Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gottfried Keller >

Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 113
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
Schließen

Navigation:

»Dies ist mein Gepäcke, guter Freund!« sagte der Mann, »halten Sie's ein wenig, damit ich meine Empfehlungsbriefe an den Herrn Grafen finden kann, den ich herbeizurufen bitte!«

Der Diener hielt den Sack, der Reisende holte ein paar Briefe aus einer dicken Brieftasche und gab sie dem Diener, worauf dieser ins Haus ging und jener den Sack wieder selbst hielt. Nach einiger Zeit erschien der Graf mit einem der Briefe in der Hand, um nach dem Ankömmling zu sehen. Dieser streckte ihm, an seiner Sacksäule stehend, die freie Hand entgegen und rief: »Ich grüße Sie, edler Mann und Genosse! Ist es nicht eine Freude zu leben, mit Hutten zu reden?«

»Habe ich die Ehre, Herrn Peter Gilgus zu sehen, der mir hier von den Freunden empfohlen wird?« antwortete Graf Dietrich.

»Der bin ich! Ist es nicht eine Freude zu leben?«

»Gewiß! Aber machen Sie es sich doch etwas bequemer! Wollen Sie Ihr Gepäcke nicht abgeben und ins Haus treten?«

»Ich kann nicht, bevor ich ein Wort mit Ihnen gesprochen!«

Der Graf näherte sich dem Manne, der ihm eine vertrauliche Mitteilung machte, worauf jener dem Fuhrmann bedeutete, daß er werde zufriedengestellt werden und mit seinem Fahrzeuge nur vorerst nach den Wirtschaftsgebäuden gehen und samt dem Pferde etwas zu sich nehmen möge.

Hierauf wurde der Sack wohlbehalten von zwei Leuten in das Haus getragen und der Fremde vom Grafen auf sein Zimmer genommen, wo er weitere Rücksprache mit demselben pflog.

Herr Peter Gilgus war ein im mittleren Deutschland weggelaufener Schullehrer und ein Apostel des Atheismus, der im wörtlichen Sinne ausgezogen war, die Welt zu sehen und zu genießen, nachdem der liebe Gott aus derselben weggeschickt worden. Dies Ereignis hielt er für einen unberechenbaren Glücksfall, und er rief unaufhörlich, wo er hinkam: »Es ist eine Freude zu leben!« als ob die Welt in der Tat von ihrem größten Feinde und Bedrücker soeben befreit worden wäre, seit er die Werke des Philosophen gelesen. Er betrug sich demgemäß, wie wenn es fortwährend Sonntag und der Braten am Spieße wäre, oder wie die Bevölkerung eines kleinen Herzogtums, dessen Tyrann entflohen, oder wie ein Nest voll Mäuse, wenn die Katz aus dem Hause ist.

Als Schulmeister mochte er von der Geistlichkeit freilich arg gedrückt worden sein; allein er freute sich über die Vertreibung Gottes doch mehr als billig. Immer von neuem erstaunte er über die Herrlichkeit des Gedankens, von dem unseligen Begriffe frei und jeder größeren und kleineren Abhängigkeit von demselben ledig zu sein. Immer wieder ballte er die Faust gegen die ganze lange Vergangenheit voll anthropomorphischer Götter; aufs neue bestieg er jeden kleinen Hügel, reckte die Hand aus und pries die Schönheit der grünen Welt, jubelte über die wolkenlose tiefe Bläue des entgötterten Himmels und trank bäuchlings liegend aus Quellen und Bächen, welche noch nie so reines und frisches Wasser geliefert hätten wie jetzt. Das hinderte ihn jedoch nicht, sobald eine anhaltende Kälte oder ein langes Regenwetter eintrat, sehr ungehalten zu werden und einen persönlichen Groll mit altherkömmlichen Fluchworten zu äußern, wie man sie nur gegen persönlich existierende Urheber von widerwärtigen Wirkungen braucht.

