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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Selbst einer reichen Brauersfamilie entsprossen, war das junge Mädchen in Befolgung einer alten Hauspolitik dem Bräuherren verbunden worden, da die Grundlage des klassischen Nationalgetränkes an sich von öffentlicher Bedeutung und wichtig genug war, derartige Überlieferungen zu tragen. Nachdem aber der kräftige Bräuherr unversehens von einem gefährlichen Fieber dahingerafft worden, sah sich die Witwe mit einem Schlage in volle Freiheit und Selbständigkeit versetzt, mit welcher sich das inzwischen gereifte Bewußtsein der Person verband. Mit jener außergewöhnlichen Schönheit begabt, die ebenso selten als dann auch vollkommen erscheint, von innen heraus zugleich von dem Bedürfnis harmonischen Lebens beseelt, hatte sie sich zunächst mit den leichten und doch starken Schranken ruhiger Absichtslosigkeit, ja Resignation umgeben, um jeder Reue bringenden Übereilung und Gewaltsamkeit aus dem Wege zu gehen, wahrscheinlich aber doch mit dem Vorbehalt entschiedener Wahl, sobald die rechte Stunde käme. Diese war mit der Erscheinung Eriksons unvermutet da; in Erkennung oder Ahnung derselben hatte Rosalie den ersten Augenblick nicht verscherzt, nachher aber mit aller Ruhe und Umsicht sich weiter benommen. Sie wußte Erikson nach und nach Gelegenheit zu geben, mit allerlei Rat bei ihr zu erscheinen; das gab sich ungezwungen von selbst, da sie in der Tat begriffen war, die zufällige und bunte Art ihres Hausrates und Wohnsitzes umzuwandeln, zu vereinfachen und doch zu bereichern. Mit geheimer Freude bemerkte sie die ruhige Sicherheit in Eriksons Auskünften und Hilfeleistungen, und wie er ganz an seiner Stelle schien, wenn er über Mittel und Raum in zweckmäßiger Weise verfügen konnte. Daß er von guter Familie und Erziehung war, blieb ihr nicht verborgen, soweit sie das aus eigener Erfahrung zu beurteilen vermochte, und so ging sie Schritt für Schritt weiter in der Absicht, den Bären zu fangen, dessen Gefangene sie schon war. Sie zog mehr Gäste herbei, um ihn öfter einladen zu können und ihn bei Tische zu sehen; auch veranlaßte sie ihn, Freunde bei ihr einzuführen, so daß ich ebenfalls ein- oder zweimal in ihr Haus geriet, wobei es mir zustatten kam, daß ich nach dem Wunsche meiner Mutter mich immer noch im Besitze eines geschonten Sonntagskleides befand. Unsern Freund Lys hingegen brachte er kein einziges Mal hin, des verschlossenen Albums wegen, wie er mir anvertraute, was ich mit ernster Miene billigte. Ich glaube beinahe, daß ich eine Art pharisäischer Eitelkeit über meine Bevorzugung beherbergte und mir etwas darauf zugut tat, daß ich noch nie durch Reichtum, Freiheit, Weltkenntnis und geeignete Persönlichkeit in die Lage gekommen war, die eigene Tugend zu bewähren. Denn meine frühen Judithischen Abenteuer brachte ich keineswegs in Anschlag; ich lebte auf jenem Punkte, wo man die sogenannten Kindereien für geraume Zeit vergessen und in selbstgerechter Härte alles verurteilt, was man noch nicht erfahren hat.

Als jetzt das Künstlerfest vorbereitet wurde, standen die Sachen zwischen Rosalie und Erikson so, daß jene halbwegs als seine Partnerin daran teilnehmen konnte, wie man etwa der Einladung zu einem Balle folgt.

