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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 116
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Als es endlich Tag wurde, war der falsche Lenz vorüber und es fiel ein mit Schnee vermischter Regen. Dortchen sagte, als ich im Schlosse erschien, nichts mehr vom Schreiben, und ich selbst vermochte erst recht nicht, mich daran zu machen. Eine abermalige neue Erfahrung war der Widerwillen gegen das Essen, welchen aus solchen Ursachen zu empfinden ich nie für möglich gehalten hätte. Denselben zu verbergen, damit er nicht auffiel und weil er ein trübseliges Aussehen mit sich brachte, kostete die größte Mühe, und alles das in einem Alter, wo ich doch auch kein Konfirmand mehr war. Auch bedauerte ich, diese schöne brotsparende Leidenschaft nicht zur Zeit meiner Hungersnot besessen zu haben, wo sie mir die besten Dienste geleistet hätte. Diese realökonomische Observation hinwieder nicht der Dorothea zu ihrer Belustigung mitteilen zu dürfen, drückte mir fast das Herz ab.

Dortchen hingegen schien nicht übel aufgelegt und sogar mit jedem Tage besser, ohne sich stark um mich zu kümmern. Sie machte Geldstücke wie Kreisel über den Tisch tanzen, brachte Kinder herbei und setzte ihnen Papiermützen auf die Köpfe, ließ auf dem Hofe Hunde apportieren und was dergleichen unschuldige Schwänke mehr waren, und alles dünkte mich unergründlich merkwürdig, reizvoll und bestrickte mich. Alle die kleinen Teufeleien verrieten täglich heller eine ursprüngliche Anmut und Beweglichkeit des Gemütes und zeigten mit federleichten Wendungen, daß sie tausend Nücken unter den Locken sitzen hatte. Wenn nun erst die offene, klare Herzensgüte, was man so die Holdseligkeit am Weibe nennt, uns gewinnt, so bringt uns nachher, wenn wir in unserer Einfalt entdecken, daß die Geliebte nicht nur schön und gut, sondern auch gescheit und beweglich ist, die fröhliche Kinderbosheit des Herzens vollends um Ruhe und Verstand; und so ging auch mir ein neues Licht auf, und es befiel mich ein heftiger Schreck, nun gewiß nie wieder ruhig zu werden, da ich gerade dies kurzweilige Frauenleben niemals mein nennen könne. Denn wenn die Liebe nicht nur schön und tief, sondern auch recht eigentlich kurzweilig ist, so erneut sie sich selbst in jedem Augenblick das bißchen Leben hindurch und verdoppelt den Wert desselben, und nichts macht trauriger, als ein solches Leben möglich zu sehen, ohne es zu gewinnen; ja die allertraurigsten Leute sind die, welche glauben, das Zeug dazu zu haben, recht lustig zu sein, und dennoch traurig sein müssen aus Mangel an guter Gesellschaft. So dachte und fühlte ich damals, weil ich nicht wußte, daß es wichtigere und dauerhaftere Dinge in der Welt gibt als jene jugendliche Kurzweil.

Da das schöne Wesen mir mit jedem Tage anders und unbegreiflicher erschien, obgleich sie immer dieselbe war, so verlor ich zuletzt alle Unbefangenheit des Verkehrs, und um die Heilung meiner Krankheit zu versuchen, zog ich mich wie ein Einsiedler in die Wildnis zurück; das heißt unter dem Vorgeben, die Gegend, Land und Leute recht anzusehen, fing ich an, bei jeder Witterung, gut oder schlecht, den Tag im Freien zuzubringen. Ich hielt mich aber meist auf den waldigen Höhen auf, unter alten Tannenbeständen oder in verlassenen Köhlerhütten, ohne menschliche Gesellschaft, was schon aus dem Grunde gut war, weil ich, immer nur mit dem einen Gegenstande beschäftigt und die Herrschaft über mich selbst vergessend, laut zu denken und zu sprechen begann, besonders mit der Klage über den schmählichen Druck, der mir wie eine fremde Krankheit angeworfen war und den ich hundertmal mit der Hand wegzuwischen suchte.

