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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Bedächtig schritt er unversehens zu seinem Schreibtisch, nahm ein Papierchen heraus, in welches ein Brabanter Taler gewickelt war, und überreichte es mir als bescheidenes Reisegeschenk, wie er sagte, mit der Aufforderung, es mit guter Gesundheit fröhlich zu verzehren. Ich durfte es nach der Sitte nicht ablehnen, sondern behielt es mit höflichem Dank in der Hand und stieg eine Treppe höher. Später habe ich erst erfahren, welche Bewandtnis es mit seiner Freundlichkeit hatte. Er war so fröhlich und scheinbar wohlwollend, weil er der Überzeugung lebte, ich werde nun lernen, was Leben und Arbeiten sei, und in der Schicksalsschule, der ich so harmlos entgegenreise, gehörig gemaßregelt werden; denn es war mit den nationalen Leckerbissen, die er auf der Wanderschaft genossen haben wollte, nicht weit her; Hunger und Durst hatte er gelitten und jegliche Not durchgemacht, nicht aus eigenem Verschulden, sondern aus Unstern. Sein heiterer Abschied war daher eine Art Verwünschung, die er mir auf den Weg gab, obgleich zu meinem Besten, wie er meinte.

Auf dem nächsten Stocke, den ich nun besuchte, wohnte ein kleiner Mechanikus, welcher mit allerlei volkstümlichen Genauigkeitswerkzeugen, wie Waagen, Maßstäben, Zirkeln, dann mit Kaffeemühlen, Waffeleisen, Äpfelschälmaschinen handelte, dergleichen auf Verlangen auch ausbesserte mit Hilfe eines alten Arbeiters. Zugleich aber bekleidete er das Amt eines Eichmeisters über einen Kreis, prüfte Maß und Gewicht und kerbte, schlug und schliff die Zeichen in die betreffenden Gegenstände. Vorzüglich mit den vielen Schenkwirten führte er einen beständigen Krieg, wenn sie mit allen Ränken und öfterem Wechsel ihres Glasgeschirres das Gesetz zu umgehen suchten. Nun trieb ihn die Leidenschaft, nicht nur darüber zu wachen, daß das Geschirr richtig geeicht sei, sondern auch darüber, daß es gehörig gefüllt werde, und er zog von einem Wirtshaus ins andere, um nachzusehen, wo das Getränke unter dem Strich blieb und die Gäste sich das gefallen ließen. Bei dieser Gelegenheit verlor er selbst das Maß und verfiel einem Trinken unzähliger halber Schöppchen, aus dem er sich nicht mehr losnesteln konnte, so genau und scharf er auch jedes einzelne betrachtete, bevor er es zu sich nahm. Noch unrasiert und im Werktagshabit wartete er jetzt auf seinen Morgenkaffee, welchen die Frau still bereitete; denn sie hielt mit ihren spitzigen Strafreden klug zurück, bis der letzte Rest der Weinlaune, aus welchem er noch Kraft zum Widerstande schöpfen konnte, abgestorben und nur noch die Schwäche übrig war, die sie jeden Tag nutzlos mit Worten zusammenhieb. Der Eichmeister goß in ein zylindrisches Gläschen, das zum Ausgleichen und Abwägen kleiner Mengen diente, etwas Kirschgeist, da die Frau aus Neid oder Bosheit sein letztes Kelchgläschen zerbrochen habe.

Diese metrische Erquickung setzte er mir vor, während er sich selbst einen tüchtigen Schluck in ein größeres Glas schenkte, als willkommenes Mittel, den Zustand seiner Wehrbarkeit etwas zu verlängern. Im ungekämmten Haare kratzend, sah er mich aus geröteten Augen blinzelnd an, seufzte und beklagte die Unsitte, sich den Sonntagmorgen immer durch das lange Sitzen in der Samstagsnacht zum voraus zu verderben. Dann sagte er: »Ich bin Eurer Mutter, Herr Lee, noch den letzten Hauszins schuldig; es wäre daher nicht schicklich, wenn ich Euch ein noch so bescheidenes Reisegeschenk anbieten wollte. Dafür will ich Euch aber einen guten Rat auf den Weg geben, der Euch, insofern Ihr ihn befolget, nützlich sein wird. Haltet immer auf rechte Gesellschaft und einen fröhlichen Sinn; aber Ihr möget reich oder arm, beschäftigt oder müßig, geschickt oder ungeschickt sein, geht niemals am Tage ins Wirtshaus, sondern wartet den Abend ab! Das ist der Standpunkt eines gesitteten und gebildeten Mannes, was ich leider nicht mehr bin! Und auch am Abend gehet eher spät als früh; es gibt nichts, das so ehrbar und angenehm wäre, als der zuletzt erscheinende Gast, vorausgesetzt, daß er nicht aus anderen Wirtshäusern kommt. Freilich kann nicht jeder nach dieser Ehre trachten, weil auch einer oder mehrere die ersten sein müssen, andere die Mittleren und so weiter; dann aber nehmt Euer beschiedenes Maß entschlossen zu Euch und brecht ebenso entschlossen wieder auf, oder wenigstens hockt nicht mit langweiligem Geschwätz vor leeren Gläsern; lieber lasset diese nochmals füllen, als daß Ihr dem Wirte auf so niederträchtige Art die Nacht stehlet, wie die Tagediebe dem Herrgott den Tag! Und nun will ich Euch zum guten Abschied noch eichen, daß Ihr in allen Dingen Maß haltet!«

