Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gottfried Keller >

Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 100
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
Schließen

Navigation:

6

Heimatsträume

Der Tod war in dem Hause eingekehrt, in welchem ich wohnte; ich mußte ihm sozusagen auf der Treppe begegnet sein. Am Nachmittage war die Wirtin in die Wochen gekommen, und nun lag sie mit zerstörtem Leben in der matt erleuchteten Stube neben einem toten Kinde. Ich mußte an der offenen Türe vorübergehen; eine Wehmutter und eine Nachbarin räumten auf und beschwichtigten die weinenden Kinder, die aus ihrer Schlafkammer hervorgebrochen waren. Auf einem Stuhle saß der kurz vor mir heimgekehrte Mann, der seit dem Mittage den Aufzügen und Lustbarkeiten nachgegangen und erst kurz vor mir angekommen, da man ihn an den gewohnten Orten nirgends hatte finden können. Er übte seinen Beruf außer dem Hause auf mir unbekannte Art, und was er verdiente, brauchte er zum größten Teil für sich allein. Die tote Frau war der Eckstein und die Erhalterin der Familie gewesen.

Nun saß der Mann wortlos, ratlos und bleich mitten in dem Jammer; denn die Röte der herumschweifenden Heiterkeit war gründlich aus seinem Gesichte gewichen, und statt den Schlaf suchen zu können, mußte er wach bleiben, ohne zu nützen oder zu helfen. Er betrachtete mit scheuem Blicke das in ein Tüchlein gewickelte undeutliche Wesen, welches in einem Getümmel von Schmerzen und Leiden vergangen war, noch eh es den Tag gesehen. Er schüttelte schaudernd den Kopf und schaute auf die Mutter; die lag starr und teilnahmslos, wie es einer erfahrenen Toten geziemt; weder Mann, noch Kinder, noch Nachbarn rührten sie; selbst das Kleine an ihrer Seite ging sie nichts an, trotzdem sie vor kurzem noch ihr Leben für dasselbe geopfert hatte.

Die Kinder, welche während der Todesnot eingesperrt und vernachlässigt worden, hungerten und schrien mitten in ihren erbärmlichen Klagen um die Mutter nach Nahrung, bis der Mann sich aufraffte und mit gelähmten Gliedern herumtastete, wo die Frau die letzte Speise mochte besorgt oder gelassen haben. Er sah sich unfreiwillig nach ihr um, als ob sie rufen müßte: »Dort geh hin, da steht die Milch, dort liegt das Brot, in der Mühle steckt noch Kaffee!« Sie sagte aber nichts.

Erschüttert trat ich dem Jammer näher und fragte, ob ich irgend etwas tun könne. Eine der Frauen sagte, die Ärzte hätten die sofortige Überführung nach dem Leichenhause anbefohlen; es wäre gut, wenn die Leichen gleich in der Frühe geholt würden, allein niemand sei da, wenn der Mann nicht hingehe, die Bestellung zu machen. Ich anerbot mich, die Sache zu verrichten, und zog zehn Minuten später die Glocke an der Wachstube des Todes. Nachdem ich dem Wächter das Nötige mitgeteilt, blickte ich durch eine Glastüre in den Saal, wo sie von allen Ständen und Lebensaltern ausgestreckt lagen, wie Marktleute, die den Morgen erwarten, oder Auswanderer, die am Hafenplatz auf ihren Siebensachen schlafen. Darunter sah ich auch ein junges Mädchen auf Blumen ruhen. Die kaum erblühte Brust warf zwei blasse Schatten auf das Totenhemd; da erinnerte ich mich dessen, was ich in dieser Nacht schon erlebt und mir vorgenommen, und eilte voll Zweifel und Unruhe, Schrecken und Müdigkeit, den Schlaf zu finden.