Nach seinem Auszuge hatte er zuerst das Haupt der Schule, den Philosophen, aufgesucht, acht Tage lang verehrt und ihm zur Weiterreise die geringe Barschaft abgeborgt, welche der in freiwilliger Armut und Bedürfnislosigkeit lebende Weltweise gerade besaß. Derselbe gab ihm ein paar Briefe an wohlhabendere Verehrer mit, diese sandten ihn wieder andern Freunden zu, und so zog er seit einem Jahre von Stadt zu Stadt, von einem Landgut zum andern, lebte herrlich und in Freuden und lobte die angebrochene neue Ära. Jetzt war er endlich auch zum Grafen Dietrich gekommen, der schon von ihm wissen mochte. Als er mit dem neuen Gaste zu Tische kam, war er schon ein wenig ermüdet von dessen lauten Gesprächen und Ausrufungen; der Gast aber, indem er den Löffel in die gute Suppe tauchte, rief und sprudelte über dicke Lippen hinaus: »Es ist eine Freude zu leben!«

In mir witterte er augenblicklich einen Schützling und Mitgast des Hauses, machte sich nach dem Essen an mich und zwang mich, ihn auf das ihm bestimmte Zimmer zu begleiten; unter tausend Fragen begann er sich einzurichten und seinen Sack auszupacken, der ihm als Reisekoffer diente. Neben einer Anzahl verschiedener Kleidungsstücke, von denen keines zum andern recht paßte, kamen die wunderlichsten Habseligkeiten zum Vorschein, und auf jedes Stück legte er einen Affektionswert. Jeden Band in ein besonderes Tüchlein gewickelt, förderte er die in rotes Leder gebundenen Werke des Meisters zutage und stellte sie feierlich auf den Schreibtisch, der im Zimmer war. Dann zog er ein dickes Stück von ungebleichtem Zwilch, viele Ellen, heraus, wovon er sich im Sommer eine deutsche Turnerkleidung dachte anfertigen zu lassen. Hierauf kamen andere Bücher; hierauf rollten einige Metzen schöne Borsdorfer Äpfel hervor, von einer schönen Gutsfrau geschenkt, wie er sagte; sodann folgte ein Stück Pökelfleisch, in Papier gewickelt; hierauf eine blaue zusammengelegte Steppdecke, zwischen welcher ein Bund Strickgarn lag zu neuen Strümpfen. Beim Anblick aller dieser Dinge mußte man ihm lassen, daß er die Vorsehung Gottes leidlich zu ersetzen und an alles zu denken verstehe, dessen er etwa bedürftig werden könnte. Nachdem er noch einiges aus der Tiefe des Sackes hervorgeholt, unter anderm eine kleine Schwarzwälder Uhr, kroch er mit dem Kopfe hinein und zog aus dem untersten Grunde einen zusammengerollten rotblumigen Hausrock hervor. Denselben entfaltend, enthüllte er eine mäßige Schachtel, in welcher das Modell eines Auges von der Größe eines Kindskopfes gebettet lag.

Gilgus öffnete die Schachtel und nahm das Auge sorgfältig heraus, um zu sehen, ob es nicht Schaden gelitten. Es war von Wachs und Glas angefertigt und konnte zerlegt werden, um zu Unterrichtszwecken den Bau des menschlichen Auges vorzuweisen. Bei seinem Auszug hatte er das Auge aus der kleinen Naturaliensammlung seiner Schule mitlaufen lassen, und es liefen deshalb überall kleine amtliche Verfolgungen hinter ihm drein, sooft sein Aufenthalt ausgemittelt wurde; allein er gab es nicht wieder her.

