreten und hinter dem Freunde gestanden, und Rosalie hatte ihre schalkischen Reden in seiner Gegenwart gehalten, die sie mit keinem Zwinkern ihrer Augen verriet.

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