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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Hiemit lösten sich auch seine vorhinnigen Pläne und Luftschlösser in nichts auf, und Albertus hatte sie in diesem Augenblicke schon so vollständig vergessen, als ob statt einiger Minuten hundert Jahre verflossen wären. Er stand und starrte hinüber, wo der Abendschein im Hintergrunde allmählich verblich und die Dämmerung das Zimmer füllte, bis es völlig dunkel war wie die Stube, in welcher er selber weilte. Nur der Blick jener geheimnisvollen Augen leuchtete noch in seinem Gehirne fort, und zwar auch während des nächtlichen Schlafes, bis der Morgenstern am Himmel glänzte, dessen Licht seine Augenlider berührt haben mochte; denn er sah es unmittelbar, als er aufwachte. Ihm hatte soeben geträumt, er sitze tief verborgen in dem Gartensälchen der Cornelia zwischen dieser und der unbekannten Spinnerin, die jedoch wie jene seine angetraute Frau sei, und von beiden werde er geliebkost, während er um jede von ihnen einen Arm geschlungen hielt. Das schien ihm eine sehr annehmbare und preiswürdige Sachlage zu sein, und er hielt sich dabei so still wie die Luft und die reglosen Jasmingebüsche, als plötzlich die Unbekannte sich erhob und ihm mit einem unaussprechlich lieblichen Blicke zuwinkte, ihr zu folgen. Allein die Cornelia umklammerte ihn so fest, daß er sich nicht zu bewegen vermochte und sehen mußte, wie jene durch einen unendlich langen Baumgang fortschwebte, ein helles Licht in der Hand tragend, welches im Vorübereilen einen Baum nach dem andern beglänzte und wieder im Dunkeln ließ. Zuletzt verschwand sie in der blauen Nacht, in der das Licht allein hängen blieb, und das eben der Morgenstern oder Luzifer war, den er beim Erwachen erblickte. Voll unerträglicher Sehnsucht mochte er kaum die schickliche Zeit abwarten, um sich endlich näher nach der Unbekannten zu erkundigen und einen Zugang zu ihr zu finden. Sonderbarerweise ergriff er zu allererst den Schlüssel des cornelianischen Nachbarpförtchens, schlüpfte hindurch und machte den dortigen Frauen einen Morgenbesuch. Er traf sie am Packen einiger Koffer, da sie auf acht oder vierzehn Tage nach einem kleinen Badeort reisen wollten und die alte Mietkutsche, die sie jährlich dahin brachte, schon erwarteten. Als Zwiehan mit seinen Fragen nach der spinnenden Nachbarin begann, hielt Cornelia ein kleines Weilchen mit ihrer Arbeit inne und sah dem Frager, an einem Koffer kniend, stutzig ins Gesicht. »Das wird wohl die Afra Zigonia Mayluft sein!« sagte sie weniger erstaunt als überrascht; denn schon früher hatte sie sich gewundert, daß er die wunderlich schöne Person noch nicht zu kennen schien. Wie sie aber bemerkte, daß er die gehörten Namensworte mit glänzenden Augen wiederholte, unterbrach sie ihn mit der plötzlichen Einladung, sie und die Mutter nach dem Kurorte zu begleiten. Wenn er sich für das Frauenzimmer interessiere, fügte sie errötend hinzu, werde man ihm unterwegs weiteres mitteilen können, und überdies werde dasselbe, soviel man wisse, in wenigen Tagen auch in das Bad kommen, um mit Freunden zusammenzutreffen. Da habe er dann die beste Gelegenheit, die Schöne in freiem Verkehre zu sehen und kennen zu lernen. Unverzüglich rannte Albertus in seine Behausung zurück, einiges Gepäck zu holen, und eine Stunde später saß er bei den zwei Frauen im Reisewagen und vernahm nun, daß die Fräulein Afra Zigonia Mayluft eigentlich nicht in unserer Stadt gebürtig sei, sondern nur als eine verwaiste Verwandte sich seit einiger Zeit in dem betreffenden Nachbarhause aufhalte und im übrigen für eine Fromme und Heilige gelte, ja sogar bereits halb und halb der evangelischen Brüdergemeinde, die man die Herrnhuter nenne, angehören solle. Cornelia und ihre Mutter betrachteten hierauf Herrn Zwiehan genau, um die abschreckende Wirkung zu gewahren, welche sie von diesen Tatsachen erhofften. Aber er schaute nur um so träumerischer vor sich hin, in süßen Gedanken verloren; was er vernommen, schien ihm vielmehr die verlockende Aussicht zu eröffnen, sich an irgendeiner unbekannten Glückseligkeit beteiligen zu können. In dem Badeort angelangt, zogen ihn daher seine Freundinnen, um ihn zu zerstreuen, sogleich in einen Kreis lustiger Badegäste, von welchen getrennt eine kleine Gruppe einfach gekleideter Männer und Frauen der Gesundheit pflegte. Immer wurde er andere Wege geführt als diejenigen, auf welchen diese Stillen in gemäßigten Gesprächen lustwandelten, und so kam es, daß, als eines Abends die sogenannte Afra Zigonia in der Tat angekommen war, er dieselbe erst entdeckte, als sie am andern Morgen früh mit zweien von den religiösen Personen in einen Reisewagen stieg. Er hatte kaum noch die gemessene, aber innige Freundlichkeit gesehen, mit welcher die Zurückbleibenden die in Reisekleider gehüllte Gestalt umgaben und begleitet hatten, als der Wagen auch schon davonrollte und bald aus dem Gesichte verschwand, während jene Zurückbleibenden mit andächtig zufriedener Miene an ihm vorübergingen wie Leute, die eine ihnen am Herzen liegende und teure Sache wohl verrichtet haben. »Nun ist das liebe Kind gut aufgehoben!« hörte er sagen, »nun geht sie ihrem Heil entgegen und wird bald in den Gärten des Herrn wandeln!«

