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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Unmittelbar hinter dem Kaiser ging sein lustiger Rat Kunz von der Rosen, aber nicht gleich einem Narren, sondern wie ein kluger und wehrbaren Held launiger Weisheit. Er war ganz in rosenroten Samt gekleidet, knapp am Leibe, doch mit weiten ausgezackten Oberärmeln. Auf dem Kopfe trug er ein azurblaues Hütchen mit einem Kranze von je einer Rose und einer goldenen Schelle; an der Hüfte indessen hing an rosenfarbenem Gehänge ein breites, langes Schlachtschwert von gutem Stahl. Wie sein Held und Kaiser war er nicht sowohl ein Dichter, als selbst ein Gedicht.

Nun schritt in Stahl gehüllt und waffenklirrend einher, was von der Lüneburger Heide bis zum alten Rom, von den Pyrenäen bis zur türkischen Donau gefochten und geblutet hatte, die glänzende Führerschaft des Reiches: der Erbschenk und Statthalter Siegmund von Dietrichstein und der zum zeitweiligen Feldherrn gediehene Jurist Ulrich von Schellenberg, Georg von Frundsberg, Erich von Braunschweig, Franz von Sickingen, das Freundespaar Roggendorf und Salm, Andreas von Sonnenburg, Rudolf von Anhalt und die übrigen, jeder mit seinen Waffen- und Trophäenträgern, überschattet von den Fahnen mit den Namen der Schlachten und Belagerungen, begleitet von Schilden mit kühnen oder edelsinnigen Wahlsprüchen. In diesem Aufzuge sah man vorzugsweise schöne und kräftige Männergestalten, da hier meistens solche ihren Platz genommen, die als die Schmiede ihres Glückes sich auf die Höhe des Lebens und Gelingens durchgekämpft hatten und in jeder Hinsicht geeignet waren, das Tüchtigste vorzustellen. Ich hatte mich an meinem noch verborgenen Platze etwas vorgedrängt, um besser sehen zu können, was uns voranzog, und verschlang alles mit den Augen, wie einer, der das zweite Gesicht hat. Meine eigene Mitspielerschaft ganz vergessend, labte ich mich an dem Anblick der Herrlichkeit; als ob ich selbst ein Nachkomme der verschwundenen Reichsgenossen wäre, atmete ich voll stolzer Freude, die sich womöglich noch steigerte, als nun unter den gelehrten Räten des Königs der berühmte Willibald Pirkheimer auftrat, der in dem sogenannten Schwabenkriege den nürnbergischen Zuzug in der Heerfolge Maximilians gegen die Schweizer geführt und jenen Feldzug beschrieben hat. Denn plötzlich fiel mir nun ein, wie dieser selbe Ritterkönig mit allen diesen Kriegsherren, als er mein Vaterland hatte zum Reiche zurückzwingen wollen, das gegen meine Vorfahren aufgerichtete Reichsbanner hatte niederlassen und ohne Erfolg hatte abziehen müssen, in die Klage ausbrechend, er könne die Schweizer nicht ohne Schweizer schlagen. So vermochte ich um so ungetrübter mich allen nationalen Selbstzufriedenheiten hinzugeben und bedachte nicht, wie unablässig die Eimer des Geschickes steigen und fallen, und wie wenig, was meine alten Eidgenossen betraf, dieselben eigentlich trotz ihrer Tapferkeit von allen ihren Nachbarn geliebt und geschätzt waren.

Ich hätte auch beinahe übersehen, daß der lange Prachtzug des letzten Ritters zu Ende ging und, während die Scharen der bisher Vorübergezogenen im weiten Rundgange sich kreuzten, schon der Mummenschanz heranrauschte, in welchem sich alles auftat, was die Künstlerschaft an übermütigen Sonderlingen, Witzbolden, Lückenbüßern und Kometennaturen vermochte.