Jetzt blies er den Staub davon, setzte es feierlich auf den Schreibtisch und rief: »Das ist das wahre Auge Gottes!«

Dieses Auge Gottes hatte natürlich nur die allergröbste Einrichtung, und Gilgusens Kenntnis ging über dieselbe nicht hinaus; dennoch mußte sie ihm dazu dienen, seine Freudenbotschaft mit dem Mantel der Naturwissenschaften zu schmücken, und er führte das Auge gleichsam als Wahrzeichen mit sich für jene Erscheinung im großen, wenn die gedachten Wissenschaften beim Beginn einer neuen Reihe von Entdeckungen dem Unendlichen jedesmal zuschreien: Holla! Wir wissen jetzt, wie's gemacht wird.

Außerdem diente ihm das Auge noch als Geheimarchiv und Schatzkammer. Er öffnete den Apfel und leerte den hohlen Innenraum, dessen Inhalt vom Fahren durcheinander gerüttelt worden. Aus einer großen Flocke Baumwolle wickelte er eine goldene Busennadel, ein silbernes Uhrkettchen, ein paar Fingerringe und zeigte mir diese Schätze mit Wohlgefallen. Auf ein Bündelchen Rechnungen, ein Punschrezept, ein Bündelchen Liebesbriefe, die er von den Stubenmädchen seiner Gastfreunde erhalten, wies er mehr andeutend hin, wogegen er ein Lotterielos mit ernster Miene entfaltete, wie wenn es eine Staatsobligation wäre, und es standen allerdings mehrere Hunderttausende in großen und kleinen Posten darauf gedruckt; eine kleine in Papier eingeschlagene Barschaft bezeichnete er als Reservefonds, welchen er unter keinen Umständen angreife und deshalb hier aufbewahre. Ein vertrocknetes Blumensträußchen ergänzte die Sammlung und knüpfte versöhnend an das menschlich Liebenswürdige an.

Alles das war in dem Auge und er legte das Gefüllsel nun in die leere Schachtel und verschloß diese in einer Schublade; denn er dachte das anatomische Modell in den bevorstehenden lehrreichen Gesprächen zum Vorschein zu bringen.

Gleich am ersten Abend, als der Kaplan zur Gesellschaft kam, nahm er diesen zum Zielpunkt seines apostolischen Eifers, und es entstand ein gewaltiger Lärm, bis der Geistliche die Karikatur in dem Ankömmling erkannte, plötzlich mit vergnügtem Augenblinzeln seine Fechtart veränderte und dem lärmenden, mit blasphemischen Kühnheiten um sich werfenden Peter Gilgus zu schmeicheln begann. Er schätze sich glücklich, sagte er, eine so ausgesprochene und in ihrer Art vollkommene Erscheinung begrüßen und studieren zu können; alles absolut Entgegengesetzte müsse sich stärker anziehen, als das Halbe, und sich schließlich in einem höheren Elemente vereinigen. Ein leidenschaftlicher Liebhaber Gottes und ein leidenschaftlicher Leugner Gottes zögen im Grunde an demselben Wagen, von dem der eine so wenig loskommen könne als der andere, und so biete er ihm als treuer Gefährte seine Freundschaft an. Eine so fleißige und beharrliche Gottesleugnerei sei eigentlich nur eine andere Art von versteckter Gottesfurcht, wie es in den ersten Zeiten Heilige gegeben habe, welche den Schein großer Lasterhaftigkeit zur Schau trugen, um in der Verachtung um so ungestörter der göttlichen Inbrunst sich hinzugeben.

