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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Die Völkerwanderung hebt an

Als der Türmer von St. Peter die sechste Morgenstunde einläutete, wurden die Tore der freien Reichsstadt Regensburg geöffnet, nicht früher. Viele hatten in der lauen Mainacht draußen gelagert, am Strand der Donau, bei den Landungsplätzen ober- und unterhalb der Brücke, die nach Stadt am Hof hinüber führte, und auch in den Auen des Unteren Wörth, denn die billigen Einkehrgasthöfe innerhalb der Stadt waren überfüllt. Bei der »Grünen Ente« hatten die Schiffer alles besetzt, beim »Goldenen Engel« wohnten die Herren Beamten, die sich etwa auf Kommissionsreisen befanden, dem »Goldenen Kreuz« aber, wo immer die Kaiser wohnten, wenn sie in Regensburg Reichstag hielten, traute sich kein Auswanderer in die Nähe. Ehrfürchtig schaute jeder zu dem Turm der alten Kaiserherberge empor und ließ sich erzählen, was sich in dem Hause schon alles begab. Von den tausend Bauern und Handwerkern, die sich jetzt allwöchentlich in Regensburg zusammenfanden, bekam kaum die Hälfte ein nächtliches Unterkommen innerhalb der Tore, die anderen mußten abends hinaus. Das nächtliche Herumlungern in den dunklen unbeleuchteten Straßen wurde nicht geduldet. Das Fräuleinstift von Obermünster erbarmte sich wohl der Frauen und Kinder, bei den Brüdern von den Schotten und bei St. Emeran nahm man auch drei Dutzend katholische Leute auf, die anderen mußten in Gottes Namen sehen, wo sie blieben, bis ihre Schiffe abgingen. Wer hieß sie auch, in so großer Zahl ihr Vaterland verlassen? Vergeblich warnte man sie.

Die Insassen vieler Marktwagen, die von drüben aus Stadt am Hof und weiter her von jenseits der Donau gekommen waren, warteten ober dem Wassertor mit Ungeduld auf Einlaß. Es gab so viel zu besorgen vor Pfingsten, und man hatte schon gehört, daß die Stadt von zahlreichen Gästen belagert sei. Am Ende entstand da eine Not, und man mußte seine Einkäufe im fernen Augsburg machen, fürchteten die einen. Andere aber kamen, weil sie hofften, manchen vorteilhaften Handel mit diesen Flüchtlingen abschließen zu können. Es ging die Mär, daß viele Auswanderer ihre Habe bis hierher schleppten und zuletzt doch daran verzweifelten, sie mitnehmen zu können bis nach Hungarn. Das lockte gar manche kluge Handelsleute an.

Der Türmer blies nach dem Geläute einen Choral von Sankt Peters herrlichem Dom, und die vor den Toren draußen horchten auf. Das Lied stimmte sie zur Andacht, und manch einer murmelte sein Morgengebet noch einmal.

Alsbald rasselten die schweren Zugbrücken nieder, und die Stadt erwachte.

Auch am Ufer des Stromes wurde es lebendig, die müßigen Auswanderer kamen von allen Seiten herbei, und von den Ulmer Schiffen, die hier übernachtet hatten, stieg der Rauch auf; in ihren Küchen wurde schon das Frühstück bereitet für die Ruderknechte.

Die Leute aus Baden und Württemberg, die gestern abend mit diesen Schiffen gekommen waren, hatten es gut, die gewannen einen Vorsprung. Sie hatten ihre Pässe wohl schon in Günzburg in Schwaben bekommen, wo ein Kommissär des Kaisers saß und allen zu Diensten stand, die sich ausweisen konnten, daß sie von ihrer heimatlichen Behörde entlassen worden waren. Hier in Regensburg ging das langsamer, da lief zu viel Volk aus ganz Süd- und Westdeutschland zusammen, da trafen sich die Leute aus Hessen und Franken, aus Nassau und Westfalen, aus der Rheinpfalz und aus Luxemburg, aus dem Elsaß und aus Lothringen. Auch wer seinen Paß schon in Frankfurt behoben hatte, mußte ihn hier vorweisen und bestätigen lassen, ehe er die Donaufahrt nach Wien antrat. Und an Schiffen war Mangel, es hieß Geduld haben.

Und da standen die Leute am Ufer, und in ihren bunten Trachten spiegelte sich die Morgensonne. Sie schauten zu, wie die Ulmer Schachteln sich zur Abfahrt bereit machten, und beredeten alles. Das Ordinarischiff ging immer zuerst. Das hatte längere Zollplackereien in Passau und in Engelhartszell zu bestehen, weil es allerlei Waren transportierte, die versteuert werden mußten. Die Grenzsoldaten waren streng.

Jetzt bestieg der Schiffmeister den Steuerstuhl und schwang die Ulmer Flagge.

»Los!«

Die Ruder griffen ein, das Ordinarischiff setzte sich langsam in Bewegung. Zurufe wurden laut, Hüte wurden geschwungen, und das Schiff sauste durch den mittleren der fünfzehn Brückenbogen in der besten Strömung dahin.

Zwei Stunden später erst wurde das Ulmer Auswandererschiff losgelassen, aber die Schwaben waren schon jetzt alle auf ihren Plätzen. Einzelne Gruppen saßen mit Weibern und Kindern auf Bänken, andere lagerten auf buntem Bettzeug, zwischen Ackergeräten und allerlei bäuerlichem Hausrat. Mehrere Pferde standen unter einem Schutzdach, auseinandergenommene Teile von Fuhrwerken lehnten daneben. Sogar zwei Ziegen meckerten auf dem Schiff. Ein Zuschauer auf dem Ufer belachte und verspottete das. Wozu die Leute sich solche Umstände machten und solche Kosten? Kriegen die drunten in Hungarn keine Ziegen und keine Pferde? Keine Pflüge? Und er las den um ihn Versammelten das Patent des Kaisers vor und die Erläuterung zu demselben: »Ein paar Pferde gibt euch der Kaiser, wenn ihr am Ziel ankommt, um vierzig Gulden, ein paar Ochsen um fünfzig Gulden, eine Kuh um achtzehn Gulden, einen Pflug um fünf Gulden. Alles, alles gibt man euch. Sogar zwei Leuchter und eine »Lichtputze« stehen da verzeichnet. Und abzahlen braucht ihr erst, wenn ihr geerntet habt. Zehn Jahre läßt man euch Zeit. Wer wird sich da abschleppen mit seinem Hausrat? Wer wird für viele Wochen Pferde umsonst füttern? Nicht einen Nagel nähm' ich mit.«

Der Michel Luckhaup aus Pfalz-Zweibrücken schaute den Sprecher an »Ihr seid halt ein Stadtherr«, sagte er. Wißt nit, was ein paar Gäul' wert sind, die m‘r gern hat und ei' eigner Wage'.«

»Un die Gaas (Ziege) git unnerwegs Millich far die Kinner!« sagte seine Frau.

