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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 105
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Der Wald nahm ein Ende, und ich trat in eine weite deutsche Herbstmorgenlandschaft hinaus. Waldige und dunkle Gebirgszüge streckten sich am Horizont; durch das Land wand sich ein rötlicher Fluß, weil der halbe Himmel im Morgenrot flammte und die purpurn angeglühten Wolkenschichten über Feldern, Höhen, Dörfern und einer betürmten Stadt hingen. Die Nebel rauchten an den Waldhängen und zu Füßen der schwarzblauen Berge. Schlösser, Stadttore und Kirchtürme glänzten rot; dazu entrollte sich ein hallender Jagdlärm in den Wäldern, Hörner tönten, Hunde musizierten fern und nah, und ein schöner Hirsch sprang an mir vorüber, als ich eben den Forst verließ.

Das Morgenrot verkündete freilich ein nasses Abendrot und gab mir keine gute Aussicht. Wenn ich meinen Wanderplan innehalten wollte, so durfte ich nicht daran denken, ein Nachtlager zu suchen, weil das mich für einen Tag der Nahrung berauben konnte. Ich dachte daher mit einigem Schrecken an die kommenden Fluten, und daß ich durchnäßt die zweite Nacht hindurch wandern müsse. Die Nässe und der Schmutz besiegeln jeglichen schlechten Humor des Schicksals und nehmen dem Verlassenen noch den letzten Trost, sich etwa auf die mütterliche Erde zu werfen, wo es niemand sieht. Überall kältet ihm die unerbittliche Feuchte entgegen, und er ist genötigt, aufrecht zu bleiben.

In wenigen Stunden verhüllte auch ein graues Nebeltuch alles Licht, und das Tuch begann sich langsam in nasse Fäden zu entfasern, bis ein gleichmäßiger starker Regen weit und breit herniederfuhr, der den ganzen Tag anhielt. Nur manchmal wechselte das naßkalte Einerlei mit noch kräftigeren Regengüssen, die vom Winde gepeitscht einen bewegteren Rhythmus in das Wasserleben brachten, das Land und Wege überschwemmte. Ich schritt unverdrossen durch die Fluten, froh, daß ich meinen neuen Anzug von tüchtigem Stoffe gewählt, der etwas aushielt. Erst zur Mittagszeit, dann aber pünktlich, kehrte ich in einem Dorfe ein und aß eine warme Suppe mit etwas Fleisch und Gemüse, nebst einem großen Stück Brot. Auch ruhte ich eine Stunde und ging darauf wieder in den Regen hinaus. Denn wenn ich in acht Tagen, welche ich mindestens brauchte, nach Hause gelangen wollte, so mußte ich mich genau in jeder Hinsicht an die vorgesteckte Ordnung halten und durfte dabei nicht einmal erschöpft oder gar krank werden. Nur so blieb ich bis zuletzt Meister meiner selbst und hatte niemanden zu fürchten.

Nach einigen Stunden ging ich abermals auf einem Waldwege, immer bestrebt, die große Hauptstraße zu erreichen, mit deren Längsachse meine Richtung allmählich wieder zusammenfallen mußte. Als ich abseits vom Wege eine große Buche sah, deren gelbes Laub noch genügend dicht saß, ging ich hin und fand auf einer ihrer aus dem Boden ragenden Wurzeln eine ziemlich geschützte Ruhestelle und ließ mich nieder. Da kam ein altes Mütterchen dahergetrippelt, welches mit der einen Hand ein elendes Bündelchen kurzen Reisigs auf dem grauen Kopfe trug, dessen Haare so rauh und zerzaust waren, wie das Gestrüppe darauf; mit der anderen Hand schleppte sie mühselig ein abgebrochenes kleines Birkenbäumchen hinter sich her. Mit zitternden Schrittchen zerrte sie emsig und keuchend, viele ängstliche Seufzer ausstoßend, den widerspenstigen Busch über alle Hindernisse weg, gleich der Ameise, die einen zu schweren Halm nach dem Bau schafft. Ich sah dem armen Weibe voll Mitleid zu und mußte mir gestehen, daß es dieser Kreatur wohl noch schlimmer ging als mir, und sie doch nicht rastete, sich zu wehren. Und doch war ich wiederum elend genug daran, da ich ihr nicht einmal irgend etwas helfen oder geben konnte. Wie ich über diese Ohnmacht beschämt hinstarrte, kam soeben ein Waldhüter des Weges, wohl so alt wie das Weib, aber mit rotem Gesicht, großem Schnurrbart, kleinen Ringen in den Ohren und töricht rollenden Augen. Der machte sich sogleich über die Frau her, welche den Busch erschrocken fahren ließ, und schrie: »Hast wieder Holz gestohlen, du Strolchin?«

