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Der große Unbekannte

Gustaf Rosengren: Der große Unbekannte - Kapitel 10
Quellenangabe
type
authorGustaf Rosengren
titleDer große Unbekannte
publisherCarl Henschel Verla
printrun26. bis 40. Auflage
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160629
projectid4c51ab45
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Neuntes Kapitel.

Als Lars Bergh zwei Tage nach den im vorigen Kapitel geschilderten Ereignissen von einem Ausgange nach seinem kleinen freundlichen Heim zurückkehrte, fand er auf seinem Schreibtische einen Brief. Die Aufschrift rührte von einer ungeübten Kinderhand her oder sonst von jemandem, der die edle Kunst des Schreibens nicht allzuhäufig übte.

»Ich möchte bloß wissen, wie Du zu solch einem Briefe kommst,« meinte die hübsche Frau Sigrid. »So schreibt ein Dienstmädchen –«

»Der Brief ist wahrscheinlich auch von einem Dienstmädchen,« entgegnete ihr Gatte seelenruhig.

»Na, hör' mal, wenn ich da nicht eifersüchtig werden soll, dann –«

»Sei nur eifersüchtig,« erwiderte er lachend. »Ich glaube es Dir, wenn es Dir Spaß macht.«

»Aber Lars –«

Doch er hörte nicht, denn er hatte das Kuvert bereits aufgerissen und den Inhalt des Briefes überflogen. Ein Laut der Überraschung entfuhr seinen Lippen.

»Sehr geehrter Herr Bergh –« schrieb die Karin – »ich tue Sie hiermit gemäß unserer Abrede zu wissen, daß ich ein Brett, wie Sie es wünschen, aufgefunden habe und Ihnen darüber mitteilen will, wie ich dazu gekommen bin und welche Umstände damit vorhanden sind, und daß ich Ihnen dieses alles genau erklären will, wenn ich die Ehre haben werde, in dem Restorang mit Sie zu sitzen, wo Sie so gietig waren, den schönen Punsch mit Erbsen und Koteletts mit mir zu äsen. Auch habe ich die Ehre, Sie mitzuteilen, daß das gnädige Fräulein dem Leben kann erhalten werden, weil es aus seiner Bewußtlosigkeit erwacht ist, aber noch zu schwach ist zu sprechen, doch der Doktor meint, daß das Sprechen auch noch nachkommen wird und das Fräulein vorläufig noch vollständige Ruhe pflegen soll und nicht versuchen soll zu sprechen. Indem, daß ich Ihnen die Ehre gebe, Sie zu erwarten heute abend acht Uhr in dem Restorang, weil ich früher nicht abkommen kann in der Hoffnung auf einen vergniegten Abend, zeichne ich mich in hoher Verehrung

Ihre hochachtungsvolle
Karin Torblad.«

»Heute abend habe ich ein Rendezvous mit ihr,« rief Lars lustig.

»Was?« staunte die kleine Frau.

»Da lies selbst.« Er reichte ihr den Brief und sie las kopfschüttelnd. »Wenn ich ein Wort von alledem verstände,« grollte sie. »Diese Karin soll Dir ein Brett besorgen – wozu in des Himmels Namen?«

»Auf dem Brett wollen wir doch die Reise machen, von der Du im Denken und im Wachen träumst. Na, wie ist's, Schatz, willst Du bei dem Rendezvous heute abend dabei sein? Das heißt, an demselben Tisch mit uns darfst Du nicht sitzen, weil Du uns dann beim Austausch unserer Zärtlichkeiten stören würdest – aber an einem Tisch in der Nähe darfst Du sitzen und uns beobachten. Na – willst Du?«

Sigrid warf die roten Lippen schmollend auf. »Du bist und bleibst wie ein großer Junge,« schalt sie. »Nichts als Kindereien hast Du im Kopf.«

»Aber diese Kindereien haben einen sehr ernsten Hintergrund, Liebchen,« sprach er, jetzt wieder ernst. »Glaub' es mir. Vielleicht schon in einigen Tagen sollst Du alles erfahren, jetzt aber darf ich Dir noch nichts erklären. Und nun gib mir rasch einen Kuß, denn ich habe Eile, ich muß fort.«

Damit faßte er sie um den Hals und küßte sie herzhaft ab. Sie wußte zuerst nicht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte, aber am Ende entschloß sie sich zu dem erstern. Kannte sie doch ihren Lars, der, wenn sie es auch manchmal nötig fand, ein wenig mit ihm zu zanken, doch der beste und zärtlichste Ehegatte von der Welt war, auf dessen Treue sie fest vertrauen durfte.

