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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Die Prachttreppen hinunter, durch Bogengänge und Säulenhallen, über die von Pechflammen erleuchteten Plätze, von den Wogen des Stadtvolkes angefüllt, überall gingen die Künstler an ihren Werken vorbei, bis der Zug in dem großen Festgebäude mündete, dessen Räume für die weiteren Taten zubereitet und geschmückt waren. Der größte Saal war zu Bankett, Spiel und Tanz eingerichtet, und zwar ganz im Stile des gefeierten Zeitalters, eine Reihe von Nischen und Nebengemächern für den Aufenthalt einzelner Gruppen und Gesellschaften gartenähnlich verkleidet. Nachdem die allgemeine Tafelfreude genugsam vorgerückt, begann auch unverweilt Tanz und Spiel jeder Art an allen Enden. Die Meistersänger hielten bei offener Türe Singschule in einem kleineren Saale. Es wurde nach den zünftigen Gebräuchen wettgesungen, ein Schulfreund oder Singer zum Meister gesprochen und dergleichen mehr. Die vorgetragenen Gedichte enthielten hauptsächlich Hecheleien der verschiedenen Kunstrichtungen gegeneinander, Verspottung anmaßlichen oder eigensinnigen Wesens an Leuten und Schulen, Klagen über gesellschaftliche Übelstände, dann auch den Preis des Unbestrittenen, Anerkannten. Es war sozusagen eine allgemeine Abrechnung, bei welcher jede Richtung und jede Größe ihren Vertreter mit fertigem Spruch unter die Singer gestellt hatte. Der Inhalt der lebhaften satirischen Verse nahm sich höchst seltsam aus in der Form, in welcher er vorgebracht wurde. Denn während alle Singenden in denselben einförmigen und hölzern trockenen Knittelversen ihre angeblichen Stollen und Abgesänge vortrugen, wurde doch jeder einzelne unter Ankündigung einer neuen Weise aufgerufen. Da wurde gesungen in Orpheus' sehnlicher Klagweise, der gelben Löwenhautweise, der schwarzen Agtsteinweise, der Igelweise, verschlossenen Helmweise, überhohen Bergweise, krummen Zinkenweise, glatten Seidenweise, Strohhalmweise, spitzigen Pfriemweise, stumpfen Pinselweise, blauen Berliner Weise, rheinischen Senfweise, glitzerigen Turmgockelweise, sauren Zitronenweise, zähen Honigweise und so weiter, und das Gelächter war groß, wenn nach diesen pomphaften Ankündigungen immer der alte grämliche Leierton sich von neuem hören ließ. Einige Singer packten auch ihren Gegenstand unmittelbar aus dem gegenwärtigen Augenblicke; so rächte sich ein Schuster für den Stolz, mit welchem eine Edelfrau, ihrer Rolle getreu, ihm soeben den Tanz verweigert, durch lautes Anrühmen der Gunst, die bei mehr als einer goldenen Dame zu holen sei, wenn man es nur recht anzufangen wisse, worauf ein Weißgerber mit Aufwerfung der alten Frage antwortete, ob Keckheit oder Bescheidenheit eher zum Ziele führe, und ein Wachszieher schließlich die Frauen für solche Wesen erklärte, welche stets die eine Art vorzögen, wenn die andere gerade nicht zu haben wäre.

