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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Der Audienztag des Gouverneurs

Ein trüber Herbstmorgen lag über der Stadt, es wollte der Sonne lange nicht gelingen, die Sumpfnebel zu durchbrechen. Aber vor dem Palais des Gouverneurs entfaltete sich alsbald ein lebhaftes Treiben, die Abordnungen stellten sich ein, den Grafen zu begrüßen. Die militärischen Vertreter hatten den Vortritt. Dann kam die katholische Geistlichkeit. Die Diener kannten die Rangordnung genau, und sie weihten den Herrn Kapitän in dieselbe ein, der seinen Dienst als Adjutant versah. Zuerst kamen die Jesuiten, dann die Franziskaner, dann der Stadtpfarrer. Erst nach dem Magistrat mit dem Stadtrichter wurde die griechisch-orientalische Geistlichkeit vorgelassen. Nach ihr der serbische Knes (Gemeindevorsteher) aus der Palanka. Dann der Rabbi von den Sephardims, den spanischen Juden. Und so weiter.

Die militärischen Würdenträger beglückwünschten den Grafen und den Feldherrn. Und sie berichteten über die Sicherheitsverhältnisse und die mannigfachen Vorfälle in Stadt und Umgebung, über den betrüblichen Gesundheitszustand der Besatzung, die Fortschritte am Festungsbau und über den Ausbau der riesigen Siebenbürger Kaserne, in der Mercy Raum schaffen wollte für drei Regimenter. »Kein Geld! Kein Geld!« Nun, er hatte gute Nachrichten für die Herren. Jetzt käme bald Tempo in alles. Sogar neue Pläne für ein Artilleriezeughaus habe er mitgebracht, und einen französischen Festungsbaumeister hatte man ihm in Wien bewilligt, der im Frühjahr seinen Dienst antreten werde. Das verkündete er mit seiner Trompetenstimme. Und zwei Zentner Chinin seien auch unterwegs für die fieberkranken Soldaten. Die Chirurgen sollen nicht sparen mit den Medikamenten, ließ Mercy ihnen sagen.

Der Provinzial der Jesuiten, Lorenz Pez, kam mit einem Pater. Graf Mercy sah sie zum erstenmal, sie waren neu. Und er bat sie, Platz zu nehmen, er war gespannt, was sie ihm zu sagen wußten. Er hatte für ihre Berufung gestimmt, da sie als die besten Lehrer galten, die eifrigsten Förderer des Schulwesens.

»Domine spectabilis, wir kommen, um dero gnädigen Schutz in dieser Stadt zu bitten«, sagte der Provinzial, ein schwarzer, hagerer Mönch, demütig. »Man hat uns die große Moschee mit ihren Nebengebäuden überwiesen, und wir wollen dieselbe, wenn man uns ein neues Dach bewilligt und einen Turm, mit Gottes Hilfe gerne in ein Seminarium unseres Ordens verwandeln. In einer so verderbten, sittenlosen Stadt, wo viele Völker und viele Religionen zusammenströmen, ist eine schwierige Arbeit zu leisten; es bedarf der ganzen Strenge der kirchlichen Behörde, und auch die militärische Gewalt wird sich vor dieser beugen müssen, wenn das geistliche Ansehen sich befestigen soll.«

Der Graf machte: »Hm«, und der Provinzial fuhr fort: »Es wird nötig sein, Domine spectabilis, daß Sie sich einen Beichtvater wählen, um ein gutes Beispiel zu geben. Wir rechnen darauf, daß unser Orden durch dero Wahl ausgezeichnet wird.«

»Permission, Hochwürden«, fiel der Graf ein, »ich habe meine geistlichen Bedürfnisse bisher beim Herrn Stadtpfarrer befriedigt. Auch haben wir einen Feldvikar bei der Armee. Die stehen mir näher.«

Der Provinzial verneigte sich, demütig lächelnd, mit den Händen sein Bedauern ausdrückend, und fuhr fort: »Noch erhebt sich in dieser Stadt kein heiliges Standbild. Wir sind sehr verwundert und bitten schleunigst um die Mittel für zwei Statuen. Unser Seminarium wollen wir der unbefleckten, heiligen Maria weihen. Ihr gebührt die erste Statue, wir brauchen ein Wallfahrtsziel für die römisch-katholischen Gläubigen. Und wir brauchen Glocken für die Kirche, ein schönes Geläute ist die Zierde einer Stadt.«

»Meine hochwürdigen Herren, dafür habe ich leider kein Geld. Haben Sie Geduld, bis Ihre Gemeinde größer ist und wohlhabender, und sammeln Sie dann selbst die Mittel im Kreise der Gläubigen. Wenn Sie aber eine Schule errichten wollen, wo man die Kunst des Lesens und des Schreibens und Rechnens lehrt, dann will ich trachten, Sie zu unterstützen.«

»Oh, das kommt, das kommt!« rief der Begleiter des Provinzials; dieser aber ergänzte dessen Worte mit der Bemerkung: »Zuerst müssen die religiösen Grundlagen geschaffen werden, Exzellenz.«

»Ja, ja, die müssen vorhanden sein?« sagte Mercy und erhob sich. »Also arbeiten Sie, meine hochwürdigen Herren, arbeiten Sie, ich will tun, was ich kann.«

Der Provinzial sah, daß die Verabschiedung da war, es warteten ja noch viele andere draußen, aber er hatte noch etwas auf dein Herzen. Er blieb vor dem Grafen stehen und sah ihm in die großen, braunen Augen.

