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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 107
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Auf diesen artigen Scherz wußte ich nichts mehr einzuwenden. Doch wollte es mit dem Essen nicht recht gehen; ich empfand auf einmal keinen Appetit, vielmehr bedrückte mich ein Gefühl, als ob ich am unrechten Orte wäre, und wünschte, draußen auf der Landstraße und in der Freiheit zu sein, wußte aber freilich, daß es nicht gut gehen würde. Es wurde mir etwas behaglicher zumute, als ich ein Glas Wein ausgetrunken, das mir Röschen eingeschenkt, mich mit kritischen Äuglein musternd. Dann lehnte ich mich zurück und sah dem Treiben der beiden Personen zu. Das Fräulein hatte sich inmitten des Saales an einen großen runden Tisch gesetzt, und die Gärtnerstochter stand neben ihr. Auf dem Tische befanden sich allerlei Gläser und Krügelchen mit Blumen und bunten Waldsachen, wie sie der Herbst zu bringen pflegt, rote und schwarze Beerenbüschel. Dazwischen lag merkwürdiges, purpurrotes oder goldgelbes Blattwerk, gefiedert und herzförmig, glänzend grüne Efeublätter von besonderer Schönheit, Schilf, alles bereit, zu einem Strauße vereinigt zu werden oder auch so zur Augenweide zu dienen. Die Blumen schienen von dem Kirchhofe zu kommen, wie ich denn sah, daß das Fräulein auch die heute gepflückten eben in ein Glas mit frischem Wasser stellte. Einige Sträußchen waren frisch, andere verwelkt oder halb verwelkt, was anzuzeigen schien, daß die Schöne eine liebevolle Freundin und Pflegerin der Toten sein müsse. Das erinnerte mich an die Sage von der heiligen Elisabeth, die als Kind mit ihren Genossen gern auf Gräbern gespielt und von den Toten gesprochen hatte, und da diese Dorothea selbst in jenen Legenden bewandert war, so verlieh dies alles ihrem Wesen den Goldglanz einer tieferen Gemütsart, während ihr freies und entschiedenes Benehmen die Voraussetzung einer kirchlichen Bigotterie nicht aufkommen ließ.

Ich blickte mit einer Art einschläfernden Wohlgefallens nach dem Tische hin, sah und hörte mit halboffenen Augen und Ohren noch eine Weile, was sie taten und sprachen, ohne darauf zu merken, bis ich wirklich einschlief. Auf einem Stuhle neben sich hatte das Fräulein eine umfangreiche Mappe stehen, aus welcher sie größere und kleinere Blätter nahm, die auf Bogen starken Papieres zu heften sie beschäftigt war, daß die Blätter geschützt und mit einem breiten Rande versehen wurden. Das bewerkstelligte sie mit kleinen Papierstreifchen und etwas arabischem Gummi, und Röschen hielt ihr diese Dinge bereit.

»Nun müssen wir wieder Papier zuschneiden«, sagte sie, als der Vorrat der Unterlagen soeben zu Ende ging. Sie schoben die hindernde Unordnung des Tisches eifrig zur Seite, um Raum zu gewinnen, legten neue Bogen auf und begannen mit ihren Arbeitsscheren darin zu wirtschaften, wie wenn sie Leinwand vor sich hätten und Handtücher zuschnitten. Da das Papier keine leitenden Fäden besaß, so schrumpfte es stellenweise auf der Klinge zusammen, oder die Scheren fuhren ins Krumme, und die Mädchen erlitten allerhand kleinen Verdruß, den sie sich scherzend vorwarfen.

»Ei, Kind«, rief Dorothea, »du machst ja lauter gefranste Ränder, Papa wird unsere Arbeit gewiß kassieren, wenn er sie sieht, und sich endlich selbst dahinter machen!«

»Und du mit deinem Augenmaß! Sieh, wie schief die Landkarte dort sitzt! Da machen wir's besser, der Vater und ich, wenn wir die Gemüsebeete abteilen!«

»So schweig doch, ich weiß es ja schon! Es sind aber auch gar zu große Dinger darunter, man kann sie gar nicht ordentlich übersehen! Da haben wir im Institut vernünftigeres Format gehabt, wenn wir unsere Blumenbildchen malten; nun, der Papa bringt die Sachen nachher schon mit Lineal und Bleistift in die Richte. Die Hauptsache ist, daß wir kein Blatt zu klein schneiden; denn er will alle von der gleichen Größe haben. Er hat schon einen Kasten dafür machen lassen, worin sie liegen sollen wie in Abrahams Schoß; auch ein paar hölzerne Rahmen mit Gläsern hat er für sein Studierzimmer bestellt, um abwechselnd dies oder jenes Blatt darin aufzuhängen, das ihm besonders gefällt. Diese Rahmen werden auf der Rückseite mit bequemen Schiebern versehen sein.«