So grobe Reden durfte die Frau Venus, die mit einem Teile ihres Gefolges der Singschule beigewohnt, nicht anhören. Sie brach mit verstellter Entrüstung auf und zog sich in eines der Seitengemächer zurück, wo sie ihren durch ein paar anmutige Frauen vermehrten Hof hielt. In einer anstoßenden ganz grünen Nische hatten die Jäger ihren Sitz aufgeschlagen, und ihrer Diana dienten einige junge Nymphen zur Gesellschaft: sie ließen sie aber meistens allein sitzen und schwärmten mit den wilden Jagdgenossen auf den Tanz aus. Ich setzte mich daher öfter neben sie und suchte ihre Verlassenheit durch Gespräch und übliche Dienstleistungen so ungesehen als möglich zu machen, bis die zu erhoffende Wendung der Dinge herbeikäme. Erikson ging ab und zu; er konnte seiner Wildemannstracht halber nicht wohl tanzen, noch sich in zu große Nähe der Frauen setzen. Die Rolle war ihm erst in den letzten Tagen durch eingetretenen Notfall aufgedrängt worden und er hatte sie nicht ungern übernommen, weil sie ihn von der Frau Rosalie etwas getrennt hielt und hiedurch das zwischen ihnen waltende Verhältnis nicht zu früh ganz offenkundig wurde, und Rosalie war damit einverstanden. Jetzt bereute er fast sein Verfahren, als er sah, wie Lys fort und fort dicht in ihrer Nähe blieb, wie sie lachte, scherzte, von freundlichem Liebreiz strahlte und den eifrig sie unterhaltenden Untreuen mit anmutig naiven Fragen in einer Bewegung erhielt, deren Verblendung die schöne Sicherheit nicht ahnte, in welcher die Frau lebte. Weder er noch Erikson bemerkten den scheinbar zufälligen, flüchtigen, aber zufriedenen Blick, mit welchem sie mitten im Gespräche der Gestalt des wilden Mannes folgte, wenn er zuweilen in einiger Entfernung vorbeiging.

Agnes hatte schon lange stumm neben mir gesessen, während die kostbare Zeit dieser Nacht unaufhaltsam vorrückte. Sie wiegte, den Busen von ungestümen Gefühlen bewegt, das schwarzgelockte Haupt, und nur zuweilen schoß sie einen flammenden Blick zu Lys und Rosalien hinüber, zuweilen auch sah sie ruhig verwundert hin, aber stets erblickte sie dasselbe Schauspiel. Zuletzt verstummte auch ich und versank in trübes Sinnen über eine so große Schwäche des von mir hoch gehaltenen Freundes. Wie eine unheimliche Naturerscheinung beunruhigte mich dieser rücksichtslose Wankelmut, der zu einer Art frecher Kühnheit wurde, und ich litt unter dem Eindruck, mit welchem man im Traum einen Sinnlosen sich in den Abgrund stürzen sieht.

Ein tiefer Seufzer weckte mich auf; Agnes hatte gesehen, wie Lys mit Rosalien zum Tanze schritt, der im nahen Hauptsaale rauschte und wogte; plötzlich forderte sie mich auf, sie ebenfalls hinzuführen und mit ihr zu tanzen. Schon drehten wir uns mit der buntschimmernden Menge und begegneten zweimal der rosigen Venus, deren Purpurgewand flog und den mit ihr tanzenden Lys zeitweise halb bedeckte. Dieser grüßte uns froh und zufrieden, wie man Kinder grüßt, die sich gut zu unterhalten scheinen. Wieder trafen wir am Ende des Walzers zusammen; Rosalien gefiel das zierliche Kind und verlangte es in ihrer Nähe zu haben, während ich an den Narrenspielen teilnehmen mußte, die den Tanz jetzt ablösten.

An einem langen Seile führte Kunz von der Rosen alle vorhandenen Narren durch das Gedränge. Jeder trug auf einer Tafel geschrieben den Namen seiner Narrheit, und von den leichtern schied der lustige Rat neun schwere aus und stellte sie vor dem Kaiser als Kegelspiel auf. So standen da vor aller Augen Hochmut, Neid, Grobheit, Eitelkeit, Vielwisserei, Vergleichungssucht, Selbstbespiegelung, Halsstarrigkeit und Wankelmut. Mit einer mächtigen Kugel, welche die übrigen Narren mit komisch heftigen Gebärden herbeiwälzten, versuchte nun mancher Ritter und Bürger nach den neun Kegelnarren zu schieben, aber nicht einer wankte, bis endlich der heroische Max, welcher das ganze deutsche Volk darstellte, sie alle mit einem Wurfe über den Haufen warf, daß sie übereinander purzelten.