»Pah!« rief der erste Sprecher. »Ich rate allen gut. Mache jeder, was er hat, zu Geld. Nehme keiner etwas anderes mit als einen Dukatensch–r.« Und er rief es laut und scherzhaft in die Menge, er wiederholte es zehnmal, denn er war ein Lockvogel, und hinter ihm standen die Handelsleute, die ihren Gewinn mit ihm teilten. Jede dieser Familien schleppte irgendetwas mit, das man ihr noch abnehmen konnte.

Während man all seine Aufmerksamkeit dem Ulmer Schiff zugewendet hatte, das als nächstes an die Reihe kam, erklang plötzlich der Ton einer Sackpfeife, und es ächzte ein Wagen auf der Landstraße heran, der mit lautem Hallo begrüßt wurde. Der Aufzug war auch eigenartig genug.

Ein langer Leiterwagen mit einem über hohe Reifen gespannten Dach aus Sackleinen, von einem Braunen und einem Rappen gezogen und von der Hand eines trutzigen Mannes gelenkt, bog von der Nürnberger Straße gegen die Stadt ein Zwei kräftige, halbwüchsige junge Burschen gingen rechts und links, und jeder hatte eine Flinte über der Schulter hängen, voraus aber schritt ein junger Knecht, der auf der Sackpfeife einen alten Liedertanz blies. Aus dem Wagen guckten Kinder, und die Mutter zeigte ihnen die Donau, die Schiffe und die vielen Menschen am Ufer. Im Hinterteil des Wagens stand eine Hühnersteige voll bunten Geflügels, und der Hahn rief ein über das andere Mal sein Kikeriki.

Das Hallo beim Anblick dieser Arche Noab ging von einer Gruppe aus, die schon durch ihre Tracht die Verwandtschaft mit den Ankömmlingen verriet.

»Des isch jo derTrauttmann!« »DerTrauttmanns Philipp!« riefen sie und drängten lachend zu dem Wagen hin. »Des sein Pälzert« schrien andere. »Luschtige Leut!«

»Grüß Gott, Landsmann!« rief der Luckhaups Michel. fahrt Ihr uf a Hochzich?«

Der Angerufene nahm das Leitseil kurz, und die Pferde blieben stehen. Dann wandte er sich dem Luckhaup zu, und über sein ernstes, gebräuntes Gesicht glitt ein Lächeln.

»Grüß Gott, Nachbar«, sagte er. »In de Stadt muß ich. Is des net a wunnerscheene Inrichtung, daß m'r sich üwerall zu melde hot.« Dem Sackpfeifer schrie er zu: »Matz, halt's Maul!«

»'s bescht is, ihr laßt de Wage do un geht nei' in de Stadt. 's is alles voll. Mer stehe schun drei Täg do rum. Drin nehme se Eich de Flinte weg....« sagte der Luckhaup.

»Solle 's probiere« sprach Philipp Trauttmann trotzig.«Do häw ich e Wertche mitzerede. In mei'm kaiserliche Paß aus Frankfurt steht drin, daß ich mit Pferd und Wage' nach Hungarn auswander und zu unserer Sicherheit zwo Flinte mitführe därf.«

»Des is was annersch«, entgegneten die Männer ringsum.

»Wo is m'r denn am beschte ufg'hobe in der Stadt?« fragte Trauttmann.

»Landsmann, de Wertshäuser sin voll.«

»Zum Dreideiwl, mei' Gäul' brauche en Raschttag. Bis Straubing is weit.«

»Do fahrt Ihr am beschte niwer uf Hof, des is der g'rad Weg.«

»Haha! Und die Polizei?« Er beugte sich nach dem Innern des Wagens und sagte :«Motter, ich muß in de Stadt.« Zu seinen Söhnen sagte er: «Hannes, Peter, gebt acht und bleibt do ... Matz, g'füttert wird!« rief er dem Sackpfeif er zu. Dann lenkte er seine Arche auf eine Rasenfläche neben der Straße und stieg ab.

Ein blonder Riese in der Vollkraft seiner achtunddreißig Jahre stand Trauttmann da, und die Landsleute erfreuten sich an seinem Anblick. Daß auch solche Männer die Heimat verließen, das rechtfertigte ihre eigene Landflucht. Und er wurde umringt und ausgefragt, woher er des Weges käme und warum er die Pfalz verlassen habe.

Er fuhr vor acht Tagen über Mainz nach Frankfurt um einen Paß und käme jetzt über Würzburg und Nürnberg nach Regensburg. Da müsse er die Donau übersetzen. Und in zwei Wochen wollte er in Wien sein.

»So eine lange Fahrt!«

Da beneideten ihn die anderen nicht, denn sie werden eine Woche früher in Wien sein. Wenn sie nur einmal auf einem Schiff wären? Aber morgen solle es losgehen.

Und warum er, ein Erzbauer, die Heimat verlassen habe? Hm. Warum verlassen sie so viele? Das Reich schützt die Pfalz nicht gegen die Einfälle der Franzosen, man wisse nie recht, wem man zugehöre und für wen man schaffe. Die Vögte und Amtmänner seien Ludersch, sie schinden jeden, der etwas habe, bis aufs Blut. Das Wild der Grafen fresse die Saaten, die die durchmarschierenden Soldaten nicht niedergetreten haben, und wehren dürfe man, sich nicht. Jetzt aber fange der Herr Kurfürst mit dem Katholischmachen auch noch an. »Ei jo freilich!« rief der Trauttmann. »Moi Eldre ware gud evangel'sch un ich soll m'r selwer uf's Maul schlage un vor de eigne Kinner zu Schimp un Schann werre?«

Er setzte den neuen Hut auf, den seine Frau ihm aus dem Wagen reichte, dann vergewisserte er sich, daß er seinen Paß bei sich habe, und ging aufrecht, erhobenen Hauptes nach der Stadt.