Derselbe war aber stürmisch bewegt und unerquicklich. Bald von den traurigen Vorgängen im Hause geweckt, bald von halbwachen Traumbildern umfangen, in denen Lebendiges und Grabfertiges, buhlende Liebesworte und Totenklagen sich unablässig vermischten, atmete ich auf, als es Tag wurde und ich wenigstens meine Gedanken sammeln konnte.

Sie gerieten jedoch sofort miteinander in Streit; denn als ich mich aufrichtete und, die Hand an der Stirne, mich besann, was eigentlich geschehen und was ich zunächst tun wollte, schwankte ich, ob ich vor den ernsten Todesschatten, die mich gewarnt, zurückweichen oder dem Liebesbild dennoch folgen solle, das mich in Gestalt der arbeitenden Armut lockte. Die Verlockung blieb siegreich; es schien mit gerade das beste zu sein, an dem weichen Busen eines jungen Lebens Trost und Vertrauen und mich selbst wieder zu finden, und je ernster das Gewissen warnte, in solcher Lage den Liebeshandel anzufangen und ein so bedenkliches Bündnis einzugehen, desto reichlicher flossen die Gründe des Worthaltens, der Ehre und Tapferkeit für die Ausführung des Vorsatzes.

Ich beschloß sogar, das reizvolle Geschöpf schon am nächsten Abend aufzusuchen, statt erst zu Ende der Woche, vorher aber den alten Trödler zu beraten, ob er mir ferner dergleichen anspruchlose Beschäftigung zuzuwenden wisse wie neulich.

So schritt ich mit lebensdurstigen Augen und Lippen aus der Trauerwohnung hinweg, aus welcher schon vor Stunden die Leiche der Mutter und ihres letzten Kindes fortgebracht worden. Ich achtete nicht der verlassenen Kleinen, die bei offener Türe still an einem Häuflein saßen. Wie ich dann aus dem Hause trat und die Straße hinuntereilte, stieß ich auf einen jungen Mann, der ein hübsches Frauenzimmer am Arme führte. Beide waren wohl gekleidet in sauberer Reisetracht, augenscheinlich bemüht, eine Hausnummer zu finden, die sie auf einem Zettelchen vor sich hatten. Der Mann kam mir bekannt vor, ohne daß ich in meiner Zerstreutheit etwas dabei dachte; indem ich aber ausweichen wollte, sah er mich genauer an und sagte in den Lauten des Heimatdialektes: »Da ist er ja! Sind Sie nicht der Herr Heinrich Lee den wir eben suchen?«

Erfreut und erschrocken zugleich erkannte ich einen benachbarten Handwerksmann unserer Stadt, der vor Jahren ungefähr um die gleiche Zeit mit mir in die Fremde gewandert, längst zurückgekehrt und Meister geworden, sein väterliches Geschäft übernommen und ausgedehnt hatte und jetzt auf der Hochzeitsreise begriffen war. Die machte er aber nicht ohne klägliche Nebenzwecke, da die wohlhabende Bürgerstochter, die er als Gattin am Arm führte, ihm die Mittel für alle ersprießlichen Unternehmungen zugebracht.

Er richtete mir nun die Grüße meiner Mutter aus, die er zu diesem Zwecke vor der Abreise besucht hatte. Sie war mit einiger Beschämung gezwungen gewesen, dem Nachbarn zu gestehen, daß sie nicht einmal bestimmt wisse, wo ich sei oder ob ich noch am alten Orte wohne; doch wünschte sie um so sehnlicher Nachricht zu erhalten. Ich aber war ebenso verlegen, viel nach ihr zu fragen, weil ich dadurch verriet, daß ich nichts von ihr wisse; doch widerstand ich dem Bedürfnis nicht lange und fragte fleißig, was mich zu erfahren verlangte.