»Was nur an diesen Sachen zu gucken ist? Zu was braucht man sie denn?«

»Ei, du Närrchen, zum Vergnügen! Man muß sie kennen oder verstehen, das ist das Vergnügen! Siehst du denn nicht, wie lustig dies aussieht, alle diese Bäume, wie das krabbelt und krabbelt von Zweigen und Blättern und wie die Sonne darauf spielt? Und alles das hat einer lernen müssen, um es hervorzubringen!«

Röschen legte die Arme auf den Tisch, neigte das Näschen gegen ein Blatt und sagte: »Wahrhaftig, ja ich seh's! Wie meines Vaters grüne Sonntagsweste! Ist das hier ein See?«

»Warum nicht gar ein See, du Heuschreck! Das ist ja der blaue Himmel, der über den Bäumen steht! Seit wann sind denn die Bäume unten und das Wasser oben?«

»Geh doch, der Himmel ist ja rund und gewölbt, und das Blaue hier ist flach und viereckig, wie unser großer Teich, wo der Herr die jungen Linden drum hat pflanzen lassen. Gewiß hast du das Bild verkehrt aufgeklebt! Wend es einmal um, dann ist das Wasser unten und die Bäume sind ordentlich oben!«

»Ja, auf dem Kopf stehend! Das ist ja nur ein Stück vom Himmel, du Kind! Guck durchs Fenster, so siehst du auch nur ein solches Viereck!«

»Und du Fünfeck!« sagte Röschen und schlug der Herrin mit der flachen Hand sanft auf den Rücken.

Ich schlief über dem Mädchengezwitscher, das sich bis hieher ohne meine Teilnahme mir ins Gehör geschmeichelt, wirklich ein, erwachte aber einige Minuten später über einer ganz nah vor mir stattfindenden wohllautenden Ausrufung meines Namens. Die Gärtnerin hatte nämlich nach einem Weilchen, indem sie das aufgezogene Blatt weglegte, in einer Ecke desselben Namen und Jahreszahl zufällig bemerkt und gesagt: »Was steht denn hier geschrieben?«

»Was wird da stehen!« hatte Dorothea erwidert, »der Name des Künstlers, der die Studien gemacht hat; denn das nennt man Studien, Landschaftsstudien! Heinrich Lee heißt er, alles in dieser Mappe ist von ihm!« Dann hatte sie sich plötzlich selbst unterbrochen, nach mir hergesehen und gerufen: »Wie kann man so gedankenlos sein! Das sind ja meistens Schweizerlandschaften, wie Papa sagt!«

Als ich jetzt die Augen aufschlug, stand sie dicht vor mir und hielt einen großen Bogen, zierlich an den obern Ecken gefaßt, vor der Brust, wie eine Kirchenstandarte, den schönen Mund noch geöffnet von dem Ausrufe: »Herr Heinrich Lee!«

Ich war aber schon so schlaftrunken, daß ich die ersten Augenblicke nicht wußte, wo ich mich befand. Ich sah nur ein reizendes Wesen vor mir stehen, das mit freundlichen Augensternen über ein Bild herblickte. Voll traumhafter Neugierde beugte ich mich vor und starrte auf das Bild, bis mir erst die Waldlandschaft als bekannt erschien und ich mich dann auch meiner Jugendarbeit erinnerte. Es war ein überhöhtes Bild, welches zwischen schlanken Stämmen eine helvetische Schneefirne schimmern ließ. Ich erkannte es besonders auch an einer großen, breit wuchernden Schierlingspflanze, deren weiße auf tiefem Helldunkel schwebende Blütenbüschel hell vom Lichte gestreift wurden. Diese malerische Pflanze hatte mir in jenen vergangenen Tagen so viel Freude gemacht, daß ich sie mit glücklicherem Fleiße als gewöhnlich nachgebildet, und sie war auch so reichhaltig und gelungen in ihren speziellen Stengel- und Blätterkünsten, daß ich nie einer zweiten Schirlingsstudie bedurfte, solang ich dieses Blatt besaß. Auch hatte ich ihr ein wehmütiges Fahrewohl gesagt, als ich mich davon trennte.

