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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Ich verschwieg Römers Tollheit lange gegen jedermann und selbst gegen meine Mutter, weil ich meine eigene Ehre dabei beteiligt glaubte, wenn ein so trefflicher Lehrer und Künstler als verrückt erschien, und weil es mir widerstrebte, den schlimmen Gerüchten, die über ihn im Umlauf waren, entgegenzukommen. Doch verlockte mich einst ein gar zu lächerliches Vorkommnis zum Plaudern. Nachdem er nämlich öfter bedeutungsvoll bald von den Bourbonen, bald von den Napoleoniden, bald von den Habsburgern gesprochen, ereignete es sich, daß eine Königin-Mutter aus irgendeinem monarchischen Staate, eine alte Frau mit vielen Dienern und Schachteln, einige Tage sich in unserer Stadt aufhielt. Sogleich geriet Römer in große Aufregung, lenkte auf Spaziergängen unsern Weg an dem Gasthofe vorbei, wo sie logierte, ging in das Haus, als ob er mit der Dame, die er als sehr intrigant und seinetwegen hergekommen schilderte, wichtige Unterredungen hätte, und ließ mich lange unten warten. Doch bemerkte ich an dem Dufte, den er zurückbrachte, daß er sich lediglich in der Kutscherstube aufgehalten und dort wohl eine Knoblauchwurst nebst einem Glase Wein zu sich genommen haben mußte. Diese Narrenpossen, von einem Manne mit so edlem und ernstem Äußern getrieben, empörten mich um so mehr, als sie mit einer lächerlichen Listigkeit verbunden waren. Ich begann daher, mich zu Hause und auch anderwärts über die Angelegenheit zu äußern, und erfuhr nun mit Verwunderung, daß Römers seltsames Wesen wohl bekannt war, aber statt Mitleiden und hilfreiche Teilnahme zu erregen, als eine Art böswilligen Lasters, als wissentliche Verlogenheit betrachtet wurde, darauf berechnet, die Menschen zu betrügen und auf ihre Kosten etwas Falsches vorzustellen. Irgendeine im fernen Auslande begangene Verletzung der Bescheidenheit oder guten Sitte oder eine eingegangene Schuld, die er nicht lösen konnte, mußte mit dem Beginne der Krankheit zusammengefallen sein, ohne daß man dahinter kommen konnte, was es eigentlich gewesen. Der Betroffene, der die Kenntnis davon in geheimer Weise unterhielt und von Zeit zu Zeit erneuerte, wollte doch den Anschein eines nachtragenden Verfolgers nicht auf sich nehmen und wußte den Kranken auf eine Art zu isolieren, daß fast nicht von der Sache gesprochen wurde und jener selbst keine Ahnung davon hatte. Aber während viel unbedeutendere Künstler sich behaglich durchbringen konnten, tat man, als ob Römer gar nicht da wäre, und keine Gunst, keine Anerkennung, keine gefällige Fürsprache kam seinem untadelhaften Fleiße entgegen, der bei aller Geistesverwirrung niemals einschlief. Ich erfuhr erst später, daß Römer während unsers Verkehrs fast immer gehungert und dabei seine spärlichen Mittel beinahe nur für den Unterhalt einer sauberen äußeren Erscheinung geopfert hatte.

Wenn ich nun die umlaufenden Nachreden auch nicht für bare Münze nahm und den Mann gegen das Gerücht verteidigte, so beeinträchtigte es doch mein Vertrauen und den jugendlich ehrerbietigen Aufblick zu dem Lehrer, und ich wurde bis zu einem gewissen Grade mit gegen ihn eingenommen, nur mit dem Unterschiede, daß ich seinen Wert als Künstler nach wie vor hochhielt.

Nachdem ich vier Monate unter seiner Leitung zugebracht, wollte ich mich zurückziehen, indem ich die bezahlte Summe nun als ausgeglichen betrachtete. Doch er äußerte wiederholt, daß es hiermit nicht so genau zu nehmen und die Studien deshalb nicht abzubrechen wären; es sei ihm im Gegenteil ein angenehmes Bedürfnis, unsern Verkehr fortzusetzen. So arbeitete ich zwar nicht mehr in seiner Wohnung, besuchte ihn aber zuweilen und empfing seinen Rat. Weitere vier Monate vergingen so, während welcher er, durch die Not gezwungen, aber leichthin und beiläufig mich anfragte, ob meine Mutter ihm mit einem etwelchen Darlehen auf kurze Zeit aushelfen könne. Er bezeichnete ungefähr eine gleiche Summe wie die schon empfangene, und ich brachte ihm das Geld noch am gleichen Tage. Im Frühjahr endlich gelang es ihm mit Mühe, wieder einmal eine Arbeit zu verkaufen, wodurch er etwas reichlichere Mittel in die Hände bekam. Mit diesen beschloß er, nach Paris zu gehen, da ihm hier kein Heil blühen wollte und ihn sonst auch der Wahn forttrieb, durch Ortsveränderung ein besseres Los erzwingen zu können. Denn trotz allem scharfsinnigen Instinkte, den ein Irrsinniger und Unglücklicher hat, ahnte er von ferne nicht, daß sein wirkliches Geschick viel schlimmer, als sein eingebildetes Leiden, und daß die Welt übereingekommen war, seine armen schönen Zeichnungen und Bilder entgelten zu lassen, was man von seiner vermeintlichen Schlechtigkeit hielt.