»Nun, wir sprechen noch von allem«, sagte der Landsmann, indem er mich aufmerksamer betrachtete. »Ihr habt Euch aber doch ziemlich verändert, nicht wahr, Frau? Du hast doch den Herrn Heinrich früher auch gekannt?«

»Ich glaube mich zu erinnern, obgleich ich damals noch ein Schulkind war!« erwiderte sie, während mir ihre ausgewachsene Fraulichkeit als vollkommen fremd erschien. Indessen fühlte ich, wie ihr Auge die geringe Pracht meines Anzuges überlief, der allerdings weder neu noch wohlgehalten war; zum erstenmal fühlte ich die Demütigung, schlecht gekleidet dazustehen, und noch verlegener ward ich, als der Landsmann fragte, ob wir nicht in meine Wohnung hinaufsteigen wollten. Glücklicherweise diente mir der Todesfall zum Vorwand, daß es jetzt dort nicht wirtlich aussehe und ich selbst deswegen ausgegangen sei.

»So dürfen wir Sie einladen, den Tag mit uns zuzubringen? Wir sind schon gestern angekommen; da hab ich aber Geschäfte besorgt. Morgen früh reisen wir weiter, so werden Sie mit uns nicht eben viel Zeit verlieren; denn wir möchten Sie in Ihren Arbeiten keineswegs aufhalten!«

Der gute Landsmann ahnte nicht, wie schmerzlich mich diese Rede traf; ich versicherte ihn jedoch, es habe keine Gefahr und ich sei nicht so übermäßig fleißig. Nachdem ich sodann das Reisepaar während einiger Stunden herumgeführt, ging ich mit den Leutchen in das bürgerlich bescheidene Gasthaus, in welchem sie Quartier genommen, und teilte mit ihnen das Mittagsmahl. Die langentbehrte Gewohnheit, in der Mundart des Heimatlandes und von altvertrauten Dingen zu reden, ließ mich die Gegenwart um so leichter vergessen, als eine Flasche guten Rheinweines ihren Duft verbreitete. Das ruhig freundliche Benehmen des Paares, das durch keinerlei lästige Zärtlichkeiten seinen neuen Ehestand verriet, vermehrte das Behagen, welches mich wie ein flüchtiger Sonnenblick überkam aus schwül bewegtem Wolkenhimmel.

Als nun der Landsmann eine zweite Flasche bestellte und die übrigen Gäste die Wirtstafel verlassen hatten, zog sich die junge Frau in ihr Zimmer zurück, um sich ein wenig auszuruhen, wie sie sagte. Wir andern wurden um so gesprächiger, bis der gute Nachbar sich selbst unterbrach und, nach wohlgemeinten Worten suchend, begann: »Ich will es Ihnen nicht verhehlen, Herr Lee, daß Ihre Mutter sehr Ihrer Rückkunft bedarf, und ich würde Ihnen raten, sobald als möglich heimzukommen; denn während die brave Frau den tiefsten Kummer und die Sehnsucht nach Ihnen zu verbergen sucht, sehen wir wohl, wie sie sich darin aufzehrt und Tag und Nacht nichts anderes denkt. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber es will mir fast scheinen, es stehe nicht zum besten mit Ihnen, und erachte ich, daß Sie in dem Stadium sind, wo die Herren Künstler allerlei durchmachen müssen, um endlich mit stattlichem Ansehen aus dem Kampfe hervorzugehen. Allein, es hat alles sein Maß! Sie sollten eine Unterbrechung machen und einmal die Heimat wiedersehen, auch wenn Sie nicht als ein Sieger kommen. Die Dinge lassen sich da öfter von einer neuen Seite betrachten und anpacken.«

Er ergriff sein Glas und stieß mit mir auf das Wohl von Heimat und Mutter an, besann sich ein weniges und fuhr fort: »Vorlaute und unverständige Weibsen und auch ebensolche Männer in unserer Stadt, wo es ruchbar geworden, daß Ihre Mutter gewisse Summen an Sie gewendet und ihr eigenes Auskommen bedeutend dadurch geschmälert hat, ließen es sich einfallen, dieselbe hinter ihrem Rücken hart zu tadeln und auch ungefragt ihr ins Gesicht zu sagen, daß sie unrecht getan und sowohl ihrem Sohne schlecht gedient, als sich selbst überhoben habe. Jeder, der die Frau kennt, weiß, daß alles eher als dieses der Fall ist; aber das unverständige Geschwätz hat sie vollends eingeschüchtert, daß sie fast mit niemand zusammenkommt und so in Einsamkeit und Selbstverleugnung dahinlebt.