»Domine spectabilis, ich habe eine Frage an Sie zu stellen, über deren Beantwortung ich nach Rom berichten muß.«

»So fragen Sie, Hochwürden«, sprach Mercy ernst.

»Was soll werden mit diesem Lande zwischen den drei Flüssen?« fragte der Provinzial. »Gehört es zu Hungarn und wird auch hier der heilige Stephan verehrt werden? Oder ist es eine andere Provinz? Wenn das der Fall wäre, dürfte dieses von Gott verlassene Land nicht einen Tag länger ohne einen Landespatron gelassen werden, ohne einen Fürsprecher im Himmel. Der heilige Vater wird ihm einen bestellen.«

»Dieses Land«, sprach Mercy und betonte jedes Wort, »gehört dem Kaiser. Schon bevor es an die Türken gefallen, gehörte es dem Peter Petrowitsch und nicht dem König von Ungarn. Jetzt aber ist es ein erobertes Land, ein Land, in dem nicht ein Madjare wohnt. Hier ist allerdings Raum für einen neuen Landespatron. Wenn der heilige Vater uns einen gibt, setzen wir ihm sogleich ein Standbild.«

»Wir danken!« sprach der Provinzial, und beide Jesuiten verneigten sich tief vor dem Gouverneur. Sie gingen befriedigt von dannen.

Graf Mercy sah ihnen lächelnd nach. Die arbeiteten ja für seinen Herrn ... mögen sie doch diese Provinz in die Gnade eines Himmlischen übertragen. Sie kann dessen Fürbitte brauchen. Der heilige Stephan hat jenseits der Marosch Arbeit genug.

Ein armer, verkümmerter Greis mit wallendem weißen Bart stand auf der Schwelle, ein Bettelmönch in härenem Gewand, barfuß, den Leib mit einem Strick gegürtet.

Der Gouverneur ging ihm entgegen. »Herr Quardian, seien Sie mir willkommen«, sprach er, reichte ihm die Hand und geleitete ihn zu einem Sitz. Der Mönch wackelte dankend mit dem kahlen Schädel und setzte sich.

»Eccellenza«', flüsterte der Greis«, ick wollen nur zeigen, daß noch lebe. Nit mehr lange. O nein! Freude groß, Eccellenza gesund sein; Eccellenza wird helfen, wird macken wieder christlich dieser Lande. Gratia! Gratia! Freude groß.«

Der Graf verneigte sich dankend. Er kannte den Quardian Francesco von den Franziskanern schon länger. Sein Orden hatte erstaunlicherweise die hundertvierundsechzigjährige Türkenzeit überdauert in dieser Stadt, die Paschas duldeten das kleine Kloster, das nie mehr als drei bis vier Bettelmönche beherbergte. Deren Kirche hatten sie allerdings in eine Moschee umgewandelt, und den Mönchen war nur ein Betsaal geblieben für ihre christliche Gemeinde. Er reichte hin, denn diese Gemeinde war langsam ausgestorben, es gab zuletzt keine zwei Dutzend Christenmenschen mehr in der Festung, und das Kloster, das seit einem Jahrhundert keine Ergänzung mehr von außen erfuhr, war auch dem Erlöschen nahe. Ein dienender Laienbruder, ein alter Mönch und der fast hundertjährige Quardian waren die letzten.

»Haben Sie Dank, Hochwürdigster« sprach Mercy, »daß Sie sich zu mir bemüht haben. Geht es Ihnen gut? ja?«

Der Greis wehrte ab. »No, no.«

»Sie sehen gesund aus. Besser, wie vor vier Jahren.«

»Gratia, Gratia. Das macken die Freude. Kein Halbmond mehr ... Überall die Kreuze. Jesuite arbeiten eccellentissimo. Ick sein alt, Pater Vitus sein alt. Kommt zu uns niemande. Vergessen! Vergessen!«« sprach er wehmütig.

»Haben Sie sich nicht nach Rom gewendet, Herr Quardian? Sich nicht in Erinnerung gebracht?«

»No, no... Ick nit kann schreiben. Pater Vitus nit kann. Arme, vergessene türkische Franziskaner.«

»Ich werde schreiben lassen für Sie.«

»No, no! Dann müssen fort in Armehaus. No, no ... will sterben hier. Prego, nit schreiben... Wenn tot, macken Eccellenza neue Kloster. Rufen junge Mönke. Bitte, uns lassen da«, wimmerte der alte Mann und erhob sich.

