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Der große Unbekannte

Gustaf Rosengren: Der große Unbekannte - Kapitel 8
Quellenangabe
type
authorGustaf Rosengren
titleDer große Unbekannte
publisherCarl Henschel Verla
printrun26. bis 40. Auflage
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160629
projectid4c51ab45
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Siebentes Kapitel.

Lars Bergh hatte natürlich die Berichte, welche die Zeitungen über die Lindströmsche Mord- und Einbruchsaffäre gebracht, eifrig gelesen. Fortwährend grübelte er über die Sache nach, verglich im Geist die Aussagen, die von den verschiedentlichen Persönlichkeiten gemacht worden waren, miteinander, hielt seine eigenen Beobachtungen dagegen und suchte alles zusammen in Einklang zu bringen. An die Möglichkeit, daß Larka Fräulein Lindström mit dem Messer überfallen haben könnte, glaubte er nicht, im Gegensatz zu dem großen Publikum, welches den verkommenen Künstler allgemein für den alleinigen Schuldner hielt. Nicht nur, daß des letztern Aussagen ihm den Stempel der Wahrheit zu tragen schienen – nein, es gab auch noch vieles andere, was ihn in seiner Annahme bestärkte.

Immer wieder kehrten seine Gedanken zu dem alten Gartenhause und dem Bilde der Mona Lisa zurück, das er darin gesehen hatte. Warum hielt Lionardos schönes Modell darauf den rechten Arm ausgestreckt, statt wie auf allen Bildern die rechte Hand gemächlich über die linke gelegt? Wenn er sich diese Frage vorlegte, gelangte er allemal zu dem Schluß, daß dieser merkwürdige Umstand in irgend einer Verbindung zu dem Verbrechen stehen müßte. Diese Vermutung beruhte weniger auf verstandesmäßiger Überlegung, als auf einem geheimnisvollen Instinkt für das Phantastische, Sensationelle. Wenn er nur eine Möglichkeit wüßte, um etwas über das Bild zu erfahren!

Von diesem wandelten seine Gedanken zu der Aussage Larkas, daß er und sein Begleiter über den Zaun gestiegen wären, um in das Grundstück zu gelangen. Auch das glaubte er nicht, er hielt sich vielmehr überzeugt, daß sie durch das Gartenhaus gekommen wären. Der Zaun war ja überall durch dichtes Buschwerk und Bäume verdeckt, wie sollte man da in mondloser Nacht den Weg darüber finden? Hätte er nur einmal in Ruhe mit einem der Dienstboten von Fräulein Lindström sprechen können, so würde er sicher manches erfahren haben, das ihm wichtige Aufschlüsse gab! Die vorlaute Person, die Karin, war sicher die, welche allerhand ausgeschwatzt haben würde.

Von jetzt ab paßte er der Karin auf der Straße auf, und eines Abends, als sie ihre Ausgehezeit hatte, gelang es ihm auch wirklich, ein Stück von der Lindströmschen Villa entfernt, ihrer habhaft zu werden.

»Nun, Fräulein Karin –« sagte er, mit äußerster Höflichkeit den Hut vor ihr ziehend – »wie ist's? Noch immer nichts Neues in der Einbruchssache?«

»Aber – sie haben ja den Täter. Der Tapezierer Larka ist's doch, gerad' so, wie ich's immer gedacht habe,« meinte das Mädchen.

»So, so! Sie haben das immer gedacht. Aber am Ende – wissen Sie – hat der Larka doch nur gestanden, daß er stehlen, nicht daß er morden wollte und bevor einer gestanden hat, muß man mit dem Denken in so einer Sache vorsichtig sein. Am Ende könnte es auch ein anderer gewesen sein, als der Larka.«

»Ja! Am Ende könnte es auch ein anderer gewesen sein,« wiederholte Karin, rasch ihre Ansicht ändernd, diplomatisch.

