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Der große Unbekannte

Gustaf Rosengren: Der große Unbekannte - Kapitel 2
Quellenangabe
type
authorGustaf Rosengren
titleDer große Unbekannte
publisherCarl Henschel Verla
printrun26. bis 40. Auflage
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160629
projectid4c51ab45
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Erstes Kapitel.

Herr und Frau Bergh saßen beim Frühstück. Die Morgensonne warf ihre hellsten Strahlen durch die mit Schlingrosen umrankten Fenster und wenn ein leiser Windzug die blütenschweren Zweige bewegte, drangen süße Duftwellen in das einfach aber nett ausgestattete Zimmer. Dieses mit seinen Insassen würde ein Bild friedlichen idyllischen Behagens geboten haben, wenn die Wolken nicht gewesen wären, die auf den Stirnen des jungen Ehepaares lagerten. Es hatte nämlich eben einen kleinen Streit zwischen den beiden gegeben, Frau Sigrid sprach von Reiseplänen und ihr Gemahl wollte nichts von solchen hören.

»Ich habe doch nun einmal kein Geld dazu übrig,« erklärte er ärgerlich. »Und im übrigen weiß ich auch wirklich nicht, warum wir reisen sollen. Wohnen wir nicht hier mitten im Grünen, zehn Minuten von der See entfernt? Wir sind ja hier auf dem Lande, eine bessere Luft gibt's gar nicht – wenn man sich da nicht erholen kann –«

»Ach was –« unterbrach die hübsche kleine Frau den Gatten ungestüm – »rede mir doch nicht von Erholung, Lars. Als ob eine Frau sich daheim erholen könnte, wenn sie ihre Kinder und Wirtschaft besorgen muß.«

»Schon der Kinder wegen kannst Du nicht fort –«

»Mama hat sich ja längst bereit erklärt, Gustaf und Tilla auf einige Wochen zu sich zu nehmen – deswegen könnten wir unbesorgt fort. Ein bischen Abwechslung und Zerstreuung wären mir wirklich zu gönnen,« fuhr die junge Frau schmollend fort. »Hier in Saltsjöbaden mag es ja ganz schön sein, wenn man sich für kurze Zeit als Badegast hier aufhält, aber hier wohnen – Sommer und Winter – puh! Das war auch so eine von Deinen Ideen, Lars. Kein anderer Mensch wäre auf so etwas verfallen.«

»Ich konnte das Häuschen billig mieten und außerdem brauche ich Ruhe zum Arbeiten, die ich hier besser finde als in der Stadt mit ihrem Lärm,« sagte er kurz.

»Und an mich denkst Du gar nicht,« gab sie weinerlich zurück. »In Stockholm selbst hätte ich doch mehr Verkehr und Zerstreuung gehabt, während hier –« in ihren Augen stieg es naß auf – »während es hier wie auf einer einsamen Insel für mich ist. Du sitzest den ganzen Tag am Schreibtisch –«

»Muß ich das nicht?« fiel er heftig ein. »Wenn ich nicht meine Romane pünktlich abliefere, so können wir hungern. Wenn Dir das Leben, das ich Dir biete, nicht paßt, so hättest Du einen reichern Mann heiraten sollen, Sigrid.«

Jetzt fing die junge Frau wirklich an zu weinen. Träne auf Träne perlte langsam von ihren dunkeln Wimpern herab. »Wie Du auch so reden magst, Lars,« schluchzte sie. »Als ob ich anspruchsvoll wäre! Ich bin doch wirklich zufrieden und genügsam und fleißig, aber mal so eine kleine Reise –« sie sprach den Satz nicht aus, sondern weinte still vor sich hin.

Ihr Gatte trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf den Tisch. »Wenn ich aber doch nun einmal nicht das Geld dazu habe, Sigrid –«

»Für den Augenblick könntest Du es Dir borgen und wenn Dein Roman einschlägt, so zahlen wir's ab.«

»Einschlägt!« Er lachte zornig auf. »Ich bin nicht der Mann, etwas zu schreiben, das einschlägt. Dazu fehlt mir so gut wie alles. Mein einziges Talent ist dies bischen kriminalistische Kombinationsgabe – Gott sei Dank, daß ich die wenigstens besitze, denn womit sollte ich, ein wegen Schulden abgegangener Leutnant, sonst wohl Frau und Kinder ernähren?«