Aber von dem Bilde weg blickte ich in das Gesicht hinauf, welches darüber lächelte, und auch dieses erschien mir in dieser Nähe und der glänzenden Beleuchtung des Feuers plötzlich als alt vertraut; und doch wußte ich nicht, wo ich es schon gesehen. Ich sann und sann, denn die Erscheinung reichte über diesen Tag, dessen Erlebnisse mir übrigens auch nicht gleich gegenwärtig waren, in das Vergangene zurück. Unversehens erkannte ich an einem grüßenden Winken der Augen und der geöffneten Lippen das schöne Frauenzimmer, welches einst bei dem alten Trödler ins Fenster geschaut und nach chinesischen Tassen gefragt hatte; und nun zweifelte ich nicht länger, daß ich noch in einem jener Träume von der mißlungenen Heimkehr begriffen sei, und hielt demnach die ganze Erscheinung für ein neckendes Traumbild und meine Gedanken hierüber für das scheinbare Bewußtwerden des Träumenden, der zu erwachen und sich im alten Elende zu finden fürchtet. Da ich aber in der Tat erwacht war und mit lebendigem Verstande arbeitete, so empfand ich alles um so deutlicher und stärker, und als ich den Blick wieder auf die unschuldige Landschaft wandte, in welcher ich jeden bunten Stein und jedes Gras wiederzuerkennen mir bewußt war, wurden mir die Augen naß, und ich drehte den Kopf zur Seite, um das Traumbild verschwinden zu lassen.

Nach Jahren noch entnehme ich dieser kleinen Begebenheit, daß das Erlebte zuweilen doch so schön ist wie das Geträumte, und dabei vernünftiger; und auf die Dauer kommt es ja nicht an.

Dorothea war verstummt und sah mit Rührung und Teilnahme meinem Verhalten zu; sie vermochte sich nicht zu bewegen und verharrte daher eine Minute in ihrer anmutvollen Stellung.

Endlich rief sie wiederholt meinen Namen und sagte: »So sprechen Sie doch! Sind Sie es, der dies gemacht hat?«

Von dem vollen Ton ihrer Stimme ermuntert, stand ich auf, ergriff den Bogen und nahm denselben prüfend in beide Hände. »Gewiß hab ich das gemacht«, sagte ich, »wie kommen Sie dazu?« Zugleich wurde ich nachträglich auch der übrigen Sachen vollständig gewahr, mit denen ich die Frauenzimmer im Halbwachen hatte hantieren sehen; ich ging zum Tische hin, nahm einige Blätter in die Hand, störte auch mit ein paar Griffen in der Mappe herum, alle waren es meine Zeichnungen und Studien; nichts schien zu fehlen, sie lagen beieinander, wie sie einst in meinem Besitz getan.

»Welch ein Abenteuer!« rief ich nun selbst voll Verwunderung; »wer würde glauben, dergleichen zu erfahren!«

Dann blickte ich wieder auf das Fräulein, das meinen Bewegungen mit ebenso gespannter als erfreuter Neugierde und offenen Auges folgte, und ich sagte: »Aber auch Sie hab ich schon gesehen, und ich weiß jetzt, wo Sie die Sachen geholt haben; haben Sie nicht eines Tages dem alten Joseph Schmalhöfer ins Fenster gesehen und nach alten Tassen gefragt, als einer dort auf der Flöte blies?«

»Freilich, freilich!« rief sie; »aber lassen Sie mal sehen!« Ohne sich zu scheuen, schaute sie mich genau an, indem sie die Hände auf meine Schultern legte.

»Wo hab ich heute nur meine Gedanken?« sagte sie mit neuem Erstaunen, »es ist so! Ich habe dies Gesicht gesehen in der Höhle des Hexentrödlers, wie ihn der Vater nennt. ›Und ob die Wolke sie verhülle‹ haben Sie geflötet, nicht wahr, Herr Heinrich – Herr Heinrich Lee? Wie heißt es nur weiter?«

»›Die Sonne bleibt am Himmelszelt! Es waltet dort ein heilger Wille, nicht blindem Zufall dient die Welt!‹ Was soll ich nun davon denken?«

»Nun, wenn wir durchaus Mythologie treiben wollen, so mag die allerliebste Gottheit des Zufalls herrschen, solange sie so artige Streiche macht! Man sollte ihr nur junge Rosen und Mandelmilch opfern, damit sie immer so leicht, so leis und so wohltätig regiert! Jetzt aber sollen Sie auch in aller Ordnung aufgenommen sein, wie es der denkwürdigen Begebenheit und den Umständen gemäß ist! Im Hause hier ist ein einfaches Gastzimmer. Ich will sogleich die nötige Vorkehr treffen, daß Sie sich vorderhand umkleiden können. Bleibe so lang hier, Röschen, daß dem ärmsten Herrn Lee niemand etwas tut!« Worauf sie forteilte.

