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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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»In mein Haus will ich!« antwortete dieser verwundert, »ich bin der Herr Hieronymus Zwiehan!«

»Der bin ich selbst«, sagte jener barsch und schlug die Türe zu.

Noch einige Minuten stand Albertus, bis ihm einfiel, er wolle den Notar aufsuchen, der wohl wissen werde, von welchem Insassen sein Haus besetzt sei. Allein der öffentliche Schreiber, der an seinem Abendessen gestört wurde, sah ihn groß an und rief: ob er sich endlich sehen lasse, nachdem er so lange nichts von sich habe hören lassen (denn damals gab es noch nicht die vielen Publikationsmittel, um einen unbekannt Abwesenden aufzurufen). Im Hause sitze kein anderer, als der Adoptivsohn und einzige Erbe des verstorbenen Zwiehan, oder wenigstens einer, der sich gleichmäßig dafür ausgebe wie Albertus und ganz die gleichen Schriften besitze. Bereits habe die Mamsell Cornelia Soundso, die man für die Verlobte des letzteren gehalten, gerichtlich bezeugt, daß sie von Albertus selbst auf dem Wege des Vertrauens das Geheimnis erfahren habe, wie er nicht sein Halbbruder, der ertrunkene Hieronymus, sondern der eigene natürliche Sohn des alten Zwiehan sei. Auf dieses Zeugnis hin habe man dem unvermutet angekommenen Hieronymus einstweilen den Aufenthalt in dem Hause gestattet; denn wenn es sich so verhalte, so sei nach hiesigem Erbrecht nicht der natürliche Sohn Albertus, sondern der Adoptivsohn rechtmäßiger Erbe und jener könne gehen, wo er wolle, das heißt, insofern er nicht etwa wegen Fälschung des Familienstandes eingesperrt werde. Was er nun dazu sage?

Albertus hatte zwar wenig Ursache mehr, auf seine Träume zu bauen; allein die grimmige Notwendigkeit zwang ihn, diesmal noch den Hieronymus für ertrunken zu halten; verwirrt und aufgebracht stotterte er, das sei alles nicht wahr und nicht möglich und werde sich leicht aufklären; aber der Notar zuckte die Achseln und ließ sich kaum herbei, dem Unglücklichen aus dem ihm anvertrauten Vermögen etwas weniges an Geld zu verabreichen, damit er eine Herberge suchen konnte. In der Tat war der verschollen gewesene Bruder bald nach der Abreise des Albertus in Ostindien unversehens erschienen und den Spuren des letzteren nach der Schweiz gefolgt. Wo er die vielen Jahre sich umgetrieben, wurde nie völlig klar, unter der Hand aber behauptet, er sei bei den Piraten gewesen und habe einen ordentlichen Beutel voll Dukaten zusammengerafft.