Aus dieser Niederlage entwickelte sich eine scherzhafte Auferstehung, indem Kunz dem sieghaften König als Belohnung die wiedererstandenen Bildwerke der alten Welt vor Augen brachte und zunächst die gefallenen Narren als Niobidengruppe aufrichtete, welche freilich zur Zeit Maximilians noch in der Erde lag. Aus der tragischen Darstellung löste sich unversehens die Gruppe der Grazien, von drei jungen, zierlich feinen Narren gebildet, welche sich nach einmaligem Umdrehen wieder um einen Mann verminderten und als Amor und Psyche umfingen, bis diese sich auflösten und nur ein Narzissus übrigblieb. Aber auch dieser schwand hinweg und an seiner Stelle lag jener kleinste Zwerg als sterbender Fechter am Boden und machte seine Sache so vortrefflich, daß alle Zuschauer zu lautem Beifall gerührt wurden und die gesamte Narrenschaft herbeieilte, ihn samt der umgekehrten Fischschüssel, auf welcher er lag, emporhob und im Triumph davontrug.

Als auch diese Wolke sich verzogen, wurde eine Laokoonsgruppe sichtbar, von Erikson und zwei jungen Satyrn mit Hilfe zweier großer Schlangen dargestellt, die man aus Draht und Leinwand gemacht hatte. Es war keine leichte Anstrengung, mit gespannten Muskeln in der vorgeschriebenen Lage zu verharren; diese wurde aber noch schwieriger, als er in dem krampfhaft zurückgebogenen Kopfe die Augen einmal abwärts bewegte und in dem nunmehrigen augenblicklichen Gesichtsfelde Rosalien sah, wie sie von Lys am Arme vorübergeführt wurde, sich lächelnd, aber flüchtig nach ihm wendete und dann mit ihrem Führer plaudernd sich im Gedränge verlor. Auch hörte er in der Nähe sagen. »Da geht ja die schöne Venus die ganze Zeit mit dem reichen Fläming oder Friesen oder was er ist! Gut genug sieht er übrigens aus, und sie wird denken: Schön und reich, sind beide gleich!«

Sobald er die Schlangen abgestreift hatte und frei war, stürmte Erikson durch das Haus und bettelte von zechenden Bekannten entbehrliche Gewandstücke zusammen. Wunderlich gekleidet, teilweise ein Bischof, ein Jäger und ein wilder Mann, den Kopf noch grün belaubt, suchte er die Verschwundenen auf und fand sie in dem größeren Kreise, in welchem die Bacchusleute, der Hof der Venus und die Jäger sich vereinigt hatten. Er war nicht eifersüchtig und schämte sich sogar des Gedankens, daß er es je sein könnte, weil die begründete wie die grundlose Eifersucht diejenige Würde vernichtet, deren die gute Liebe bedarf. Er wußte nur, daß in der Welt alles möglich sei und das Folgenreichste oft von einer kleinen Unterlassung abhänge, welche die Dinge ohne Not verändere, und überdies war er zu dieser Zeit noch ungewiß, ob das Verraten von Ruhe oder Unruhe: welches von beiden für Rosalien eher beleidigend sein könnte. Denn wenn sie sich die Mühe gab, die Bewerbungen des Niederländers so offenkundig zu ertragen, und dabei eine geheime Absicht verbarg, so mußte Erikson sich artigerweise auch die Mühe geben, einen solchen Vorgang zu verstehen.