Bei allen Heiligen beteuerte die Alte, daß sie das Birkenbäumchen also geknickt auf dem Wege gefunden habe. Er rief aber: Lügen tust du auch noch? Wart, ich will dir's austreiben!«

Und der alte Mann nahm die alte Graue beim vertrockneten Ohr, das unter einem verschobenen Kattunkäppchen hervorguckte, zerrte sie daran und wollte sie dergestalt mit sich fortschleppen, daß es unnatürlich anzusehen war. Durch einen plötzlichen Einfall erleuchtet, holte ich meinen Totenkopf aus der Reisetasche, stülpte ihn auf den Stock und streckte ihn durch das Laubwerk des Unterholzes, hinter welchem ich selbst verborgen war. Zugleich rief ich mit zorniger Stimme: »Laß das Weib gehen, du schlechter Kerl!« und schüttelte den Schädel ein wenig, daß die Zähne zusammenklappten und das Laub raschelte, aus welchem er hinausguckte. Es mußte für die Leutchen draußen aussehen, wie wenn der Tod in dem Busch wäre.

Der Waldhüter blickte nach dem Orte hin, woher die Stimme erscholl, erstarrte förmlich, wurde fahl wie schlechtgebackenes Brot und ließ das Ohr des Mütterchens fahren. Ich zog das Gespenst sachte zurück; der Waldhüter starrte bewegungslos her; als ich es aber weiter oben aus dem Gebüsche tauchen ließ, irrten seine rundlichen Augen ihm dorthin nach, worauf er, so schnell ihn die schlotternden Beine tragen wollten, sich davon machte, ohne einen Laut von sich zu geben. Erst in bedeutender Entfernung, wo der Weg sich abbog, blieb er einen Augenblick stehen und schaute behutsam zurück. Da ließ ich den Schädel etwas wackeln, und sogleich verschwand der Flüchtling um die Ecke und war nicht mehr zu sehen. Er hatte freilich durchaus keinen Grund anzunehmen, daß bei diesem Wetter und zugunsten des armen Weibchens ein bloßer Hokuspokus im tiefen Wald aufgeführt werde, und überdies zeigten die Ohrringe genugsam an, daß er ein abergläubischer Mensch war. Das alte Mütterchen, das in seinem Schrecken nichts als die Flucht des Peinigers gesehen, wußte nicht, wie ihm geschah, ließ alles liegen und machte sich ebenfalls aus dem Staube; mit den zitternden Händen ruderte sie eifrig in der Luft und redete vor sich hin.

Meinesteils packte ich das alte gelbliche Kopfgeräte wieder ein, das so gute Dienste geleistet. Ich war von dem Scherze ordentlich erwärmt worden und ruhte noch ein Weilchen aus, wie ein Sieger auf dem Kampfplatz, mit dem erquicklichen Gefühle, daß selten einer so übel daran sei, der nicht durch irgendeine kleine Wendung über die Dinge gestellt werden könne. Ich betrachtete in Gedanken den aus dem Felde geschlagenen Unhold und bemühte mich, die Grundlage seines bestialischen Wesens aufzufinden. Ich sah die rund glänzenden Augen, die hochroten Gesichtspolster, den grauen, trefflich gepflegten Schnurrbart, die blanken Knöpfe seines Dienstrockes und glaubte zu fühlen, daß das Fundament all des anmaßlich brutalen Gebausches eine grenzenlose Eitelkeit sei, die sich, als einem dumm rohen Menschen innewohnend, nicht anders als in solcher Weise zu äußern wußte.

Dieser Kerl, dachte ich, welcher vielleicht der sorglichste Vater und Gatte ist und ein guter Gesell unter seinesgleichen, insofern er nur nicht im Prahlen und Ausbreiten seiner Art behindert wird, dieser Kerl gefiel sich ausnehmend wohl und hielt sich nach Maßgabe seiner Dummheit für einen Helden, als er das schwache Weib am Ohr zerrte. Nicht daß er etwa in der Kirche oder im Beichtstuhle nicht zuweilen einsähe, daß er fehlbar sei; der Rausch der Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ist es, der ihn alle Augenblicke fortreißt und seinem Götzen frönen läßt. Um so genauer sieht er das Laster an seinem Vorgesetzten, dieser an dem seinigen, und so stufenweise fort, indem einer es am andern gar wohl bemerkt, aber nie unterläßt, der eigenen Unart voll Wut den Zügel schießen zu lassen, um nicht zu kurz zu kommen und sich herrlich darzustellen. Alle die tausend voneinander Abhängigen, die sich gegenseitig so erziehen, streichen ihre grauen Schnurrbärte und lassen die Augen rollen, nicht aus Bosheit, sondern aus kindischer Eitelkeit. Sie sind eitel im Befehlen und im Gehorchen, eitel im Stolz und in der Demut; sie lügen aus Eitelkeit und sagen die Wahrheit nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie ihnen für diesmal gut ansteht. Neid, Habsucht, Hartherzigkeit, Verleumdungssucht, Trägheit, alle diese Laster lassen sich bändigen oder einschläfern; nur die Eitelkeit ist immer wach und verstrickt den Menschen unaufhörlich in tausend lügenhafte oder wenigstens unnötige Dinge, Brutalitäten und kleinere oder größere Gefahren, die alle zuletzt ein ganz anderes Wesen aus ihm machen, als er eigentlich zu sein wünscht. Das ist dann die Folge, eine krankhafte Abirrung von seinem Selbst, statt der angestrebten Befestigung desselben.