Ich wußte nicht, ob ich diese neue Wendung für ein Glück erachten sollte, und beschaute seufzend meine Zeichnungen, die ich so unerwartet wiedergefunden, um sie abermals zu verlieren. Das Mädchen Rosine, welches sich schnell in die gute Laune der Herrin gefunden und mich für schüchtern halten mochte, sagte freundlich: »Machen Sie sich gar nichts daraus! Der Herr Graf und das Fräulein tun immer, was ihnen beliebt und was recht ist. Und wie sie es tun, so meinen sie es auch und kümmern sich nicht um das, was andere Herrschaften sagen.«

»Also bin ich gar noch bei einem Grafen?« versetzte ich mehr erschrocken als angenehm überrascht.

»Das wissen Sie nicht? Beim Grafen Dietrich zu W...berg.«

Da kam nun nach allem noch die Unkunde hinzu, mit Leuten mir gänzlich fremder Rangklassen umzugehen; ich hatte in meinem Leben nie mit einem sogenannten Grafen verkehrt und hegte abenteuerliche Vorstellungen von den persönlichen Lebensarten und Ansprüchen solcher Herren, die meinen angebotenen bürgerlichen Gleichheitssinn beeinträchtigten. Bedachte ich aber, daß ich, selbst wenn der Hausherr ein Bauer wäre, in meinen Schuhen schon nicht mehr auf gleichen Füßen mit ihm stände, so geriet ich in neue Verwirrung über die Wendung, die meine Wanderschaft genommen. Das Mädchen fuhr jedoch gutmütig fort, mir Mut einzuflößen.

»Der Herr wird sich ganz gewiß verwundern und freuen, Sie so unvermutet zu finden; denn als er seinerzeit die ersten Bilder aus der Residenz gebracht und später immer noch welche anlangten, hat die Herrschaft sie alle Tage betrachtet, und die Mappe mußte immer bereit stehen.«

Nach einiger Zeit kam Dortchen zurück. »Tun Sie mir nun den Gefallen und gehen Sie eine Treppe höher!« sagte sie; »Röschen wird Ihnen hinaufleuchten und ihr Vater die weitere Handreichung tun. Machen Sie sich's so bequem, als es in der Schnelligkeit möglich ist, damit Sie in guter Verfassung noch den Papa begrüßen können und ich keinen Verweis wegen versäumter Menschenpflichten erhalte!«

Ich ergriff meine Reisetasche, welche mir Röschen jedoch abnahm und nebst einem Leuchter vorantrug, und so wanderte ich in Gottes Namen in den oberen Stock des Gartenhauses und in die Wohnstube des Gärtners. Dieser saß mit dem Küster beim Abendtrunk und empfing mich schon als einen Ankömmling, bei dem alles in Ordnung ist; auch der Küster betrachtete mich jetzt als einen Gast, der wohl empfohlen und erwartet wurde, sich aber offenbar mit der Art seines Auftretens einen eigentümlichen Scherz gemacht hat. Der Gärtner führte mich noch einige Stufen höher, wo auf der dem Schlosse zugewendeten Rückseite des Gartenhauses ein auf hölzernen Säulen ruhendes Sälchen hinausgebaut war. Dies angehängte Lustgebäudchen war außen von den Säulenfüßen bis zum Dache mit purpurrotem Geißblatt bekleidet; inwendig enthielt das Gemach ein Bett und anderes Geräte in so genügender Wahl, daß man nicht nur Nächte, sondern auch Tage darin wohnen konnte.

Auf Stühlen lagen schon bequemliche Kleidungsstücke bereit, deren mich zu bedienen der Gärtner die Einladung ergehen ließ. Um sie nicht anziehen zu müssen, zog ich jedoch vor, mich gleich zu Bette zu legen, zumal ich die Augen zu schließen wünschte, und bat den Gärtner, meine nassen Kleider zu holen, sobald jenes geschehen sei, damit sie getrocknet und gereinigt würden. Als ich nach allem diesem endlich im Dunkeln lag, hörte ich Geräusch von Pferden und Wagen, auch Gebell von Hunden. Das war ohne Zweifel der heimkehrende vornehme Herr, vor welchen heute nicht mehr hintreten zu müssen ich als schätzbaren Aufschub betrachtete.

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