Daß er so sprach und dachte, war Sigrid nun doch wieder nicht recht, denn im Grunde ihres Herzens hegte sie eine hohe Meinung von seiner Begabung und war sehr stolz auf ihn. »Deine Romane sind doch wohl großartig, Lars,« versicherte sie eifrig, ihre Augen trocknend, »und früher oder später mußt Du durchdringen und Deinen Dir gebührenden Platz in der schwedischen Literatur einnehmen.«

»Na, siehst Du und wenn's so weit ist, wenn ich erst Schätze mit meiner Feder verdiene, dann reisen wir,« scherzte er gutmütig, »nach Italien, Deutschland, Ägypten, wenn Du willst, auch nach der Südsee. Und nun sei wieder vergnügt, Schatz, und geh' zu den Kindern in den Garten, ich muß mich an den Schreibtisch setzen. So, nun bist Du wieder meine liebe, lustige Frau, nun gib mir noch einen Kuß und dann –« er unterbrach sich selbst, denn an dem Gitter des Vorgärtchens kamen zwei Männer vorbeigestürmt, die lebhaft miteinander redeten und eins ihrer Worte, das durch das geöffnete Fenster an sein Ohr drang, hatte urplötzlich sein Interesse in so hohem Maße gefangen genommen, daß er im Augenblick alles andere darüber vergaß.

»Ich muß ausgehen,« sagte er, hastig von seinem Sitz aufspringend, »adieu, Liebling.«

»Aber Lars,« rief die junge Frau erstaunt – »Du sagtest doch eben, daß Du arbeiten wolltest –«

Doch er hörte nichts mehr. Schon hatte er seinen Strohhut vom Kleiderhaken gerissen und war davongeeilt.

Sigrid blieb kopfschüttelnd zurück. So war er doch sonst nicht, so jedem Impulse nachgebend, von Minute zu Minute seine Pläne ändernd. Verwundert trat sie in den Garten hinaus, um zu sehen, wohin er sich wandte, aber es war nichts mehr von ihm zu erblicken, dagegen bemerkte sie wohl ein Dutzend Menschen, die jenseits des Zaunes alle nach der gleichen Richtung rannten, eifrig gestikulierten und sprachen. Nach einer Weile folgten ihnen mehr und immer mehr und nicht einer war darunter, der nicht aufgeregt und verstört aussah. Was in aller Welt hatte das zu bedeuten? Sie rief einen der Vorbeieilenden an, aber der hörte sie nicht, sondern lief vorwärts wie gehetzt.

Eine Weile stand sie noch nachdenklich da, dann begab sie sich nach dem hinteren Teile des Gartens, wo ihre Kinder, der vierjährige Gustaf und die zweijährige Tilla, unter Aufsicht eines halbwüchsigen Dienstmädchens vor einem Haufen Sand, den man ihnen hatte herschaffen lassen, spielten. Das Mädchen wurde fortgeschickt, um Einkäufe zu machen und Sigrid nahm ihre Stelle ein. Während sie mit den Kindern aus dem Sand Kuchen und Pudding backte, vergaß sie ihre Neugier.

Indes rannte Lars Bergh, so rasch ihn seine Füße trugen, dem unbekannten Ziele zu, nach dem alle hinströmten. Das Wort, welches er vorhin aufgefangen, als er mit seiner Gattin am Frühstückstisch saß, lautete – Mord!

Ein Mord hier in dem friedlichen Saltsjöbaden!

Sein Puls flog und die Spannung verzehrte ihn fast, etwas Näheres über den Fall zu erfahren, aber er nahm sich nicht die Zeit, auch nur eine Frage dieserhalb an jemand zu richten, denn er wollte keinen Augenblick versäumen, um so rasch wie möglich an Ort und Stelle zu sein.

Das Verbrechen ging ihn persönlich nichts an, aber wie er vorhin zu Sigrid gesagt, besaß er eine stark entwickelte Kombinationsgabe nach der Seite das Kriminalistischen hin, und so wie er von einem Mord, einem Einbruch oder einer Brandstiftung hörte, begann seine Phantasie sofort zu arbeiten, um alles, was in der Sache dunkel war, zu ergründen. Man hatte ihm schon oft gesagt, daß ein genialer Detektiv an ihm verloren gegangen wäre und wahrscheinlich würde er auch in die Dienste der Kriminalpolizei getreten sein, wenn einesteils die Anfangsgehälter nicht so klein gewesen wären und wenn sie ihn gleich auf den rechten Platz gestellt hätten.