Auf einem anderen Wege wandelte Lys, um seine Festgefährtin zu holen. In einem altertümlichen Teile der inneren Stadt, auf einem kleinen Seitenplatze, stand ein schmales Haus, von geschwärztem Backstein erbaut und nur drei Stockwerke hoch, jedes nur von der Breite eines einzigen, freilich ansehnlichen Fensters. Nicht nur die Fenster waren reich in ihrer Einfassung gegliedert, sondern in die Höhe laufend unter sich mit Zierat verbunden, der wiederum verdunkelte Mauergemälde einfaßte. So bildete das Haus einen kleinen Turm oder vielmehr ein schlankes Monument, wie etwa Künstler vergangener Jahrhunderte mit besonderer Liebe für sich selber erbaut haben. Über der Haustüre reichte ein Marienbild von schwarzem Marmor, das auf einem vergoldeten Halbmonde stand, bis zum ersten Stockwerk, und an der Türe glänzte noch der ursprüngliche Türklopfer, der ein kühn sich hinausbiegendes Meerweibchen darstellte. Das untere Gemälde über dem ersten Fenster enthielt den Perseus, wie er die Andromeda von dem Drachen befreit, dasjenige über dem zweiten Fenster den Kampf des heiligen Georg, der die libysche Königstochter aus der Gewalt des Lindwurmes erlöst, und auf die spitze Giebelmauer war der Engel Michael gemalt, der zugunsten der Jungfrau über der Haustür ebenfalls ein Ungeheuer mit der Lanze niederstieß. Vor vielen Jahren, als solche Denkmäler, wie dies zierliche Häuschen, verachtet und niedergerissen oder übertüncht wurden, hatte ein kleiner Baumeister dasselbe für wenig Geld an sich gebracht, sorglich erhalten und seinem Sohne hinterlassen, der ein mittelmäßiger Bildnismaler und zugleich ein Ersatzmann in des Königs Hartschiergarde gewesen, da er ein stattlicher Mann war. Die Witwe dieses malenden Hartschiers lebte mit ihrer Tochter in dem alten Hause von einem kleinen Witwengehalt und einer gewissen Summe, welche ihr jährlich dafür bezahlt wurde, daß sie ohne höhere Bewilligung das Haus nicht verkaufte, noch an der Fassade etwas zerstören oder ändern ließ.

Die Tochter, Agnes geheißen, war das Urbild jener letzten Zeichnung in dem Album des schönheitskundigen Lys, der erst das Haus und sodann, das Innere desselben beschauend, auch den Juwel entdeckt hatte, den das Kästchen umschloß; die Mutter war nicht nur die Hüterin der Schönheit von Kind und Haus, sondern auch ihrer eigenen, soweit sie noch in einem lebensgroßen Bildnisse von der Hand ihres toten Eheherrn erglänzte. Von einem hohen Kamme überragt, zu jeder Seite der Stirn drei querliegende Locken, beherrschte sie im Schimmer ihres Brautstandes das Gemach, und vor dem Bilde standen jederzeit zwei rosenrote Wachskerzen, die noch nie gebrannt hatten. Trotz der flachen und schwächlichen Malerei machte sich die ehemalige Schönheit geltend; es war dabei nicht zu erkennen, ob eine gewisse Seelenlosigkeit mehr von dem Ungeschick des Malers oder dem Wesen der Frau herrührte; dennoch regierte sie mit dem Bilde noch immer das Haus und brauchte bloß einen Blick darauf zu werfen im Vorübergehen, um die Schönheit der Tochter sich nicht über den Kopf wachsen zu lassen. Diese Blicke wiederholten sich während des Tages ebenso regelmäßig, wie das Eintauchen ihrer Fingerspitzen in das Weihwasserkesselchen neben der Stubentüre. Von der Seele aber, die in der Reihenfolge des Werdens ihr ohne Aufenthalt entschlüpft, war ein Teil in der Tochter wieder zum Vorschein gekommen, freilich so schwank, still und elementarisch wie das Leibliche, in dem sie wohnte.

