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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Jetzt mußte das duftende Getränk der genügsamen Frau zugleich das Mittagsmahl versehen, und sie ließ es sich eifrig schmecken, denn sie hatte eine ausreichende Menge gebraut; auch Agnes nahm zwei Tassen zu sich und aß ein gutes Stück Kuchen, und ich hielt vergnüglich mit, obgleich ich schon Verschiedenes genossen hatte. So erlebt der Mensch mancherlei Unterkunft in seinen Tagen; es ist mir kaum mehr glaublich, daß ich einst in solcher Tracht, in einem so kunstreich zierlichen Baudenkmälchen, zwischen der Diana und der alten Sibylle gesessen und friedlich gefrühstückt habe.

Weil das Wetter so schön war und die Alte es verlangte, um vor ihren Nachbarn zu triumphieren, wurde die Decke des Wagens niedergelassen, als wir wegfuhren, und sie schwenkte ihr Tuch aus dem offenen Fenster unter Abschiedsgrüßen und Glückwünschen. Agnes aber seufzte dabei verstohlen und atmete erst etwas freier, als wir vor dem Tore waren. Ohne der Vorfälle der letzten Nacht mit einem Worte zu gedenken, fing sie an zu plaudern. Ich mußte berichten, wie die heutige Lustbarkeit sich veranlaßt habe, wer draußen zu treffen sei und wann wir wieder zurückkehrten; denn sie wagte noch nicht offen vorauszusetzen, wie sie hoffte, daß sie nicht mit mir, sondern mit Lys heimfahren werde. Ich wußte noch weniger einen Aufschluß zu erteilen und sprach die allgemeine Vermutung aus, es werde die ganze Gesellschaft zusammen aufbrechen, und wenn es auf mich ankomme, so gehe man heute überhaupt noch nicht heim!

Da sei sie auch dabei, sagte sie fast so fröhlich, wie wenn es ihr Ernst wäre. Als wir schon das weiße Landhaus in einiger Entfernung glänzen sahen, geriet Agnes aufs neue in Bewegung; sie wurde rot und blaß, und da sich zur Seite der Straße auf einem kleinen Hügel eine Kapelle zeigte, verlangte sie auszusteigen.

Sie eilte, ihr Silbergewand zusammenfassend, den Stufenweg hinan und ging in das Kirchlein; der Kutscher nahm seinen Hut ab, stellte ihn neben sich auf den Bock, bekreuzte sich und betete, die fromme Muße benutzend, ein Vaterunser. So blieb mir nichts übrig, als verlegen unter die Kapellentür zu treten und zu warten, bis die unerwartete Zwischenhandlung vorüber war. An einem der Türpfosten sah ich ein gedrucktes Gebet hinter Glas gefaßt aufgehängt, welches ungefähr folgende Überschrift trug: Gebet zur allerlieblichsten, allerseligsten und allerhoffnungsreichsten heiligen Jungfrau Maria, der gnadenreichen und hilfespendenden Fürbitterin Mutter Gottes. Approbiert und zum wirksamen Gebrauch empfohlen für bedrängte weibliche Herzen durch den hochwürdigsten Herrn Bischof und so fort. Dazu war noch eine Gebrauchsanweisung gefügt, wie viele Ave und andere Sprüche herzusagen seien. Dasselbe Gebet lag auf Pappe gezogen auf einigen alten Holzbänken umher. Sonst zeigte das Innere der Kapelle nichts als einen einfachen Altar, der mit einer verblichenen veilchenfarbigen Decke behangen war. Das Altarbild zeigte den Englischen Gruß, von roher Hand gemalt, und vor demselben stand noch ein kleines Marienbildchen im starren Reifröckchen von Seide und Metallflittern in allen Farben. Rings um den Altar hingen an der Wand geopferte Herzen von Wachs, in allen Größen und auf die mannigfaltigste Weise verziert; im einen stak ein seidenes Blümchen, im andern eine Flamme von Rauschgold, das dritte durchbohrte ein Pfeil. Wieder ein anderes war ganz in rote Seidenläppchen gewickelt und mit Goldfaden umwunden, und eines war gar mit großen Stecknadeln besetzt wie ein Nadelkissen, wohl zur Schilderung der schmerzlichen Pein seiner Spenderin; dagegen schien ein mit grüner Farbe und vielen roten Röschen bemaltes Herz von der zur Zufriedenheit gelungenen Heilung Kunde zu geben.