Die Ruhe gewann indessen die Oberhand, als er das vermißte Paar mitten in unserem mythologischen Kreise sitzen sah; er nahm gleichmütig in der Nähe Platz, mußte aber alsobald seine Aufmerksamkeit wieder anstrengen. Lys führte seine Reden über durchaus unverfängliche, ja gleichgültige Dinge, aber mit jenem unmittelbar an die Frau gerichteten vertrauten Tone, welchen solche Eroberer anzuschlagen pflegen, um die Welt an das Unvermeidliche beizeiten zu gewöhnen. Erikson ertrug manches an ihm, ohne zu richten; jetzt aber stieg ihm doch der Gedanke auf, ob der Freund nicht doch einer von den Tröpfen sein dürfte, deren Hauptstück darin besteht, goldene Uhren zu stehlen oder einem andern das Weib zu nehmen. Es gibt ja, dachte er, bei beiden Geschlechtern solche Raub- und Wechseltiere, die nur dann glücklich sind, wenn sie erst fremdes Glück zerstört haben! Freilich nehmen sie nur, was sie kriegen können, und die Ware ist auch meistens danach! Allein dies Mal wäre es wirklich schade! Und er betrachtete mit neuer Besorgnis und Bewunderung Frau Rosalien, wie sie mit unverwüstlicher Holdseligkeit Lysens Gespräch anhörte und ihn mit unwiderstehlichem Lächeln zu klugen und zuversichtlichen Redensarten verlockte. Derart beschäftigt, konnte er nicht beachten, was mit Agnes vorging, und wie ich als ihr Abgesandter abermals zu Lys herüberkam und ihn leise aber inständig bat, nur ein einziges Mal mit ihr zu tanzen. Da Lys eben eine kleine Pause machte, schreckte er auf wie ein balzender Auerhahn, aber nicht um davonzufliegen, sondern mich mit unterdrückter Stimme anzufahren: »Was ist denn das für eine Sitte an einem jungen Mädchen? Tanzt miteinander und laßt mich zufrieden!«

Ich ging hin, um das schmerzlich erregte Wesen so gut als möglich zu trösten und hinzuhalten; doch war mir Erikson schon zuvorgekommen, welchem Rosalie, während ich mit Lys gesprochen, einige Worte zugeflüstert hatte, die ihn munter zu machen schienen. Er führte die schimmernde Gestalt in die Tanzreihen und schwang sich mit ihr ebenso kraftvoll als leicht herum, und Agnes flog in eigener Kraft mit ihm und um ihn herum, wie wenn ihre feinen Knöchel von Stahl gewesen wären. Hernach wurde sie von Herrn Franz von Sickingen aufgefordert, der noch nicht gewillt war, sich in einem Harnischkasten begraben zu lassen. Sie erschien auch in dem Figurentanze, der aufgeführt wurde, wieder so fremdartig reizend, daß der große Meister Dürer selbst sich an den Weg stellte und seiner Rolle getreu kein Auge von ihr verwandte, sein Büchlein hervorzog und eifrig zu zeichnen begann. Der artige Einfall rief großes Vergnügen hervor; man hielt inne und es sammelte sich eine beifälliger fast ehrfürchtige Menge, etwa wie wenn der alte Meister leibhaftig erschienen und zeichnend gesehen worden wäre.

Es war noch nicht der Gipfel der Ehren, die Agnes heute erlebte; der kaiserliche Weißkunig ließ sich im Vorbeispazieren von seinem Gefolge über den Auftritt Bericht geben, die schlanke Diana sich vorstellen und bat den von Sickingen mit huldreichen Worten, sie ihm für einen Rundgang zu überlassen. Unter dem Einfallen des vollen Orchesters ging sie an der Hand des festlichen Traumköniges um den Saal, während überall auf ihrem Wege die Ritter, Edeldamen und Patrizierinnen sich verbeugten, die Bürger ihre Mützen zogen.

Ihr Gesicht war blühend gerötet von Erregung und Hoffnung, als sie mit so rühmlichem Erfolge, nachdem der Kaiser sie an Sickingen, dieser an Erikson feierlich abgegeben hatte, von letzterem an ihren Platz zurückgeführt wurde. Allein der Geliebte hatte nichts von allem gesehen und nahm auch ihre Rückkehr nicht wahr. Rosalie hatte sich während der Zeit ihres breiten Federhutes entledigt und denselben Lysen zum Halten gegeben; und wie sie nun mit freiem Kopfe dasaß und ihr ambrosisches Haar mit den weißen Fingern ordnete, wirkte ihre Schönheit mit erneuter Betörung auf ihn ein.