Lars Bergh fuhr indessen mit dem ersten Dampfer, der abging, nach Stockholm und von da mit der Elektrischen nach dem Sanatorium, in dem Ellida Bagge einstweilen eine Zuflucht gefunden hatte.

Das große freundlich aussehende Haus mit seinen Balkons, Veranden und Türmchen an der Bucht des Sees war ganz unter Baumgrün versteckt, umgeben von schattigen Parkanlagen, bunten Blumenrabatten und weiten Rasenplätzen – so recht ein Ort des Friedens für erholungsbedürftige Kranke und müde Seelen. In den Veranden saßen Herren und Damen lesend und sprechend, unter ein paar prächtigen alten Linden waren Hängematten ausgespannt, in denen Leidende lagen, und auf einem Spielplatz vergnügten sich einige junge Mädchen und Männer mit Lawn Tennis. Lars dachte, daß es fast ein Vergnügen sein müßte, sich hier längere Zeit aufzuhalten, aber freilich als Gesunder, denn wenn er sich nur durch Krankheit die Anwesenheit in diesem schönen Hause und Garten erkaufen konnte, dann wollte er doch lieber davon bleiben.

Auf seine Frage, ob er Fräulein Bagge sprechen könne, erwiderte man ihm, daß hierzu die Erlaubnis eines der Ärzte erforderlich sei. Lars ließ sich dem einen Assistenzarzt melden und sagte ihm, daß er Ellida Bagge Nachrichten von ihrer Prinzipalin bringe und zwar gute, die sie hoch erfreuen würden. Der Arzt aber wiegte bedenklich das Haupt und meinte, das Fräulein befinde sich in einem derartigen Depressionszustand, daß er Abstand nähme, einen Fremden zu ihr zu führen. »Außerdem weiß ich auch gar nicht, ob sie Sie wird sprechen wollen,« fuhr er fort. »Sie ist geradezu menschenscheu und es bedarf des direkten Befehls des Anstaltsleiters, um sie zu veranlassen, bei Tisch zu erscheinen. Ihre Nerven haben eben durch die schrecklichen Ereignisse der letzten Zeit einen furchtbaren Stoß erhalten.«

»Vielleicht dienen aber gerade die freudigen Nachrichten, die ich ihr bringe, dazu, den Druck zu heben, unter dem sie lebt«, erwiderte Lars. Er dachte freilich nur an die Besserung im Befinden Fräulein Lindströms, denn von den nahen Beziehungen Ellidas zu dem unglücklichen Larka wußte er ja nichts, da der Untersuchungsrichter Sorge getragen hatte, daß fürs erste hiervon kein Wort in die Zeitungen gelangte.

»Meinetwegen denn,« sagte der Arzt. »So will ich Sie bei dem Fräulein melden.« Er entfernte sich und kehrte bald mit der Mitteilung zurück, daß Ellida einverstanden sei, Herrn Bergh zu empfangen. »Ich muß jedoch bitten, daß Sie Ihren Besuch nicht lange ausdehnen und alles vermeiden, was die junge Dame aufregen könnte,« fügte er hinzu.

Dann führte er Lars nach einer der elegantesten Partien des Gartens, wo Ellida in einer schattigen Laube mit einem Buche in der Hand saß.

»Hier ist der Herr, der Ihnen die frohe Botschaft bringt,« sagte er, auf Lars weisend, um sich dann zurückzuziehen.

Ellida war von ihrem Platze aufgestanden, um Lars Bergh entgegenzutreten. In dem einfachen weißen Kleide, das sie von jeher auf Fräulein Lindströms Wunsch im Sommer trug, mit dem schmalen weißen Gesicht, aus dem die fast übernatürlich großen Augen wie Sterne strahlten, erschien sie wunderbar schön, aber es war eine Schönheit, die dem Beschauer das Herz schmerzhaft zusammenpreßte. Wie eine jugendliche mater dolorosa sah sie aus mit den durchgeistigten gramerfüllten Zügen, den tiefen Schatten unter den Augen und dem lieblichen fest zusammengepreßten Mund. Und doch, welch ein unsagbarer rührender Liebreiz lag nicht über dem holden Mädchenbild ausgebreitet! Lars wurde von einer förmlich ehrerbietigen Scheu ergriffen, die ihn nach Worten suchen ließ, zart genug, um diese arme geprüfte Seele nicht zu verletzen.