Die Leute sahen ihm verwundert nach. Hatte der denn das Patent nicht gelesen? Wußte er nicht, daß der Kaiser nur Katholische rief? Da stand gar mancher Mann, der sich vor der Abfahrt in das gelobte Land Hungarn bekehrte, der in Ulm oder hier in der Bischofsstadt katholisch worden ist. Die es noch nicht sind, die wird man wohl in Wien dazu nötigen. Einzelne Evangelische sollen ja früher durchgerutscht sein, sagen die Leute. Aber ob das jetzt noch möglich ist?

Ein Trommler kam zum Stadttor heraus, ein Gemeindediener, der etwas ausrief, und die Leute liefen ihm zu. Was er verkündete? Daß morgen, übermorgen und überübermorgen die größten Kehlheimerplätten nach Wien abgehen, die man bis jetzt auf der Donau gesehen habe. Zweihundert Ruderer werden von der Schifferzunft aufgenommen; wer umsonst nach Wien fahren wolle, möge sich melden, er werde schon von heute an freigehalten beim »Blauen Hechten« Auch vier Köchinnen werden für jede Plätte gegen freie Fahrt aufgenommen.

Er machte einen Wirbel mit den Trommelschlägeln und ging weiter nach dem unteren Landungsplatz, wo die mächtigen Schiffe schon bereitlagen. Man mutete ihnen nicht zu, durch die Brücke zu steuern, sie wurden unterhalb derselben gebaut. Und da gab es viel Zuschauer.

Der Eindruck der Botschaft auf die Leute war ein sehr lebendiger. junge Handwerksburschen, die auf ihren Felleisen am Strand lagen und sich sonnten, sprangen auf und liefen nach der Stadt. Die vier Gulden, die eine Fahrt nach Wien kostete, konnten sie sich verdienen. Und eine Woche zehrfrei sein, war auch etwas wert.

Die Bauern schauten sich an. Rudern? Mußte man das nicht gelernt haben wie irgendein anderes Handwerk? Einer und der andere Bursche wollte es wohl versuchen. Und die Mütter rieten dazu. Was erspart werden konnte, das sollte man ersparen. In Passau bekam man ja von der österreichischen Regierung per Kopf drei Gulden Reisegeld nach Wien, und dort sollte man wieder drei bekommen für die Fahrt nach Hungarn. Aber was man sonst alles brauchte, das lag auf dem eigenen Sack.

»Jörgl, du geischt rudere«, sagte die Luckhaupin zu ihrem Sohn. Und die Staudts Margret hielt den ihren auch nicht zurück, obwohl er erst siebzehn zählte. Aber er war stark und groß und hatte guten Mut. Gleich war er bereit. Auch Männer meldeten sich zögernd. »No ja, wenn's koin Schann is, sich uf die Ruderbank zu setze, wolle m'rs aa probiere«, sagte der und jener. Mancher verkaufte Haus und Hof und Feld zu rasch, als die Botschaft des Kaisers kam, mancher hatte in der Eile noch gar nicht verkauft und die Ordnung seiner Verhältnisse den Verwandten und Freunden überlassen, sein Beutel war schmal.

Die Leute der Schiffbauer mischten sich jetzt unter das Volk und ermunterten die Schwankenden. Das Rudern sei leichter als das Ackern. Und wie wär' es denn möglich, so billig bis nach Wien zu fahren, wenn nicht alles zusammenhelfe? »Denkt euch doch, was das kosten möchte, wenn die Schiffmeister die zweihundert Ruderer und die zwölf Köchinnen mit der Post wieder nach Regensburg zurückbringen müßten. Zehn Taler müßte jeder Auswanderer zahlen, nicht vier Gulden. Helft also, greift zu, daß wir morgen weiterkommen!«

Diese Worte halfen redlich mit, die Scheu vor der Lohnarbeit zu überwinden, und man sah immer mehr junge Männer nach dem Stadttor wandern und zum »Blauen Hechten«. Auch die Weiber verständigten sich. Wenn diese und jene als Köchin ging, wollten die anderen gern auf ihre Kinder achthaben. Und ein paar schwabische Moidle schlossen sich lachend an. Warum sollten sie nicht kochen auf dieser Fahrt? Das war doch luschtig.

Auf dem vollgepackten, kleinen Ulmerschiff, das seiner Abfahrt harrte, stand neben dem Steuermann ein hochgewachsener, junger Mann von städtischem Wesen. Er schaute unternehmend auf das bunte Getriebe am Ufer und freute sich innerlich, daß diese kleine Völkerwanderung zustande kam. Es war der Hilfslehrer Wörndle aus Blaubeuren, der Elsässer. Auch ihn hatte die Wanderlust gepackt. Die schönen Briefe, die Frau Theres aus Temeschwar heimschreiben ließ, hatten es ihm angetan. Eine neue deutsche Welt entstehe dort? Nun, deutsche Schulmeister wird man überall brauchen, wo deutsche Leute wohnen ... Er fand Landsleute aus dem Elsaß auf dem Schiff, die bitter klagten über ihre Herren ... Alles will fort ... Geschicht den vielen Tyrannen und Leuteschindern schon recht, sagte sich Wörndle, daß ihre braven Arbeitstiere die Flucht ergreifen. Die werden sich eine neue, freie Heimat gründen in fernen Ländern und nicht französisch werden. Zehn Prozent ihrer Habe mußten sie als Abfahrtsgeld zurücklassen, loskaufen mußten sie sich von ihrer Untertanenpflicht. Aber sie zahlten ohne Zaudern, was man von ihnen forderte. Jetzt litten freilich viele der Armen, die sich von der Heimat loskauften, an bitterem Heimweh. Es war, als ob der Himmel seinen Spott mit ihnen triebe. Ließen freiwillig die Heimat, zahlten, daß sie fort durften, und hatten doch Herzweh dabei. So mancher hat Menschen, die ihm teuer sind, zurückgelassen in den Verhältnissen, aus denen er sich selber losriß. Wie wird es ihnen weiter ergehen? Und wenn man Umschau hielt auf diesem Schiffe, sah man wenig alte Leute. Die kräftigste, die unternehmendste Generation, die sich etwas zutrauen durfte, wanderte aus. Wußten die Fürsten und Herren, was sie da verloren? Welches Menschenkapital sie abgaben an einen anderen Staat? Nein, sie konnten das nicht erfaßt haben. Und sie spürten nichts von dem Weh in diesen Herzen.