Das ist aber nur die gröbere Hälfte, die Schar der Armen im Geiste. Die feinere Hälfte, die Schar der Begabten und Gebildeten irrt nicht von sich ab, die hat einen Zaubersegen, der heißt: Wir wissen es und wollen es sein, nämlich eitel! »Die unschuldige Eitelkeit, sie ist die gutartige Verzierung des Daseins! Das goldene Hausmittelchen der Menschlichkeit und das Gegengift für die grobe, bösartige Eitelkeit! Die schöne Eitelkeit, als die zierliche Vervollkommnung und Ausrundung des eigenen Wesens, bringt alle Keimlein zum Blühen, die uns brauchbar und annehmlich machen für die Welt; sie ist zugleich der feinste Richter und Regulator ihrer selbst und treibt uns an, das Gute und Wahre, das sonst verborgen bliebe, in edler Gestalt an den Tag zu bringen. Selbst Christus war ein bißchen eitel, denn er hielt Haar und Bart gelockt und ließ sich die Füße salben!«

So klingt dieses schöne Lied, und diese Eitelkeit ist erst der wahre Moloch, dessen gelindes Feuer Menschen und Kieselsteine frißt. Er bleibt stets er selbst, der Moloch, und fürchtet sich nicht und lächelt sein ehernes Lächeln, während sein heißhungriger Bauch glüht. An ihm versengen sich Freundschaft, Liebe, Freiheit und Vaterland und alle guten Dinge, und wenn er nichts mehr zu fressen hat, wird er ein kalter Ofen voll Asche.

Während dieser eifrigen Predigt, die ich mir selber hielt, war ich weitergewandert, und da mir das Gedankenspinnen die kühle Zeit vertrieb, so setzte ich es fort. Ich prüfte nun mich selber und meine Manieren und untersuchte für den Fall, daß ich von dem Laster mäßig frei sein sollte oder je würde, die Stellung, in welcher man sich der eitlen Welt gegenüber befindet. Gewiß ist, dachte ich, daß die Eiteln die Sklaven der Freien sind, um deren Beifall sie buhlen; aber Sklaven empören sich und werden grausam wie die Neger von St. Domingo. In beiden Fällen gilt es, durch sie hindurchzugehen und mit ihnen auszukommen, ohne Schaden an der Seele oder am Leibe zu nehmen. Aber warum soll man sich denn von ihnen unterscheiden, sich über sie erheben? Um auf dieses Erhobensein selbst wieder eitel zu werden?

Hier befand ich mich in einer Sackgasse, und indem ich den Ausgang suchte, wurde die Grübelei von einem Windstoße unterbrochen, der einen Baum so gewaltig schüttelte, daß dieser seine aufgesammelten Wasser mir jählings auf Schultern und Rücken warf. Ich schüttelte mich ebenfalls und sah mich nach einer Zuflucht um, die aber nicht vorhanden und mir auch nicht gestattet war. Dennoch verlangte mich nach irgendeiner Erleichterung; zuletzt fand ich dieselbe in dem Zwiehanschädel, der mehr seiner unbequemlichen Form als seines Gewichtes wegen mich zu drücken begann. Allein im Begriff, ihn seitwärts in einem Dickicht, sachte niederzulegen, überkam mich plötzlich der Wunsch und das Bedürfnis, in meiner Zwangslage etwas Freiwilliges zu tun und mich dadurch, wenn auch nur eines Daumens hoch, über dieselbe emporzuheben. Also packte ich den asketischen Gegenstand wieder auf und setzte die mühselige Wanderschaft fort, die mich zum Überfluß noch auf allerlei verlorene und schwierige Pfade brachte.

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