Ellida war es jedoch selbst, die das Wort ergriff. »Wie freundlich von Ihnen, Herr Bergh, daß Sie mir die Nachricht von der Besserung im Befinden meiner teuren Wohltäterin persönlich überbringen,« sprach sie, ihm die Hand reichend. »Ich weiß gar nicht, womit ich so viel Güte verdient habe, denn wir kennen uns ja kaum. Außer an jenem Morgen –« sie schauderte und Leichenblässe überzog das schwermütige Gesicht – »haben wir uns ja noch nicht gesehen. Aber nun bitte, nehmen Sie Platz und erzählen Sie mir ausführlich, wie es Fräulein Lindström geht.«

Lars befand sich in einer üblen Lage. Was sollte er erzählen? Er wußte ja nichts über Fräulein Lindströms Befinden als das Wenige, was die Karin ihm geschrieben hatte. Und dann fühlte er in seinem ehrlichen Gemüt sich auch durch die Annahme Ellidas bedrückt, daß er nur gedrängt von seiner Teilnahme für sie gekommen sei, um ihr eine frohe Mitteilung zu machen, während er in Wahrheit von ihr Informationen zu erhalten wünschte. Wie sollte er sich da aus dieser fatalen Lage ziehen? Ach was, dachte er, die Wahrheit ist immer das beste!

So hob er denn freimütig die Augen zu ihr auf und gestand ihr unumwunden, was ihn zu seinem Besuche bewogen hatte. »Ich wollte so sehr gern ein paar Auskünfte von Ihnen haben, Fräulein Bagge«, schloß er beschämt. »Vorerst aber sagen Sie, daß Sie mir verzeihen.«

Sie zuckte die Achseln. »Was soll ich Ihnen verzeihen? Daß das Hauptmotiv Ihres Hierseins nicht menschenfreundliches Mitgefühl mit einer Unglücklichen ist? Die Hauptsache für mich bleibt, daß Sie mir die Hoffnung auf Genesung meiner Wohltäterin gebracht haben. Und im übrigen ist es wahrhaftig von Wert, wenn jemand so offen zu einem ist wie Sie. Wie wenige sind das! Man denkt, man kennt einen Menschen so genau, daß man meint, ihm in das Herz sehen zu können und dann hinterher erfährt man –« sie brach mit einem stöhnenden Laut ab und krampfte die Hände zusammen. Lars, der keine Ahnung hatte, daß sie an den zum Verbrecher gewordenen Jugendgeliebten dachte, betrachtete sie mit Staunen. »Ach, wenn der Himmel doch gäbe, daß sie am Leben bliebe!« hörte er sie flüstern. »Ist es doch schon genug, daß ich weiß, er wollte die Tat begehen.«

Sie schien offenbar vergessen zu haben, daß sie nicht allein war, denn sonst, meinte Lars, würde sie nimmermehr ihr tiefstes Herzensgeheimnis seinen Ohren preisgegeben haben. Denn wen konnte sie mit dem »er«, der »die Tat begehen wollte,« meinen, als den Leutnant Olaf Jonsson? Und wenn sie ihn nicht liebte – wie hätte das Bewußtsein seiner Verworfenheit sie sonst so furchtbar erschüttern können? Und über den Mann ihrer Liebe wollte er sie zu Aussagen veranlassen, die ihn belasten mußten! In diesem Augenblick bedauerte Lars Bergh es tief, Ellida Bagge aufgesucht zu haben.

Doch, da hatte sie sich wieder gefaßt. »Sie wollten eine Auskunft von mir haben, Herr Bergh, sagte sie. »Mit welcher kann ich Ihnen dienen?«

Er senkte in tödlicher Befangenheit die Augen. »Fräulein Bagge –« sprach er – »ich nehme davon Abstand, meine Fragen an Sie zu richten. Nach dem, was ich eben gehört habe – was – was Sie mich erraten ließen –« stammelte er »wäre es ebenso unbarmherzig wie sinnlos, wenn ich Sie um Ihr Zeugnis gegen einen Menschen bäte, der, der –« wieder stockte er, denn er mochte doch nicht schließen – »der von Ihnen geliebt wird.«

»Was kann mein Zeugnis ihm jetzt noch schaden?« fragte Ellida resigniert. »Ich habe es ja längst gegen ihn abgeben müssen oder richtiger, ich habe es abgegeben, ohne daß ich es selbst recht wußte –«

»Was?« fiel Lars überrascht ein. »Sie haben, den Leutnant Jonsson betref–«

»Wer spricht von dem Leutnant Jonsson?« unterbrach nun sie ihrerseits ihn. »Was geht mich der Leutnant Jonsson an?«

Er starrte sie verblüfft an. »Nun ja, er – wir – wir sprechen doch beide von dem Manne, der Fräulein Lindström hatte ermorden wollen –«

»Der ist ja doch der Knud Larka,« sprach sie, abermals mit der gleichen verzweiflungsvollen Resignation von vorhin.