»Ist diese Teufelei also die wirkliche Liebe?« sagte ich eines Tages laut vor mich hin, als ich unter Bäumen einsam hockte und über das Land wegblickte, »habe ich nur ein Stück Brot weniger gegessen, als Anna krank war? Nein! Habe ich eine Träne vergossen, als sie starb? Nein! Und doch tat ich so schön mit meinen Gefühlen! Ich schwur, der Toten ewig treu zu bleiben; dieser Lebendigen aber Treue zu schwören, wäre mir nicht einmal möglich, da sich das ja von selbst versteht und ich mir nichts anderes denken kann! Wenn diese schwer erkranken oder gar sterben sollte, würde ich dann imstande sein, dem Ereignis so aufmerksam zuzusehen und es gar zu beschreiben? O nein, ich fühle, es würde mich brechen und die Welt verfinstern! Und welch ein praktischer Kerl bin ich dennoch gewesen, als ich so platonisch, so ganz nach dem Schema liebte und ein grüner Junge war! Wie unverschämt hab ich da geküßt, die Kleine und die Große, zum Morgen- und Abendbrot! Und jetzt, da ich so manches Jahr älter bin und ein Stück Welt gesehen habe, wird es mir schon bang, wenn ich nur daran denke, diese schöne und gute Person zu unbestimmter Zeit irgend einmal küssen zu dürfen!«

Dann starrte ich wieder in die Luft hinaus; doch kaum waren einige Minuten vergangen, während ich neugierig eine Wolke oder einen Gegenstand am Horizont oder ein schwankendes Reis zu meinen Füßen betrachtete, so kehrten die Gedanken wieder zu ihrer alten Last zurück; denn das eiserne Bild erlaubte nicht, daß sie länger anderswo spazieren gingen. Als ich eines Abends einen steilen Klippenpfad hinunterstieg, trat ich in der traurigen Zerstreutheit fehl und torkelte wie ein Sinnloser über die Felsen, daß ich nicht wußte, wie ich unten ankam, und mich zu meiner Kränkung und Beschämung ziemlich verletzte. Ein anderes Mal saß ich im Feld auf einem verlassenen Pfluge, der in der abgebrochenen Ackerfurche stand, und machte wohl ein sehr betrübt dummes Gesicht; denn ein vergnügt grinsender Feldlümmel, der mit einem irdenen Selterskrüglein, das ihm :am Rücken hing, daher geschlenkert kam, stand vor mir still, gaffte mich an, und begann endlich unbändig zu lachen, indem er sich mit dem Ärmel über Mund und Nase fuhr. Schon das arme Krüglein tat mir in den Augen weh, da es so stillvergnügt und unverschämt von der Schulter dieses Burschen baumelte, der wahrscheinlich seinen Vespertrunk darin mitgeführt hatte. Wie konnte man ein solches Krügelchen herumtragen, als ob es kein Dortchen in der Welt gäbe?

Da der grobe Gesell nicht aufhörte dazustehen und mir ins Gesicht zu lachen, stand ich auf, trat weinerlich und leidvoll auf ihn zu und schlug ihn dergestalt hinter das Ohr, daß der arme Kerl zur Seite taumelte; und eh er sich wieder fassen konnte, prügelte ich all das Weh auf den fremden Rücken und zerschlug auch seinen Krug, daß mir die Hand blutete, bis der Feldlümmel, welcher glaubte, der Teufel sei hinter ihm her, sich aus dem Staube machte und erst aus einiger Entfernung anfing, mit Steinen nach mir zu werfen. Nach dieser humanen Heldentat ging ich langsam davon, schüttelte den Kopf und seufzte über so viel Herzeleid, das in der Welt sei!

Von solcher Aufführung selbst angegriffen, dachte ich nicht, mich daran aufzureiben, sondern suchte den Weg, mich aus dem Irrsal zu befreien. Ich musterte und verglich alle Umstände, um feststellen zu können, daß ich nicht der Mensch sei, eine Neigung wie diejenige Dortchens erwecken zu können.

Was dem einen recht ist, ist dem andern billig! und: Wie du mir, so ich dir! sind zwei goldene Sprüche auch in Liebeshändeln, wenigstens für sonst verständige Menschen, und die beste Kur für ein krankes Herz ist die unzweifelhafte Gewißheit, daß sein Leiden nicht geteilt wird. Nur eigensinnige und selbstsüchtige Verfassungen laufen Gefahr sich aufzulösen, wenn sie von denen nicht geliebt werden, die ihnen gefallen. Aber was hätte sein können und nicht geworden ist, macht unglücklich, und der Trost hilft nicht, daß die Welt weit sei und hinter den Bergen auch noch Leute wohnen; nur das Gegenwärtige, was man kennt, ist heilig und tröstlich.