»Na, sehen Sie –« lobte Bergh – »das war mal ein vernünftiges Wort. Sie sind ja überhaupt ein kluges Mädchen und wenn der Herr Untersuchungsrichter und der Herr Kriminalkommissar Sie nach Ihrer Meinung fragen wollten, so bin ich überzeugt, daß sie den Täter bald gefunden hätten.«

Die Karin lächelte geschmeichelt. »Ja, ja, ich hab' immer einen guten Kopf gehabt,« erwiderte sie: »Das haben schon die Lehrer in der Schule gesagt.«

Eine Weile redeten sie so noch hin und her, wobei Lars Bergh es an hageldicken Schmeicheleien für Karin nicht fehlen ließ. Dann meinte er plötzlich unvermittelt: »Nein, nein, was bei Ihnen auch für sonderbare Dinge vorgehen! Man sollte es nicht für möglich halten. So auch die Geschichte mit dem Bilde –«

»Mit dem Bilde?« fragte sie aufhorchend.

»Nun ja doch! Ich spreche von dem Bilde, das eine Frau darstellt, die sonst auf allen Bildern die Hände übereinander gelegt hat, die aber auf dem bei Ihnen den einen Arm ausgestreckt hält, als ob sie jemandem flucht.«

»Ui jeh!« schrie das Mädchen auf. »Reden Sie doch nicht so was Greuliches, die Geschichte ist ja so schon der reine Geisterspuk und – und –« sie überlegte ein wenig und forschte dann interessiert: »Aber wie wissen Sie davon?«

»Je nun, ich ging einmal auf der Wiese hinter Ihrem Garten spazieren und da sah ich durch die Ritzen ins Gartenhaus. Dabei entdeckte ich es.«

»Ja, das ist eine sehr grausliche Geschichte,« sagte die Karin nickend. »Bei der hat der Teufel selbst seine Hand im Spiele, das laß' ich mir nicht ausreden, denn ich hab' die Mutter Lise ja selbst gesehen, früher, als sie noch die Hände übereinander gelegt hatte und dann später, als sie sich immer veränderte.«

»So, so, sie veränderte sich immer?« meinte Lars. »Aber wissen Sie, Fräulein Karin, das könnten Sie mir wirklich ordentlich ausführlich erzählen, ich höre solche grauslichen Geistergeschichten gern, zumal, wenn sie echt sind. Ich will Ihnen mal einen Vorschlag machen; dort, auf der Insel links vom Grand Hotel, ist ein hübsches Restaurant; man braucht bloß über die Brücke zu gehen, da ist man gleich da. Dort setzen wir uns in eine Laube, trinken ein Glas Bier und essen ein hübsches kleines Abendbrot, dabei erzählen Sie mir dann die Geschichte von der Mutter Lise, die sich immer verändert hat. Wollen Sie?«

Ja, die Karin wollte. Sie hatte zwar ursprünglich beabsichtigt, eine Freundin zu besuchen, aber dies Anerbieten war doch noch lockender.

Als die beiden dann unter den Kolonnaden des auf waldiger Höhe gelegenen Restaurants saßen, das unter Tannen so lauschig eingebettet liegt und, ausgenommen am Sonntag, leer zu sein pflegt, jeder ein Glas Bier vor sich, indes die Kellnerin zwei Koteletts mit grünen Erbsen auftrug, erzählte die Karin: »Das Bild, das sie die Mutter Lise nennen, stellt nämlich die Schwester vom gnädigen Fräulein und die selige Mutter vom Herrn Leutnant vor –«

»Was?« fiel Lars, durch diese überraschende Enthüllung höchlichst verblüfft, ein. »Da irren Sie sich doch wohl, Fräulein Karin, denn so viel ich weiß, hat die Mutter Lise – das heißt die Dame, die der Maler als Mutter Lise gemalt hat, schon vor vielen hundert Jahren gelebt.«