Während Wörndle sinnend dastand, ertönte das Kommando: »Los!«

Da packte es auch ihn. Leb wohl, du altersgraues, hilfloses, deutsches Reich, das sich selbst zerfleischt hat in unseligen Religionskriegen, das sich ohne Widerstreben das Elsaß rauben ließ, das auch die Rheinpfalz nicht schützen kann gegen den bösen Nachbar. Leb wohl! Wir ziehen mit Schmerzen von dannen, wir weinen um dich ... Möge dir einst ein Mann erstehen, der dich wieder groß macht und stark und gefürchtet. Mögen auch wir Elsässer dermaleinst wieder stolz sein dürfen auf dich, Stiefmutter Germania!

Unter solchen tiefen Gedanken stand Leonhard Wörndle neben dem Steuerstuhl und schwang seinen Dreispitz grüßend gegen das vieltürmige, langsam entschwindende Regensburg.

*

Philipp Trauttmann war in die Stadt gegangen und hatte sich bald durchgefragt zu dem berühmten Rathaus, in dem durch Jahrhunderte der Reichstag seine Sitzungen hielt. Es war ein dunkles, unfreundliches Gebäude. Er sah in den letzten Zeiten so viele deutsche Städte und mußte in so vielen Ämtern vorsprechen, daß er schon eine gewisse Weltläufigkeit besaß im Umgang mit der Obrigkeit. Das kam ihm auch heute zustatten. Die Landsleute aus allen deutschen Vaterländern, die um Pässe warben auf Grund der Los- und Entlassungsscheine, die sie mitgebracht, ließen dem Trauttmann gern den Vortritt, denn er brauchte nur eine Abstempelung seines Passes, nur eine Vidierung sagte er.

Und so kam er bald vor den Kommissär bei der Polizeideputation.

»Woher des Weges?« fragte der mürrische alte Herr.

»Aus Bobenheim in der Pfalz, Herr Kommissar«, erwiderte Trauttmann.

»Oho! Wie kommt Er zu uns? Warum hat Er sich nicht in Frankfurt gemeldet?«

Trauttmann lächelte über den hitzigen Alten und breitete seinen Frankfurter Paß vor ihm aus, ein Riesenblatt, mit dem kaiserlichen Doppeladler in der Mitte, und einem breiten Rand von Ornamenten. Unten trug es das malerische Wappen des kaiserlichen Gesandten.

»Ach so! Ach so!« brummte der Beamte. »Er kommt zur Vidierung.« Er überflog den Namen und die Aufzählung sämtlicher Titel des Gesandten und las: »Vorzeiger dieses Passes, Philipp Trauttmann von Bobenheim, welcher infolge erhaltener allerhöchster kurfürstlicher Bewilligung und landgräflich hessischer Auswanderungserlaubnis eine Ansiedlung im Banat übernimmt, begibt sich zum Behuf seiner weiteren Instradierung durch die k. k. Oberpolizeidirektion mit Familie nach Wien. Er nimmt einen Knecht mit und ist mit zwei Flinten bewaffnet, die ihm nötig sein dürften. Die betreffenden Zivil- und Militärbehörden werden ersucht, demselben auf dieser Reise jeden förderlichen Schutz und Beistand zu gewähren.«

»Hm . . . ja . . . » Der Beamte drehte das raschelnde Blatt um. Es war von der kurfürstlich bayrischen Gesandtschaft in Frankfurt a. M. bestätigt und abgestempelt. Vom Grenzzollamt Dieburg bis Engelhartszell aber war das Weggeld mit 2 fl. 52 Kr. eingehoben für Wagen und Pferde (Rappwallach und braune Stute), und dann drängte sich Stempel an Stempel bis Regensburg.

»Wie groß ist denn seine Familie?«

»Das Weib und vier Kinder.«

»Wie alt sind die Söhne?«

»Die Buben fünfzehn, vierzehn und zehn, 's Moidl vier.«

»Gut. Aber wie alt ist der Knecht?«

»Der Matz? Neunzehn wird er bald sein.«

»So? Dann muß er heiraten.«

»Wer? Der Matz?«

»Heißt er, wie er will, er muß heiraten. Entweder hier oder unterwegs.«

»E Knecht muß heuern? Der nichts hot wie sei Gwand un sein Jahrlohn von dreißig Gulde?«

Trauttmann lachte. »So e Bue?«

»Lach. Er nicht! Er ist in einem Amt ... Wenn man das in Frankfurt heute noch nicht weiß, was ich sage, wird man es morgen wissen. Was mannbar ist, muß heiraten. Nur Ehepaare werden angesiedelt in Hungarn.«

»Mit Verlaubnis, Herr Kommissar«, erwiderte Trauttmann, »nit mei Knecht, ich un mei' Weib werde angesiedelt. Der Matz is mei' G'schwisterkinn. Für den wer ich schon sorge, wenn's so weit is.«

»Buchstabe ist Buchstabe!« schrie der Beamte. »Renn' Er sich den Kopf nur an. Fahr Er nur zu! Mit einer Zigeunerin werden sie ihm den Matz kopulieren, wenn 'er kein Weib mitbringt.«

Dabei stempelte er geräuschvoll den Paß, gab ihm die Auswanderungsnummer 16734 und schrieb den Weg vor bis Straubing.

Dann fragte er plötzlich: »Und wie steht's mit der Religion?«

»Augsburgisch«, erwidete Trauttmann. »Haha! Fahr' Er nur zu! Ich seh Ihn bald wieder, oder Er wird katholisch.«

»Des werd er nit!« sprach Trauttmann fest.