Ich fand ihn, wie er seine Sachen zusammenpackte und einige Rechnungen bezahlte. Er kündigte mir seine Abreise an, die am andern Tage erfolgen sollte, und verabschiedete sich zugleich freundlich von mir, noch einige geheimnisvolle Andeutungen über den Zweck der Reise beifügend. Als ich meiner Mutter die Nachricht mitteilte, fragte sie sogleich, ob er denn nichts von dem geliehenen Gelde gesagt habe.

Ich hatte bei Römer einen entschiedenen Fortschritt gemacht, mein ganzes Können und meinen Blick erweitert, und es war gar nicht zu berechnen und schon nicht mehr zu denken, wie es ohne dies alles mit mir hätte gehen sollen. Deswegen hätten wir das Geld füglich als eine wohlangewandte Entschädigung ansehen dürfen, und dies um so mehr, als Römer mir die letzte Zeit nach wie vor seinen Rat gegeben hatte. Allein wir glaubten nur einen Beweis von der Richtigkeit jener Gerüchte zu sehen und wußten auch dazumal noch nicht, wie kümmerlich er lebte; wir dachten ihn im Besitze guter Mittel, denn er hatte seine Armut sorgfältig verborgen. Meine Mutter bestand darauf, daß er das Geliehene zurückgeben müsse, und war zornig, daß jemand von dem zum Besten ihres Söhnleins bestimmten kleinen Geldvorrate sich ohne weiteres einen Teil aneignen wolle. Was ich gelernt, zog sie nicht in Betracht, weil sie es für die Schuldigkeit aller Welt hielt, mir mitzuteilen, was man irgend Gutes wußte.

Ich dagegen, teils weil ich zuletzt auch gegen Römer eingenommen war und ihn für eine Art Schwindler hielt, teils weil ich meine Mutter zur Herausgabe der Summe beredet, und endlich aus Unverstand und Verblendung, hatte nichts einzuwenden und empfand eher eine Genugtuung, mich für alle Unbill zu rächen. Als daher die Mutter ein Billett an ihn schrieb und ich einsah, daß er, wenn er entschlossen war, das Geld zu behalten, die Mahnung einer in seinen Augen gewöhnlichen Frau nicht beachten werde, kassierte ich das Schreiben meiner Mutter, welche ohnedies verlegen war, an einen so ansehnlichen und fremdartigen Mann zu schreiben, und entwarf ein anderes, welches, ich muß es zu meiner Schande gestehen, höchst zweckmäßig eingerichtet war. In höflicher Sprache berechnete ich seine fixen Ideen, seinen Stolz und sein Ehrgefühl, und indem das bescheidene Billett erst zu einer Bitterkeit wurde, wenn es unberücksichtigt blieb, war es, wenn Römer alles das verlachen sollte, schließlich so beschaffen, daß er doch nicht lachen, sondern sich durchschaut sehen konnte. So viel brauchte es indessen gar nicht; denn als wir das Machwerk hinschickten, kehrte der Bote augenblicklich mit dem Gelde zurück. Ich war etwas beschämt; doch sprachen wir jetzt alles Gute von ihm, er sei doch nicht so übel und so fort, nur weil er uns das elende Häufchen Silber herausgegeben.

Ich glaube, wenn Römer sich eingebildet hätte, ein Nilpferd oder ein Speiseschrank zu sein, so wäre ich nicht so unbarmherzig und undankbar gegen ihn gewesen; da er aber ein großer Prophet sein wollte, so fühlte sich meine eigene Eitelkeit dadurch verletzt und waffnete sich mit den äußerlichen scheinbaren Gründen.

Nach einem Monat erhielt ich von Römer folgenden Brief aus Paris:

»Mein werter junger Freund!