Der verdutzte Gilgus wußte nicht, wie ihm geschah, und suchte sich mit sprudelnder Ungebärdigkeit zu helfen; doch der fröhliche Kaplan umwickelte ihn so dicht mit hundert zärtlichen Späßchen, tröstete ihn, der Herrgott habe schon längst ein Auge auf ihn und es werde noch alles gut werden, daß er sich doch gewissermaßen geschmeichelt fühlte und sich auf den nächsten Tag zu einem guten Pfarrfrühstück bei dem Kaplan einladen ließ. Dort lieferten sie sich zuerst wieder eine Wortschlacht; dann zechten sie und schlossen Freundschaft, zogen miteinander über Feld und in den Wirtshäusern herum, wo der Kaplan immer neue Späße mit seinem Freunde anstellte; denn er blieb immer bei Sinnen und boshaft, während Gilgus den Verstand verlor, sobald er angetrunken war, und über die Größe seines Schicksals, über die Feierlichkeit der Zeit, wo es eine Freude zu leben sei, jämmerlich zu weinen begann. Wenn der Kaplan ihn in solcher Verfassung abends oder mittags ins Schloß bringen konnte, so erreichte sein Vergnügen den höchsten Gipfel. Der Graf lächelte bald heiter, bald verdrießlich, Dorothea dagegen lachte voll neugieriger Lustbarkeit, da sie dergleichen noch nie gesehen, besonders wenn Gilgus vor ihr auf die Knie fiel und weinend den Saum ihres Gewandes küßte; denn er hatte die Gärtnerstochter, mit der er zuerst schön getan, sogleich stehen lassen, als er vernahm, daß Dortchen keine Gräfin und eine starkgeistige, freigesinnte Person sei, und offenbar hielt er sie vorläufig für dazu bestimmt, die Freude am großen Weltaugenblick und am Leben mit ihm zu teilen.

War er dann nach manchem Auftritte derart wieder nüchtern geworden, so verfiel er in tiefsinnige Trauer, und um die Scharte auszuwetzen, beging er allerhand Kraftstücke. Trotz der kühlen Jahreszeit stürzte er sich badend in Teiche und Mühlbäche, so daß man in der Nähe oder Ferne unvermutet seine nackte Gestalt auf- und untertauchen sah. Mit blauem Gesicht und nassen Haaren stellte er sich dann als neu- und wiedergeboren vor, und der Kaplan sowohl als Dortchen und selbst das mutwillige Röschen fanden ihre tägliche Belustigung an seinem Treiben. Der Kaplan wußte bereits, daß die Bauern davon sprachen, den heidnischen Wassermann einmal aufzufischen und mit Haferstroh trocken zu bürsten, und auch hierauf freute er sich im voraus.

Ich aber wurde durch den ganzen Vorgang nicht nur veranlaßt, die eigene Streitlust zu mäßigen, ja sogar mich stillzuhalten, sondern ich fühlte mich beschämt, neben dem sonderbaren Gesellen als ein kaum minder abenteuerlicher Gast dazustehen. Vollends die Art, wie jener sein Auge auf die Schönheit des Hauses geworfen, erinnerte mich daran, daß ich selbst ja das gleiche getan und noch tue, wenn ich auch noch nichts verraten oder zu verraten bis zur Stunde willens gewesen sei. Und das holde Gelächter, welches Dorothea in allen Züchten öfter hören ließ, verdiente ich ja selbst schon in meinem innersten Herzen. Wenn ich aufrichtig gegen mich sein wollte, so mußte ich gestehen, ich sei allein um Dorotheas willen noch dageblieben, nur besaß ich nicht den Mut, es merken zu lassen oder etwas zu hoffen. Ich war also womöglich noch närrischer als der Peter Gilgus.

Ich geriet durch alle diese widersprechenden Empfindungen und Gedanken in eine Art von Erstarrung, in welcher ich mich auf meine Arbeit und das stille Studium der philosophischen Bücher zurückzog, ohne an den Disputationen weiter teilzunehmen. Die Verliebtheit dauerte dabei fort, aber wie das Blühen der Pflanzen, das in eingetretener Frühlingskühle eine Weile unentschieden bei halbgeöffneten Kelchen anhält. Und gleichmäßig verharrte ich in der Verachtung einer Nebenbuhlerschaft, als welche ich das Verhalten des Gilgus hinsichtlich der neuen Weltanschauung sowohl als dem Weibe gegenüber betrachtete, was freilich weder zeitgemäß noch sehr menschlich war.

 << Kapitel 112  Kapitel 114 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.