»So? Und Er hat wohl gar eine lutherische Bibel in seinem Wagen? ja? Na, geb' Er nur gut acht auf die. Hahaha!«

»Adjes, Herr Kommissart« sagte Trauttmann und ging.

» Hochmütiges Bauernvolk!« brummte dieser ihm nach. »Hat gar keinen Respekt mehr vor seiner heimatlichen Obrigkeit, seitdem ihm Hungarn offen steht.«

Festen Schrittes ging Philipp Trauttmann zu den Seinen zurück. Aber einen Floh hatte ihm der Beamte doch ins Ohr gesetzt. Über die Forderung, den Matz unterwegs, auf der Landstraße, zu verheuern, lachte er innerlich. Das durfte er dem Buben gar nicht sagen. Der wär' imstande und greift zu ... Schade, daß nicht seine drei Söhne auch schon das achtzehnte Lebensjahr überschritten haben. Da hätt' man jetzt überall freien können unterwegs, in Passau, in Linz, in Wien. Da wären dann statt einem Ehepaar fünfe nach Hungarn gekommen. Dumm war die Verordnung nicht, das mußte man schon sagen. Wenn man ein Land bevölkern will, war das der rechte Weg. Aber was war das mit dem Katholischwerden? Und mit der Bibel? Das wird wohl so eine regensburgische Muckerei sein! Der kaiserliche Gesandte in Frankfurt hat ihn nicht nach seinem Glauben gefragt, nichts steht in seinem Paß, und er geht ja in ein freies Land. Soll ihm einer kommen! Da hätte er ja daheim bleiben können.

So räsonierte er sich hinweg über die Gedanken, die der Beamte in ihm aufgewühlt hatte. Zutiefst aber dachte er, daß es am Ende doch gut war, daß er seine Felder in der Pfalz nicht gleich verkaufte und nur an seinen Bruder verpachtete. Seine Zuversicht hatte einen Stoß erlitten, er war verstimmt.

Als er hinaus kam an den Strand der Donau, fand er sein Weib mit den Kindern in der Sonne sitzen, und der Matz machte ihnen einen Narren. Er schlug Purzelbäume wie die englischen Reiter, die er in Kaiserslautern gesehen, und blies ihnen ein neues Lied vom Prinzen Eugenius auf der Sackpfeife, das er in Frankfurt gehört hatte. Die Worte kannte er nicht genau, die hoffte er in Österreich zu erfahren, aber die Weise summte man schon überall.

Die Ulmer Schiffe waren fort und der Strand fast leer oberhalb der Brücke. Jetzt schien sich die ganze Neugierde der Leute auf die großen Kehlheimerplätten geworfen zu haben, die dort drunten lagen. Auf ihnen sollten sie ihrer Zukunft entgegenfahren, ihrem Glück.

»Mann«, sagte Frau Eva, »bischt in Ordnung?«

»Ja!« erwiderte er kurz, ohne sie anzusehen. »Matz, ei'schpanna, mer fahre über die Brück, niwer uf Hof.«

Frau Eva strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht, die ihr das Kind verwirrt hatte, und sah ihren Mann von der Seite an. Da war etwas nicht in Ordnung. Sie kannte den Lippl bis in die letzte Falte seines Wesens, und er verstand es schlecht, etwas vor ihr zu verbergen. Ihre hellen Augen suchten seinen Blick, aber er wich ihr aus und gab den Buben allerlei Weisungen. Die Flinten wurden versteckt, und Trauttmann stieg selber tief in seine Arche hinein und wühlte lange im Hinterteil des Wagens, wo die Futtervorräte und der Same von Feldfrüchten aller Art, den man mitgenommen, untergebracht war.

Auf die Frage der Frau, was er suche, gab er keine Antwort.

Als Trauttmann wieder hervorkam, lächelte er in sich hinein und sagte nichts. Frau Eva verstand auch zu schweigen. Sie war ein Kernweib von der Art der Weinsbergerinnen, ihr Mann ging ihr über alles, und sie hätte ihn aus jeder Gefahr auf ihrem Rücken hinausgetragen, so schwer er auch sein mochte. Aber wenn er ihr etwas nicht freiwillig sagen wollte, da konnte sie warten. Die Stunde kam ja doch, in der er beichtete.

Und sie fuhren über die Brücke nach Stadt am Hof. Da drunten lagen die drei Riesenschiffe, die in den nächsten Tagen abgehen sollten, und viele hundert heimatmüde Menschen belagerten das Ufergelände. Sie konnten es kaum erwarten, daß die Donau sie auf ihren Rücken nahm und in die Fremde trug.

»Werde m'r die Pälzer wiedersehe in Hungarn?« fragte der Ferdinand, der aus dem Guckloch hinabsah nach dem Strom.

»Wer weiß!« entgegnete Trauttmann.

*

Das war kein kleiner Tag für Regensburg, an dem die erste Riesenplätte der Kehlheimer Schiffbaumeister abgehen sollte, auf der fünfhundert Auswanderer Platz fanden. Die Schifferzunft von Regensburg ließ sich ein Gutachten von dem berühmten Meister Jakob Fuchs in Cöllen geben, ehe sie einwilligte, daß so große Schiffe gebaut werden. Da der Meister Fuchs aber sagte, daß sie am Rhein dreimal so große Flöße machten, die bis nach Holland schwammen und oft tausend und noch mehr Personen mitnähmen, ließ die Zunft ihre Bedenken fallen. Freilich schrieb der große Schiffmeister, das Bett der Donau kenne er nicht, und sein Rat wäre ohne Obligo gegeben. Und nur beim Höchstwasserstand des Jahres gingen jene großen Schiffe ohne Gefahr im Rhein. So werde es wohl auch mit der Donau sein.

Nun ja, so konnte man es auch hier versuchen, im Mai ging die Donau gar hoch. Und die Kehlheimer hatten sich für den Bau einen Werkmeister vom Rhein kommen lassen, der seine Sache verstand.

