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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 106
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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9

Das Grafenschloß

So ging es bis zur Abenddämmerung, wo die Ermüdung, Frost und jegliche Schwäche so überhandnahmen, daß ein moralischer Zusammenbruch nur durch die ärgerliche Betrachtung verhindert wurde: es könne ja keine Rede davon sein, etwa umzukommen oder unterzugehen, und das schlechte Abenteuer wäre also als bloße Variation durchaus entbehrlich. Ich raffte mich nochmals zusammen und bekam wieder die Oberhand.

Endlich trat ich aus den Forsten heraus und sah ein breites Tal vor mir, in welchem ein großes Herrengut zu liegen schien; denn schöne Parkbäume zeigten sich anstatt des Waldes und umgaben eine Dächergruppe, und weiterhin lag zwischen Feldern und Weidegründen eine weitläufige Dorfschaft zerstreut. Zunächst vor mir sah ich eine kleine Kirche stehen, deren Türen geöffnet waren.

Ich ging hinein, wo es schon ziemlich dunkel war und das ewige Licht wie ein trübrötlicher Stern vor dem Altare schwebte. Die Kirche war offenbar sehr alt, die Fenster zum Teil noch aus gemalten Scheiben bestehend und Wand und Boden mit Grabsteinen und Mälern bedeckt.

Hier will ich die Nacht zubringen, sagte ich zu mir selbst, und mich im Schatten dieses Tempels ausruhen!

Ich setzte mich in einen schrankartigen Beichtstuhl, in welchem ein dickes Kissen lag, und wollte eben das Vorhängelchen zuziehen, um augenblicklich einzuschlafen, als eine Hand das grüne Seidenfähnchen festhielt und der Küster, der mir in weichen Hausschuhen nachgegangen, vor mir stand und sagte: »Wollt Ihr etwa hier übernachten, guter Freund? Ihr könnt nicht dableiben!«

»Warum nicht?« sagte ich.

»Weil ich sogleich die Kirche schließen werde! Geht nur hinaus!« erwiderte der Küster.

»Ich kann nicht gehen«, sagte ich, »laßt mich hier sitzen, nur einige Stunden, die Mutter Gottes wird es Euch nicht übelnehmen!«

»Geht jetzt sogleich!« rief er, »Ihr könnet durchaus nicht hier bleiben!«

Ich schlich also trübselig aus der Kirche, und der wachsame Seilzieher machte sich daran, die Türen zu verschließen. Ich stand jetzt auf dem Kirchhofe, welcher einem wohlgepflegten Garten glich; jedes Grab war für sich oder mit andern zusammen ein Blumenbeet, in freier Anordnung; besonders die Kindergräblein waren anmutig verteilt, bald als eine kleine Versammlung auf einer Raseninsel, bald einsam in einem lieblichen Schmollwinkel unter einem Baume, bald zwischen Gräbern der Alten, gleich Kindern, die den Müttern an der Schürze hangen. Die Wege waren mit Kies bedeckt und sorgfältig gerechet und führten ohne Scheidemauer unter die dunkeln Bäume eines Lustwaldes, Ahorne, Ulmen und Eschen. Der Regen hatte nachgelassen; doch fielen noch zahlreiche Tropfen, indes im Westen ein Streifen feurigen Abendrotes lag und einen schwachen Schein auf die Leichensteine warf. Ich ließ mich unwillkürlich auf eine Gartenbank nieder, die mitten in den Gräbern stand.

Da kam ein schlankes weibliches Wesen aus dem tiefen Schatten der Bäume hervor, mit raschen Schritten, welches reiche dunkle Locken im Winde schüttelte und mit der einen Hand eine Mantille über der Brust zusammenhielt, während die andere einen leichten Regenschirm trug, der aber nicht aufgespannt war. Diese sehr anmutige Gestalt eilte gar wohlgemut zwischen den Gräbern herum und schien dieselben aufmerksam zu besichtigen, ob die Gewächse von Sturm und Regen nicht gelitten hätten. Hie und da kauerte sie nieder, warf den leichten Schirm auf den Kiesweg und band eine flatternde Spätrose frisch auf oder schnitt mit einem glänzenden Scherchen eine Aster oder dergleichen ab, worauf sie weitereilte. Erschöpft, wie ich war, sah ich die schöne Erscheinung vor mir hinschweben und dachte nicht viel dabei, als der Küster wieder zum Vorschein kam.