Auf einem störrischen Esel eröffnete der Mummereienmeister den träumerischen Zug, und hinter ihm tanzten die bunten Narren Gylyme, Pöck und Guggerillis, die Zwergschälke Metterschi und Duweindl und viele andere Narren daher, unter welche ich als ein ziemlich stiller Narr zurückgeschlüpft war. Dann kam der bekränzte Thyrsusträger, welcher die behaarte, gehörnte und geschwänzte Musikbande führte. In ihren Bockshäuten nach der eigenen Musik hüpfend und hopsend, brachten die Gesellen eine uralte, seltsam schreiende und brummende Musik hervor, bald in der Oktave, bald in lauter Quinten pfeifend und schnurrend, aus der obersten Höhe in die unterste Tiefe springend.

Mit goldenem umlaubtem Thyrsusstabe schritt der Anführer des Bacchuszuges vor. Ein Kranz blauer Trauben umschaltete seine glühende Stirn; von den Schultern flatterte und wallte eine festliche Last buntgestreifter Seidenbänder bis auf die Füße und verhüllte wehend den schlanken Körper. Nur die Füße waren mit goldenen Sandalen bekleidet. Halb mittelalterlich, halb antik geschürzte Winzer umschwärmten die biblischen Kundschafter aus dem Gelobten Lande, welche an tief gebogener Stange die große Traube trugen, gefolgt von vier noch kernhafteren Männern, die zwischen vier aufrechten Fichten eine noch viel mächtigere Traube daherbrachten. Alle übrige Zubehör eines bacchantischen Getümmels mit Becken, Schalen und Stäben zog und schob den Wagen des efeubekränzten Gottes, über dem sich ein dunkelblauen Himmel von Trauben wölbte.

Dem Triumphwagen der Venus, welcher sich hierauf nahte, gingen als Diener des Mars zwei zarte in Landsknechttracht gekleidete Knaben mit Trommel und Pfeife voraus, die gekerbten Federhüte auf dem Rücken tragend, daß das bunte Gefieder auf dem Boden schleifte. Mit schelmischer Feierlichkeit ließen sie ihren Kriegsmarsch ertönen, wobei die mehr sanfte als schrille Flöte immer denselben sehnsüchtigen Satz wiederholte. Könige mit Krone und Zepter, zerlumpte Bettler mit dem Schnappsack, Pfaffen und Juden, Türken und Mohren, Jünglinge und Greise zogen den Wagen herbei. Die auf ihm ruhende Venus war niemand anders als die schöne Rosalie, halb liegend auf einem Rosenlager unter durchsichtiger Blumenlaube. Ihr Kleid war von Purpurseide, aber vom Schnitte eines patrizischen Festkleides der damaligen Zeit, wie etwa Albrecht Dürer eine mythologische Gestalt zu zeichnen liebte. Der schwere Stoff bildete sogar getreu den prächtigen gebrochenen Faltenwurf an den weiten langen Ärmeln und der königlichen Schleppe, und ein breiter Damenhut von Purpursamt, mit weißen Federn umsäumt, überschattete waagrecht das Haupt, von einem goldenen Stern überstrahlt. In der Hand hielt sie eine goldene Weltkugel, auf welcher zwei mit den Flügeln schlagende und sich schnäbelnde Tauben saßen. Unter ihren Gefangenen gingen zu beiden Seiten des Wagens der heidnische Philosoph Aristoteles und der christliche Dichter Dante Alighieri, welche in ehrwürdigster Haltung ihr zu besonderem Schutz und Handreichung dienten. Sie aber schaute dann und wann rückwärts, da gleich hinter ihrem Wagen der starke Erikson als wilder Mann einherkam, der den Zug der Diana anführte, Lenden und Stirn in dichtes Eichenlaub gehüllt, ein Bärenfell um die Schultern geschlagen. Viele Jäger folgten ihm mit grünen Zweigen auf Hüten und Kappen, die großen Hifthörner mit Laubwerk umwunden, das Jagdkleid mit Iltisfellen, Luchsköpfen, Rehfüßen und Eberzähnen besetzt. Einige führten Rüden und Windspiele, einige mit Steigeisen am Gürtel trugen Gemsböcke auf dem Rücken, andere Auerhähne und Bündel von Fasanen, und wieder andere auf Bahren Schwarzwild und Hirsche mit versilberten Hauern, Geweihen und Schalen. Dann trug eine Schar wilder Männer ein wanderndes Gehölz belaubter Bäume verschiedener Art, in welchen Eichhörnchen kletterten und Vögel nisteten. Durch die Stämme dieses Waldes sah man schon die silberne Gestalt der Diana schimmern, der schmalen Agnes, wie sie von Lys gekleidet und geschmückt worden. Ihr Wagen war von allem möglichen Wilde bedeckt und dessen Köpfe umkränzten ihn mit vergoldetem Horn und bunten Federn. Sie selbst saß mit Bogen und Pfeil auf einem Felsen, aus welchem ein Quell in ein Becken von Tropfsteinen sprang; wilde Männer, Jäger und Nymphen nahten sich in buntem Gedränge, um aus hohler Hand den Durst zu stillen.

