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Der große Unbekannte

Gustaf Rosengren: Der große Unbekannte - Kapitel 4
Quellenangabe
type
authorGustaf Rosengren
titleDer große Unbekannte
publisherCarl Henschel Verla
printrun26. bis 40. Auflage
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160629
projectid4c51ab45
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Drittes Kapitel.

Ellida Bagge saß am Lager ihrer Herrin und horchte angstvoll auf deren Atemzüge. Es war am Nachmittage desselben Tages, an dem man die beiden Schwerverletzten besinnungslos gefunden hatte. Vor einer Stunde waren zwei barmherzige Schwestern aus Stockholm gekommen, die eine, um Ellida bei der Pflege Fräulein Lindströms zu helfen, und die andere, um gemeinsam mit dem alten Diener die des Leutnants Jonsson zu übernehmen. Schwester Petra, so hieß die erstere der beiden, war einstweilen in ein leeres Fremdenzimmer gegangen, um ein wenig zu ruhen, denn sie hatte eine anstrengende Nachtwache hinter sich, und da sie in der kommenden Nacht ebenfalls bei dem alten Fräulein wachen sollte, so hatte Ellida sie überredet, sich einstweilen noch ein wenig niederzulegen.

In dem Krankenzimmer war noch alles so, wie man es am Morgen gefunden hatte, nicht einmal die Bettbezüge mit den Blutflecken im Bett des alten Fräuleins waren durch andere ersetzt worden. Der Kontrast zwischen diesem Raum, in dem alles von dem Verbrechen zu erzählen schien, das hier verübt worden, und der friedvollen blühenden und sommerschönen Natur draußen machte den Aufenthalt hier drinnen fast noch unheimlicher. Vor dem einen Fenster waren die Vitragen zugezogen, aber die Flügel des andern standen auf Anordnung Dr. Laurins weit offen und süßer Blumenduft und Vogelsang drangen aus dem Garten herein.

Ellida sah noch eben so blaß aus wie am Vormittag, und in ihren Augen lag ein Ausdruck von Angst und Seelenqual, der, wenn jemand sie beobachtet hätte, zu den schwerwiegendsten Vermutungen Anlaß gegeben haben würde. Jetzt öffnete sie, sich scheu umsehend, einen Knopf ihres Kleides, um einen Gegenstand aus ihrem Busen zu ziehen, den sie mit starren Blicken betrachtete. Es war ein etwa markgroßes Medaillon mit verbogenem Goldblechrand und Glasdeckel, unter dem eine lichtblonde Haarlocke lag. Der Schmuckgegenstand hatte sicher dereinst nur ganz wenig gekostet und in seinem jetzigen ramponierten Zustande war er fast wertlos. Der dünne Goldblechrand von billigstem Golde repräsentierte vielleicht eine Krone an Wert.

Ellida Bagge mußte wohl etwas Fürchterliches an diesem unscheinbaren Dinge sehen, denn ihre Lippen zitterten vor fassungsloser Verzweiflung und ein paarmal war es, als ob sie nur mit Mühe einen Aufschrei unterdrückte.

»Ich muß es beiseite schaffen,« murmelte sie leise, »aber wo laß' ich's? Wo laß' ich's?« Dann erschrak sie selbst vor dem Klange ihrer Stimme und blickte sich abermals scheu um. »Ich will nachher in den Garten gehen und es im Gebüsch verscharren,« dachte sie, »aber noch kann ich's nicht, ich muß damit warten, bis es dunkel ist. So lange muß ich's bei mir behalten.«

Ach, daß es erst dunkel wäre! Aber die alte Stutzuhr auf der Wandkonsole gegenüber Fräulein Lindströms Bett zeigte noch nicht auf sechs und hinter den alten Linden im Garten leuchtete die Sonne noch hell und golden.

Ellida dünkte es mit einem Male unerträglich, das Medaillon noch mehrere Stunden an ihrem Körper tragen zu müssen und doch war es da am sichersten. Denn wenn später der Arzt Fräulein Lindströms Überführung in ein anderes Zimmer erlaubt haben würde, sollte eine gründliche Haussuchung vorgenommen werden.

Eine Viertelstunde verging und eine zweite, und immer noch saß Ellida Bagge da, das Medaillon in ihrer Hand haltend und den starrenden, geängstigten Blick darauf gerichtet.

