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Der große Unbekannte

Gustaf Rosengren: Der große Unbekannte - Kapitel 7
Quellenangabe
type
authorGustaf Rosengren
titleDer große Unbekannte
publisherCarl Henschel Verla
printrun26. bis 40. Auflage
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160629
projectid4c51ab45
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Sechstes Kapitel.

Am selben Tage, an dem Knud Larka seine Aussagen gemacht hatte, wurde Ellida Bagge noch einmal verhört, doch mit dem gleichen negativen Erfolge wie das erste Mal. Daß Larka sich freiwillig dem Untersuchungsrichter gestellt und ihm ein Geständnis abgelegt, verschwieg man ihr, da die Absicht bestand, die beiden zu konfrontieren. Man hoffte, daß sie in der Überraschung über seinen unerwarteten Anblick am ehesten ihr Schweigen brechen würde.

Gleich am folgenden Vormittage gelangte der Plan in Anwesenheit des Untersuchungsrichters, des Kriminalkommissars Eknäs und eines Protokollführers zur Ausführung. Die Szene, die sich bei dieser Gelegenheit entwickelte, sollte allen dreien ewig unvergeßlich bleiben.

Zuerst wurde Larka vorgeführt und wenige Minuten später öffneten sich die Türen und Ellida, in Begleitung von zwei Polizeidienern, erschien in ihrem Rahmen. Bei Larkas Anblick schrie sie laut auf und streckte die Arme wie abwehrend aus, als ob sie ein Gespenst sähe. Zuerst glaubte man, sie würde wieder in Ohnmacht fallen und schob ihr daher rasch einen Stuhl hin.

»Vergebens! So war doch alles vergebens!« stammelte sie, wie mit irren Blicken auf ihn schauend.

Larka dagegen hatte vollständig seine Fassung bewahrt. Er wußte ja, daß sie gefänglich eingezogen worden war und hatte sich längst selbst gesagt, daß man ihn wahrscheinlich ihr gegenüberstellen würde. Finster, die Augen zu Boden geschlagen, stand er da, ohne eine Bewegung zu machen.

»Nun werden Sie selbst einsehen, Untersuchungsgefangener, daß Sie Ihre Behauptung, Sie hätten die hier anwesende Ellida Bagge nicht früher gekannt, unmöglich länger aufrecht zu erhalten vermögen. Ihre Bestürzung bei ihrem Anblick redet deutlicher als Worte.«

Es war, als vernahm Ellida gar nicht, was Strindberg sprach. Sie saß da, hielt den Kopf zwischen ihren beiden Händen und starrte nur immer verzweifelt Larka an.

»Nein,« sagte dieser jetzt ruhig, »ich halte meine vorherige Behauptung nicht länger aufrecht. Ich leugnete, das Fräulein gekannt zu haben, weil ich sie, um ihr möglichst wenig Ungelegenheiten zu machen, aus dem Spiele lassen wollte. Ich erkenne, daß das nicht mehr geht und erkläre daher, daß wir dereinst Nachbarskinder waren und auch als erwachsene Menschen noch häufig zusammengetroffen sind. Meine Eltern wohnten auch nicht in Upsala, wie ich angab, sondern in Wisby. Das Fräulein besitzt meine höchste Verehrung und gerade darum wollte ich nicht bezeugen, daß jemals Beziehungen zwischen uns bestanden haben. Es kann nicht angenehm für eine junge Dame sein, wenn man weiß, daß sie vordem mit einem Verbrecher befreundet war.«

Bei dem Klange von Larkas Stimme war Ellida aufgefahren. Mit einem Ausdrucke von Spannung und Gram, der allen das Herz bewegte, folgte sie seinen Worten. Jetzt sprang sie heftig auf und rief Larka zu: »Warum lügst Du? Was hat das für einen Zweck? Jetzt noch? Ich habe auch gelogen, weil ich nicht wollte, daß sie Dich fangen sollten, weil ich nicht wollte, daß sie wußten, wer es getan hat, aber jetzt – jetzt, da alles heraus ist, kümmere ich mich nicht mehr darum, was man über mich denkt. Ich habe doch nicht gelogen um meinet-, sondern bloß um Deinetwillen. Mögen sie's doch jetzt alle wissen, daß ich Deine Braut bin – Deine Braut!« Das letzte Wort schrie sie in wahnsinniger Leidenschaft förmlich.