Agnes war in ein Gewand von Silberstoff gekleidet, das bis an die Hüften sich knapp anschmiegte und alle ihre geschmeidigen Formen wie aus demselben Metall gegossen erscheinen ließ. Die kleine klare Brust war wie von einem Silberschmied zierlich getrieben. Vom Schoße abwärts, den ein grüner Florgürtel mehrfach umwand, floß das Gewand weit und faltig, wiederholt geschürzt, doch bis auf die Füße, die mit silbernen Sandalen keusch hervorsahen. Im schwarzen griechisch aufgebundenen Haare machte sich mit Mühe die blanke Mondsichel sichtbar, und wenn der Kopf sich ein wenig regte, wurde sie von den Locken zeitweise ganz bedeckt. Das Gesicht der Agnes war weiß wie Mondschein und noch blasser als gewöhnlich; ihr Auge flammte dunkel und suchte den Geliebten, während in dem silberglänzenden Busen der kühne Anschlag, den sie gefaßt, das Herz pochen machte.

Der geliebte Lys aber, der den Aufzug eines alten, der Jagd obliegenden Assyrerkönigs gewählt, um seiner Diana zur Seite gehen zu können, hatte, sobald er die Rosalie-Venus erblickt, jene verlassen, sich unter den Triumphzug der letzteren gemischt, betrachtete sie unverwandt gleich einem Nachtwandler und wich keinen Schritt von ihrem Wagen, ohne seines Tuns bewußt zu werden.

Meinerseits hatte ich mich, meinem alten Zunamen getreu, in ein laubgrünes Narrenkleid gesteckt und um die Schellenkappe ein Geflecht von Disteln und Stechpalmenzweigen mit roten Beeren geschlungen. Diese jagdverwandte Tracht benutzte ich nun, als ich sah, wie die Dinge standen oder vielmehr gingen, um ab und zu durch den wandelnden Wald zu huschen und der ärmsten Diana zur Seite zu bleiben, da sonst kein Befreundeter um sie war; denn Erikson, der wilde Mann, hielt sein Auge auf Lys und Rosalien gerichtet, ohne indessen stark aus seiner Gemütsruhe zu geraten.

Den südlich-griechischen Bildern folgte als nordisch-germanisches Märchen der Zug des Bergkönigs. Ein Gebirge von Erzstufen und Kristallen war auf seinem Wagen errichtet und darauf thronte die riesige Gestalt in grauem Pelztalar, den schneeweißen Bart wie das Haar bis auf die Hüften gebreitet und diese davon umwallt. Das Haupt trug eine hohe goldene Zackenkrone. Um ihn her schlüpften und gruben kleine Gnomen in den Höhlen und Gängen und waren wirkliche Bübchen; aber ein kleiner Berggeist, welcher vorn auf dem Wagen stand, ein strahlendes Grubenlicht auf dem Kopfe, den Hammer in der Hand, war ein kaum drei Spannen langer, völlig ausgewachsener Künstler, ebenmäßig fein gebaut, mit männlich sauberem Gesichtchen, blauen Augen und blondem Zwickelbart. Das kleine Wesen, einem Zaubermärchen gleichend, war nichts weniger als eine bloße Seltsamkeit, sondern ein solider und rühmlicher Maler, ein lebendiges Zeugnis, daß diese bedeutende Künstlerschaft nicht nur alle Gliederungen eines großen Volkes, sondern auch alle Gestaltungen des körperlichen Daseins umfaßte.