Es kam nun zum gerichtlichen Austrag des Streites, welcher von den beiden Halbbrüdern und Bastarden der Adoptivsohn des leichtsinnigen toten Vaters sei. Jeder von ihnen hatte einen Advokaten, der sich um die zu erhoffende Beute tüchtig wehrte, und eine Zeitlang schien bei der Entfernung des ursprünglichen Schauplatzes und dem Mangel an Zeugen der Kampf inne zu stehen, bis der Advokat des Hieronymus, nach Anleitung der Cornelia, einige ältere Männer herbeibrachte, welche den alten Zwiehan in seinen jüngeren Jahren, vor der Zeit der Auswanderung, noch wohl gekannt hatten. Diese Männer bezeugten, daß Albertus der eigene Sohn des alten sein müsse, weil er demselben ihrer deutlichen Erinnerung nach so ähnlich sehe, wie ein Ei dem andern, wodurch der Streit zugunsten des wahren Hieronymus entschieden und dieser in das ganze Erbe, wie Albertus es hergeschleppt hatte, eingesetzt, der letztere aber wegen seines betrüglichen Vorgebens, zwar mit Annahme mildernder Umstände, für ein Jahr ins Gefängnis geworfen wurde. So war Albertus Zwiehan um sein natürliches Recht gekommen und sah den Abkömmling eines wildfremden Abenteurers, der selbst ein solcher war, durch die Schuld seiner leiblichen Mutter in den Besitz des ganzen von seinem Vater erworbenen Vermögens gebracht, während er selbst ein Bettler geworden. Cornelia dagegen, deren schön klingender Name einst den einfältigen Albertus so bestochen hatte, vermählte sich unverzüglich mit dem Piraten, dessen mangelhafte und rauhe Sitten sie nicht abschreckten. Um den unglücklichen Albertus auch nach Verbüßung seiner Strafe noch weiter quälen zu können, beredete sie ihren Mann, ihn um Gottes willen in das Haus aufzunehmen, was auch geschah. Er mußte nun die Arbeit eines Knechtes oder eher einer Magd verrichten; denn er besaß zunächst nicht einen Pfennig, mit welchem er hätte verreisen oder ein Geschäft beginnen können, und war daher genötigt, sich allem zu unterziehen. Unkraut jäten, Salat putzen, Wasser tragen ärgerten ihn weniger als das Einrichten jener Wasserleitung und das Aufhängen der Wäsche, zu welchem ihn die Madame Cornelia Zwiehan regelmäßig mit boshaftem Lächeln anhielt. Eine Abwechslung gewährte ihm das Abschreiben der Familienchronik, welche im Besitze einer alten Frau von Zwiehanscher Abstammung war und dem Hieronymus Zwiehan geliehen wurde. Dieser als der letzte nun legitime Stammhalter des früher nicht unbedeutenden Geschlechtes wollte sich auf dem Wege der Abschrift seiner Vorfahren versichern, da die eigensinnige Alte das Dokument nicht abtrat. Er selbst verstand nicht deutsch zu schreiben, und die Cornelia, die sich ganz einem bequemen Wohlsein ergeben, weigerte sich, die Kopie anzufertigen.

Durch das Abschreiben lernte Albertus erst Ansehen und Würde der Familie kennen, aus welcher er abstammte und nun verstoßen war; denn nicht einmal seine Eigenschaft als illegitimer Abkömmling konnte er beweisen, weil hiefür nicht eine einzige Urkunde mehr vorhanden war. Durch die Unterdrückung seines wahren Familienstandes hatte der arme Tor sich selbst heimatlos gemacht, und die Ähnlichkeit mit seinem Vater, welche hingereicht, ihm das Erbe zu rauben, wurde nicht für genügend erachtet, ihm Namen und Bürgerrecht des Vaters zu verschaffen, weil hierüber kein Spruch und keine Notiz vorhanden war.

Um wenigstens eine Spur von seinem Dasein zu hinterlassen, schrieb er heimlich sein Schicksal in das Original der Aufzeichnungen hinein, wozu eine Reihe leer gebliebener Blätter genügenden Raum bot, und brachte das Buch nach beendigter Arbeit sofort jener Alten zurück. Sie las die eingeschaltete Geschichte mit aller Teilnahme, besonders da sie den neuen Stammhalter nicht leiden konnte, und als Albertus Zwiehan bald darauf aus Verdruß über den Verlust seines Daseins, ja seiner Person und Identität krank wurde und starb, ließ sie ihm einen Grabstein setzen und schrieb in die Chronik, mit ihm sei der letzte wirkliche Zwiehan begraben worden, und was anfällig in Zukunft noch unter diesem Namen herumlaufen werde, sei die Abkommenschaft eines landstreicherischen fremden Seeräubers.

Es war eine warme Sommernacht, als ich mich dazumal über die Kirchhofmauer schwang und den Schädel, den ich mir bei Anlaß eines Leichenbegängnisses gemerkt, abholte. Er lag in einem hohen grünen Unkraut, die Kinnlade daneben, und zwar inwendig von einem schwachen bläulichen Licht erhellt, das leise durch die Augenhöhlen drang, wie wenn das leere Kopfhäuschen des Albertus Zwiehan, insofern es wirklich das seinige gewesen, noch von einstigen Traumgeistern bewohnt wäre. Zwei Glühwürmchen saßen nämlich darin, vielleicht in Hochzeitsgeschäften; ich nahm jedoch an, es seien die Seelen der Cornelia und der Afra, und steckte sie zu Hause in ein Fläschchen mit Weingeist, um ihnen endlich den Garaus zu machen; denn ich glaubte fest, auch die fromme Afra habe den unhaltbaren Menschen absichtlich mit ihrem Rücken angelockt und irregeführt.