Da erklangen im Nebenraume Schritte und ehe Ellida Zeit gefunden, das Medaillon wieder in ihrem Busen zu verbergen, drückte von außen eine Hand auf die Türklinke. Ein furchtbarer Schreck durchzuckte sie und in der Fassungslosigkeit des Augenblicks wußte sie nichts Besseres zu tun, als das Medaillon hastig in das Polster zwischen Sitz und Lehne des Sessels, auf dem sie saß, zu stecken. Wenn Schwester Petra, denn sie war die Eintretende, nicht so arglos gewesen wäre, hätte sie die hastige Bewegung sehen müssen, mit der Ellida die Hand hinter ihrem Rücken hervorzog.

»Das Zimmer für die Kranke ist doch zurecht gemacht, Fräulein Bagge?« fragte sie Ellida.

Diese nickte. »Ja, nur – nur ein paar Kleinigkeiten fehlen noch,« stotterte das junge Mädchen.

»Dann, bitte, besorgen Sie die jetzt. Die Herren aus Stockholm und der Arzt könnten sonst kommen, bevor das Zimmer fertig ist.« Damit legte die Schwester den Arm um Ellidas Schultern und nötigte die Zögernde mit sanfter Gewalt aufzustehen. In dem Bewußtsein, nicht widerstreben zu können, und zudem völlig lethargisch unter dem Druck der Angst, die auf ihr lastete, erhob sich Ellida und verließ das Zimmer. Draußen erst überkam sie mit voller Wucht die Erkenntnis dessen, was geschehen war, und die Knie wankten ihr so, daß sie sich einen Augenblick an den Türpfosten lehnen mußte, um neue Kräfte zu sammeln.

Sie hatte das Medaillon in Fräulein Lindströms Schlafzimmer zurückgelassen!

Wenn Schwester Petra es nun zwischen den Polstern des Sessels fand? Ellida wußte gar nicht einmal, ob sie es auch tief genug in die Ritze versenkt hatte, so daß niemand es sehen konnte. Und wenn Schwester Petra nun vielleicht einen Druck der Metallkante spürte und der Ursache nachforschte – allmächtiger Gott, was dann? Wie konnte sie es nur anfangen, das Medaillon in ihre Hände zu bekommen? Sowie sie das Zimmer für die Kranke in Ordnung gebracht, mußte sie um jeden Preis versuchen, die Schwester aus dem Raume, in dem sie sich befand, zu entfernen, um alsdann den unseligen Gegenstand wieder aus dem Sessel herauszuziehen.

»Aber Fräuleinchen – um Himmelswillen, Sie werden ja ohnmächtig! Was ist Ihnen nur?« rief sie da plötzlich die alte Hanna, Fräulein Lindströms Kammerfrau, die eben eingetreten war, an.

Ellida öffnete die Augen und starrte die Alte hilflos an. Dann aber siegte das Gefühl des Elends in ihr, so daß sie in verzweifeltes Schluchzen ausbrach, in ein Schluchzen, das ihren ganzen Körper schüttelte.

»Ja, ja, Sie haben sie auch lieb gehabt, meine unglückliche Herrin,« sagte die Hanna, die Ellidas Weinen dem Mitgefühl mit dem Schicksal ihrer Gebieterin zuschrieb. »Sie hat es ja auch wirklich gut mit Ihnen gemeint, wie Sie selbst sagten –« fuhr sie mit dem lebhaften Redebedürfnis von Leuten ihres Standes fort – »wenn sie auch manchmal ihre Launen hatte. Und wenn sie am Leben geblieben wäre –«

»Sie lebt ja noch und kann leben bleiben!« schrie das Mädchen auf. »Wer sagt denn, daß sie sterben muß? Gott wird barmherzig sein und sie leben lassen!« Und die Hände vors Gesicht schlagend, stürzte sie hinaus und rannte wie gehetzt nach dem andern Flügel hinüber, wo sie das Zimmer für die bewußtlose Herrin des Hauses instand setzte.