Eine unaussprechliche Vorstellung überfiel ihn mit diesen Worten; er eilte beklemmten Herzens, seine Gönnerinnen aufzusuchen und sich nach der Bedeutung des soeben erlebten Vorganges zu erkundigen. Lächelnd teilten sie ihm mit, die Neuigkeit werde just überall besprochen: es heiße, die Afra Zigonia sei nach Sachsen verreist, um in die Brüdergemeinde zu Herrnhut aufgenommen zu werden und dort ihr Leben zu verbringen. Das ist mein Traum! sagte er sich, sie wandelt mit dem Lichte durch die Nacht in den Morgenstern hinein, aber ich lasse mich nicht zurückhalten von dieser Cornelia, sondern folge ihr diesmal nach! Mit verstellter Ruhe blieb er noch ein paar Tage in dem Bade; dann aber begab er sich ohne Abschied eines frühen Morgens nach Hause, übergab seine Vermögensangelegenheiten dem öffentlichen Notarius, das Haus der Köchin, auch versah er sich mit Geldmitteln und verschwand darauf aus der Stadt, seinem Traumbilde nachzusagen. Da ihm aber die geographischen Verhältnisse der abendländischen Welt nicht geläufig waren und er das Ziel seiner Reise niemandem verraten mochte, gelangte er erst nach einigen Irrfahrten in die Gegend von Herrnhut. Er umkreiste diese Niederlassung der Gottseligen immer näher, drang endlich hinein und bewarb sich um die Aufnahme in ihre Gemeinschaft. Weil er nun weder in seinem Äußern noch in seiner Sprache, weder in seinen Blicken noch in seinen Bewegungen irgendeine Verwandtschaft oder Kenntnis dessen verriet, was er erlangen zu wollen vorgab, und sich überhaupt als ein unbeholfener Himmelsbarbar darstellte, so wurde er befremdlich und verdächtig angesehen und nach einigen Fragen mit einer Ablehnung entlassen. Betrübt und unentschlossen stand er da und hatte sogar Tränen in den Augen wegen seiner vergeblichen Reise, als ein Chor lediger Frauen vorüberging, deren letzte die Afra Zigonia war. Als diese ihn erblickte, schien sie ihn zu erkennen oder sich zu besinnen, wo sie den Mann schon gesehen habe; denn sie stand einen Augenblick still, ihn aufmerksam betrachtend, was er sogleich benutzte, sich ihr demütig grüßend zu nähern und das Bekenntnis zu stammeln, daß er aus heftiger Liebe ihr gefolgt, aber mit seiner Bitte um Aufnahme als Bruder abgewiesen sei. Ebenso betroffen als mitleidig liebevoll, wie ihm schien, ließ sie ihr Auge auf ihm ruhen, wie von einem inneren Lichte sanft erglänzend, und sagte dann mit leiser und doch wohltönender Stimme, ihm sei mehr die Liebe zum Herrn und Erlöser als irdische Liebe vonnöten; aber er solle nicht verstoßen werden und möge einen oder zwei Tage noch im Gasthause warten. Hierauf grüßte sie ihn mit mildem Ernst und ging ihren Schwestern nach. Schon am nächsten Morgen wurde Albertus von einem der Vorsteher aufgesucht und nochmals abgehört und geprüft. Sei es nun, daß er durch die träumerisch süße Hoffnung, die ihn von neuem erfüllte, ein etwas andächtigeres Aussehen gewonnen, oder daß die Mayluftin einen so bedeutenden Einfluß übte: er wurde zur Probe zugelassen und der untersten Klasse von Neulingen beigesellt, immerhin in der Meinung, daß er sich nach Verlauf einiger Zeit dem Entscheide des Loses über seine endgültige Aufnahme zu unterwerfen habe, wie denn dieses Mittel in wichtigeren Angelegenheiten bekanntlich angewendet wurde, um dem unmittelbaren Kundgeben des göttlichen Willens Raum zu gestatten.

