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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 110
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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11

Dortchen Schönfund

Nach einigen Tagen war ich mit dem Ordnen der Studienblätter und der Wiederherstellung der größeren und kleineren Kartonlandschaften zu Ende. Die letzteren waren vorläufig, bis die aus der Hauptstadt zu beziehenden Einfassungen anlangten, an die ihnen bestimmten Orte gehängt worden, wo der Graf sie abwechselnd mit Zufriedenheit betrachtete. Ohne einen größeren Wert beanspruchen zu können, erhöhten sie in der Tat den malerisch ernsten Anblick des Bibliotheksaales und verschafften mir das wohltuende Gefühl, sie als Zeugnisse ehrlichen Wollens an solcher Stelle gerettet zu wissen, wie ich schon bemerkt habe. Dazu ließ es der Graf nicht an aufrichtigen Äußerungen fehlen.

»Mögen Sie die künstlerische Laufbahn fortsetzen oder nicht«, sagte er, »so werden mir die Bilder fast gleich wert bleiben, im ersten Fall als Wegezeichen eines Entwicklungsganges, im andern als Illustration oder Ergänzung Ihrer Jugendgeschichte, die ich nun durchgelesen habe. Jeder braucht Liebhabereien; die meinigen dehne ich nun aus auf das Wahrnehmen eines Lebensganges, wie der Ihrige sich darbietet. Sie sind ein wesentlicher Mensch, aber Sie leben in Symbolen, sozusagen, und das ist ein gefährliches Handwerk, besonders, wenn es in so naiver Weise geschieht! Doch wollen wir darüber uns jetzt keine grauen Haare wachsen lassen, wenigstens nicht Sie; denn was mich betrifft, so kann ich dies Sprichwort leider nicht mehr gut anwenden. Was mir zunächst obliegt, ist die Vergütung, die ich Ihnen für diesen Schmuck meines Büchersaales zu leisten habe!«

»Das haben Sie ja schon getan!« sagte ich fast erschrocken, daß ich schon wieder Geld erhalten solle, so verdächtig war mir dies ungewohnte Glück; und doch zierte ich mich eher, als daß es mir Ernst war, ohne doch die Ziererei zu beabsichtigen. Denn der Graf dauerte mich in meine eigene Armut hinein ob so starker Ausgaben.

Er rief aber: »Machen Sie keine Umstände, mein Lieber! Es soll nicht ein Kaufpreis sein, denn ich weiß wohl, daß solche Sachen nicht leicht an Mann zu bringen und für jedermann brauchbar wären; es ist vielmehr eine Diskretionsfrage für mich und für Sie eine Notwendigkeit. Da das also so zusammentrifft und außerdem zur Durchführung unseres ungewöhnlichen Abenteuers beiträgt, warum sollten wir demselben die Ehre nicht antun?«

Hiemit schob er mir eine Papierhülle voll Banknoten in die Brusttasche; es war, wie ich später fand, eine gleiche Summe, wie er mir schon ausbezahlt, so daß ich also schon doppelt so reich dastand als nur vor einigen Tagen.

»Nun«, fuhr er fort, »sprechen wir von der Hauptsache, davon nämlich, was Sie beginnen wollen? Ich fühle auch, daß Sie umsatteln sollten; für einen biederen Landschafter ist Ihre Einrichtung zu weitläufig, zu winkelig, zu irrgänglich und unruhig, da muß ein anderer Hausmeister hinein! Aber nicht so trübselig und unfreiwillig muß es geschehen, sondern, wie wir schon gesagt, mit dem Anstand eines freien Entschlusses, der allenfalls auch anders zu fassen war!«

»Dem Anstand ist ja schon Genüge getan durch die Aufnahme, welche Sie meinen zweifelhaften Erzeugnissen gewähren!«

»Nein, in meinem Sinne nicht! Sie müssen sich selbst noch den Beweis leisten, daß Sie, wenn auch nicht glänzend, doch mit Ehren bestehen könnten bei dem Berufe, den Sie gewählt; dann erst mögen Sie sich bedanken und daran vorbeigehen! Malen Sie bei uns ein fertiges Bild, mit gesammelter Kraft, aber leichten Herzens, keck und ohne Sorgen, und ich will wetten, wir verkaufen es!«

Ich schüttelte abermals den Kopf, da ich an die Monate dachte, welche ein solches Unterfangen noch kosten würde.