Als sie nach einer halben Stunde zurückkehrte, fand sie den Doktor Laurin und den Kriminalkommissar Eknäs nebst zwei Kriminalschutzleuten bereits anwesend. Der Arzt hatte schon die Kranke untersucht und sich dahin ausgesprochen, daß ihrer Überführung nach einem andern Teile der Villa nichts mehr entgegenstände. Unter seinem Beistande wurde Fräulein Lindström sofort hinübergetragen. Indes er vorerst noch bei ihr blieb, um bezüglich ihrer Pflege verschiedentliche Anordnungen zu treffen, begann der Kriminalkommissar mit der Durchsuchung des bisherigen Schlafzimmers der Kranken.

Nun war für Ellida jede Möglichkeit, sich in den Besitz des Medaillons zu setzen, abgeschnitten.

»Jetzt ist alles verloren,« dachte sie. »Nur nicht dabei sein will ich, während sie's herausziehen.«

Sie wollte der barmherzigen Schwester nachfolgen, aber der Kriminalkommissar verhinderte sie daran. »Ich muß bitten, Fräulein Bagge, daß Sie bleiben,« sagte er entschieden. »Alle Hausgenossen Fräulein Lindströms müssen der Durchsuchung der Räume beiwohnen.«

Auf Befehl von Eknäs schlossen die Schutzleute alle Schränke und Schubladen auf, jedes Stück Möbel wurde von seinem Platz gerückt, jeder Gegenstand aus seinem Gewahrsam gerissen, aber nichts fand sich, was einen Anhalt für die weiteren Nachforschungen geben konnte.

»Bilden sie sich denn ein, daß der Mörder das Messer, mit dem er nach dem Fräulein gestochen, hinterher in die Schublade geschlossen hat?« flüsterte die vorlaute Karin der Köchin zu.

Der Kriminalkommissar hörte die Worte und zuckte verachtungsvoll die Achseln. »Schweigen Sie,« herrschte er das Mädchen an. »Sie dürfen nur sprechen, wenn Sie gefragt werden.«

Karin warf ärgerlich die Lippen auf, zog es aber doch vor, ihre Redelust bis auf weiteres zu bändigen.

Ellida stand wie ein Steinbild dabei, keine Miene zuckte in ihrem Gesicht, nur als Eknäs sich auf den Lehnsessel setzte, um etwas in seinem Taschenbuch zu notieren, machte sie eine Bewegung, als ob sie auf ihn zustürzen wollte. Angesichts seines scharfen, prüfenden Blickes zwang sie sich jedoch rasch wieder zu ihrer früheren, starren Ruhe. Als der Kriminalkommissar sich mit den übrigen in eines der andern Zimmer begab, ging sie zwar auch mit, aber nach wenigen Minuten, als sie sich unbeobachtet glaubte, kehrte sie leise wieder dorthin zurück, wo sich der Gegenstand befand, um den allein sich ihre Gedanken drehten. Der eine der Schutzleute bemerkte es jedoch und folgte ihr. Da sah er sie an dem Sessel stehen, mit der Hand auf dem Polster. »Ich hatte nur mein Taschentuch hier vergessen,« sagte sie und gesellte sich rasch wieder zu den andern. Der Schutzmann aber war nun einmal aufmerksam geworden und behielt sie fest im Auge.

Da tat sich die Tür auf und zwei andere Schutzleute, die beauftragt waren, inzwischen den Garten zu durchsuchen, traten ein. Der eine hielt ein Messer in der Hand, das er dem Kriminalkommissar reichte. Er hatte es vorn im Garten im Gebüsch gefunden. Es war ein etwa handlanges, plumpes Klappmesser, wie es die Arbeiter in der Tasche zu tragen pflegen, und seine Klinge war dick mit Blut beklebt.

Ein halblauter Aufschrei ging durch die Versammelten. Jeder drängte sich herzu, um es besser betrachten zu können, der Kriminalkommissar aber besah es von allen Seiten und erkannte, daß die Spitze der Klinge auf beiden Seiten geschliffen war.

»Kennt jemand das Messer?« fragte er, es emporhaltend.

Alle verneinten. Der Kriminalkommissar legte es auf einen Tisch und ließ sich dann, mit den Schutzleuten ans Fenster tretend, die Stelle zeigen, wo sie es gefunden hatten.

Offenbar war der Mörder durchs Fenster des Badezimmers entflohen und hatte es unterwegs ins Gebüsch geworfen. Dann war er zweifellos auch auf demselben Wege ins Haus gekommen, was Eknäs allerdings von vornherein angenommen hatte, da er sich andernfalls schon am Abend, bevor die Gartentür verschlossen wurde, hätte eingeschlichen haben müssen.