»Der? Aber nein doch!« schrie Lars von seinem Temperament überwältigt. »Der ist doch nicht der Täter, der –«

Er brachte den Satz nicht zu Ende, denn Ellida war aufgestanden und stand jetzt mit fliegendem Atem, beide Hände gegen ihr Herz gepreßt, vor ihm. »Er ist nicht der Täter, er ist nicht Täter?« keuchte sie, ihn mit ihren Blicken durchbohrend. »Wissen Sie auch, was Sie sagen, mein Herr –«

»Aber gewiß doch!«

»Und es ist wahr? Es ist wirklich wahr?« fuhr sie in demselben Ton mit einer fast wahnsinnigen Aufregung fort. »Sie täuschen mich nicht? Nein? O, gelobt sei Gott!« rief sie, ihre Hände faltend und wie befreit aufatmend. »Er ist kein Mörder! So hat er wahr gesprochen! Er ist ein schwacher unglücklicher Mensch, er hat stehlen wollen, aber nicht morden – nein, nicht morden!«

Sie ließ sich auf die Bank sinken und saß eine Weile, mit verzücktem Ausdruck vor sich hin starrend. »Aber irren Sie sich auch nicht, mein Herr?« fragte sie dann von neuer Angst gepackt, »und was wollten Sie mit dem Leutnant Jonsson? Er – er – – – großer Gott!« unterbrach sie sich, »sollte er – er – der Täter – sein?«

Lars hatte inzwischen seine Überraschung überwunden. Er erkannte jetzt klar die Sachlage. »Fräulein Bagge –« sprach er leise und eindringlich – »es ist überhaupt noch keine Anklage gegen den Leutnant Jonsson erhoben und ich würde mich daher wohl hüten, meine eigene Ansicht über die Sachlage auszusprechen, da ich aber schon sehe, daß Sie an dem Fall noch ein ganz anderes Interesse nehmen, als ich ahnte –«

»Interesse! Ein Interesse!« fiel sie heftig ein. »Kann man das denn noch ein Interesse nennen, was für mich – ach, ich finde ja überhaupt keine Worte dafür – für das, was mich hier bewegt und was mir das Herz zerreißt! Denn – warum soll ich's Ihnen nicht sagen, Herr Bergh, was über kurz oder lang alle Zeitungen verkünden werden, daß nämlich der Knud Larka, der den Einbruch in Fräulein Lindströms Haus verübt hat und den ich bis vor wenigen Minuten des versuchten Mordes für schuldig hielt, an dem Tage, an dem die Tore des Gefängnisses sich vor ihm öffnen werden, mein Gatte sein wird. Ja, mein Gatte, Herr Bergh! Und nun ermessen Sie selbst, was es für mich bedeutet, wenigstens von seiner Schuldlosigkeit an der Mordtat überzeugt zu sein.«

»Aber um Gotteswillen –« brach Lars los, der von dem Gehörten ganz versteinert war – »wie können Sie solch einen Entschluß fassen! Sie, eine hochgebildete junge Dame, ein reines Mädchen, und dieser – verzeihen Sie, ich will kein hartes Wort gebrauchen – aber ein Verbrecher ist und bleibt er doch – ein Handwerker, ein ungebildeter, zum Verbrecher gewordener Mensch!«