Ich bin Ihnen eine Nachricht über mein Befinden schuldig, da ich gern annehme, mich Ihrer ferneren Teilnahme und Freundschaft erfreuen zu dürfen. Bin ich Ihnen doch meine endliche Befreiung und Herrschaft schuldig. Durch Ihre Vermittlung, indem Sie das Geld von mir zurückverlangten (welches ich nicht vergessen hatte, aber Ihnen in einem freieren Augenblicke zurückgeben wollte), bin ich endlich in den Palast meiner Väter eingezogen und meiner wahren Bestimmung anheimgegeben! Aber es kostete Mühseligkeit. Ich gedachte jene Summe zu meinem ersten Aufenthalte hier zu verwenden; da Sie aber selbige zurückverlangten, so blieb mir nach Abzug der Reisekosten noch ein Frank übrig, mit welchem ich von der Post ging. Es regnete sehr stark und verwandte ich daher den besagten Frank dazu, nach dem Mont piété zu fahren und dorten meine Koffer zu versetzen. Bald darauf sah ich mich genötigt, meine Sammlungen einem Trödler für ein Trinkgeld zu verkaufen, und erst jetzt, als ich endlich von aller angenommenen Künstlermaske und allem Kunstapparate glücklich befreit und hungernd in den Straßen umherlief, ohne Obdach, ohne Kleider, doch jubelnd über meine Freiheit, da fanden mich treue Diener meines erleuchten Hauses und führten mich im Triumph heim! Aber noch beobachtet man mich zuweilen, und ich benutze eine günstige Gelegenheit, dies Zeichen zu senden. Sie sind mir wert geworden, und ich habe etwas Gutes mit Ihnen vor! Inzwischen nehmen Sie meinen Dank für die günstige Wendung, die Sie herbeigeführt! Möge alles Elend der Erde in Ihr Herz fahren, jugendlicher Held! Mögen Hunger, Verdacht und Mißtrauen Sie liebkosen und die schlimme Erfahrung Ihr Tisch- und Bettgenosse sein! Als aufmerksame Pagen sende ich Ihnen meine ewigen Verwünschungen, mit denen ich mich bis auf weiteres Ihnen treulichst empfehle!

Ihr wohlgewogener Freund

Dies nur in Eile, ich bin zu sehr beschäftigt!«

Erst später erfuhr ich, daß Römer in einem französischen Irrenhause verschollen sei. Wie es dazu kam, wird in obigem Briefe ziemlich klar. Meine Mutter, welcher ich alles verhehlte, konnte keine Schuld treffen als diejenige aller Frauen, welche aus Sorge für ihre Angehörigen engherzig und rücksichtslos gegen alle Welt werden. Ich hingegen, der ich gerade zu dieser Zeit mich gut und strebsam glaubte, sah nun ein, welche Teufelei ich begangen hatte. Ich log, verleumdete, betrog oder stahl nicht, wie ich es als Kind getan, aber ich war undankbar, ungerecht und hartherzig unter dem Scheine des äußeren Rechtes. Ich mochte mir lange sagen, daß jene Forderung ja nur eine einfache Bitte um das Geliehene gewesen sei, wie sie alle Welt versucht, und daß weder meine Mutter, noch ich je gewaltsam darauf bestanden hätten; ich mochte mir lange sagen, daß Erfahrung den Meister mache und man auch diese Art Unrecht, als die häufigste und am leichtesten zu begehende, am besten durch ein Erlebnis recht einsehen und vermeiden lerne; mochte ich mich auch überreden, daß Römers Wesen und Schicksal mein Verhalten hervorgerufen und auch ohne diesen Vorgang seine Erfüllung erreicht hätte: alles dies hinderte nicht, daß ich mir doch die bittersten Vorwürfe machen mußte und mich schämte, sooft Römers Gestalt vor meinen Sinn trat. Wenn ich auch die Welt verwünschte, welche dergleichen Handlungen als klug und recht anerkennt (denn die rechtlichsten Leute hatten uns zu der Wiedererlangung der Summe beglückwünscht), so fiel doch alle Schuld wieder auf mich allein zurück, wenn ich an die Anfertigung jenes Billetts dachte, welches ich ohne die mindeste Mühe geschrieben und gleichsam aus dem Ärmel geschüttelt hatte. Ich war bald achtzehn Jahre alt und entdeckte jetzt erst, wie ruhig und unbefangen ich seit den Knabensünden und Krisen gelebt, sechs lange Jahre! Und nun plötzlich diese Untat! Wenn ich schließlich bedachte, wie ich jenes unverhoffte Erscheinen Römers als eine höhere Fügung angesehen, so wußte ich nicht, sollte ich lachen oder weinen über den Dank, den ich dafür gespendet. Den unheimlichen Brief wagte ich nicht zu verbrennen und fürchtete mich, ihn aufzubewahren; bald begrub ich ihn unter entlegenem Gerümpel, bald zog ich ihn hervor und legte ihn zu meinen liebsten Papieren, und noch jetzt, sooft ich ihn finde, verändere ich seinen Ort und bringe ihn anderswohin, so daß er auf steter Wanderschaft ist.

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