Er holte ein längliches Futteral herbei, nahm aus demselben ein amtliches Urmaß, fein aus glänzendem Metalle gearbeitet, legte es mir an den Hals und sagte: »Bis hier hinauf und nicht weiter dürfen Glück und Unglück, Freude und Kummer, Lust und Elend gehen und reichen! Mag's in der Brust stürmen und wogen, der Atem in der Kehle stocken! Der Kopf soll oben bleiben bis in den Tod!«

Da der blanke Metallstab sich kalt anfühlte, so hatte ich am Halse die Empfindung, wie wenn eine gebieterische Einwirkung in der Tat stattgefunden hätte, und ich wußte nicht, ob Torheit oder Weisheit aus dem Manne sprach. Auch lachte er gleich mir, als er sich zu seinem Frühstück setzte und ich meines Weges weiterging.

Nun kam ich an eine verschlossene Tür, was ich eigentlich hätte vermuten können. Dort wohnte nämlich ein unverheirateter kleiner Beamter, der jeden Sonntag, wenn das Wetter es irgend erlaubte, früh wegging und den ganzen Tag fortblieb, um ja nicht zu irgendeiner unvorhergesehenen Verrichtung oder Arbeit geholt zu werden. So warf er auch jeden Tag, sobald es sechs Uhr schlug, die Feder weg und verließ das Lokal, mochte die Arbeit noch so dringend sein. Den Posten, den er bekleidete, verfluchte er unablässig, obgleich er ihm jahrelang nachgelaufen war und fast kniefällig darum angehalten hatte. Er nannte sich ein Opfer »enttäuschter Grundsätze« und besuchte nur solche Gesellschaften, wo seine Vorgesetzten geschmäht wurden, und er verbreitete dort die Meinung, daß er nicht an bessere Stellen befördert werde, weil er den Rücken nicht zu beugen verstehe. Der eigentliche Grund seines Sitzenbleibens war freilich die Unfähigkeit, etwas Besseres zu leisten, wie er ja schon durch seine Redeblume der »enttäuschten Grundsätze« bewies, daß ihm die Kenntnis des richtigen Sprachgebrauchs fehlte. Trotz aller Unzufriedenheit hing er aber wie eine Klette an seinem Posten und wäre mit Feuerhaken nicht von demselben loszureißen gewesen; denn er gewährte ihm, wenn auch kein glänzendes, so doch ein sicheres und gemächliches Auskommen. Auch hütete er sich, da seine Trägheit eine vorsätzliche war und er es in diesem Punkte halten konnte, wie er wollte, er hütete sich vorsichtig, unter die Linie hinabzugehen, wo er weggeschickt worden wäre, wogegen er sich aus periodischen Verweisen und Aufmunterungen nichts machte. Ich liebte diesen Hausgenossen um so weniger, als er zuweilen ein stiller Vorwurf für mich war, trotz seines keineswegs mustergültigen Charakters; denn meine Mutter hatte, im Hinblick auf sein sorgloses und geruhiges Leben, schon mehr als einmal die schüchterne Frage aufgeworfen, ob es doch nicht vielleicht besser gewesen wäre, wenn wir, dem Rate jenes Magistraten folgend, eine solche Laufbahn gewählt hätten, auf der ein so dummer Mensch so behaglich einherwandle, während ich in die weite Welt müsse und nicht wisse, wie es mir ergehen werde. Ich hatte mich aber begnügt, auf die miserable Figur hinzuweisen, die ein solcher Kerl mache, der nichts Höheres kenne und nichts erfahren habe. Als ich nun vor der Türe stand, an welcher ein artiges Messingplättchen seinen Namen und den Titel seines Ämtchens zeigte, hörte ich im Innern den Pendelschlag der Wanduhr langsam und friedlich hin und her gehen. Es herrschte eine so tiefe Stille und Ruhe in dem Gemach, daß die Uhr sich der Abwesenheit des unzufriedenen Gesellen förmlich zu freuen schien. An dem Türpfosten lehnend, horchte ich eine Weile dem eintönig vielsagenden Liede der Zeitmesserin, die niemals denselben Augenblick zweimal mißt. Ich hörte wohl etwas heraus, aber nicht das Rechte, weil ich jung war, und stürmte endlich in unsere eigene Wohnung hinauf.