»Hier könnt Ihr auch nicht bleiben, guter Freund!« redete er mich abermals an, »dieser Gottesacker gehört gewissermaßen zu den herrschaftlichen Gärten, und kein Fremder darf sich da zur Nachtzeit herumtreiben.«

Ich antwortete gar nichts, sondern sah ratlos vor mich hin; denn ich konnte mich beinah nicht entschließen aufzustehen.

»Nun, hört Ihr nicht? Auf! Steht in Gottes Namen auf!« rief er etwas lauter und rüttelte mich an der Schulter, wie man einen auf der Wirtsbank Eingeschlafenen aufmuntert.

In diesem Augenblicke kam die Dame in die Nähe und hielt ihren sorglosen Gang an, um dem Handel zuzuschauen. Ihre Neugierde war von so kindlich anmutiger Gebärde und die Person so schönäugig, soviel in der Dämmerung zu sehen, von so unverhohlener natürlicher Freundlichkeit, daß ich für den Augenblick neu belebt mich erhob und mit dem Hut in der Hand vor ihr stand. Ich schlug jedoch verlegen die Augen nieder, als sie mich in meinem durchnäßten und beschmutzten Aufzuge aufmerksam betrachtete.

Inzwischen sagte sie zu dem Kirchendiener: »Was gibt es hier mit diesem Manne?«

»Ei, gnädiges Fräulein!« antwortete der Küster, »Gott weiß, was das für ein Mensch mag sein! Er will durchaus hier einschlafen; das kann doch nicht geschehen; und wenn er ein armer Vagabund ist, so schläft er gewiß besser im Dorf in irgendeiner Scheuer!«

Die junge Dame sagte freundlich, zu mir gewendet: »Warum wollen Sie denn hier schlafen? Lieben Sie die Toten so sehr?«

»Ach, mein Fräulein«, erwiderte ich aufblickend, »ich hielt sie für die eigentlichen Inhaber und Gastwirte der Erde, die keinen Müden abweisen; aber wie ich sehe, sind sie nicht viel vermögend und wird ihre Intention ausgelegt, wie es denen gefällt, die über ihren Köpfen einhergehen!«

»Das sollen Sie nicht sagen«, versetzte lächelnd das Fräulein, »daß wir hierzulande schlimmer gesinnt seien als die Toten! Wenn Sie sich nur erst ein bißchen ausweisen wollen und sagen, wie es Ihnen geht, so werden Sie uns Lebendige hier schon als leidliche Leute finden!«

»Darf ich Ihnen zum Anfang meine Schriften vorweisen?«

»Die können falsch sein! Verfahren Sie lieber mündlich!«

»Nun, ich bin guter Leute Kind und eben im Begriff, so sehr ich kann zu laufen, woher ich gekommen bin! Leider geht es nicht unaufgehalten, wie es scheint!«

»Und woher kamen Sie denn?«

»Aus der Schweiz. Seit einigen Jahren lebte ich als Künstler in Ihrer Hauptstadt, um zu entdecken, daß ich keiner sei. So bin ich nun ohne bequeme Reisemittel auf dem Heimwege und glaubte, ohne jemandem lästig zu fallen, nur so durchlaufen zu können. Das hat der Regen verhindert; darum hoffte ich ungesehen die Nacht in dieser Kirche zuzubringen und in aller Frühe still weiterzuziehen. Wenn hier ganz in der Nähe ein Vordach oder ein offener Schuppen ist, denn weiter kann ich nicht mehr, so befehlen Sie großmütig, daß man mich dort ruhen läßt und tut, als ob ich gar nicht da wäre, und am Morgen werde ich dankbar wieder verschwunden sein!«