»Diese Tat«, sagte ich, »selbst wenn sie gelänge, würde ja wieder nichts anderes als eines der Symbole sein, von denen Sie sagen, Herr Graf, daß ich in ihnen lebe, und in diesem Falle eines, das mir doch zu kostspielig wäre! Auch haben Sie selbst mit Ihrer Großmut dahingewirkt, daß die Heimreise mir nun in den Gliedern liegt!«

»Hören Sie an!« versetzte er, »wir wollen ohne längeres Zaudern vorgehen! Aber eine Nacht müssen Sie die Frage noch beschlafen. Machen Sie sich auf morgen früh reisefertig, der Wagen soll bereit stehen; dann bringe ich Sie je nach Ihrem letzten Worte entweder zur Station der nach der Schweiz durchgehenden Post oder wir fahren zusammen nach der Hauptstadt, wo ich ohnedies zu tun habe und Sie die für Ihre Arbeit nötigen Einkäufe besorgen. Soll es gelten?«

Ich schlug ein, zweifelte aber nicht, daß ich den Weg in die Heimat wählen werde.

Diesen Tag sollte das Essen in dem sogenannten Rittersaale eingenommen werden, einem in den oberen Stockwerken liegenden und mir noch unbekannten Raume. Dorothea kam in die Bibliothek, uns das zu verkünden. Es sei dort vermöge der Sonnenseite heute eine so milde Temperatur, daß der Saal nicht brauche geheizt zu werden und der schöne Herbsttag zu den Fenstern hereinspazieren könne. Sie selber sah, wie ich mit stillem Erstaunen wahrnahm, einem hellen Junitage gleich; auch der Graf betrachtete sie überrascht einen Augenblick. Sie war in schwarzen Atlas gekleidet, trug um Hals und Brust eine vornehme Spitzenzierde, und in dieser verlor sich eine Perlenschnur. Die dunkle Lockenlast aber war heut mit besonderem Schwunge nach dem Nacken zurückgeworfen, während die hiedurch zutage tretenden lichten Felder der Schläfengegend dem Kopfe einen Ausdruck von Freiheit, wo nicht von Stolz verliehen.

»Was hast du denn vor, daß du dich so aufgeputzt?« sagte der Graf, »erwartest du Gäste, von denen ich nichts weiß?«

»Nichts weiter hab ich vor«, erwiderte sie, »als daß ich dem schönen Wetter und dem Saale zu Ehren ein bißchen Staat machen will. Dazu hoffe ich, durch das Ensemble aller dieser Dinge unserm Freunde, dem Herrn Lee, einen bunten Eindruck zu verschaffen; vielleicht, wenn er seine Geschichten fortsetzt, beschreibt er es einst auf einer halben Seite, und mit dem Saale schmuggelt sich meine fragwürdige Figur zugleich in das Buch hinein! Heute steht überdies Narzissus im katholischen und im protestantischen Kalender, und da dürfen wir uns allerseits ein wenig der Eitelkeit hingeben, nicht so, Herr Heinrich?«

Obgleich sie diese Rede in einer halb weichmütig ernsten, halb anmutig lächelnden Weise vorbrachte, welche keine bösliche Absicht verriet, so schien mir doch das Wort Narziß eine Stichelei auf die Selbstbespiegelung meines Schreibbuches zu sein, zumal mir nicht recht wohl dabei war, es aus der Hand gegeben zu haben. Aus welcher Tiefe, sei es des Urteils oder des bloßen Scherzes, solche Stichelei aufsteigen mochte, sie dünkte mich gleichermaßen beschämend, und ich fühlte die Röte im Gesicht, ohne ein Wort der Erwiderung zu finden. Sie beachtete das aber nicht und merkte nichts davon, so daß ich ihr wohl zu viel Absicht zugetraut haben mochte.