Mit Neid blickten die Ulmer auf das große Unternehmen. Und ihre Meister waren heute herabgekommen, das Werk in Augenschein zu nehmen. Man sah da die Meister Ludwig Pleß. Neubronner, Besserer; Molfenter, Schad und Kaßbohrer. Jeder von ihnen besaß seine zwanzig bis dreißig Ulmerschachteln und Zillen, aber was war das gegen diesen Übermut der Regensburger, die an drei Tagen mit drei Schiffen anderthalbtausend Menschen befördern wollten. So etwas war noch nicht da. Auf der Donau nicht. Und wie sie sich blähten, diese neuen Welteroberer; der Georg Seemayer, dem die erste Plätte gehörte, die er selber führen wollte, dünkte sich ein Kolumbus. Weithin hatte er Wälder gepachtet, in denen man die höchsten Stämme für ihn schlug; er plante einen Holz- und Floßhandel im größten Stil und nahm die Menschen nur so nebenher mit. Als er die Ulmer Gäste von der Zunft bewirtete, tat er den protzigen Ausspruch: Zu einem richtigen Schiffgeschäft gehörten künftig dreimalhunderttausend Reichstaler. Hunderttausend stehen im Wald, hunderttausend liegen im Wasser, und hunderttausend müsse man bar im Sack haben. Sie lachten über seine Großtuerei, als sie jetzt sahen, daß er genau so arbeitete, wie sie selber. Aber wenn er auch die Mehrzahl der Ruderer so anwarb wie sie, brauchte er doch eine eigene Gilde von Ankerknechten für das gewaltige Floß; er mußte Schlachtvieh an Bord nehmen, hundert Faß Bier und Berge von anderen Lebensmitteln. Diesen Betrieb konnte er nicht dem Zufall preisgeben, es war schon ein Korn Wahrheit in seinem protzigen Wort. Aber diese Regensburger Schiffer glaubten wahrscheinlich, das ganze deutsche Volk würde nach dem Osten wandern, und das jetzige Geschäft höre nimmer auf. Da waren die Ulmer denn doch vorsichtiger. Ihre Schachteln und Zillen hatten immer ihr Publikum. Und das Verbot dieser Massenauswanderung durch die Reichsfürsten wird ja nicht lange auf sich warten lassen. Was dann? –

Die Auswanderer, die für die erste Kehlheimer Plätte aufgenommen waren, drängten sich am frühen Morgen in den Beichtstühlen der Kirchen von St. Jakob und St. Emeran; keiner wollte das Schiff besteigen, ohne vorher der heiligen Ausspeisung teilhaftig geworden zu sein. Und bei St. Peter wurden dreizehn junge Paare getraut, die sich hier raschen Entschlusses gefunden. Der Kaiser ließ sie nicht über die Grenze, wenn sie sich nicht einigten. Und ein Paar war da, das ließen die Leute auf kein Schiff, wenn es sich nicht verband. O wie gern! Wie gern! Die Eltern und die Basen waren alle dagegen, daß der Gerber Michel, der flinke Schreinergesell aus Emendingen, die Trudel kriegen solle. Aber die Trude mochte ihn nun einmal für ihr Leben gern, und da man ihr einen anderen geben wollte, so lief sie mit dem Michel davon. Auf ein Donauschiff gingen sie. Aber da hieß es: Wer seid ihr? Wo sind eure Leute? Wo sind eure Papiere? Seid ihr denn verheuert? »Marsch ans Land, Zigeuner!« Und was man ihnen daheim verweigerte, das wurde jetzt befohlen. O wie gern folgten sie und wurden ein christliches Paar. Sie taugten besser zusammen als alle die anderen Paare.. . Eine Nassauerin und ein Bauernbube aus dem Schwarzwald, ein Luxemburger Leineweber und ein Schwabenmädel vom Bodensee wären wohl niemals im Leben zusammengekommen, das war nur auf Befehl in Regensburg möglich. Und so wie diese, mischten sich die anderen Paare; in dem Hochzeitszug bei der dreizehnfachen Kopulierung erklangen alle Mundarten und glänzten alle Trachten aus dem Süden und Südwesten des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Ob sich die Paare alle verstanden haben? Das war nicht ganz sicher. Aber wahre Liebe überwindet jeden Dialekt. Und mit der Aussteuer war es bei dieser Eile auch nicht weit her, für die mußte wohl der Kaiser sorgen, der diese Eheschließungen anbefohlen.

Es ging der Kopulation ein Gottesdienst voraus und eine Predigt. Eine Predigt gegen das leichtsinnige Auswandern!

Ein greiser Domherr stand auf der Kanzel und verdonnerte mit seiner gewaltigen Stimme die Scharen, die die Kirche füllten. »Was hat euch alle zu Neuländern gemacht?« sprach er. »Wer hat euch behext? Traut nicht den Werbern, die sich vor euch als reiche Leute aufspielen und so tun, als wären sie dort zu Wohlstand gekommen, wo sie euch hinhaben wollen. So einer mag noch so oft seine goldene Sackuhr ziehen und seine Ringe blitzen lassen, er ist ein Seelenverkäufer, der ein Kopfgeld kriegt für jeden von euch. Wer kann, kehre noch jetzt zurück zur heimatlichen Scholle und trage das Los, das Gott ihm beschieden, in Geduld. Glaubt nicht, daß in Hungarn die Elysäischen Felder liegen, glaubt nicht, daß dort Milch und Honig in den Bächen fließt, glaubt nicht, daß der Boden dort ungepflügt und unbesamt Früchte trägt, und daß ihr dort nicht härter arbeiten müßt, als in der Heimat. Wer euch sagte, daß dort aus einem Knecht ein Herr, aus einer Magd eine gnädige Frau, aus einem Bauer ein Edelmann und aus einem Handwerker ein Baron wird, der lügt. Wer euch sagt, daß ihr dort eure Obrigkeit wählen und absetzen könnt nach Belieben, der ist ein Betrüger. Ich weiß, daß eure Abgaben und eure Frondienste in der Heimat nicht leicht zu tragen sind, und daß jeder Erdgeborene den Trieb in sich hat, sein Los verbessern zu wollen. Aber gebt acht, ob ihr auf dem rechten Wege seid, ob das neue Land, das die Türken nur schlecht nährte, euch besser ernähren wird, wenn ihr in so großer Zahl kommt. Gebt acht, ob ihr euch nicht in die Sklaverei fremder Herren begebt und ob eure Kinder und Kindeskinder es euch einst danken werden, daß ihr die deutsche Heimat mit einer anderen vertauschtet und ein euch angeborenes Erbe verschleudert habt. Wer noch kann, wer nicht alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, der kehre um. Ich fluche ihnen nicht, die übel beraten in die Ferne ziehen, ich bete für ihr Wohl; aber ich kann nur die glücklich preisen und segnen, die der Heimat treu bleiben, die ihre Obrigkeit und ihren von Gott eingesetzten Fürsten den Gehorsam bewahren. Zur Erleuchtung aller beten wir drei Vater-unser.«