Als Lys mit gewandten und angenehmen Sitten sich so weit eingeführt hatte, daß er jene Figur zeichnen durfte, zwar nicht in das bewußte Buch, sondern vorerst in größerer Form auf ein besonderes Studienblatt, fand er weder den Mut noch den Anlaß, den gewohnten Zyklus durchzuführen, und es blieb bei dem einzigen Eintrag in das Album, den er nach der Studie mit Liebe und Sorgfalt vornahm. Er verbrachte zuweilen einen Abend bei den Frauen, führte sie auch einmal in das Theater oder in einen Lustgarten, und wo sie erschienen, erregte die seltene Erscheinung der Agnes ein so allgemeines und zugleich reines Wohlgefallen, daß sich keinerlei Nachrede oder Mißdeutung vernehmen ließ. Alle ihre ruhigen Bewegungen waren einfach und kurz nur auf den nächsten Zweck gerichtet und daher voll Anmut; ihre Augen glänzten, wenn sie von irgendeinem Reiz angesprochen wurde, mit der treuherzigen Unschuld eines jungen Tieres, das noch keine Mißhandlung erfahren hat, und so kam es, daß Lys, anstatt eine seiner früheren Liebeleien anzufangen, unwillkürlich in einen ehrenhaften ernsteren Verkehr hineingeriet, der ihm zum bisher unbekannten Bedürfnis wurde. Seine Befangenheit mehrte sich, wenn die Mutter in der Absicht, die Bravheit des Kindes zu rühmen, in dessen Abwesenheit erzählte wie es nie imstande gewesen sei, die kleinste Lüge auch nur zum Scherz aufzubringen, und schon in frühsten Jahren jede Übertretung selbst angezeigt habe und zwar mit einer solchen Ruhe, wenn nicht Neugierde über den Erfolg, daß die Strafe als unmöglich oder überflüssig erschien. Die Mutter konnte dann in ihrer Weise, um nicht selbst für unklug zu gelten, die Andeutung nicht unterlassen, das Kind dürfte allerdings keines der geistreichsten, dafür aber um so ehrlicher und vollkommen aufrichtig sein. Lys wußte aber bereits, daß Agnes klüger war als die Mutter, wenn sie dessen auch noch nicht inne geworden; nicht minder übertraf sie dieselbe an Geschicklichkeit; denn er bemerkte, daß sie häusliche Geschäfte rasch und geräuschlos besorgte, ohne je etwas zu zerbrechen, während die Mutter alles mit beträchtlichem Aufwand von Hin- und Hergehen, Reden und Klappern verrichtete und ihre Taten nicht selten mit dem Klirren eines entzwei gegangenen Geschirres abschloß. Alsdann pflegte die Tochter eine erklärende oder tröstliche Bemerkung zu machen, welche dem graziösesten Witze gleich und doch mit tiefem Ernste rein sachlich gemeint und gegeben war. Allein welcher Art der Geist oder das Wesen dieses Geschöpfes sei, blieb ihm unbekannt, und wenn man ihn wegen seiner Entdeckung beglückwünschte und erklärte, die Agnes werde das beste Malerfrauchen abgeben, das man finden könne, still, harmonisch und eine unerschöpfliche Quelle schöner Bewegung, so schüttelte er den Kopf und meinte, er könne doch nicht ein Naturspiel heiraten!

Dennoch setzte er seine Besuche in dem schlanken Häuschen, drin das schlanke Wesen wohnte, fort und hütete sich nur, etwas Verliebtes zu tun oder zu sagen. Die Augen des Mädchens kamen ihm vor wie ein stilles Wasser, das wohl widerstandslos, aber auch für einen guten Schwimmer nicht gefahrlos ist, da man nicht wissen kann, welche Pflanzen oder Tiere es in seiner Tiefe verbirgt. Von der unbestimmten Vorstellung solcher Fährlichkeiten bedrückt, geriet er in ungewohnte Sorgen und stieß hie und da einen Seufzer aus, ohne es zu wissen; diese Seufzer aber entfachten die geheime Glut einer herzlichen Neigung, die seit geraumer Zeit in dem kaum siebzehnjährigen Mädchen entzündet war, zur lebendigen Flamme. Jedermann konnte das liebliche Feuer sehen; auch wir Freunde sahen es, als Lys bei den beiden Frauen zuweilen eine kleine Abendbewirtung anstellte und uns dazu einlud, um nicht allein dort zu sein und doch das Haus nicht meiden zu müssen. Wir sahen, wie sie stets die Augen auf ihn richtete, sich traurig wegwendete und doch immer wieder näherte, während er sich zwang, es nicht zu bemerken, aber sichtlich sich hundertmal zurückhalten mußte, sie mit der zuckenden Hand nicht zu berühren. Gelang es ihr dagegen einmal, sich so zu stellen, als ob sie seine trockene väterliche Art verstehe und würdige, und dabei ein Weilchen die Hand auf seiner Schulter liegen zu lassen oder gar sich wie ein unbefangenes Kind einen Augenblick an ihn zu lehnen, so leuchtete das Glück aus ihren Augen, und sie blieb den ganzen Abend hindurch zufrieden und genügsam.