Der erwähnte Saal war wirklich bunt genug, aber mit Würde und Feierlichkeit. Ein scharlachroter Teppich spannte sich über den ganzen Fußboden; der Plafond war in seiner Länge und Breite von einem einzigen Freskogemälde bedeckt, der Wandraum zwischen demselben und der etwa mannshohen dunkeln Holzbekleidung durchaus mit den Bildnissen der Vorfahren behangen. Über einem schwarzen Marmorkamine türmten sich alte Waffen und Rüstungen empor; andere feinere Waffen glänzten in Glasschränken, besonders kostbare Degen und Schwerter, deren Abbilder man auf manchem Bildnisse ihrer ehemaligen Träger wiedererkannte. Aber es waren auch Waffenstücke aus Jahrhunderten da, in welche keine Bilder zurückreichten. So zeigte ein kleiner dreieckiger Schild noch kaum erkennbar das älteste einfache Wappenschild des Geschlechts, das nur eines von den zwanzig Feldern des jetzigen Wappenschildes ist, auf dessen oberem Rande vier gekrönte Helme sitzen wie vier Hähne auf einer Stange.

Ich konnte mich nicht enthalten, eifrig umherzugehen und die Augen an all den schönen Dingen zu weiden; der Graf erklärte mir ein und anderes, Dorothea brachte Schlüssel herbei und öffnete die wohlverwahrten Schränklein eines großen Büfetts, in welchem ein altertümlicher Silberschatz schimmerte. Andere Schränke waren in das Holzgetäfer der Wände eingelassen und enthielten Handschriften auf Pergament mit glänzenden Miniaturen, viele Urkunden mit hängenden Siegeln in Holz- oder Silberkapseln, auch ohne Kapseln und halb zerbröckelt. Der Graf zog ein paar solcher Urkunden hervor und entfaltete sie; ich konnte sie aber nicht lesen, denn sie stammten aus dem zwölften oder gar elften Jahrhundert und waren kaiserliche Briefe, die sich auf den Fleck Landes bezogen, auf welchem wir standen. Als ich meine Verwunderung über so reiche Erinnerungen und Denkmäler bezeugte, dergleichen ich noch nie gesehen, bemerkte der Graf, er habe eben den ganzen Familienkram in diesem Saale aufgestapelt, wo derselbe sein Dasein genießen möge, ohne die Lebenden auf Schritt und Tritt zu behelligen. Seine Freude daran sei nur eine mäßige und nicht größer, als sie etwa jeder Sammler auch empfinde.

»Ei«, sagte ich, »solche Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit einer langen Vergangenheit, die sich auf uns selbst bezieht, läßt sich doch nicht willkürlich vergessen und verwischen, und man sollte sich ihrer freuen können, ohne sie unfreisinnig zu mißbrauchen!«