»Sie sollen ein besseres Quartier haben, kommen Sie jetzt mit mir, ich will es vorläufig über mich nehmen, bis mein Vater erscheint, der bald von seiner Jagdpartie zurückkehren wird.«

Obschon ich vor kalter Nässe schlotterte, seit ich dastand, zögerte ich doch, ihr zu folgen. Als das Fräulein mich wartend ansah, bat ich um Entschuldigung, ich sei trotz meiner wunderlichen Lage kein Bettler, und ihr Anerbieten kreuze meinen Plan, ohne fremde Hilfe nach Hause zu gelangen.

»Sie sind aber ja ganz durchnäßt und frieren wie ein Pudel, mein stolzer Herr! Wenn Sie im Freien bleiben, so können Sie bis zum Morgen das schönste Fieber haben und sind dann erst recht verhindert, ohne Hilfe und Pflege weiterzukommen. Sie sollen sich vorderhand auch nur in einem Gartenhause aufhalten, wo ich den Tag zugebracht habe und ein warmes Feuer brennt. So sperren Sie sich denn nicht länger, damit wir Sie nach Ihrem Wunsche am sichersten und aufs bäldeste wieder loswerden! Und Ihr, Küster, folgt uns als dienstbare Begleitung zur Strafe dafür, daß Ihr diesen frommen Pilgrim so ungastlich behandelt habt!«

»Und was würde man mir sagen, gnädigstes Fräulein«, brummte der Küster ganz unwirsch, »was würde man mit mir anfangen, wenn ich nachts die Kirche offen ließe oder einen Fremden darin einschlösse? Hat man noch nie von nächtlichem Kirchenraub gehört? Wurden noch keine Leuchter, Kelche und Patenen gestohlen?«

Hier mußte ich lachen und sagte: »Haltet Ihr mich für einen Shakespeareschen Bardolph, der in Frankreich wegen der gestohlenen Monstranz gehenkt wurde?«

»Nachdem er schon in England einen Lautenkasten entwendet, zwölf Stunden weit getragen und für drei Kreuzer verkauft hatte?« fügte das vortreffliche Frauenzimmer bei, indem sie mit einem hellen Antwortlachen mich anblickte. Da versetzte ich meinerseits: »Wenn Sie im Gebrauch gemeinschädlicher Zitate so schlagfertig sind, darf ich es doch wagen, Ihnen zu folgen; denn wir gehören ja einem öffentlichen Geheimorden an, der sein Dasein billig durch gegenseitiges Wohltun nützlich machen mag.«

»Sehen Sie, so hat alles in der Welt seine gute Seite!« sagte sie und schritt vorwärts; ich ging mit und der Küster folgte uns verblüfft und mißtrauisch durch den dunkeln Park. Bald leuchteten durch die Bäume die erhellten Fenster eines geräumigen Gartenhauses, das in einiger Entfernung vom Wohngebäude stehen mochte. Wir traten in einen kleinen Saal, der nur durch eine Glastüre vom Parke getrennt war; ein schönes Feuer brannte im Kamin, die Dame rückte einen Lehnstuhl von Rohrgeflecht herbei und forderte mich auf, nunmehr auszuruhen. Ohne Säumen setzte ich mich in den Stuhl, fand mich aber durch meine unförmige Reisetasche einigermaßen belästigt.

»So legen Sie doch die Tasche ab!« sagte die Herrschaftstochter, »oder tragen Sie wirklich einen gestohlenen Lautenkasten darin herum, weil Sie sich nicht davon trennen können?«

»Es ist so was!« meinte ich dagegen, entledigte mich aber des von dem Schädel geschwollenen Umhängsels, welches der Küster auf einen Wink des Fräuleins mit abnahm und in einen Winkel lehnte. Mit der Fußspitze befühlte er dabei fast unmerklich die rundliche Erhöhung, ob nicht wenigstens eine geraubte Melone dahinter stecke, da er aus dem Lautenkasten nicht klug wurde.