Nachdem ich nun ausgemacht hatte, daß Dortchen nicht an mich denke, ward ich etwas ruhiger und begann zu ratschlagen, ob ich zum Danke für ihre Liebenswürdigkeit ihr die Sache entdecken wolle oder nicht. Ich gedachte im ersten Falle gelegentlich, eh ich abreiste, ihr lachend und manierlich zu gestehen, welchen Rumor sie mir angerichtet, und sie zugleich zu bitten, sich nicht darum zu kümmern; denn nun sei alles wieder gut und ich wohl und munter. Auf der andern Seite aber tauchte die Besorgnis auf, ein derartiges Geständnis möchte doch als schlaue Liebeswerbung angesehen werden und mich in ein schiefes Licht bringen, der Geliebten aber einen trüben Tag bereiten. Ich verfiel daher wieder in ein unruhiges und trauriges Nachsinnen, ob ich es tun solle oder nicht, bis zuletzt es mir doch möglich schien, mit unbefangenem Vertrauen ihr durch offene Darstellung des über mich gekommenen Ungewitters unter Scherz und Lachen eine kleine Erheiterung zu gewähren, die sie wohl verdiene, und mir zugleich die verlorene Ruhe zu verschaffen. Und zwar nahm ich mir vor, es sofort zu tun. Es war eben Sonnabend und das gute Wetter auch für den kommenden Tag in Aussicht. Ich beschloß daher, den Sonntagmorgen mit seinem stillen Glanze zu der verwegenen Verhandlung zu benutzen, heute aber mich nicht mehr sehen zu lassen, um nicht durch neue Eindrücke irre zu werden in meinen Vorsätzen.

Der Morgen geriet auch auf das schönste, ein wirklicher Vorfrühling lachte mit seinem wolkenreinen Himmel durch alle Fenster, und ich war trotz einiger süßen Bangigkeit doch guter Dinge, da ich meiner baldigen Freiheit und Erlösung von der schmählichen Beklemmung entgegensah und mir einbildete, nichts anderes erreichen zu wollen. Und dennoch beruhte die ganze süße Aufregung, in welcher ich mich feiertäglich herausputzte und fortwährend auf neue Scherze sann, die ich in die bevorstehende Plauderei verflechten wollte, auf dem Selbstbetruge, mit dem ich mir verbarg, daß mich nur der Wunsch beseelte, mit Dorotheen wohl oder übel von Liebe zu sprechen.

Aber es fand sich, daß sie schon am Sonnabend meilenweit weggefahren war, um eine Freundin zu besuchen, daß sie von dort nach der Residenz gehen und überhaupt mehrere Wochen abwesend sein werde. Damit war alle meine Hoffnung zunichte und der blaue Himmel in meinen Augen schwarz wie die Nacht. Das erste, was ich tat, war, daß ich wohl zwanzigmal den Weg vom Gartenhaus nach dem Kirchhof hin und zurück ging und mich dabei auf die Seite des Pfades drückte, an welcher Dortchen mit dem Saume ihrer Gewänder hinzustreifen pflegte. Aber auf diesen Stationen brachte ich nichts heraus, als daß das alte Elend mit verstärkter Gewalt wieder da war und die Vernunft wie weggeblasen. Das Gewicht im Herzen war auch wieder da und drückte fleißig darauf los.

Der Graf hatte die ganze Zeit über seiner einzigen Leidenschaft, der Jagd, gelebt, und war daher wenig zu Hause geblieben. Jetzt schien er der Sache etwas müde zu sein und begann mich wieder aufzusuchen. Er fand mich in der Kapelle, da ich keinen Grund mehr hatte, in die Wildnis zu laufen, und hier am einsamsten war.

»Wie steht's denn mit den Bildern, Meister Heinrich?« sagte er, mir auf die Schulter klopfend, »rücken sie vor?«

»Nicht sonderlich!« erwiderte ich kleinlaut und trübselig.

»Es eilt ja nicht, Sie sind uns noch lange willkommen! Dennoch seh ich Ihnen am Gesicht an, daß es gut ist, wenn Sie von der Sache mit guter Manier bald frei werden.«

Du triffst es besser, als du weißt! dachte ich und machte mich plötzlich mit so grimmiger Entschlossenheit an die Arbeit, daß ich vor Ablauf von drei Wochen mit den Bildern fertig war. Während sie zum Trocknen an der Luft standen, bestellte ich beim Tischler die Kisten, in denen sie nach der Hauptstadt gesendet werden sollten. Dann stellte ich einige Streifereien an, um nicht stilliegen zu müssen, und als ich eines Abends spät nach Hause kehrte, sah ich vom Garten aus Dorotheens Zimmer erleuchtet. Mit dem Schlaf, den ich während der letzten fleißigen Tage wiedergefunden, war es nun abermals aus, obgleich ich noch nicht wußte, daß sie wirklich da war.