Die Weiber schluchzten, und die Männer murrten, als die Gebete zu Ende waren und der Greis die Kanzel verließ. Bekehrt hatte er wohl keinen, aber die Herzen vieler waren schwerer geworden für die weite Fahrt. »Die Vermahnung kimmt zu spät!« sagte der Staudt zu seinem Nachbar Luckhaup. »Was predicht er uns? Er soll de Herre prediche. Soll mer ehna treu bleiwa, solle se e dernoh (danach) sein.«

Es tat den Armen wohl, daß dann die Traurede für die dreizehn Paare ein anderer hielt, ein jüngerer Priester, der die raschen Entschließungen der Brautleute sinnig zu deuten wußte und ihrem Bunde Dauer versprach. »Gerade die Fremde, in die ihr zieht, wird euer Bündnis kräftigen«, sagte er, »auf ihm ruht noch der Segen der Heimat, und ihr werdet gemeinsam die Prüfungen, die euch vielleicht erwarten, leichter tragen als einzeln. Da es Gottes Wille war, daß ihr euch hier gefunden, so haltet fest aneinander bis zum Tode.«

Das gelobten die jungen Paare.

Um die Mittagsstunde war die erste Kehlheimer Plätte in Bereitschaft zur Fahrt.

Das Floß trug eine Herrenhütte mit mehreren Zimmern, eine Flucht von Baracken für die Auswanderer, eine besondere Baracke für das Personal des Schiffmeisters, welches im Jahrlohn stand und von Wien wieder heimzukehren hatte, zwei Küchen und sonstige gedeckte Räume, einen Stall für fünf Schlachtochsen und einige Kühe, einen Hammelstall und einen Standplatz für Pferde, die die Auswanderer mitgenommen hatten. Die Fuhrwerke mußten auch hier zerlegt werden, um Raum zu schaffen für die Menschen. Fünfhundert Zahler mußten mit, wenn die Rechnung des Unternehmers stimmen sollte.

Und auch an einem Gefängnis fehlte es nicht. Sechs Pflöcke mit angeschmiedeten Ketten ragten in dem engen Raum aus dem Schiffsboden hervor, und wer sich gegen die Disziplin an Bord verging oder eines Diebstahls überwiesen wurde, den ließ der Schiffmeister hier unschädlich machen, bis er ihn dem nächsten Gericht übergeben konnte. Als schwerste Strafe galt die Aussetzung eines an Händen und Füßen Gefesselten auf einer Donauinsel. Ob diese Strafprozedur gesetzlich zulässig war, danach fragte niemand; sie wurde verbrecherischen Naturen angedroht im Interesse aller, die ihr Leben einem solchen Schiffe anvertrauten.

Und an der Ausführung zweifelte keiner, der dem Georg Seemayer einmal in die harten, grauen Augen geblickt hatte. Es war ein Mann von Stahl, der Zunftmeister der Regensburger Schifferinnung.

Meister Ludwig Pleß aus Ulm verweilte am längsten bei ihm vor der Abfahrt, er ließ sich alles Neue auf dem Floß bis ins kleinste erklären und war voll Anerkennung. Auch mit den Auswanderern sprach er gern. Er sah in jedem einen künftigen Landsmann seines Jakob und ließ ihn und sein Weib durch jeden grüßen. Sie sollen doch öfter schreiben, die Mutter sei krank und sehne sich nach ihrem Ältesten. Das trug er dem Michel Luckhaup auf und dem Johann Staudt, die ins Temescher Banat wollten, wie sie sagten. Und sie wollten es bestellen, denn nach Temeschwar kamen sie ganz gewiß.

Als der Jungmeister »fertig!« meldete und die Ankerknechte nur noch auf ein Zeichen warteten, verließ der alte Pleß als letzter das Schiff. Er schüttelte dem Seemayer die Hand und wünschte Glück zur Fahrt.

Zwei Trompeter hatte der Herr Zunftmeister unter seinen Leuten, und die harrten nur auf einen Wink von ihm. Als er jetzt den hohen Steuerstuhl bestieg und die Regensburger Jugend auf dem Ufer »Vivat!« schrie, da schaute er nach den Trompetern und nickte. Und sie schmetterten das Abfahrtssignal in, die Lüfte, daß es an den Höhen ringsum widerhallte; sie übertönten die rasselnden Ankerketten, die Kommandorufe und die ersten Ruderstreiche. Und als das Schiff, das von oben wie ein schwimmendes kleines Dorf aussah, in dem Kirchweih ist, in Bewegung kam, bliesen die Trompeter ein Abschiedslied, das allen zu Herzen ging. Ade, Ade ...

Georg Seemayer grüßte die Zunftgenossen, die sich am Ufer versammelt hatten, voll Selbstgefühl, und sie schauten seiner Kehlheimer Plätte nach, so lange sie sichtbar blieb. Mancher erfahrene Schiffer schüttelte den Kopf. Und die Ulmer sagten: »Wenn nix passiert unnerwegs, großartig; aber wann 'was passiert!«

Und am nächsten Tag ging das zweite, am übernächsten, dem Pfingstsamstag, das dritte große Floß ab, alle in gleicher Weise besetzt; der Zustrom der Auswanderer aber hörte nimmer auf.