Hinter dem Bergkönig auf demselben Wagen schlug der Prägemeister aus Silber und blankem Kupfer kleine Denkmünzen auf das Fest; ein Drache spie sie in ein klingendes Becken, und zwei Pagen, Gold und Silber genannt, warfen die Schimmerstücke unter das schauende Volk. Ganz zuletzt und einsam schlich der Narr Gülichisch daher und schüttelte traurig den leeren Beutel.

Freilich folgte dem hinkenden Narren auf dem Fuße wieder der glanzvolle Anfang; wieder gingen die Zünfte, das alte Nürnberg, Kaiser und Reich und die Fabelwelt vorüber, und so zum dritten Male, und immer ging Lys neben dem Wagen der Venus, schritt Erikson aufmerksam dahinterher und schaute Agnes, welche in ihrem Walde nicht sehen konnte, was vorging, bald ratlos umher, bald schlug sie traurig die Augen nieder.

Die ganze Masse reihte sich nun in eine gedrängte Ordnung und ließ ein volltöniges Festlied erschallen, um dein wirklichen Könige, in dessen Machtkreis zuletzt diese ganze Traumwelt hing, ihre Huldigung darzubringen. Dann bewegte sich der lange Zug an der im Logensaal versammelten Familie des Landesherrn vorbei und auf bedeckten Gängen in das Königsschloß hinüber, durch dessen Säle und Korridore, welche alle von Zuschauern angefüllt waren. Der zufriedene, ja vergnügt scheinende Monarch, welcher die rauschende und farbenstrahlende Festfreude gewissermaßen als den Lohn seines eigenen Verdienstes betrachten durfte, saß auf goldenem Sessel in der Mitte der Seinigen und besah sich nun diese und jene Erscheinung des vorüberwallenden Zuges genauer und richtete an manchen einzelnen ein Scherzwort. Als ich in seine Nähe kam, hatte ich ein kleines Hühnchen mit ihm zu pflücken. Denn vor kurzer Zeit, da ich nach dem Rate des trinksamen Eichmeisters in der Abenddämmerung durch eine stille Straße ging, um den bescheidenen Abendtrunk aufzusuchen, begegnete ich dem mir unbekannten schlank hageren Manne, der plötzlich seinen raschen Schritt anhielt und mich achtlos Vorübergehenden fragte, warum ich ihm nicht die gebührende Ehre erweise. Erstaunt sah ich ihn an; aber schon hatte er mir den Hut vom Kopfe genommen, mir in die Hand gegeben und sagte: »Kennen Sie mich nicht? Ich bin der König!« worauf er seinen Weg in die Dämmerung hinein fortsetzte. Ich brachte meinen Hut wieder, wo er hingehörte, sah dem schattenhaften Wandler noch verblüffter nach und wußte nicht, was zu tun sei. Endlich sagte ich mir, wenn es ein Spaßvogel gewesen, der sich einen Scherz gemacht, so handle es sich nicht um die Ehre; sei es aber wirklich der König, dann auch nicht; denn wenn die Könige nicht beleidigt werden dürfen, so können sie auch nicht beleidigen noch beschimpfen, da ihre einsame Willkür jede gewöhnliche Wirkung aufhebe. Heute erkannte ich, als ich an ihm vorüberging, sogleich, daß es der König gewesen. Die Narrenfreiheit benutzend, sprang ich aus dem Zuge heraus, trat vor ihn, streckte meinen Kopf dar und rief fröhlich: »Hei, Bruder König! warum greifst du nicht an meinen Hut?« Er sah mich aufmerksam an, erinnerte sich offenbar und verstand auch, daß ich die Disteln und Stechpalmen meinte, an denen er sich verletzen würde. Aber er sagte kein Wort, sondern faßte lächelnd mit spitzen Fingern zwei der aufragenden Schellenzipfel meiner Kappe, hob sie ganz sachte in die Höhe, so daß ich barhäuptig dastand, und ließ sie ebenso sanft wieder nieder. Da sah ich, daß hier nicht aufzukommen war, ließ den Handel fallen und trollte weiter.

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