Das Fräulein, das inzwischen sich zu schaffen gemacht, kam jetzt wieder, stellte sich vor mich hin und frug mitleidig: »Wie heißen Sie denn? Oder wollen Sie ganz inkognito reisen?«

»Heinrich Lee«, sagte ich.

»Herr Lee, geht es Ihnen durchaus schlecht? Ich habe keinen rechten Begriff davon. Sie sind doch am Ende nicht so arm, daß Sie auch nichts zu essen haben?«

»Es hat nichts zu bedeuten, aber im Augenblicke ist es allerdings so; denn wenn ich mehr als einmal im Tag esse, so reicht meine Kriegskasse nicht aus, bis ich nach Hause komme.«

»Aber warum tun Sie das? Wie kann man sich so der Not aussetzen?«

»Nun, mit Absicht habe ich es gerade nicht getan; da es aber einmal so ist, so nehme ich es sogar dankbar hin, insoweit der Zwang einen Dank verdient. Man lernt an allem etwas. Für Frauen sind dergleichen Übungen nicht notwendig, da sie immer nur tun, was sie nicht lassen können; für unsereinen sind so recht handgreifliche Exerzitien gut; denn was wir nicht sehen und fühlen, sind wir selten zu glauben geneigt oder halten es für unvernünftig und nicht der Beachtung wert!«

Sogleich holte sie mit Hilfe des Küsters einen kleinen Tisch herbei, auf welchem ein paar Teller mit einigem Essen standen.

»Hier ist zum Glück gerade mein Abendbrot. Nehmen Sie vorläufig etwas zu sich, bis Papa nach Haus kommt und für Sie sorgt. Geht schnell ins Haus hinüber, Küster, und laßt Euch von der Haushälterin eine Flasche Wein geben, hört Ihr? Trinken Sie lieber weißen oder Rotwein, Herr Lee?«

»Roten!« sagte ich unhöflich, weil ich jetzt wieder verlegen war, in diesem Zustande zwischen einem hilfsbedürftigen und unbekannten Landfahrer und einem gut behandelten Angehörigen der Gesellschaft das rechte Wort zu treffen.

»So soll man Euch von unserm roten Tischwein geben«, rief sie dem abgehenden Küster nach und zog dann an einer Klingelschnur, worauf ein ländlich gekleidetes Mädchen herbeigelaufen kam, welches von meinem Anblick überrascht stehen blieb und mich mit Erstaunen betrachtete. Es war die Tochter eines Gärtners, der unter dem gleichen Dache seine Wohnung hatte; wie sich mit der Zeit ergab, stellte sie die Dienerin und Vertraute des Fräuleins in einer Person vor und stand mit der Herrentochter auf du und du.

»Wo steckst du, Röschen?« rief die letztere, »hurtig, zünde Licht an, wir haben eine Heimsuchung und bleiben vorerst noch hier!«

Ich unterdessen hatte Gabel und Messer ergriffen, um einer Schnitte kalten Bratens zuzusprechen, war aber neuerdings verlegen. Das silberne Werkzeug war ein offenbar lange gebrauchtes Kinderbesteck; auf der kleinen Gabel war in gotischer Schrift der Name »Dorothea« sauber eingegraben, und da das neu angekommene Röschen die Herrin soeben Dortchen nannte, hielt ich unzweifelhaft ihr eigenes Eßgeräte in der Hand. Ich legte dasselbe nieder; Röschen bemerkte gleichzeitig den Umstand und rief: »Was machst du denn, Dortchen? Du hast ja dem Manne dein eigenes Besteck gegeben!«

Leicht errötend sagte das sogenannte Fräulein Dortchen: »Wahrhaftig, so geht es, wenn man zerstreut ist! Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit meinen Kinderwaffen versehen habe! Sollten Sie indessen nicht davor ekeln, so dürften Sie nur ruhig fortfahren, und ich selbst gewänne das Ansehen einer heiligen Elisabeth, welche die Armen aus ihrem eigenen Teller speist.«

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