»Meine Braut?« wiederholte der unglückliche Mensch. »Das bist Du längst nicht mehr, Ellida – seit länger als zwei Jahren nicht.«

»Doch, ich bin's!« rief sie, wie alles um sich her vergessend. »In meinem Herzen habe ich nie aufgehört, mich dafür zu halten. Ich habe immer gedacht, er rafft sich noch auf, der Knud kann und wird nicht untergehen, dazu ist seine Natur zu edel. Und wenn er sich eine Existenz begründet hat – mag sie noch so bescheiden sein – dann werde ich sein Weib. Das habe ich gedacht, unaufhörlich während der beiden letzten Jahre, auch da noch, als ich Dich in Deiner Erniedrigung, Deiner Verwahrlosung sah – immer hab' ich mir gesagt, er rafft sich auf. Aber nun, nun ist alles zu Ende!«

Sie schlug die Hände vors Gesicht und sank, in Tränen ausbrechend, auf ihren Stuhl zurück. »Ach, Knud, Knud,« wimmerte sie, »wie konntest Du das tun! Aber am Ende –« sie ließ die Hände sinken und starrte ihn voll namenloser Angst an – »hast Du's gar getan um – um meinetwillen, um mir – ein Heim bieten zu können? Ich hatte Dir gesagt, dann sollte wieder alles zwischen uns sein wie zuvor und darum – erbarme Dich –« flehte sie mit aufgehobenen Händen – »sag', daß Du's nicht darum getan hast – hörst Du Knud – nicht darum!«

Larka hob langsam die Augen zu ihr auf und ließ sie lange auf ihr ruhen. Kaum je hatte Strindberg in eines Menschen Antlitz einen gleichen Ausdruck gesehen wie eben jetzt in dem seinen. War es Gram, Verzweiflung oder Trotz, was daraus sprach? Vielleicht war es von allem etwas, vielleicht aber lag die erschütternde Wirkung, die er auf die Anwesenden ausübte, doch zumeist in der Erkenntnis, daß da ein Mensch in eben dieser Stunde sein letztes an Trost und Hoffnung verlor.

Und jetzt sprach er und seine Stimme klang nicht erregter als zuvor, nur so merkwürdig dumpf: »Sei ruhig, Ellida, Dein Gewissen braucht sich nicht beschwert zu fühlen – ich hab's nicht getan um Deinetwillen, das heißt, ich hab's überhaupt nicht getan. Ich habe Fräulein Lindström nicht überfallen. Ihr Geld wollte ich, aber ihr Leben hab' ich nie bedroht oder bedrohen wollen. Ich bin ein elender, verdorbener Mensch, aber kein Mörder. Wenn Du mich so ohne weiteres dafür hältst, so hast Du mich eben nie gekannt.«

»Wofür soll ich Dich denn halten?« kreischte sie auf. »Die Beweise, die gegen Dich sprechen, sind ja unwiderleglich –«

»So glaub' ihnen, meinetwegen – es kommt wirklich nicht mehr darauf an. Du wirst ja im Laufe der Verhandlungen erfahren, welch ein Geständnis ich abgelegt habe – es ist nicht rühmlich für mich, aber –« er brach ab und wandte sich Strindberg zu. »Herr Untersuchungsrichter,« sprach er, »wenn Sie vielleicht noch einige Fragen an Fräulein Bagge zu richten haben, so bitte tun Sie es in meiner Gegenwart, da sie Ihnen andernfalls möglicherweise abermals aus Schonung für mich –« der Ausdruck, der auf »Schonung« lag, war unbeschreiblich hohnvoll – »nicht antworten möchte. Wenn ich dabei bin und ihr die Überzeugung gebe, daß ich dieser »Schonung« nicht bedarf, so ist sie vielleicht offen.«

Strindberg wußte zuerst tatsächlich nicht, was er über dies alles denken sollte. Was war das für ein sonderbarer Mensch, der kühl eingestand, daß er einen Einbruchsdiebstahl hatte verüben wollen und es doch als unsühnbare Beleidigung empfand, daß das Weib, welches er liebte, ihn für fähig hielt, einem Mitmenschen nach dem Leben zu trachten? Und empfand er denn gar keine Dankbarkeit gegen Ellida, weil sie lieber einen Verdacht auf sich geladen hatte, anstatt eine Aussage zu machen, die einen Verdacht auf ihn geladen haben würde? Fühlte er gar nicht das Rührende dieser aufopferungsvollen Liebe? Und dann wieder fragte er sich, kann dieser Larka nach alledem, was ich hier erlebt, überhaupt der sein, welcher Fräulein Lindström das Messer in die Brust gestoßen? Es schien ihm kaum glaublich, aber doch, er hatte zu lange in seinem Berufe gewirkt, um Regungen, wie sie ihn in dieser Stunde bestürmten, Glauben zu schenken.