Er mußte nun auf die rechte Art lesen, beten, singen lernen, bescheiden, still und arbeitsam sein und vor allem über sein sündhaftes und elendiges Wesen nachdenken; da er aber von alledem inwendig nichts fühlte und nur an die, wie er glaubte, von ihm geliebte Afra dachte, so wurde ihm die Sache sehr schwierig, und er verriet sich täglich mit barbarischen Blicken und Worten. Die Geliebte bekam er nur von weitem in den gottesdienstlichen Versammlungen zu sehen, wo sie in den Reihen der Unvermählten saß, während er im Chore der ledigen Mannsbilder seufzte. Sie schien ihn aber jedesmal mit den Augen zu suchen und einen Augenblick zu betrachten, ob er noch da sei, immer mit jenem großen Kinderblick, der ihn zum erstenmal schon so plötzlich gerührt hatte. Dann faßte er stets wieder Mut und fuhr in seinem Werke der Heiligwerdung fort. Es gelang aber so kümmerlich, daß nach Verfluß einiger Monate, bevor man weitere Mühen an ihn verschwenden wollte, das Befragen des göttlichen Orakels wirklich angeordnet wurde. In feierlicher Versammlung, in welcher eine kleine Zahl ähnlicher Fälle entschieden werden sollte, beim Schimmer geheimnisvoller Kerzen kniete er abgesondert auf dem Boden, während Gebet und Gesang den Raum erfüllte, bis er an die Urne geführt wurde und in tiefer Stille sein Los zog. Dasselbe war ihm günstig und entschied für seinen Eintritt in eine etwas vorgerücktere Prüfungsklasse. Als er jetzt wieder in den Reihen der Genossen saß, war er so erschüttert, daß er das Singen und Beten versäumte, welches abermals begann, da nun ein angesehener und vielgereister Missionär an der Stelle kniete, welche Albertus Zwiehan vorhin innegehabt. Bei diesem Missionär handelte es sich darum, ob er eine afrikanische Station mit höchst ungesundem Klima übernehmen dürfe, wie er durchaus begehrte, oder ob er sich mit einer gesünderen Luft begnügen solle, wie die Gemeinde seiner etwas erschöpften Kräfte wegen verlangte. Das Orakel entsprach seinem Begehren, worauf er an den alten Ort zurückkehrte und abermals hinkniete; die Gesänge erschallten von neuem und Albertus Zwiehan, der sich inzwischen etwas gesammelt, benutzte die wachsende Begeisterung, um den Anblick der Afra Zigonia Mayluft aufzusuchen, die er noch nicht gesehen. Er fand sie nicht an ihrem gewohnten Platze, weil sie still an der Seite des Sendboten kniete, wo das herumschweifende Auge Alberts sie unversehens entdeckte. Denn bei ihr handelte es sich darum, ob es im Willen der Vorsehung liege, daß sie jenem als Ehefrau in die heiße und rauhe Wüste hinaus folgen solle, oder ob ihre Person nicht vielmehr zu fein und zart, zu innerlich und vornehm hiefür beschaffen sei. Aber auch ihre Wünsche erfüllte das Los, als sie zur Urne geführt wurde, und wie sie nun mit dem Erwählten Hand in Hand zur sofortigen Verlobung schwebte, leuchteten ihre sonst so ruhigen Augen beinah um ein weniges zu warm und zu hell für eine irdische Angelegenheit.