Den anderen hastenden Menschen folgend, war er nach kaum zehn Minuten zu einer großen, düstern Villa gelangt, die in einem schönen schattigen Garten lag. Eine dichte Menge von Gaffern stand davor, die schreckensbleich und schaudernd nach dem weit offen stehenden Portal des Hauses starrten.

Jetzt erst wandte Lars sich mit der Frage, was geschehen sei, an einen Arbeiter in seiner Nähe.

»Das alte Fräulein Lindström und ihr Neffe sind ermordet worden,« lautete die Antwort.

»Ist schon jemand von der Polizei da?« forschte Lars hastig.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Der Gendarm ist da, den Bürgermeister haben sie nicht gefunden, er ist wohl über Land gefahren, aber es wurde gleich nach Stockholm telephoniert.«

Lars Bergh nickte. Die Auskunft war ihm gerade recht. So hatte man sicher noch nichts von Belang über den Fall festgestellt, denn was den Spürsinn des Gendarmen anbetraf, so hielt er begreiflicherweise nicht viel davon. Ohne einen Augenblick zu verlieren, drängte er sich durch die Menge und trat ins Haus.

Der erste Raum war ein sogenannter »Försaal«, von dem aus eine Anzahl Türen nach den inneren Gemächern führte. Die eine war nur angelehnt und Lars schritt rasch durch sie hindurch. Zuerst kamen zwei Zimmer, in denen sich ebenfalls einige Neugierige befanden, aus dem dritten jedoch vernahm er Stimmengemurmel und das Geräusch hin- und hereilender Füße. Er schlug die dicke Plüschportiere, die ihn von diesem Raum trennte, zurück und fand sich einem Anblick gegenüber, den er, wie er wußte, nie in seinem Leben mehr vergessen würde.

In einem breiten altertümlichen Bett aus geschnitztem Eichenholz lag leblos, mit bläulichem Antlitz, das ihm von Ansehen wohlbekannte Fräulein Lindström, eine reiche, alte Dame, die Besitzerin der Villa und über sie gebeugt stand, nicht minder blaß als die Ermordete, ein schönes, junges Mädchen, das ein Tuch, mit starken Essenzen getränkt, an die Nase jener hielt. Auf dem spitzenbesetzten Hemd und der gelbseidenen Steppdecke waren große Blutspuren, die sich vom Bett aus auf dem teppichbelegten Fußboden noch eine ganze Strecke weit hinzogen. In den Ecken des Zimmers standen eng aneinandergedrückt mehrere Dienstboten und Leute aus der Nachbarschaft, die schluchzten und unzusammenhängend auf die Fragen des Herrn Gendarmen antworteten, der sehr rot und sehr wichtig, im Vollbewußtsein seiner Amtswürde die erste Beweisaufnahme machte.

Lars Bergh umfaßte mit einem raschen Blick dies alles, seine scharfen Augen liefen spähend durch das Zimmer, um auf dem zweiten Opfer des Verbrechens haften zu bleiben – einem schlanken, jungen Mann, der gleichfalls ohne ein Zeichen des Lebens auf einer Chaiselongue lag. Lars kannte auch ihn und zwar besser als das alte Fräulein. Hatte er doch dereinst als blutjunger Leutnant bei demselben Regiment mit ihm gestanden und manche Stunde mit ihm bei Wein und Zigarren vertrödelt. Denn dieser schlanke, brünette Mensch mit den feinen, scharfen Zügen war der Leutnant a. D. Olaf Jonsson, der Neffe des Fräulein Lindström.

»Geben Sie sich doch keine Mühe, Fräulein,« hörte er jetzt eben die vom Weinen halberstickte Stimme einer alten Dienerin zu dem jungen Mädchen, das um die Leblose bemüht war, sagen: »Sie ist ja doch tot, meine arme Herrin, mein armes, gutes, gnädiges Fräulein – durch die Schulter gestochen –«

»Aber sie ist doch nicht tot,« fuhr das Mädchen heftig auf. »Ich habe es ganz deutlich gefühlt, daß ihr Herz noch schlägt, und wenn ich ihr den Spiegel vorhalte, trübt er sich. So helft mir doch; Herrgott –« sie griff sich verzweifelt an die Stirn, kommt denn kein Arzt, ehe es zu spät ist?«

Doch die Leute um sie her schüttelten mitleidig den Kopf, wie über die Torheit eines Kindes.