»Ja, das haben sie auch alle gesagt,« bestätigte das Mädchen. »Aber das Bild soll der Schwester vom gnädigen Fräulein so geglichen haben, daß man hätte denken können, es wäre ihr's. Und darum hat das gnädige Fräulein auch immer große Stücke darauf gehalten und als das eine Bild, was ein Kupferstich und schon alt war, Stockflecke kriegte, da hat sie sich eine ganz große Photographie davon angeschafft. Und da eines Tages – es werden so acht Wochen, vielleicht auch mehr, her sein, kommt das gnädige Fräulein ganz blaß zum Fräulein Ellida, die gerade Blumen begoß, und sagte, ach, denken Sie bloß, Liebste, was mir so vorkommt? Es ist ja gar nicht möglich, aber mir kommt's doch so vor, als ob die Mutter Lise sich verändert hat.« Das Fräulein wollt's nicht glauben, aber als sie hinging, sah sie es auch. Die Hände waren so'n bischen auseinander und die rechte etwas hochgehoben. Ich hab's auch gesehen. Und den Tag d'rauf, war die Hand wieder noch höher. Nun war dem gnädigen Fräulein das doch zu toll und sie sprach zum Herrn Leutnant davon, was sie vorher nicht getan hatte, weil sie gerade bös mit ihm war. Aber der Herr Leutnant lachte gerad' heraus und sagt, was das für'n Unsinn ist und wie die Mutter Lise sich verändern könnte, sowas wär' rein unmöglich. Und dann ging er sich überzeugen und kam mit lachendem Munde zurück. »Siehst Du, Tante,« sagt er, »ich dacht' mir das ja, daß Ihr Euch das bloß eingebildet habt. Sie hat sich nicht verändert, sie ist genau so, wie sie immer war.« Und richtig, sie war so, wie sie immer gewesen war. Aber nach ein paar Tagen hatte sie doch wieder den Arm ein bischen aufgehoben. Das gnädige Fräulein sprach aber nicht mehr zum Herrn Leutnant davon, weil sie nicht wollte, daß er sie auslachen sollte und auch, weil sie immer bös mit ihm war. Und eines Tages war's so weit, daß die Mutter Lise den Arm ganz hoch gehoben und lang ausgestreckt hatte, so –« hier machte die Karin selbst in höchst theatralischer Weise eine Geberde, als ob sie sagen wollte »weich' von hinnen, Elender!« – Da konnte das gnädige Fräulein es aber nicht länger mehr mit ansehen – es war ja auch wirklich zu grauslich, wie das tote Bild sich immerfort veränderte – ganz krank und nervös war sie davon geworden. »Meine tote Schwester grollt mir?« schrie sie und kriegte es mit den hysterischen Krämpfen. Und was der Herr Leutnant ist, der hörte den Spektakel und kam dazu, trotzdem er seit vielen Tagen so bös mit dem gnädigen Fräulein gewesen war, daß sie kein Wort zusammen gesprochen hatten, aber als er sie in den hysterischen Krämpfen sah, da tat es ihm doch leid und er nahm das Bild von der Wand und trug es ins Gartenhaus, damit das gnädige Fräulein sich nicht mehr d'rüber aufzuregen brauchte. Und weil sie auch später gar nicht mehr an dem Gartenhause vorbei gehen wollte, verstellte er die Fenster mit Brettern, damit man das Bild nicht von außen sehen konnte. Das gnädige Fräulein ist aber trotzdem nicht mehr in die Nähe von dem Gartenhause gegangen, weil sie sich vor der Mutter Lise graulte, die drinnen war.«

Lars hatte dem kuriosen Bericht mit atemloser Spannung gelauscht. Die tollsten Vermutungen, eine immer abenteuerlicher als die andere, kreuzten sein Hirn.