Leider versäumte ich, den Text des Gebetes selbst zu lesen, weil ich nur auf die Beterin sehen mußte, die in ihrem heidnischen Göttergewande, den keuschen Halbmond über der Stirne, auf der Altarstufe vor dem wächsernen Frauenbilde kniete, mit zitternden Lippen das Gebet von einem der Pappdeckel ablas, dann die Hände faltete, zu dem Bilde aufblickte und die vorgeschriebene Zahl der übrigen Sprüche, die zum Glücke nicht groß war, leise murmelte oder flüsterte. In dieser großen Stille und bei diesem Anblicke fühlte ich das Ineinanderweben der Zeiten, und es war mir fast zumut, als lebte ich vor zweitausend Jahren und stünde vor einem kleinen Venustempel irgendwo in alter Landschaft. Ich dünkte mich jedoch unendlich erhaben über die Szene, so artig sie war, und dankte meinem Schöpfer für das stolze und freie Gefühl, das mich beseelte.

Endlich schien Agnes sich der Hilfe der Himmelskönigin genugsam versichert zu haben; sie erhob sich mit einem Seufzer und ging nach dem in meiner Nähe hängenden Weihkessel. Da sah sie mich in der Türe gelehnt, wie ich sie aufmerksam betrachtete, und erinnerte sich über meiner ganzen Haltung daran, daß ich ein Ketzer war. Ängstlich tauchte sie den Wedel tief in den Kessel, eilte mir damit entgegen und besprengte mir das Gesicht über und über mit Wasser, indem sie mit dem Wedel viele Kreuze schlug. So hatte sie mich in weniger als zwölf Stunden zum zweiten Male durchnäßt, erst mit ihren Tränen und nun mit dem Weihwasser, und ich rückte doch den Hals etwas unbehaglich her und hin, da mir die Feuchte in den Nacken rieselte. Das doppelt mythologische Geschöpf aber war nun über die schädliche Einwirkung meiner Ketzerei beruhigt; sie ergriff meinen Arm und ließ sich wieder in die Kutsche bringen, deren Lenker seine geistliche Erquickung längst beendigt hatte und zur Weiterfahrt bereit war. Er machte ein kurios lächelndes Gesicht gegen mich, weil er den Volksglauben natürlich kannte, der an dem kleinen Gnadenörtchen haftete. Er selbst mochte den weiblichen Liebessegen nur mitgenommen haben, wie ein derberer Trinker etwa aus Versehen ein Gläschen süßen Likörs schnappt, das gerade dasteht.

Der Landsitz, bei dem wir anlangten, war schon ziemlich belebt; in einem geräumigen Gartenland gelegen, zeigte seine gemischte Bauart, daß er früher den Zwecken einer Gastwirtschaft gedient und erst seit neuerer Zeit und jetzt noch in der Umwandlung zum Sommerhaus einer Familie begriffen war, wo ein Pächter oder Wirtschaftsführer zugleich für allerhand haushälterischen Nutzen sorgte. So kam jetzt vorzüglich der gute Rahm bei dem erquicklichen Kaffeetrinken zustatten, welches Frau Rosalie für den Empfang der Gäste veranstaltet hatte. Die Sonne schien so warm, daß mehrere den Trank im Freien, vor den Türen der neueingerichteten Gartenzimmer genossen, während andere inwendig um die Kaminfeuer oder gar in einer alten Wirtsstube beim geheizten Ofen saßen.

Ich war nicht viel kecker als meine Schutzbefohlene und drang sachte mit ihr vor; doch wurden wir bald von der schönen Wirtin entdeckt, die jetzt im stattlicheren Seidenkleide sich munter bewegte und Agnesen unverweilt ins Innere des Hauses führte.

»Die Göttertracht«, sagte sie, »will sich doch nicht recht für unser Klima schicken, besonders für uns Frauen! Gehen wir hinein, wo es ein Feuer gibt! Auch der König von Babylon oder Ninive, Herr Lys, ist drinnen, denn er würde hier erfrieren.«