Endlich, es mochten seit Lars Berghs Eintritt in das Haus knapp zehn Minuten vergangen sein, erschien im Rahmen der Tür ein älterer Herr, dem alle bereitwillig Platz machten, der jedermann bekannte Dr. Laurin aus Saltsjöbaden. Er untersuchte mit geschickten Bewegungen zuerst das alte Fräulein und erklärte dann, daß allerdings noch Leben in ihr sei, aber wohl kaum Hoffnung auf ihre Wiederherstellung. Das Messer war ihr in die linke Lunge gedrungen. Nachdem er den Leutnant Jonsson gleichfalls besichtigt hatte, gab er das Urteil ab, daß dieser überhaupt gar nicht verwundet, sondern nur durch einen Schlag betäubt und außer aller Gefahr sei. Darauf ordnete er an, daß man den jungen Mann nach einem andern Zimmer brachte und daß alle, die nicht zum Hause gehörten, aus diesem entfernt wurden, damit er sich ungestört mit der bedauernswerten alten Dame beschäftigen konnte.

Der Befehl, das Haus zu räumen, war aber leichter gegeben als ausgeführt, zum mindesten brachte der Herr Gendarm das Kunststück nicht fertig. Die Leute zogen sich zwar murrend aus dem Schlafzimmer Fräulein Lindströms zurück, aber nun standen sie Schulter an Schulter in dem Försaal und spotteten aller Bemühungen, sie zu entfernen.

Während der Arzt die beiden Opfer des Verbrechens untersuchte, hatte Lars durch ein paar geschickte, im Flüsterton gestellte Fragen an den ältlichen Diener Fräulein Lindströms etwas Näheres über den Mord herausgebracht. Der Tatbestand war der folgende:

Am Abend zuvor hatte das Fräulein wie gewöhnlich mit Ellida Bagge, ihrer Gesellschafterin, zu Abend gespeist und war dann um zehneinhalb Uhr schlafen gegangen. Am nächsten Morgen wunderten die Hausgenossen sich höchlichst, daß sie nicht, wie an anderen Tagen, um acht Uhr nach dem Kaffee schellte, und als noch eine weitere halbe Stunde vergangen war und nichts sich hören ließ, wurden sie doch ängstlich und die alte Hanna, des Fräuleins langjährige Kammerfrau, trat in ihr Schlafzimmer, wo sie zu ihrem Entsetzen die Herrin mit einem Messerstich in der Schulter anscheinend tot in ihrem Bette fand. Dicht neben diesem lag der Neffe des Fräuleins ebenfalls leblos am Boden. Man hatte ihn dann aufgehoben und auf die Chaiselongue getragen.

Das war das Wenige, was der alte Munthe, Fräulein von Lindströms Diener, Lars mitgeteilt hatte. Als er jetzt jedoch mit der übrigen Menge der Neugierigen in dem Försaal stand, wandte er sich an ein jüngeres Mädchen, das, wie er zufällig wußte, als Zimmermädchen in den Diensten des alten Fräuleins stand, mit der Frage, wie der Leutnant Jonsson wohl in das Schlafgemach seiner Tante gekommen sein mochte.

Das Mädchen sah ihn zuerst verständnislos an. Das Entsetzen über das furchtbare Ereignis hatte sie so vollkommen überwältigt, daß sie sich diese Frage noch gar nicht vorgelegt zu haben schien. Sie erwiderte daher auch, daß sie darüber keine Vermutung hätte. »Vielleicht ist er ihr zu Hilfe geeilt,« meinte sie dann.

»So müßte er doch einen Hilfeschrei von ihr gehört haben. Und wenn niemand sonst im Hause den vernommen hat –«

»Das ist allerdings wahr,« gab das Mädchen zu. »Und die alte Hanna schläft ja dem gnädigen Fräulein am nächsten, ihre Kammer ist von dem Zimmer des gnädigen Fräuleins nur durch deren Badezimmer getrennt.«

»Und wo schläft der Herr Leutnant?«

»Im Oberstock.«

»War er gestern abend zu Hause?«

»Ich weiß nicht – das heißt, ich glaube es nicht, denn er geht alle Abend aus und –« es schien, als ob sie noch etwas sagen wollte, doch besann sie sich eines andern und schwieg.

Lars Bergh tat auch keine weitere Frage, denn eben trat wieder der Herr Gendarm ein, um zu versuchen, die Leute zum Fortgehen zu bewegen, und da Lars fürchtete, daß er als der einzige den besseren Ständen Angehörige am ersten sein Augenmerk auf sich lenken möchte, so zog er es vor, unaufgefordert das Haus zu verlassen.

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