»Fräulein Bagge –« redete er Ellida an – »können Sie sagen, welche Personen, die nicht zum Hause gehören, in den letzten Tagen hier gewesen sind?«

»Soweit ich mich entsinne, nur die Händler, die täglich ihre Waren herbringen – Milchmädchen, Eismann usw.,« entgegnete Ellida. »Fräulein Lindström hatte überhaupt wenig Verkehr und da sie in der letzten Zeit wieder von einem Anfall ihres alten gichtischen Leidens geplagt wurde, so nahm sie sogar die wenigen ihr befreundeten Damen, die gelegentlich kamen, um sie zu besuchen, nicht an.«

»Wie lange ist es her, daß dieser gichtische Anfall begann?«

»So ungefähr eine Woche.«

»Und vorher – ist da auch kein Fremder hier gewesen, der sich lange genug in der Wohnung aufgehalten hat, um die Örtlichkeit einigermaßen zu studieren?«

Ellida bewegte stumm das Haupt.

»Ja, der Larka war da,« rief Karin lebhaft aus.

Durch Ellidas zarten Körper lief ein Schauer, aber sie nahm sich mit fast übermenschlicher Kraft zusammen.

»Der Larka?« wiederholte Eknäs. »Wer ist das?«

»Das ist der junge Tapezierer, der letzthin manchmal hier gearbeitet hat,« erwiderte das Zimmermädchen. »Er steckte auch gestern vor acht Tagen wieder Gardinen im Salon auf.«

»Was ist das für ein Mensch?« fragte der Kriminalkommissar jetzt wieder, sich an Ellida wendend.

»Es ist halt ein Handwerker wie andere. Ich bekümmere mich doch nicht um die Personalien der Leute, die hier arbeiten,« sprach das junge Mädchen hochmütig. Eknäs bemerkte jedoch, wie die Karin sie von der Seite her anblinzelte und spöttisch den Mund verzog.

»Wissen Sie etwas über diesen Larka?« erkundigte er sich bei der Karin.

»Nee doch. Ich weiß bloß, daß es ein ganz verbummelter, nichtsnutziger Mensch ist, der nicht mal einen ganzen Rock auf dem Leibe hat. Aber mehr weiß ich nicht von ihm und mehr wissen wir alle nicht. Weiß der liebe Himmel, wie das gnädige Fräulein zu dem gekommen ist.«

»Können Sie mir sagen, wo dieser Larka wohnt?«

»Nee! Wenn das Fräulein das nicht vielleicht weiß –« dabei drehte die Karin sich nach Ellida um – »die hat ja doch immer viel mit ihm geredet, auch noch letztesmal, als er hier war.«

Eknäs fixierte die Gesellschafterin, aber sie hielt seinen Blick fest aus, nur klang ihre Stimme merkwürdig trocken, als sie jetzt sagte: »Fräulein Lindström schickte mich, damit ich dem Menschen zeigte, wie sie die Gardinen arrangiert haben wollte, das war doch keine Gelegenheit, daß er mir seine Adresse hätte geben sollen.«

Diese Antwort war entschieden einleuchtend, aber in Eknäs Brust hatte sich trotzdem ein erst schwaches, dann wachsendes Mißtrauen gegen das schöne blonde Mädchen zu regen begonnen, das, einmal geweckt, nicht so schnell weichen wollte. Eknäs war zu lange in seinem Amte gewesen, um nicht stutzig zu werden, wenn in Fällen wie diesem eine der ermordeten Person Nahestehende mit solch einem maskenhaften Antlitz, in dem kein Zug sich regte, alle Fragen beantwortete. Daß es in Ellida Bagges Seele so ruhig nicht aussah, wie sie sich den Anschein gab, erkannte er an ihrem häufigen Zusammenfahren und ihren oft völlig unmotiviert erscheinenden Bewegungen. Jedenfalls beschloß er, der Person dieses Larka nachzuforschen.

Nachdem er noch einige weniger erhebliche Fragen getan, schloß er den ganzen rechten Flügel, in dem die Tat geschehen war, ab, steckte den Schlüssel zu sich und entfernte sich.

Die Villa Fräulein Lindströms aber wurde von Stund' an, bei Tage wie bei Nacht, von Kriminalschutzleuten bewacht.

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