»Sie sagten wiederholt, das gnädige Fräulein wäre bös mit dem Herrn Leutnant gewesen,« meinte er jetzt. »War das Verhältnis zwischen den beiden denn kein gutes?«

»Je nun, das war so verschieden. Des gnädigen Fräuleins Herz hing an dem Herrn Leutnant, als ob er ihr leiblicher Sohn gewesen wäre, aber er hat ihr gar zu viel Sorgen gemacht. Denn der Herr Leutnant, das ist einer, der's faustdick hinter den Ohren hat. Da könnt' ich manches von erzählen.« Die Karin kicherte in sich hinein und es gehörte nicht gerade ein besonderer Scharfblick dazu, um zu begreifen, daß er ihr seine Bewunderung ihrer weiblichen Reize auf eine etwas zu deutliche Art gezeigt hatte. »Und's Fräulein Ellida, die weiß was davon, aber hochmütig, wie sie ist, hat sie ihn gründlich abfahren lassen. Ja, das ist einer!« wiederholte sie. »Und daß dem gnädigen Fräulein das nicht recht war, wenn er bloß immer Geld haben wollte, um es zu vertun, so kann ihr das keiner übelnehmen. Und das schlimmste, das hat sie noch gar nicht mal gewußt.«

»Was war das?« forschte Lars Bergh, der kaum fähig war, seine Spannung zu verbergen.

Das Mädchen legte die Hand seitwärts vor den Mund und raunte ihm geheimnisvoll zu: »Er hat nämlich noch 'ne Wohnung in Stockholm.«

»Wozu das?« fragte jener möglichst unbefangen.

»Na, einesteils doch wohl, um da zu übernachten, wenn er nach Stockholm gefahren war und es ihm zu spät wurde, um noch in derselben Nacht nachhause zu kommen; andernteils doch auch, um da in Saus und Braus zu leben, zu spielen und Champagnersoupers zu geben. Ich weiß das von der Wohnung ganz sicher, denn die Freundin von meiner Cousine, die gegenüber wohnt, hat's mir erzählt. Meiner Cousine hab' ich den Herrn Leutnant mal gezeigt, als wir ihm auf der Straße begegneten und als sie ihm dann zusammen mit ihrer Freundin begegnete, da sagte die gleich: »Ach, das ist ja der Herr, der bei uns gegenüber wohnt.« Wenn das unser gnädiges Fräulein gewußt hätt', da wäre sie rein außer sich gewesen, denn was unser gnädiges Fräulein ist, die hält auf Ordnung und Zucht. Darum hat der Herr Leutnant sich ja auch die Turmstube zur Wohnung ausgebeten, damit niemand, besonders seine Tante nicht, hören sollte, wenn er so spät nach Hause kam, denn vordem schliefen wir ja alle auf der rechten Seite der Villa. Jetzt ist das ja anders, seitdem der ganze rechte Flügel verschlossen und versiegelt ist.«

»Wissen Sie denn aber so sicher, daß der Herr Leutnant in seiner Stockholmer Wohnung Champagnersoupers gegeben und in Saus und Braus gelebt hat?« erkundigte sich Bergh.

»Ja, wozu soll er die Wohnung denn sonst haben?« meinte die Karin.

»Hat es Ihnen die Freundin Ihrer Cousine erzählt?«

»Das nicht, aber ich denk' es mir, und wahrscheinlich denkt es sich die Freundin meiner Cousine auch.«

Gegen diesen Glauben ließ sich nichts einwenden.

»Sagen Sie mal –« begann Lars Bergh nach einer Weile, während deren man sich nur mit Essen und Trinken beschäftigt hatte – »wie ist das aber nur möglich, daß niemand von Ihnen allen von dem Einbruche etwas gehört hat, zumal Sie doch, wie Sie eben bemerkten, sämtlich im rechten Flügel schliefen?«

»Bloß Fräulein Ellida nicht. Die schlief nach rechts hin, nicht im Turme wie der Herr Leutnant, aber doch ganz weit weg von des gnädigen Fräuleins Schlafzimmer. Die konnte wirklich nichts hören so weit, – aber daß wir nichts gehört haben, das begreife ich auch nicht, besonders die Hanna, die bloß durch eine Tür getrennt vom gnädigen Fräulein schlief –«

»Halten Sie es für ganz unmöglich, daß man Ihnen einen Schlaftrunk gegeben haben könnte?«

»Ja, wer sollte uns den gegeben haben? Gedacht hab' ich's auch schon, denn sonst schlafe ich gar nicht so fest und am andern Morgen konnte ich auch gar nicht munter werden und hatte so einen miserabeln Kopfschmerz. Und die Hanna sagte auch, daß ihr ganz duselig im Kopfe wäre. Aber wir haben doch gar nichts getrunken außer Dünnbier, von dem die Flaschen mit Mechanik zugeschlossen waren und jeder von uns die seinige aufgemacht hat, und dazu Rachu gegessen –«

»Rachu – Ragout?« fiel Lars lebhaft ein.