Lys hatte es in der Tat mit seinen bloßen Armen und im Batisthabit nicht im Freien ausgehalten und saß nicht eben in bester Laune an einem großen Ofen; auch der Kaffee, für uns andere gut genug, vermochte nicht die Sorgen zu zerstreuen, die auf seiner Stirne lagerten. Die Alltagstracht, in welcher er unerwartet nicht nur Frau Venus, sondern auch Erikson angetroffen, hatte diese Sorgen heraufbeschworen, und mehr noch die rüstige Tätigkeit des guten Freundes, den man bald ein Faß des besten Bieres über den Hof rollen, bald einige Brote zerschneiden oder sonst etwas hantieren sah, als stände er da im Tagelohn. Der Anblick Agnesens war dem düstern Assyrer unter solchen Umständen nicht unwillkommen. Er bot ihr sofort freundlich den Arm als einer schicklichen Ergänzung für die Zeit der Einsamkeit oder Abwesenheit Rosaliens, welche sich vor dem Hause aufhielt, um nicht nur die vom Walde herbeikommenden Festgenossen, sondern auch verschiedene ihr verwandte und befreundete Personen zu empfangen; denn auch solche hatte sie in der Schnelligkeit herbeirufen lassen. Gerade die ungewohnte Heftigkeit der Leidenschaft, die Lys befallen, hieß ihn auch, wie einen Kriegshelden im Felde, eine verdoppelte Wachsamkeit üben; er konnte jetzt eine gefährliche Erkältung oder gar tödliche Krankheit nicht brauchen und mußte die Torheit seiner Kleidung durch vorsichtige Zurückhaltung gut machen; und da diente ihm nun die silberne Diana, deren Gewänder er ja gekauft hatte, trefflich zur Verhüllung seiner Lage.

So war sie jetzt an seiner Seite, in der Heimat ihrer Liebe, und schien zu ihrem Rechte zu kommen. Aber sie zeigte keinen Triumph, keine Überhebung, sondern atmete nur etwas ruhiger auf, die innere Glut bis auf weiteres verschließend; denn sie hatte in kurzer Zeit zu Schlimmes erfahren, um es schon vergessen zu können. Sie ging vielmehr mit gesammeltem Ernste am Arme des schönen Großkönigs durch die Zimmer, der sich scherzend für den alten Nimrod ausgab und behauptete, er habe mit bekanntem Jägerglück die Göttin der Jagd selbst gefangen. Erst als sie an einem großen Spiegel vorübergingen, erkannte sie deutlicher seine veränderte, glänzende Tracht und Gestalt, sah sich selber daneben und die Blicke der Anwesenden, welche das eigentlich leuchtende Paar mit Verwunderung verfolgten. Da überflog eine leichte heitere Röte das weiße Gesicht; allein sie hielt sich tapfer zusammen und bewahrte das gleichmütige Aussehen, obschon sie vielleicht die einzige Person im Hause war, auf welche Lysens auffälliger Putz in dem verführerischen Sinne wirkte, wie seine Verirrung es wollte.

Inzwischen ertönte aus den entlegeneren Räumen des Hauses eine lockende Tanzmusik, wie es von dem jungen Volke und der Karnevalszeit nicht anders zu erwarten war. In einem ehemaligen Wirtschaftssaale war noch die kleine Tribüne der Spielleute vorhanden, mit bunten Teppichen behängt und mit Topfpflanzen verziert worden. Auf diesem Gestelle saßen vier musizierende Kunstgesellen, die ihre Instrumente herbeigeschafft hatten, auf denen sie an manchen Abenden zusammen zu spielen pflegten, als unter sich verbundene, sinnig lebende Leute. Sie wurden die vier frommen Geiger genannt, weil sie teils aus Liebhaberei, teils auch um einen kleinen Nebengewinn zu erzielen, sonntags auf dem Chore einer der vielen Kirchen der Stadt mitspielten. Ihr Hauptmann war ein hübscher bräunlicher Rheinländer von etwas untersetzter Gestalt, mit heitern Augen und treuherzigem Munde, der von krausligem Barte umgeben war. Er hieß bei der Künstlerschaft der Gottesmacher, weil er nicht nur silberne Kirchengeräte von guter Form schmiedete, sondern auch Kruzifixe und Muttergottesbilder sauber in Elfenbein schnitt und zur tieferen Ausbildung in diesen Übungen vom Rheine herübergekommen war. Überall wohlgelitten, bezeigte er keineswegs eine fanatische Gesinnung und wußte eine Menge lustiger Pfaffenstücklein zu erzählen. Dergestalt logierte er in dem katholischen Wesen wie in einer alten Gewohnheit, die nicht zu ändern ist, dachte darüber niemals nach und führte übrigens stets ein Faß eigenen Weines aus der Heimat mit sich, das er schleunigst zum Füllen sandte, wenn es leer geworden.