Sie richtete sich hoch auf und ihre sonst so sanften Augen sprühten Flammen, nie hätte Lars diesem zarten Mädchen eine solche Leidenschaftlichkeit zugetraut. »Ein Handwerker, ein ungebildeter Mensch!« rief sie zornig. »Was wissen Sie denn von ihm? Der Knud Larka ist kein Handwerker, sondern ein Künstler, ein gottbegnadeter Künstler, ein Genie! Und ungebildet? Dann bin ich es tausendmal mehr. Hören Sie, was ich Ihnen erzählen will – wir waren Nachbarskinder, aber seine Eltern standen auf der sozialen Stufenleiter ein gutes Stück höher als die meinen. Mein Vater war Buchhalter bei dem hochangesehenen reichen Fabrikbesitzer Larka. Wir liebten uns von kleinauf und hatten Treue geschworen, als wir noch Kinder waren. Dann machte sein Vater bankerott und erschoß sich, und der Knud, unfähig sich einzuschränken und sich selbst allen Widerwärtigkeiten zum Trotz den Weg zu bahnen, geriet in Not. Und doch, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er sich vielleicht dennoch durchgerungen. Aber er wollte mir rasch eine Heimat bieten, und da er zu stolz war, mich in eine bescheidene Wohnung zu führen, da er mir mit seiner Hand Wohlleben und Reichtum und Ruhm bieten wollte, so verschmähte er mäßig bezahlte Arbeit und gedachte sein Ziel im Sturmlauf zu gewinnen. Aber es ward ihm von keiner gütigen Paten-Fee Energie, Kraft und Ausdauer, ohne die auch das größte Genie oft seinem Besitzer nur zum Fluche gereicht, in die Wiege gelegt – er machte eine Torheit nach der andern und sank bis – bis – sank so tief, wie er tiefer kaum sinken konnte. Und ich – ich empörte mich über seinen tiefen Fall und sagte mich los von ihm – freilich immer mit der festen Absicht, dennoch sein Weib zu werden, sofern es ihm gelingen sollte, sich aufzuraffen. Aber er hat das nicht geglaubt, denn sonst – doch genug davon. Der Gedanke, daß ich ihn noch tiefer in den Sumpf gestoßen haben könnte, indem ich mich von ihm losriß, hat mich gefoltert Tag und Nacht. Und dann vor einigen Monaten, als ich mit Fräulein Lindström in Stockholm durch die Drottninggatan ging, begegnete ich ihm. Er war verkommen, hungernd, zerlumpt –« Ellida schlug die Hände vors Gesicht, unfähig sogleich weiter zu sprechen; dann nach einer Weile fuhr sie fort: »Ich vertraute mich Fräulein Lindström an und sie, die gegen mich stets gütig war, wenn andere sie auch schmähen, versprach mir, für den Knud zu tun, was sie könnte. Sie erkundigte sich nach seiner Adresse, fuhr selbst zu ihm und sagte ihm, daß sie ihm vorerst einfache Tapeziererarbeit geben wollte, damit er erst wieder lernen sollte, regelmäßig zu arbeiten. Und wenn er ihr durch Eifer und ordentlichen Lebenswandel die Gewähr geboten hätte, daß ihre Wohltaten nicht fortgeworfen wären, wollte sie auch für die Mittel sorgen, daß er wieder auf künstlerischem Gebiet schaffen könnte. Aber es war ja alles vergebens, einmal kam er, das nächste Mal wieder nicht – es genierte ihn vielleicht auch, daß ich im selben Hause weilte. Wenn ich ihm gesagt hätte, daß ich die Seine werden wollte, wenn er wieder der geworden, dem ich einst meine Liebe geschenkt, dann würde ihm das möglicherweise Kraft gegeben haben, aber ich ermahnte ihn nur immer zur Ausdauer und sprach kein Wort mehr von Liebe zu ihm, und er, der stets stolz war wie der Teufel selbst, kam mir mit keinem Schritt entgegen. Und dann zuletzt, in seinem Trotze, seiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ist er zum Einbrecher geworden! Er sagt, daß es nicht um meinetwillen geschehen ist, aber an mir nagt doch der Argwohn, daß er es getan hat, um mir trotz allem Reichtum und eine glänzende Heimat bieten zu können. Vielleicht hat er sich eingebildet, Großes schaffen zu können, sofern er nur erst Geldmittel hätte. In jedem Falle glaube ich, daß der Gedanke an mich mitgewirkt hat, als er zum Verbrecher wurde. Und wenn dem auch nicht so war –« schrie das Mädchen auf – »so hat meine Kälte, der Umstand, daß ich ihn im Stiche ließ, als er mich am nötigsten brauchte, ihn noch tiefer sinken lassen. So oder so bin ich schuldig an seinem Falle und darum gehöre ich ihm von jetzt ab mehr denn je. Nichts vermag mich mehr von ihm zu trennen und mein ganzes Leben hat nur noch den Zweck, ihm zu dienen. Nun wissen Sie, mein Herr, was mir der Knud Larka ist, und wenn Sie mir wohlwollen, so seien Sie barmherzig und sagen Sie nicht, daß das, was ich tun will, ein Wahnsinn ist. Kein Mensch auf Erden kann mich in meinem Entschluß, sein Weib zu werden, wankend machen.«