»Ja, von dem Suppenfleisch am Tage zuvor. Davon wird bei uns immer Rachu zum Abend gemacht, das heißt alle Montag und Donnerstag, dieweil Sonntag und Mittwoch immer Bouillon auf Vorrat für das gnädige Fräulein zum Frühstück gekocht wurde. Das gnädige Fräulein war immer sehr für die Regelmäßigkeit in allem, sie meinte, immer Regelmäßigkeit, das wär' –«

»Das Ragout war wohl sehr scharf?« unterbrach er ihre Auseinandersetzungen.

»Scharf? Na ja, reichlich scharf war's, recht gepfeffert und mit Essig und sonst noch solchen Gewürzen bereitet.«

»Schärfer als sonst?«

»Das kann leicht möglich sein, denn ich weiß noch, wie mir die Tränen aus den Augen liefen, als ich davon aß. Und unsere Köchin wunderte sich noch, daß es so scharf war, weil sie es doch schon am Mittag gekocht und am Abend bloß aufgewärmt hatte. Das war ihr so bequemer. Und wenn die Speisen so aufgewärmt werden, dann pflegen die Gewürze doch zu verfliegen, wenigstens etwas.«

»Wo wurde denn das Ragout aufbewahrt zwischen Mittag und Abend?« forschte Lars fast atemlos.

»Herr du meines Lebens! Sie können einem auch die Seele aus dem Leibe fragen! Toller noch als die von der Polizei und vom Gericht,« sprach das Mädchen kopfschüttelnd. »Wo soll's Rachu anders aufbewahrt sein als im Eisschrank doch natürlich.«

»Und der Eisschrank, wo stand der?«

»In der Kammer, die auf dem Boden ist.«

»Und – ist die Kammer offen?«

»Natürlich doch. Das muß sie ja sein wegen des Herrn Leutnants Sodawasser, das er mit Cognac trinkt. Das muß er sich doch holen können, wenn er spät noch Durst kriegt und alles schon schläft.«

»Kann man denn aus dem Turme in die Kammer gelangen, ohne die Diele zu passieren?«

»Aber natürlich doch. Die Turmstuben sind untereinander durch Wendeltreppen verbunden und aus der im ersten Stock führt eine Tür auf den Boden. Vom Boden geht aber auch eine Treppe nach unten in den rechten Flügel des Hauses und eine geht aus diesem in das Souterrain, wo die Küche ist. Darum ist der Eisschrank ja bloß in die Kammer gestellt, damit von rechts die Köchin und von links der Herr Leutnant dazu gelangen können, ohne durch den Garten zu gehen.«

Lars Bergh stieß einen leisen Pfiff aus und in seinen Augen blitzte etwas auf wie eine lange gesuchte Erkenntnis.

»Sehr schön,« sagte er. »Und nun, Fräulein Karin, beantworten Sie mir noch eine Frage, dann quäle ich Sie auch nicht länger. Wo ist die Wohnung, die der Herr Leutnant in Stockholm hat?«

»Karduansmakaregatan 8,« erwiderte die Karin prompt. Dann erschrak sie aber sichtlich und blickte ihn mißtrauisch an. »Sie sind doch nicht gar vom Kriminal – so'n Geheimer?« forschte sie ängstlich.