Nachdem der Grund des Reisekastens, mit dem eingemauerten Totenkopfe, dermaßen gelegt war, kam die Mutter heran, um die neue Leibwäsche in gebührlicher Weise hineinzuschichten und mir die solchen Dingen zukommende Sorgfalt einzuprägen. Alles, was sie zum Vorschein brachte, hatte sie selbst gesponnen und weben lassen, eine Anzahl feinere Hemden noch in jungen Jahren; denn da der Anwachs des Hauses so früh abgebrochen worden, so waren die Vorräte ihres Fleißes zum guten Teile verschont geblieben, und ich nahm auch von diesem wiederum nur einen Teil mit, indessen die Mutter das übrige für meine, wie sie hoffte, rechtzeitige Rückkehr zur Erneuerung bereit hielt.

Dann kam ein Feiertagskleid, zum erstenmal in anständigem Schwarz; galt es ja nun, nicht durch Verletzung der Sitte vom Wege des guten Fortkommens abgedrängt zu werden; überdies glaubte die Mutter, daß ich durch den Besitz eines Sonntagskleides eher im Zusammenhange mit der göttlichen Weltordnung leben würde, wie sie sich auch nicht vorstellen mochte, daß ich in fremden Ländern einstmals sonn- und werktags im gleichen Rocke herumlaufen könnte. Sie wiederholte daher während des Packens die schon oft erteilten Ermahnungen über das Instandhalten der Kleider, wie mit einer einmaligen Vernachlässigung, einem kurzen Mißbrauche schon der frühe Untergang eines Stückes eingeleitet würde, und wie wenig ehrenhaft es sei, einen weggelegten Rock später aus Armut doch wieder anziehen zu müssen, anstatt ihn von Anfang an zu schonen und möglichst lang in einem ordentlichen Mittelstande zu erhalten. Hiedurch verschaffe man dem Schicksale genügenden Spielraum, sich zu wenden, während beim schnellen Ruinieren eines Kleides ja gar nichts Rechtes vorgehen könne, ehe es abgetragen und verlöchert sei.

Nachdem endlich die übrigen Gewandstücke sowie die Ausstattung an kurzer Ware hineingebreitet und allerlei Wertlosigkeiten des ärmlichen Bedürfnisses dazwischengesteckt worden, schlossen wir den Koffer, und ein Mann schaffte die kleine Arche zur Post, mit welcher ich am nächsten Morgen abreisen sollte. Mit Schreck blickte die Mutter, die sich gesetzt hatte, auf den leeren Fleck des Stubenbodens, auf welchem der Kasten den ganzen Tag gestanden; auch die Mappen waren schon weggetragen und somit von allem, was mich anging, nur noch meine Person und auch die bloß für eine kurze Nacht vorhanden. Aber die Mutter überließ sich nicht lange diesem Vorgefühl der Einsamkeit, sondern raffte sich, da es Sonnabend war, nochmals auf, um die Stube in gewohnter resoluter Weise zu reinigen und nicht zu ruhen, bis alles getan war und die stille Sauberkeit der Sonntagsfrühe harrte.

Die stieg denn auch mit dem schönsten Maientag herauf, als ich bei dem ersten Morgengrauen erwacht und aus der Stadt auf eine benachbarte Anhöhe gelaufen war, nur um in meiner Ungeduld die Zeit zu verbringen und den letzten Blick auf die Heimat zu werfen. Ich stand unter den Vorbäumen des Waldes; hinter demselben lag der Osten mit dem erschimmernden Morgenrot; zugleich aber erglühten die obersten Spitzen, Kämme und Wände des Hochgebirges im Süden, die dem Osten zugekehrt waren, in ungewohnten Formen, da ich sie zufällig nie so gesehen. Abstürze und Klüfte, allmählich auch ganze hochliegende Gefilde und Ortschaften kamen zum Vorschein, von denen ich keine Vorstellung gehabt; und als endlich auch die alten Kirchen der mir zu Füßen liegenden Stadt durch irgendeinen Bergeinschnitt östlich beglänzt wurden, dazu ein wolkenloser Äther sich über das Land ergoß und rings um mich her der Gesang der Vögel ertönte, da erschien mir diese Heimat so neu und fremdartig, als ob ich sie, statt sie zu verlassen, erst jetzt kennenzulernen hätte. Es war einer jener Fälle, wo ein Altgewohntes, Naheliegendes erst in dem Augenblicke, in welchem wir uns von ihm wenden, einen ungekannten Reiz und Wert enthüllt und die schmerzliche Erfahrung unserer Flüchtigkeit und Beschränktheit wachruft. Hier reichte der bloße Umstand, die Sache einmal im wörtlichsten Sinne von der anderen Seite beleuchtet zu sehen, hin, mir den Abschied zu erschweren und ein Gefühl der Reue und Unsicherheit zu erwecken, ja mich den fruchtlosesten aller Vorsätze fassen zu lassen, ein fleißiger Frühaufsteher und Zeitbenutzer zu werden, wie wenn ich ein Ackersmann, Jäger oder Soldat wäre, die allerdings mit der ersten Morgenfrühe aufs Feld gehören. Als ein Zeugnis meines Vorsatzes und der besseren Pflichttreue hob ich das weiß und blau gestreifte Federchen eines Hähers vom Boden auf, welches die Farben unseres alten eidgenössischen Standes zeigte, und steckte es auf meine Sammetmütze. Damit eilte ich wieder in die Stadt hinunter, in deren Gassen jetzt die Morgensonne webte und die ersten Kirchenglocken erklangen. Während die Mutter das letzte Frühstück bereitete, machte ich den Umgang, mich bei den Hausgenossen zu verabschieden, welche die einzelnen Stockwerke als Mieter bewohnten.