Nach einer Weile stummen Sinnens schüttelte er das Heer von Empfindungen, die auf ihn eindrangen, ab und wandte sich mit der Frage an Ellida, ob sie ihm jetzt sagen wolle, wo sie das Medaillon gefunden hatte, das von ihr in dem Sessel versteckt worden war. Denn daß sie es gefunden und versteckt, sei doch ganz klar.

Das junge Mädchen zögerte mit der Antwort, sie stand offenbar noch so stark unter dem Eindruck von Larkas Worten, daß sie sich nicht recht in die augenblickliche Situation zurückfinden konnte. Da begann dieser wieder zu sprechen: »Ich begreife Dich nicht, Ellida, warum Du die gewünschte Auskunft nicht geben willst. Ich habe ja längst erklärt, daß das Medaillon das meinige ist, also – ob ich's in Fräulein Lindströms Schlafzimmer oder draußen im Garten verloren habe, ist doch gänzlich gleichgültig. Erschwere den Herren die Untersuchung doch nicht zwecklos.«

Da nahm Ellida Bagge sich wirklich zusammen und sagte leise: »Ich habe es im Badezimmer vor dem Fenster gefunden – gleich am Morgen, als wir die Tat entdeckten.«

»Und da Du es für das meinige erkanntest – das nämliche, das Du mir vor fünfzehn Jahren mit Deiner Haarlocke geschenkt, den einzigen Gegenstand, den ich auch in bitterster Not nie zu verkaufen oder versetzen versucht habe – da nahmst Du es an Dich und verstecktest es, damit es keinen Verdacht auf mich lenken sollte,« sprach Knud Larka. »So war es, ganz recht. Aber Du siehst jetzt, daß Deine Aufopferung ganz vergeblich war, denn als ich erfuhr, daß Du als des Mordes verdächtig in Untersuchungshaft genommen warst, verlor ich keinen Augenblick und rannte zu dem Herrn Untersuchungsrichter, um ihm freiwillig zu gestehen, daß ich nächtlicherweise in Fräulein Lindströms Wohnung eingestiegen war, um ihren Geldschrank zu leeren. Ich gab mich an, um Deine Unschuld zu aller Kenntnis zu bringen. Ich meine, Du hättest wissen müssen, daß ich das tun würde. Was?«

Sie bewegte abwehrend das Haupt. Zu sprechen vermochte sie nicht. »Hast Du denn wirklich geglaubt, daß ich, um mich zu retten, den Verdacht auf Dir ruhen lassen würde?« fuhr er fort. Und plötzlich brach er in ein schneidendes Gelächter aus. »Ich möchte bloß wissen, was Du an mir geliebt hast!« rief er mit grenzenloser Bitterkeit aus. »Da Du mich, ohne zu schwanken, für fähig hieltest, zu morden – da Du mich für fähig hieltest, aus Sorge um mein kostbares Leben einen Verdacht auf Dir ruhen zu lassen, den ich doch entkräften konnte? Was hast Du an mir geliebt? Was?« Seine Augen flammten, es war gerade, als ob er ihr Richter wäre, der von ihr Rechenschaft forderte für ein ihm zugefügtes Unrecht.

Ellida ließ seine Vorwürfe über sich ergehen ohne eine Silbe zu erwidern. Es sah aus, als ob sie mit einer Ohnmacht kämpfte.

»Genug,« sprach Strindberg befehlend. »Wir sind nicht hier, um dramatische Szenen aufzuführen. Schweigen Sie, Untersuchungsgefangener.«

Darauf schloß er sein Pult auf und entnahm ihm das Messer, welches die Schutzleute im Buschwerk des Lindströmschen Garten gefunden hatten. Als Ellida es sah mit der blutbefleckten Klinge, hielt sie sich schaudernd das Taschentuch vor die Augen.