Am Morgen erschien Röschen und berief mich zum Frühstücke, welches ihrer Ankunft zu Ehren gemeinsam eingenommen werde. Als ich ins Schloß kam, erklang ihre Stimme durch das Haus; sie spielte und sang wie eine Nachtigall am Pfingstmorgen, und alles war voll Leben und Fröhlichkeit; nur ich war traurig und einsilbig, da das Scheiden nun doch vor der Türe stand.

Sie schien aber nichts davon zu merken, sondern trieb allerlei Mutwillen, der mich immer wieder aufregte und verwirrte; dabei wandte sie sich immer an andere und brauchte vorzüglich das dienstfertige Röschen als Trägerin und Gehilfin ihrer Possen. Als dieses gelegentlich ein kleines Silberlachen hören ließ, das ich auf meine düstere Laune bezog, lief ich dem Mädchen nach, packte es und faßte es in den Arm, indem ich mit der andern Hand sein Köpfchen festhielt.

»Wer wird hier ausgelacht und was willst du denn, du Gänseblümchen?« rief ich. Das blühende Kind zappelte und sträubte sich, lachte aber fort. Unversehens hielt es still und flüsterte mir ins Ohr: »Lassen Sie uns doch lachen! Das gnädige Fräulein ist so vergnügt und zufrieden, daß sie wieder da ist! Wissen Sie warum?«

Als ich das schlimme Geschöpf verblüfft und errötend frei ließ, legte es mir die Hand auf die Schulter und lispelte weiter: »Sie war so traurig die ganze Zeit, denn sie ist verliebt! Wissen Sie in wen?«

Ich fühlte das Herz beinah stillstehen und sagte tonlos: »Nun, in wen denn?«

»Ein Rittmeister bei den Kürassieren!« hauchte sie nun ganz leise, »himmelblaue Tracht, schneeweißer Mantel, Stahlharnisch und hoher Silberhelm, ein geschwungener Kamm darauf und das Ganze schön wie ein Hektor, sagt sie, obgleich unser schwarzer Hund so heißt!«

Damit sprang sie davon und eilte der Herrin nach, die schon vorher entschlüpft war. Ich merkte freilich, daß Scherz getrieben wurde; allein die Schilderung eines schönen Reiteroffiziers bekam mir an sich schon nicht gut in solchem Zusammenhange.

Glücklicherweise langten die Kisten für die Bilder an, welche sofort eingepackt wurden. Ich schlug selbst die Nägel in die Deckel, daß die Kapelle von den zornigen Schlägen widerhallte; denn mit jedem Schlage nahm ich mir gewisser vor, am nächsten Tage fortzugehen, und so dünkte es mir, als nagle ich den eigenen Sarg zu. Aber nach jedem Schlage schallte ein klangreiches Gelächter oder ein fröhlicher Triller von den Korridoren und Treppen her, die Mädchen jagten hin und wieder und schlugen Türen auf und zu.

Das bewirkte, daß ich in meine Gartenwohnung ging und gleich auch den Reisekoffer packte, den ich samt neuem Inhalt bei meinem letzten Aufenthalt in der Residenz gekauft hatte. Als ich damit fertig war, ging ich höchst schwermütig, aber gefaßt ins Freie und nach dem Kirchhofe; dort setzte ich mich auf Dortchens Lieblingsbank und hoffte, sie werde etwa herkommen und ich wenigstens noch einige Minuten bei ihr sitzen können ohne Bosheit noch Gefährde, um sie nochmals recht anzusehen. Sie kam auch richtig nach einer Viertelstunde herangerauscht, aber von der Gärtnerstochter und dem schwarzen Hektor begleitet. Da entfernte ich mich eiligst im Glauben, sie hätten mich noch nicht gesehen, und lief hinter die Kirche. Als ich dort die Mädchen wieder sprechen und lachen hörte, ging ich in der Verwirrung in das Dorf und betrat das Pfarrhaus, um beim Kaplan Zuflucht zu suchen, angeblich aber, um meine Abreise anzukündigen.

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