Sie sitzt den ganzen Tag am Fenster und spinnt; sie spinnt jahraus und -ein, als ob sie sieben Töchter auszusteuern hätte, damit doch mittlerweile etwas angesammelt würde, wie sie sagt, und wenigstens der Sohn für sein Leben lang und für sein ganzes Haus genug Leinwand finde. Wie es scheint, glaubt sie durch diesen Vorrat weißen Tuches, das sie jedes Jahr weben läßt, Ihr Glück herbeizulocken, gleichsam wie in ein aufgespanntes Netz, damit es durch einen tüchtigen Hausstand ausgefüllt werde, wie die Gelehrten und Schriftsteller etwan durch ein Buch weißes Papier gereizt werden sollen, ein gutes Werk darauf zu schreiben, oder die Maler durch eine ausgespannte Leinwand, ein Bild darauf zu malen.«

Bei diesem letzteren Vergleich des wackern Redners konnte ich mich eines bitteren Lächelns nicht enthalten. Das schien ihm wohl die Richtigkeit seiner Vermutungen zu bestätigen, und er fuhr fort: »Zuweilen stützt sie ausruhend den Kopf auf die Hand und blickt unverwandt in das Feld hinaus, über die Dächer weg oder in die Wolken; wenn es aber dämmert, so läßt sie das Rad stillstehen und bleibt so im Dunkeln sitzen, ohne Licht anzuzünden, und wenn der Mond oder ein fremder Lichtstrahl auf ihr Fenster fällt, so kann man alsdann unfehlbar ihre Gestalt in demselben sehen, wie sie immer gleicherweise ins Weite schaut.

Wahrhaft melancholisch aber ist es anzusehen, wenn sie die Betten sonnt; anstatt sie mit Hilfe anderer auf unsern Platz hinauszutragen, wo der große Brunnen steht, schleppt sie dieselben auf das hohe schwarze Dach Eueres Hauses, breitet sie dort an der Sonnenseite aus, geht emsig auf dem abschüssigen Dache umher, ohne Schuhe zwar, aber bis an den Rand hin, klopft die Kissen und Pfühle aus, kehrt sie, schüttelt sie und hantiert so seelenallein in der Höhe unter dem offenen Himmel, daß es höchst verwegen und sonderbar anzusehen ist, zumal wenn sie innehaltend die Hand über die Augen hält und droben, in der Sonne stehend, nach der Ferne hinausblickt. Ich konnt es einst nicht länger ansehen von meinem Hof aus, wo ich bei den Gesellen stand; ich ging hinüber, stieg bis unter das Dach hinauf und hielt unter der Luke eine Anrede an sie, indem ich ihr die Gefahr ihres Tuns vorstellte. Sie lächelte aber nur und bedankte sich für die gute Meinung. Es ist daher meine Ansicht, daß Sie nach Hause reisen sollten, je eher, je lieber! Kommen Sie gleich mit uns!«

Ich schüttelte aber den Kopf, denn ich konnte mich nicht entschließen, meinen Schiffbruch kundzutun und so aus der Schule zu laufen. Ich gedachte das Übel allein zu verwinden und mit geklärtem Schicksal, so oder anders, zur geeigneten Zeit zurückzukehren. Mit unbestimmten Reden, in denen ich weder ein zu großes Selbstvertrauen heuchelte, noch meine wirkliche Lage eingestand, behalf ich mir den übrigen Teil des Tages, bis ich am späten Abend von den Landsleuten Abschied nahm, die am frühen Morgen wegreisen wollten.

 << Kapitel 99  Kapitel 101 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.