Mit offenem Munde und totenbleich saß Albertus, und nur seine Unfähigkeit, auch nur aufzuatmen oder zu seufzen, verhinderte, daß er eine Aufmerksamkeit erregte. Nachdem alles vorüber, schlich er lautlos auf sein Lager und brachte eine schreckliche Nacht zu; seine ungeschulte, unwissende Selbstsucht würgte ihm wie eine ringelnde Schlange fast das Herz ab: dazwischen sah er immer die Afra mit dem Missionär an der Hand davonschweben. Das war also das Licht, welches sie in jenem trügerischen Traume in der Hand getragen hatte! Ganz abgemattet und niedergeschlagen kam er andern Tages zum Vorschein, so daß er als zum Durchbruche reif erachtet wurde. Um ihn in eine erfrischende Bewegung und Tätigkeit zu versetzen, wurde er zum dienenden Gehilfen eines andern Missionsbeamten bestimmt, welcher auf dem Punkte war, die Niederlassungen in Grönland, Labrador und der Kalmückei zu bereisen. Ohne jeglichen Widerstand ließ er sich dazu vorbereiten und fuhr mit seinem geistlichen Seelenmeister davon, ohne daß er die Afra wieder zu sehen bekommen hätte. Nur ein schön gebundenes, kleines, dickes Büchlein hatte sie ihm zum Andenken gesendet; es enthielt für jeden Tag im Jahr einen Spruch oder Gedicht, und überdies war ein Stäbchen von Elfenbein zum prophetischen Zwischenstechen daran befestigt. Mit dem Büchlein in der Hand saß er einige Monate später eines Tages an einem grönländischen Seestrand in der Nähe von St. Jan; schwächlicher Sonnenschein beleuchtete die Gewässer, aus denen hie und da ein Seehund emportauchte. In dieser schläfrigen Lage stach er von ungefähr in das Buch; denn er war von der Arbeit in Magazin und Schreibstube ein wenig ermüdet und träumte noch so hin, als er eine wunderliche Liederstrophe las:

In einem Gärtlein, wo du weißt,
Da blüht der Seelen Paradeis,
Da bad't im Brunn der Heilig Geist
Die Taubenflüglein silberweiß.

Da riecht der himmlische Jasmin,
Die Seel' spazieret süß erbaut
In Zimmetröslein her und hin,
Da küßt der Bräutigam die Braut.

Durch die letzteren Zeilen wurde er zuerst halb und dann ganz munter; plötzlich sah er den Garten hinter seinem Hause und in demselben die schlanke Nachbarin Cornelia durch die Jasminbüsche schlüpfen, und obgleich das Büchlein, das er in der Hand hielt, schon seit manchem Jahre gedruckt war, hielt er doch den Liedervers sogleich für eine unmittelbare Eingebung oder vielmehr für einen durch die Afra wunderbar bewirkten Aufruf zur Heimkehr und Heirat mit der Cornelia, die ihm mit jedem Augenblicke, den er darüber nachdachte, wieder wünschenswerter erschien. Aber auch gegen Afra Zigonia empfand er zum erstenmal seit dem Abenteuer des Losziehens ein dankbares Wohlwollen, überzeugt, daß sie weiser sei als er und ihn schließlich auf den Weg geleitet habe, den er nie hätte verlassen sollen. Das sei der Sinn ihres Wegganges im Traume und des Lichtes, das sie ihm aufgesteckt. Er packte in der Nacht seine Habseligkeiten zusammen, lief seinem Vorgesetzten davon, fuhr mit einem Walfischfänger südwärts und strebte unaufhaltsam der Heimat zu, wo er an seinem Hause eines Abends anschellte, gerade als er die einst mitgenommene Barschaft gänzlich aufgezehrt hatte; denn er war jetzt schon im zehnten Monat von Hause abwesend. Er überlegte soeben, ob er bei anbrechender Dämmerung noch heute durch das Gartenpförtchen gehen und die verlassene Freundin wohltätig überraschen solle, als die Haustüre sich öffnete und ein fremdartiger Mensch vor ihm stand, ein blatternarbiger, gelbbrauner Mann mit gebogener Nase, starkem Schnurrbarte und runden Augen, der als Haustracht türkische Pantoffeln an den Füßen und eine lang herabhängende rote Kappe auf dem Kopfe trug, wie sie in den Ländern des mittelländischen Meeres und weiterhin häufig bei Seeleuten gesehen wird. Der fragte nach dem Begehren desjenigen, der geläutet habe.

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