Das Verhältnis begann für alle schwierig und bedenklich zu werden, die Mutter ausgenommen, welche die Belebung ihres Hauses angenehm empfand und nicht zweifelte, daß Lys eines Tages mit einem ernsten Antrage sich einstellen werde, gerade weil er so zurückhaltend sei. Auch Erikson mühte sich, anderweitig in Anspruch genommen, nicht stark um die Sache, und besonders wenn wir das zierliche Haus zusammen verließen, ging er unverweilt seine eigenen Wege, während ich mit Lys bald vor seine, bald vor meine Haustür zu wandeln und dort noch stundenlang zu verhandeln und zu streiten pflegte. Ich wagte gar nicht, ihn des Mädchens wegen offen zur Rede zu stellen; denn er war hierin kurz abgebunden und stellte sich, je unentschlossener er sich fühlte, um so fester als einer, der wisse, was er tue und zu tun habe. Dafür nahm ich den Umweg durch metaphysische Disputationen, weil ich die Leichtfertigkeit, deren ich ihn mit aufrichtigen Schmerzen bezichtigte, mit der Gottlosigkeit zusammenwarf, welche er in so später Stunde ebenso eifrig und närrisch verteidigte, wie ich sie unaufhörlich angriff. Wir sprachen zuweilen so lange und so laut durch die Stille der Nacht, daß die Scharwächter der Stadt uns zur Schonung der schlafenden Bürger vermahnten. Plötzlich aber, zur Zeit da das Künstlerfest vorbereitet wurde, unterbrach Lys einmal meine Rede, von der er wohl merkte, wo sie hinaus wollte, und kündigte mit ruhigen Worten an, daß er die Agnes als seine Festgefährtin einladen und auf den Verlauf des Festes abstellen wolle, ob eine bleibende Verbindung zwischen ihnen sich ergeben werde. Bei derartigen Anlässen, sagte er, pflegen die befangenen Menschenkinder aus sich herauszugehen und schicksalsfähiger zu sein als in gewöhnlichen Tagen. Auch für ihn stehe die Sache so, daß er einer zufälligen Entscheidung bedürfe, indem die Kraft des Wunsches und die Besorgnis eines Fehltrittes sich vollkommen die Waage hielten.

Agnes blühte augenblicklich in neuer Hoffnung auf, als der Geliebte das Wort des Heiles an sie richtete; denn sie hatte schon in stiller Trauer dem Gedanken entsagt, im Glanze jener Festfreuden ihm auch nur nahe sein zu können. Aber sie wollte das Heil nicht berufen und fügte sich still und demütig allen seinen Anordnungen, als er mit den reichen Stoffen zu ihren Gewändern erschien, welche die schlanke Gestalt umspannen, ihren Wuchs zum Ausdrucke rein geprägter Schönheit bringen sollten. Aber während er ihre schwarzen Haarwellen, die für drei Mädchenköpfe ausgereicht hätten, vorprüfend durch die Hände laufen ließ und in neue Lagen ordnete und sie lautlos das Haupt dazu hinhielt, beschloß sie in diesem selben jungen Haupte stumm und feierlich, nur danach zu trachten, wie sie ihn im rechten Augenblick in ihre Arme zwingen und ihr Leben unauflöslich mit dem seinigen verbinden möge. Der kühne Vorsatz konnte nur die Ausgeburt des kindlich einfachen, aber in Aufregung geratenen Wesens sein.

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