Jetzt erblaßte Agnes, wendete sich zu mir und bat mich, ihm zu sagen, sie wünsche nach Hause gebracht zu werden. Sogleich eilte er herbei, besorgte den warmen Mantel des Mädchens und ihre Überschuhe, und als sie gut verhüllt war, führte er sie, mich hinzuwinkend, in den Hof, legte ihren Arm in den meinigen und ersuchte mich, indem er sich von Agnes in freundlich väterlicher Weise verabschiedete, seine kleine Schutzbefohlene recht sorgsam und wacker nach Hause zu geleiten.

Zugleich verschwand er, nachdem er uns beiden die Hände gedrückt, wieder in der Menge, welche die breite Treppe auf und nieder stieg.

Da standen wir nun auf der Straße; der Wagen, welcher Agnesen mit ihrem Liebesentschlusse hergebracht, war nicht zu finden, und nachdem sie traurig an das erleuchtete Haus, in welchem es sang und klang, hinaufgesehen, kehrte sie ihm noch trauriger den Rücken und trat, von mir geführt, den Rückweg durch die stillen Gassen an, in denen der Morgen zu dämmern begann.

Sie hielt das Köpfchen tiefgesenkt; in der Hand trug sie unbewußt den großen Hausschlüssel, ein altes Stück Arbeit, welches ihr Lys in der Zerstreuung anstatt mir zugesteckt hatte. Sie trug den Schlüssel fest umschlossen in dem dunklen Gefühle, daß Lys ihr das kalte, rostige Eisen gegeben; es war doch etwas, das von ihm kam, sonst hatte er heute nicht viel an sie gewendet. An dem Festmahle hatte sie beinahe nichts genossen, und das wenige, mit dem sie seither etwa ihre Lippen erfrischt, war von mir besorgt worden.

Als wir vor dem Hause angelangt, stand sie schweigend und rührte sich nicht, obgleich ich sie wiederholt fragte, ob ich die Glocke ziehen oder vielmehr mit dem zierlichen Meerfräulein des Türklopfers Lärm machen solle, und erst als ich den Schlüssel in ihrer Hand entdeckte, aufschloß und sie bat, hineinzugehen, legte sie langsam beide Arme mir um den Hals und fing an, erst wie im Traume zu stöhnen, dann mit den Tränen zu ringen, die nicht fließen wollten. Ihr Mantel sank von den Schultern; ich wollte ihn aufhalten, umfing sie aber statt dessen brüderlich und streichelte ihr den Kopf und den Hals, denn den Wangen konnte ich nicht beikommen. In der feinen Silberbrust, die an mir lag, fühlte und hörte ich die Seufzer sich heraufarbeiten und das Herz klopfen; es war wie das Murmeln eines verborgenen Quells, den man im Walde, an der Erde liegend, etwa zu hören bekommt. Ihr heißer Atem strömte in mein Ohr, es wurde mir zumute, als ob ich ein selig trauriges Märchen, wie es in alten Liedern steht, wirklich erlebte, und ich seufzte unwillkürlich auch. Endlich konnte das ärmste Wesen zum Weinen kommen und es begann ein bitterliches Schluchzen. Die klagenden Naturlaute, keineswegs schön, aber unendlich rührend, wie der Kummer eines Kindes, drängten und brachen sich in der feinen Kehle und in der nächsten Nähe meines Ohres. Sie warf den Kopf herum auf meine andere Schulter und ich legte meinen Kopf in absichtsloser Bewegung auch darauf, wie um ihren Schmerz zu bestätigen. Da zerstachen ihr die Distelblätter und Stechpalmen an meiner Kappe Hals und Wange, sie fuhr zurück, erwachte und erkannte plötzlich, mit wem sie war. Hilflos stand das doppelt getäuschte Mädchen da und sah weinend zur Seite. Ich gab ihr den Mantel auf den Arm, nur um sie mit etwas zu beschäftigen, führte sie sanft zur Treppe und ging dann hinaus, die Türe zuziehend. Alles war noch still in dem Hause, die Mutter schien fest zu schlafen, und ich hörte nur, wie Agnes stöhnend die Treppe hinaufstieg und sich wiederholt an den Stufen stieß. Endlich ging ich weg und kehrte langsam in den Festsaal zurück.

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