Der Pfingstsonntag brachte eine fröhliche Überraschung. Es kam gegen Abend eine Ulmer Pleßzille mit der württembergischen Flagge, und das Schiff war von hundertfünfzig Mädchen besetzt. Nur Schwabenmädchen aus dem Schwarzwald! Der Herzog Karl Alexander hatte das Wort des Türkenlouis von Baden eingelöst, er schickte den braven Unteroffizieren der deutschen Regimenter, die unbeweibt in dem öden Neuland angesiedelt worden waren, eine Schiffsladung von Bräuten zur Auswahl. Das war nicht so rasch gegangen, wie die da drunten wünschten und hofften, aber zuletzt gelang es doch. Er ließ die Namen derer, die aus seinen Regimentern dortgeblieben waren, öffentlich bekanntgeben und lud tapfere Jungfrauen aus ihren Heimatgemeinden ein, die Fahrt zu wagen. Einer jeden versprach er die Freifahrt, fünfzig Kronentaler Mitgift und hundert Freier, die ein Weib ernähren konnten. jede werde wählen können nach ihrem Herzen.

Singend war das »Moidle-Schiff« in Regensburg gelandet und lockte Hunderte an das Ufer. Und es schien gar kein lustiges Liedlein zu sein, das sie während der Landung im Chor vortrugen, als säßen sie in der Spinnstube:

Es war ein Markgraf über dem Rhein,
Der hatte drei schöne Töchterlein;
Zwei Töchterlein früh heuerten weg,
Die dritt' hat ihn ins Grab gelegt,
Dann ging sie singen vor Schwesters Tür,
»Ach braucht ihr keine Dienstmagd hier?«
»Ei Mädchen, du bist mir viel zu fein,
Du gehst wohl gern mit Herrelein.«
»Ach nein! Ach nein! das tu ich nit,
Daß ich so mit den Herrlein geh'.«
Sie dingt das Mägdlein ein halbes Jahr,
Das Mägdlein dient ihr sieben Jahr
Und als die sieben Jahr um war'n,
Da wurd das Mägdlein täglich krank.
»Sag, Mägdlein, wann du krank willst sein,
So sag mir, wer sind die Eltern dein?«
»Mein Vater war Markgraf über dem Rhein,
Und ich bin sein jüngstes Töchterlein.«

»Ach nein! ach nein! das glaub ich nit,
Daß du meine jüngste Schwester bist.«
»Ach, wenn du mir's nit glauben magst,
So geh nur an meine Truhe hin,
Daran wird es geschrieben stehn.«
Und als sie an die Truhe kam

Da rannen ihr die Backen ab:
»Ach bringt mir Weck, ach bringt mir Wein,
Das ist mein jüngstes Schwesterlein!«
»Ich will doch kein Weck, ich will kein Wein,
Will nur mein kleines Lädelein,
Darin ich will begraben sein.«

So sangen die Schwabenmädeln ihr heimatliches Lied, indessen ihr Schiffmeister die Landung durchführte, um hier zu übernachten. War es auch noch früh, eine bessere Landungsstätte war an diesem Abend nicht mehr erreichbar als Regensburg.

Kaum hatte sich die Mär in der Stadt verbreitet, daß ein Auswandererschiff voller Mädeln am unteren Wörth liege, kamen immer mehr Leute aus dem Tor heraus, das Wunder zu sehen. Aber keine der Jungfrauen stieg ans Land, nur die Ruderknechte und ihr Meister verließen das Schiff, um die Zunftgenossen in der Herberge zu grüßen. Die Mädeln waren alsbald belagert von lustigen Gesellen, die vom Ufer herab neckische Zwiesprache mit ihnen suchten, die ihnen scherzhafte Heiratsanträge stellten. Sie lockten und baten, die Mädeln möchten sich doch die schöne Stadt Regensburg anschauen und ihr berühmtes Bier ein bissel verkosten. Darauf schmeckten einem die Busseln noch einmal so gut, sagten die Burschen. Aber die Mädeln lachten sie aus, und der alte Steuermann aus Ulm hielt die Wache vor dem Paradiese.

»Aber ein Lied könntet ihr uns doch wohl singen. Ein recht lustiges!« hieß es vom Ufer. Ja, ein Lied!«

»Na ja, warum denn nit?« sagten sich die Dirnlein und hielten Rat. Die einen kochten, die anderen scheuerten, und wieder andere trugen Decken herbei aus der Hütte. und sonstiges Schlafzeug für die Nacht, um es auszuteilen. Aber da gebot eine große, stattliche junge Frau, die beim Steuerstuhl stand, den allzu Fleißigen Einhalt. Und sie sammelte acht Mädchen um sich, die sie mit Bedacht auswählte.

»Aha. Die Glucke! Die Glucke!« schrien die Burschen am Ufer. »Jetzt kommt etwas!« Und es kam etwas.

»Hüt' du dich!« rief die blonde Frau auf dem Schiff ihren Mädeln lächelnd zu.

Und sie huben an und sangen das Liedlein: »Hüt' du dich!«

Ich weiß mir'n Mädel hübsch und fein.
Hüt' du dich!
Es kann wohl falsch und freundlich sein.
Hüt' du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Sie hat zwei Auglein, die sind braun,
Hüt' du dich!
Sie wer'n dich überzwerch anschaun,
Hüt'du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Sie hat ein licht goldfarbens Haar,
Hüt' du dich!
Und was sie red't, das ist nit wahr.
Hüt' du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Sie hat zwei Brüstlein, die sind weiß,
Hüt' du dich!
Sie zeigt sie halb und dir wird heiß.
Hüt' du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Sie gibt dir'n Körblein fein gemacht,
Hüt' du dich!
Für einen Narren wirst du geacht.
Hüt' du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Das setzte viel Heiterkeit am Ufer. Aber die Dämmerung brach herein, und der Spaß hatte ein Ende, denn das Stadttor wurde bald geschlossen. Sie wollten morgen wiederkommen, die Burschen, und die Schwabenmädeln mit Pfingstwasser bespritzen, sagten sie. »Schlaft wohl!«

Aber ehe Regensburg am Pfingstmontag aus den Federn war, glitt das Mädchenschiff mit einem hellen Choral die Donau hinab. Wie ein Traum erschien seine Anwesenheit allen, die es am Abend hatten landen sehen.

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