Der Gottesmacher handhabte das Cello und zwar in der Tracht eines Winzers aus dem Bacchuszuge; die erste Violine spielte der lange Bergkönig, der seinen Bart beiseite gelegt hatte und nun als ein junger Bildhauer zum Vorschein kam. Er modellierte, wie man sagte, seit zwei Jahren an einer Kreuztragung, konnte aber nicht von einem bekannten klassischen Vorbilde abkommen; dafür strich er um so fertiger die Geige. Die mittleren Spieler waren zwei Glasmaler; sie machten an den Kirchenfenstern die prächtigen Teppichmuster und anderes Beiwerk und ließen sich nie einer ohne den andern sehen. Sie waren zu uns aus dem Zug der Nürnberger Zünfte herübergekommen, wo sie unter den Meistersingern gegangen; ich aber kannte die ganze Musik vom Mittagstische her, den ich in einer billigen Wirtschaft aufzusuchen gewohnt war. Viele gute Brüder lösten sich dort an den stets vollbesetzten Tischen täglich ab; aber die beiden Glasmaler waren die einzigen, welche ihr Geld in rundlichen wohlverschnürten Lederbeutelchen führten; denn sie freuten sich ihres bescheidenen, aber sicheren Erwerbes, lebten sparsam und verdienten jeden Sonntag einen Extragulden mit der Kirchenmusik.

Doch heute taten die vier um der Freude willen ein übriges und lockten mit recht wohlgezogenem Tone das Volk zum Tanze. Bald drehte sich ein halbes Dutzend Paare bequemlich im weiten Raume, darunter Agnes mit Lys, in dessen Arm sie mit erwachender Glückseligkeit dahinschwebte, zum ersten Male seit dem Beginne des ganzen Festes. Das Gebet in der Kapelle schien geholfen zu haben; freilich gehörten auch so fromme Spielleute dazu, und besonders der Gottesmacher, der die Gestalt mit glänzenden Augen verfolgte, drückte jedesmal, wenn sie in seine Nähe kam, den Cellobogen mit vollerer und doch weicher Kraft auf die Saiten und gab seinem Wohlgefallen auf diese Weise den zierlichsten Ausdruck. Ich saß ausruhend bei einem Krüglein frischen Bieres an einem Tischchen, beobachtete ihn mit Vergnügen und begriff vollkommen, wie dem Arbeiter in Silber und Elfenbein das feine Wesen einleuchten mußte.

Nun ging es diesem während ein paar Stunden nach Wunsch; die frommen Geiger spielten als Freiwillige nicht zu oft, so daß niemand ermüdet wurde und genugsam Zeit zu geruhiger Unterhaltung übrig blieb. Die Sonne ging dem Untergange entgegen, und im Hause begann es zu dämmern; Erikson erschien an allen Enden gleich einem Haushofmeister und ließ die Lichter anzünden, aufhängen, hinstellen, wie es gehen wollte. Dann verschwand er wieder, um in einem neueren Saale das einfache Abendessen zu ordnen, mit welchem die frohsinnige Witwe ihre Eingeladenen bewirten wollte: so gut es sich in der Eile habe tun lassen, teilte der Unermüdliche entschuldigend mit, als ob es bereits seine eigene Angelegenheit wäre.

Lys indessen ging ab und zu, sich anderwärts umzusehen; endlich aber kam er nicht mehr zurück. Wir harrten seiner beinah eine Stunde; Agnes verhielt sich schweigend und gab mir kaum eine Antwort, wenn ich das Wort an sie richtete; auch mit andern wollte sie weder plaudern noch tanzen. Zuletzt, da ich sah, daß sie des Wartens müde war und wieder zu leiden begann, schlug ich ihr vor, in die anderen Teile des Hauses zu gehen und zu betrachten, was alles dort vorfiele. Das nahm sie an, und ich führte sie langsam durch verschiedene Räume, wo sich überall einzelne Gesellschaften vergnügten, bis wir in ein Kabinett gelangten, in welchem an zwei oder drei kleinen Tischen behaglich gespielt wurde. An einem derselben saß Lys, der Hausherrin gegenüber und zwischen zwei älteren Herren, und spielte eine Partie Whist; denn die letzteren gehörten zu Rosaliens Verwandten, welchen sie die Zeit so angenehm als möglich zu vertreiben wünschte, und natürlich hatte sich Lys beeilt, das Opfer mit ihr zu teilen. Er war so glücklich und in seine Lage vertieft, daß er gar nicht bemerkte, wie wir dem Spiele zuschauten und sich noch andere Zuschauer sammelten.

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