»Man sollte es denken; wer aber die Erfahrung davon hat, weiß, daß man unter Umständen der sechs oder sieben Jahrhunderte müde werden kann. Ich habe mir auch schon gewünscht, in einem freien Rechtsstaate einer erhaltenden Aristokratie anzugehören vermöge der Abkunft, das Wort Aristokratie natürlich nur im Sinne erhöhter freiwilliger Leistungen verstanden. Allein das sind Träume, aus verschiedenen Gründen, und so bleibt einem Adelsmüden nur der Ausweg, gelegentlich im allgemeinen Volkstume aufzugehen. Das hat aber auch seine Schwierigkeiten und ist ohne glückliche Ereignisse nicht so leicht auszuführen, und so läßt sich auch hier das Schicksal weniger lenken, als man glauben sollte. Mein Vater, der lediglich durch seine Geburt ein Reiterführer war, ist in der Heeresfolge des französischen Revolutionswesens in Rußland elend ums Leben gekommen. Mein älterer Bruder, der für einen Querkopf galt, ging nach Südamerika, um in seiner Art ein neues Leben zu beginnen; allein da fiel er erst recht dem unvernünftigen Zufall anheim und verlor frühzeitig in dortigen Händeln das Leben. Von einer iberischen Adelsdame, mit der er sich kurz vorher ehelich verbunden haben soll, ist uns niemals eine weitere Nachricht zugekommen. Nun bin ich der Majoratsherr und die ganze Herrlichkeit steht auf meinen zwei Augen, da ich absolut der letzte unserer Linie bin. Hätte ich einen Sohn, so wäre ich schon mit ihm nach der Neuen Welt gegangen, um in der verjüngenden Volksflut unterzutauchen. Für mich allein lohnt es nicht mehr der Mühe, sintemal ich im übrigen mich mit dem Leben nicht unzufrieden fühle! Doch setzen wir uns zu Tisch, da es unserer Dame einmal gefällt, die Ahnfrau zu spielen!«

»Das tu ich! Mir gefällt es einstweilen recht wohl in diesem Saale, der nicht zu unterschätzen ist!« ließ sich Dorothea mit einiger Gemessenheit vernehmen, die mich wieder verlegen machte, weil ich diese neue Laune nicht verstand und sie weder tadeln noch bewundern konnte. Indessen war der Aufenthalt in der Tat feierlich sowohl durch die hereinflutende sonnige Luft als durch den Duft eines feinen Räucherwerkes, das vorher in dem Raum verbrannt worden war. Die Farbenpracht, die uns umgab, schien hiedurch noch an Kraft und Tiefe zu gewinnen.

Nachdem wir eine Weile in mehr abgebrochener flüchtiger Unterhaltung gesessen, wendete sich Dorothea mit freundlich herablassendem, jedoch halb gleichgültigem Wesen, ganz wie eine große Dame, an mich und sagte: »Nun, Herr Lee, auch Sie sind ja nicht unempfindlich für ein gutes Herkommen, und in Ihrem bürgerlichen Stande freuen Sie sich Ihrer wackern Eltern und versichern sich beim Beginn Ihrer Aufzeichnungen, daß Sie wohl auch zweiunddreißig brave Ahnen besitzen; wenn auch unbekannterweise?«

»Allerdings«, gab ich mit Selbstzufriedenheit und gelindem Trotze zur Antwort, »allerdings bin ich auch nicht auf der Straße gefunden!«

Da klatschte sie plötzlich jubelnd in die Hände, indem sie ihre gewöhnliche natürliche Art wieder aufnahm, und rief fröhlich: »Nun hab ich Sie gefangen, mein wohlgeborner Herr! Ich bin nämlich auf der Straße gefunden, wie Sie mich da sehen!«

Ich sah sie verblüfft an und wußte nicht, was das heißen sollte, indessen sie fortfuhr sich zu freuen und sagte: »Ja, ja, mein gestrenger Herr von braver Abkunft! Ich bin das richtigste Findelkind und heiße mit Namen Dortchen Schönfund und nicht anders, so hat mich mein lieber Pflegevater getauft!«

Nun blickte ich verwundert den Grafen an, der lachte: »Ist das also nun das Ziel deines Witzes? Wir mußten nämlich dieser Tage lachen, als wir Ihre Worte lasen: wenn Sie sich selbst bei der Nase nehmen, so seien Sie sattsam überzeugt, daß Sie zweiunddreißig Ahnen besitzen. Als wir dann weiter lasen, wie Sie sich doch nicht enthalten können, über die Vorfahren einige Betrachtungen anzustellen, schmollte unser Kind hier und klagte, daß alle, Adelige wie Bürger und Bauern, sich ihrer Abkunft freuen und nur sie allein sich schämen müsse und gar keine Herkunft habe. Denn ich habe sie wirklich auf der Straße gefunden, und sie ist meine brave und kluge Pflegetochter!«

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