Dort harrte die Mutter mit der letzten kleinen gemeinsamen Mahlzeit, die sie bereitet; die nächste sollte sie nun allein verzehren. Die Morgensonne erfüllte das Gemach mit ihrem Scheine, und ich betrachtete, als wir einsilbig am Tische saßen, durch die Stille wie befremdet, die schlichten weißen Vorhänge, das alte Wandgetäfel, das Hausgeräte, wie wenn ich alles dies nie wiedersehen sollte. Das Frühstück war etwas reichlicher als gewöhnlich bedacht, hauptsächlich damit ich nicht in den nächsten Stunden schon hungrig zu werden und Geld auszugeben brauchte, aber auch weil die Mutter sich mit dem Reste den übrigen Tag hindurch nähren und heute für sich allein nicht mehr kochen wollte. Als sie das beiläufig sagte, ward ich ganz betreten und wollte erwidern, sie müsse das ja nicht tun, wenn ich nicht eine traurige Vorstellung mit mir nehmen sollte. Allein ich brachte kein Wort hervor, an dergleichen Äußerungen nicht gewöhnt, indessen die Mutter nach Worten suchte, um diejenigen letzten Ermahnungen an mich zu richten, die sonst einem Vater obliegen. Da sie aber die Welt nicht kannte, noch die Tätigkeiten und Lebensarten, denen ich entgegenging, und doch wohl fühlte, daß etwas nicht richtig sei in meinen Geschichten und Hoffnungen, ohne daß sie nachweisen konnte, worin es lag, so beschränkte sie sich schließlich auf den kurzen Zuspruch, ich solle Gott nie vergessen. Dieses Allgemeine, welches freilich alles umfaßte und ausdrückte, was sie mir hätte sagen können, weil ich ein ungebrochenes theistisches Glauben und Fühlen in mir trug, nahm ich mit dem Schweigen entgegen, das von selbst eine Bejahung ist. Und da zugleich die Kirchenglocken einfielen und eine um die andere rasch zusammenklangen, so blieb jenes Wort das letzte zwischen uns gesprochene; denn die Minute war da, wo ich aufzubrechen hatte. Ich sprang auf, nahm Mantel und Tasche und gab der Mutter die Hand zum Lebewohl. Unter der Stubentüre, als sie mich begleiten wollte, drängte ich sie sanft zurück, zog die Türe zu und eilte allein auf die Post, von wo ich bald darauf in einem der schweren mit fünf Pferden bespannten Eilwagen saß, die jeden Morgen im Trabe die steilen, schlecht gepflasterten Gassen der Bergstadt hinunterrasselten.

Etwa fünf Stunden später fuhr ich über eine lange hölzerne Brücke. Als ich mich aus dem Schlage bog, sah ich einen starken Strom unter mir daherziehen, dessen an sich klargrünes Wasser, das junge Buchenlaub, das die Uferhänge bedeckte, sowie die tiefe Bläue des Maihimmels vermischt widerstrahlend, in einem so wunderbaren Blaugrün heraufleuchtete, daß der Anblick mich wie ein Zauber befiel und erst, als die Erscheinung rasch wieder verschwand und es hieß: »Das war der Rhein!« mir das Herz mit starken Schlägen pochte. Denn ich befand mich auf deutschem Boden und hatte von jetzt an das Recht und die Pflicht, die Sprache der Bücher zu reden, aus denen meine Jugend sich herangebildet hatte und meine liebsten Träume gestiegen waren. Daß es nicht in meinem Erinnern leben konnte, ich sei nur von einem Gau des alten Alemanniens in den andern hinüber, aus dem alten Schwaben in das alte Schwaben gegangen, dafür hatte der Lauf der Geschichte gesorgt, und darum war mir das herrliche Funkeln der grünblauen Flamme des Rheinwassers wie der Geistergruß eines geheimnisvollen Zauberreiches gewesen, das ich betreten.