Zuunterst hauste ein Spenglermeister, ein Bearbeiter jenes nützlichen Materials, das an sich fast wertlos, nur durch unendliches Schneiden, Klopfen und Löten etwas wird und nie zum zweiten Male gebraucht werden kann. Es beruht somit alles auf der zuwege gebrachten Form, mit welcher tausend hohle Räume umschlossen werden, und da wegen des geringen Stoffes niemand viel Geld daran wenden will, auf einer von früh bis spät andauernden rastlosen Arbeit, damit durch die Menge des Gehämmerten ein bedürfnisgemäßer Ertrag ermöglicht wird. Hiedurch, sowie durch die stete Vorsicht, welche beim gefährlichen Anschlagen von Dachrinnen erforderlich ist, war der Meister ein etwas grämlicher Formalist geworden, der, streng gegen seine Gesellen, mit Frau und Kindern auch nicht freundlich tat. Aus mißtrauischer Bescheidenheit hatte er nie gewagt, etwa einen Verkaufsladen zu eröffnen und sein Geschäft auszudehnen, sondern beschränkte sich darauf, in seiner dunkeln Werkstatt, die in einer entlegenen Gasse lag, vom frühsten Morgen bis in die Nacht zu arbeiten, auch wenn seine Gesellen schon im Bette oder im Wirtshause waren. Er bezahlte den Mietzins immer pünktlich und verhielt sich der Mutter gegenüber gut und geziemend; mich aber sah er mehr von der Seite an und behandelte mich abgemessen und trocken, weil er, wie ich längst bemerkt, mein bisher so freies und sorgenloses Leben, meinen Beruf, überhaupt alles, was ich tat, mißbilligte. Um so überraschter war ich, als er mich jetzt ganz aufgeräumt und freundschaftlich empfing und seine unverhoffte Heiterkeit durch ein frisch rasiertes Gesicht und sonntäglichen Anzug noch verklärt wurde, was ihn freilich nicht hinderte, einen kleinen Knaben durch eine Ohrfeige schnell zum Weinen zu bringen, der, beim Frühstück sitzend, noch mehr Milch verlangte. Gleich darauf begann auch ein Mädchen unterdrückt zu schluchzen, das er plötzlich am Zopf gezerrt, weil es sein Brot hatte auf die Erde fallen lassen. Nachdem auf einen strengen Blick des Mannes die Frau sich mit den Kindern in die Küche zurückgezogen, besprach er in heiterem Tone meine Reise, die Städte, welche ich sehen würde, die Wahrzeichen derselben, die ich besichtigen solle, und nannte mehrere, wie die Handwerksburschen auf der Wanderschaft sie sich zu überliefern pflegen, hier einen steinernen Mann, dort einen schiefen Turm, anderswo einen hölzernen Affen am Rathaus. Dann brachte er Speise und Trank zur Sprache, was hier oder dort gut zu trinken oder zu meiden sei, die leckeren Nationalgerichte, die er nie vergessen und auf die ich stoßen werde, je nach Landesart. Da möge ich mir nichts abgehen lassen.

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