»Kennen Sie dies Messer, Untersuchungsgefangener?« fragte Strindberg Larka.

Dieser warf kaum einen flüchtigen Blick darauf. »Vermutlich ist es das, mit dem Fräulein Lindström die Wunde beigebracht wurde,« meinte er kühl. In dem Untersuchungsrichter wallte es zornig auf. Zum erstenmal fand er Larkas Benehmen frech.

»Das ist keine Antwort auf meine Frage,« entgegnete er scharf. »Ich will wissen, ob Sie das Messer kennen.«

»Daß ich nicht wüßte,« gab Larka achselzuckend zurück.

Strindberg verschloß es schweigend wieder im Pult. »Wollen Sie mir noch den seltsamen Umstand erklären, demzufolge Ihr Schlüssel, den Sie angeblich von dem großen Unbekannten erhalten haben, um Fräulein Lindströms Geldschrank zu öffnen, ein Brahmaschlüssel ist, indes dieser Geldschrank doch ein Chubbschloß besitzt?« fragte er.

»Wenn ich diese Sache erklären könnte, würde ich es gern tun, aber leider bin ich nicht dazu in der Lage,« lautete die hochmütige Erwiderung.

Damit endete das Verhör.

Ellida aber wurde noch in der nämlichen Stunde aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen. Nach den Erfahrungen, die man letzthin gemacht, war es unmöglich, sie für schuldig an dem Verbrechen zu halten. Das im Grunde einzige Verdachtsmoment, welches ihr Verhalten bezüglich des Medaillons betraf, hatte sich ja als absolut irrig erwiesen.

Strindberg selbst kündigte ihr an, daß sie frei wäre. »Ich möchte gern wissen, was Sie nunmehr zu beginnen gedenken, Fräulein Bagge?« fügte er hinzu. »Denn, daß Sie in die Lindströmische Villa zurückkehren, halte ich unter den vorhandenen Umständen nicht für rätlich.«

»Um Gotteswillen, nein, nur nicht dorthin,« hauchte das Mädchen, indes ein konvulsivisches Zittern ihren schlanken Körper überflog. »Sie würden dort doch nicht an meine Unschuld glauben und ich würde wahnsinnig werden, wenn ich das Mißtrauen in aller Augen lesen müßte.«

»Eltern und Verwandte, zu denen Sie gehen könnten, haben Sie auch nicht?«

»Ich stehe ganz allein in der Welt.«

Strindberg betrachtete das arme schöne Geschöpf, dessen Existenz ein grausames Geschick aus allen Fugen gerissen hatte, teilnehmend. Sie erschien ihm ebenso rührend, wie mitleiderweckend. »Gut, so will ich Ihnen etwas sagen. Meinem Dafürhalten nach verbietet die einfachste Menschenpflicht, Sie in dem Zustande, in dem Sie sich befinden, schutzlos in die Welt hinausgehen zu lassen. Ihre Nerven sind derart angegriffen, daß sie äußerster Schonung bedürfen. Ich will dafür sorgen, daß Sie, bis Sie sich vollständig erholt haben, in einem Sanatorium hier in der Nähe Unterkunft finden. Für solche Fälle, wie der Ihre einer ist, gibt es immer Mittel. Ich will nur noch mit einem Arzt deswegen sprechen. Bis dahin bleiben Sie wohl ruhig hier, in einer Stunde, denke ich, wird der Arzt spätestens da sein, um Sie abzuholen.«

Ellida war es wohl zufrieden. Wund und zerrissen, wie ihr Gemüt war, wünschte sie für jetzt nichts sehnlicher als ein stilles Plätzchen, wo niemand sie mit Fragen quälte, und die vielen Anforderungen, die das Leben an den Menschen stellt, ihr abgenommen wurden. Ihr graute vor der Welt und ihren mitleidslosen Forscherblicken. Nur schlafen, ruhen! dachte sie und am liebsten nicht wieder aufwachen! Ihr Leben, meinte sie, war ja doch vernichtet, denn was ihr noch ferner bevorstand, konnte nichts anderes sein als ein leeres, trostloses Dasein voller Arbeit und Pflichten, aber Pflichten, die ihr Herz nicht mehr erwärmen konnten, die sie nur erfüllen mußte, weil sie sonst nicht leben konnte. Und leben mußte sie, da sie sich nicht für berechtigt hielt, den Tod zu suchen, nach dem sie sich sehnte.

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