Er lachte laut auf. »Aber ganz gewiß nicht, Fräulein Karin, da können Sie ganz sicher sein.«

»Ja, warum wollen Sie denn das alles so haarklein wissen?«

»Lieber Gott, weil ich Schriftsteller bin und solche Kriminalgeschichten schreibe. Da interessiert mich all' so etwas. Sehen Sie, so bloß ausdenken kann man sich nicht jede Kleinigkeit.«

»Dann wollen Sie die ganze Geschichte in 'n Roman 'reinschreiben?« erkundigte Karin sich mit wiedererwachtem Argwohn.

»Die ganze Geschichte – nein. Aber man mag doch so Kleinigkeiten, die man gehört hat, hie und da anbringen. Seien Sie ganz ohne Sorge, Fräulein Karin – Sie sollen durch mich keine Unannehmlichkeiten haben.«

Darauf klingelte er und ließ noch eine halbe Flasche Punsch und Sodawasser bringen. Die Karin war überhaupt keine Person, die lange einem Gedanken nachhing, daher vergaß sie bei dem süßen Tranke bald ihre Besorgnisse. Ja, als Lars sie zum Schluß noch um einen kleinen Dienst bat, versprach sie sogar von vornherein, ihm denselben zu leisten. Er wollte nämlich, daß sie im Garten nachforschte, ob nicht irgendwo ein Stück Brett abgebrochen sei. »Es muß in der Nähe des Gartenhauses geschehen sein,« sagte er, »vielleicht am Gartenhause selbst, vielleicht an einer Bank, was weiß ich.« Dann beschrieb er ihr noch genau, wie das Brett aussehen müßte. »Wenn Sie ausfindig machen, wo solch ein Stück Brett fehlt, dann schreiben Sie mir, um welche Zeit ich Sie wieder hier in diesem selben Restaurant treffen kann, nicht wahr, Fräulein Karin?« bat er. »Dann verleben wir wieder ein paar fröhliche Stunden zusammen und ich bringe Ihnen auch etwas Hübsches mit. Was möchten Sie gern haben? Einen seidenen Pompadour fürs Theater oder eine Silberfiligranbrosche, was?«

»So eine habe ich schon und 'en Pompadour? Nee, da geh' ich doch nicht oft genug ins Theater. Aber so – so –«

»Nun, was denn?« ermunterte er sie.

»Einen Shawl, auf dem Kopf wie um die Schultern zu tragen – den wünscht' ich mir schon lange. Rosa und weiß, das müßt' mich gut kleiden – aber –« fügte sie, sich zierend, hinzu – »das kann ich doch nicht annehmen, daß Sie mir den schenken.«

»Warum nicht? Ein Dienst ist des andern wert. Sie bringen das mit dem Brett für mich heraus und ich schenk' Ihnen dafür den Shawl. Es ist nämlich wichtig für mich zu wissen, ob da irgend ein Stück Brett bei Ihnen fehlt – meines Romans wegen natürlich – Sie verstehen ja wohl.«

Nein, sie verstand ihn ganz und gar nicht. Warum es für seinen Roman wichtig sein sollte, zu erfahren, ob am Gartenhause des Lindströmschen Grundstücks oder in dessen Nähe ein Stück Brett abgebrochen war, konnte sie beim besten Willen nicht begreifen. Wenn er man doch nicht ein Geheimer vom Kriminal ist! dachte sie. Der Schuster, der bei meiner Tante im Hause wohnt, ist auch ein Spitzel und dem sieht's auch keiner an. Doch die Hoffnung auf den rosa und weißen Shawl, der in berückender Schönheit vor ihres Geistes Augen gaukelte, schlug alle ihre Bedenken nieder. Außerdem lockte sie es auch, bald wieder mit dem feinen Herrn im vornehmen Restaurant Koteletts und grüne Erbsen zu essen und Punsch zu trinken.

Bald darauf erklärte sie bedauernd, daß sie jetzt aber nicht länger bleiben könnte. Lars Bergh bedauerte dies weniger, denn nachdem er alles aus der Karin herausgefragt, was er wissen wollte, gelüstete es ihm nicht länger nach ihrer holden Gesellschaft.

Mit der Hoffnung auf baldiges Wiedersehen trennten sich die beiden, einer wie der andere in der angenehmsten Stimmung.

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