Ich sollte freilich auf unerwartete Weise aus solchen Träumen geweckt und meine Weiterreise zur seltsamsten Pönitenzfahrt werden, die je einer gemacht. Denn bei der ersten Wechselstelle der nachbarländischen Post lag auch die Zollstätte mit dem fürstlichen Kronwappen, und während das Gepäck der übrigen Reisenden kaum geöffnet und leichthin geprüft wurde, erregte mein unförmlicher Koffer eine genauere Aufmerksamkeit der Zollbeamten; was am gestrigen Abend so sorglich eingepackt worden, mußte unbarmherzig herausgenommen und auseinander gelegt werden, bis auf die Bücher am Grunde, und diese wurden erst recht abgedeckt. So kam der Schädel des armen Zwiehan zutage und erweckte wiederum eine Neugierde anderer Art, kurz, es wurde nicht geruht, bis der ganze Inhalt meiner Kiste auf dem fremden Boden umhergestreut lag. Mit kaltem Lächeln schauten sodann die martialischen Grenzwächter zu, als ich hastig und bekümmert meine Habseligkeiten wieder in den Kasten warf und preßte und kaum alles unterbringen konnte, während die übrigen Reisenden bereits im neuen Postwagen saßen und der Wagenführer mich zur Eile antrieb. Er half mir noch den Deckel zudrücken und schließen, und als die Bediensteten das schwere Möbel wegtrugen, lag richtig der Schädel auf der leeren Stelle und war, hinter dem Koffer versteckt, vergessen worden. Er hätte auch nicht mehr Platz gefunden. So hob ich ihn denn auf, nahm ihn unter den Arm, trug ihn zum Wagen und hielt ihn auf der ganzen Reise auf dem Schoße, in ein Tuch gewickelt, das ich für etwaigen Nachtfrost zum Schutze des Halses mit mir führte. Eine Art natürlicher Pietät oder Gewissensfurcht hielt mich ab, das unbequeme Wesen unterwegs auf gute Weise wegzuwerfen oder zurückzulassen, nachdem ich es einmal zu leichtsinnig vom Friedhofe geraubt hatte; wie ja auch der verworrenste Mensch immer noch Anlaß findet, mit einem Zuge der Menschlichkeit, wenn auch noch so wunderlich angewendet, sich auszuweisen.

Mit dem Sonnenuntergange des zweiten Tages erreichte ich das Ziel meiner Reise, die große Hauptstadt, welche mit ihren Steinmassen und großen Baumgruppen auf einer weiten Ebene sich dehnte. Meinen verhüllten Totenkopf in der Hand, suchte ich bald das notierte Wirtshaus und durchwanderte so einen guten Teil der Stadt. Da glühten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische Türme; Säulenreihen tauchten ihre geschmückten Häupter noch in den Rosenglanz, helle gegossene Erzbilder, funkelneu, schimmerten aus dem Helldunkel der Dämmerung, wie wenn sie noch das warme Tageslicht von sich gäben, indessen bemalte offene Hallen schon durch Laternenlicht erleuchtet waren und von geputzten Leuten begangen wurden. Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen Zinnen in die dunkelblaue Luft, Paläste, Theater, Kirchen bildeten große Gesamtbilder in allen möglichen Bauarten, neu und glänzend, und wechselten mit dunklen Massen geschwärzter Kuppeln und Dächer der Rats- und Bürgerhäuser. Aus Kirchen und mächtigen Schenkhäusern erscholl Musik, Geläute, Orgel- und Harfenspiel; aus mystisch verzierten Kapellentüren drangen Weihrauchwolken auf die Gasse; schöne und fratzenhafte Künstlergestalten gingen scharenweise vorüber, Studenten in verschnürten Röcken und silbergestickten Mützen kamen daher, gepanzerte Reiter mit glänzenden Stahlhelmen ritten gemächlich und stolz auf ihre Nachtwache, während Kurtisanen mit blanken Schultern nach erhellten Tanzsälen zogen, von denen Pauken und Trompeten herabtönten. Alte dicke Weiber verbeugten sich vor dünnen schwarzen Priestern, die zahlreich umhergingen; in offenen Hausfluren dagegen saßen wohlgenährte Bürger hinter gebratenen jungen Gänsen und mächtigen Krügen; Wagen mit Mohren und Jägern fuhren vorbei, kurz, ich hatte genug zu sehen, wohin ich kam, und wurde darüber so müde, daß ich froh war, als ich endlich in dem mir angewiesenen Zimmer des Gasthofes Mantel und Totenkopf ablegen konnte.

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