Wieder trat eine Pause ein, dann sagte Ellida ruhiger, aber völlig erschöpft: »Und nun fragen Sie mich, was Sie betreffs des Leutnants Jonsson wissen wollen.«

Lars Bergh bedurfte viel längerer Zeit als Ellida, um seine Gedanken einem anderen Gegenstand zuzuwenden, trotzdem alle diese Dinge ihn doch nicht annähernd so tief trafen wie sie. Aber freilich hatte er auch nicht, gleich ihr, in einer langen, langen Leidenszeit unter dem Zwange der Notwendigkeit Selbstbeherrschung gelernt.

Ellida, die sein Schweigen falsch deutete, sagte: »Ich sehe, Sie scheuen sich, über den Leutnant Jonsson zu sprechen, da Sie mir nicht Ihre Ansicht über seine Schuld oder Nichtschuld an dem Verbrechen anvertrauen wollen. Gut, berühren Sie diesen Punkt nicht – ich weiß jetzt ja doch, was ich zu glauben habe – und fragen Sie einfach.«

»Meinetwegen denn.« Er gab sich einen Ruck und holte tief Atem. »Was mich interessiert, ist hauptsächlich das Verhältnis Fräulein Lindströms zu ihrem Neffen. Standen die beiden gut miteinander?«

»Je nun, Fräulein Lindström liebte ursprünglich ihren Schwesterssohn zärtlich, aber er war leichtsinnig, verschwenderisch und frivol und verstand es, ihre Liebe zu ihm zu vernichten. Wiederholt hat sie ihm angedroht, ihn zu enterben und in letzter Zeit war das Verhältnis so gespannt geworden, daß er wohl ernstlich fürchtete, sie möchte ihr Wort wahr machen.«

»Und was ist das für eine Geschichte mit dem Bilde der Mona Lisa?« forschte Lars.

Ellida verzog verächtlich die Lippen. »Wissen Sie Näheres darüber und woher?« Nachdem er ihr alle seine Erfahrungen über diese Sache mitgeteilt, sagte sie: »Ich habe nie an den Spuk geglaubt, denn das Bild begann immer nur dann eine erhobene Hand zu zeigen, wenn Fräulein Lindström mit ihrem Neffen Streit gehabt oder ihm seine wahnwitzigen Geldforderungen abgeschlagen hatte. Waren diese bewilligt, so sah die Mona Lisa ein paar Stunden später aus wie immer. Als Fräulein Lindström dem Leutnant mit Enterbung drohte, hob die Mona Lisa die Hand, ja den ganzen Arm wie zum Fluche. Sie wissen doch, daß des Leutnants Mutter, Fräulein Lindströms Schwester, der Mona Lisa Zug um Zug geglichen haben soll? Fräulein Lindströms Deutung war daher, die tote Schwester zeige ihr ihren Zorn, weil sie sich in ihrem lebenden geliebten Sohn gekränkt fühlte. Meine teure Wohltäterin neigte eben stark zum Aberglauben und –« Ellida brach kurz ab, denn der Assistenzarzt erschien unweit der Laube und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Wir müssen schließen,« sagte sie hastig.

»Aber mein werter Herr –« rief der Arzt – »Sie mißbrauchen meine Erlaubnis wirklich. Daß Sie stundenlang mit meiner Patientin sprechen dürften, habe ich wirklich nicht gemeint.«

Lars erhob sich hastig. »Verzeihen Sie –« murmelte er, doch Ellida fiel ein und sagte eifrig: »Herrn Berghs Besuch hat mir nicht geschadet, Herr Doktor. Er hat mir Nachrichten gebracht, die so gut sind, daß ich mich leichter fühle als all' die Zeit her seit jenem schrecklichen Tage.«

Der Assistenzarzt sah sie freundlich an. »Es ist wahr, Sie machen einen bessern Eindruck als zuvor«, meinte er, »und wenn Herrn Berghs Einfluß auf alle Patienten ein derart wohltätiger ist, dann soll sein Besuch in dieser Anstalt uns herzlich willkommen sein.«

Lars verabschiedete sich indessen und als Ellida ihm ihre Rechte reichte, beugte er sich, einem unwiderstehlichen Antrieb folgend, über das schmale Händchen und drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf.

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