»Gerne, Herr Quardian Leben Sie in Frieden«, sagte der Gouverneur und geleitete den Greis bis zur Tür. Dann trat er ansein Schreibpult und schrieb: »Den Piaristenorden aufmerksam machen, daß altes Franziskanerkloster und Kirche bald für ihn frei wird. Deutsche Mönche rufen.«

Indessen meldete der Adjutant den Stadtpfarrer Johann Wunderer.

Ein behäbiger, breiter Mann trat mit heiterer Miene ein.

»Mein devotestes Kompliment, Euer Gnaden«, sprach er. »Meine submisseste Gratulation, Herr Graf!«

»Danke, danke, Herr Stadtpfarrer«, sprach Mercy. »Sie gedeihen hier, wie ich sehe.«

»Ja«, lachte dieser. »Man tut seine Pflicht und lebt.«

»Was macht die Kirchengemeinde?« fragte der Graf, der dem Gast einen Platz angeboten hatte.

»Sie wächst, sie wächst! Wir werden eine neue Kirche brauchen, Exzellenz.«

»Herr Stadtpfarrer, Sie werden mit mir zufrieden sein. Ich habe in Wien an Sie gedacht. Dort baut der große Künstler Fischer von Erlach jetzt an einer neuen Kirche, die dem heiligen Karl Borromäus geweiht sein wird. Ein Wunderwerk wird das. Ich war bei ihm, wie er Seiner Majestät die Pläne erklärte. Und da dachte ich, wenn wir von dem Manne doch eine Kirche für Temeschwar haben könnten! Nicht losgelassen hat es mich. Und bevor ich abreiste, ging ich mit dem Hofkammerrat Stephany noch einmal hin. Herr Stadtpfarrer – versprochen hat er es mir. Er zeichnet uns die Pläne für eine Domkirche. Und die sollen Sie haben und kein anderer. Auf dem großen Platz soll sie einmal erstehen.«

»Tausend Dank, gräfliche Gnaden, ich bin ganz gerührt. Wenn ich es nur erlebe!«'

»Darüber bin ich ganz beruhigt«, sprach der Graf lächelnd. »Aber nun sagen Sie mir, Hochwürden, wird fleißig geheiratet, kommt Nachwuchs, hebt sich die Bevölkerung von innen heraus? ja?«

Der joviale Pfarrer wurde ernst. »Exzellenz«, sagte er, »da kann ich nichts Gutes melden. Ich habe im letzten Jahr nur sechzig Kinder getauft, aber fünfhundert Menschen begraben.«

»Was?« schrie Mercy in maßlosem Erstaunen.

»Ja, war denn hier die Pest?«

»Durchaus nicht. Nur das Sumpffieber, das wir immer haben.«

»Das ist ja entsetzlich! ... Aber Sie sagten doch, die Gemeinde wächst?«

»Durch Zufluß, Exzellenz. Nur durch Zufluß. Aber es kommen zu wenig Frauen, zu wenig deutsche Mädchen.«

Der Graf ging rasch zu seinem Schreibpult und notierte sich das. Indessen sprach er zu dem Pfarrer: »Man wird künftig nur noch Ehepaare aufnehmen. Jeder muß ein Weib mitbringen.«

Als er zu ihm zurückkehrte, setzte er sich nicht mehr, und es erhob sich auch der Stadtpfarrer.

»Mein letzter Stadtkommandant«, sagte der Graf lächelnd, »hat Sie wohl nicht mehr zu Trauungen kommandiert, was? Sie nicht mehr ausweisen wollen?«

»Nein, nein«, entgegnete lachend der Pfarrer. »Und die Jesuiten haben das lutherische Paar, das ich damals kopulierte, auch schon katholisch gemacht.«

»Also ist alles in Ordnung? Kein räudiges Schaf mehr in der ganzen Stadt?«

»O doch! Noch ein Paar haben wir. Aber der Herr Feldvikar hat es kopuliert, nicht ich«

»So? Nun hoffen wir auch in diesem Fall auf die Jesuiten.«

»Jawohl! jawohl!« rief der Stadtpfarrer heiter. Und scheidend sagte er: »Exzellenz, ich werde träumen von der künftigen Domkirche. Tausend Dank!

Indessen war der Neffe des Gouverneurs im Vorsaal mit den Vertretern des Stadtmagistrates in ein angeregtes Gespräch gekommen. Schon der Anblick dieser deutschen Männer tat dem Kapitän wohl. Und sie schwäbelten und redeten Bayrisch und Frankforterisch durcheinander, daß ihm das Herz aufging. Ihre Gewänder waren eine Musterkarte von süddeutschen Volkstrachten, und jeder trug sein Haar anders, aber die innere Einheit stand ihnen auf dem offenen Antlitz geschrieben und in den blauen Augen. Deutsche Leute in dieser fernen Wildnis!

Und er meldete seinem Oheim den Stadtrichter Tobias Balthasar Hold, seinen Stellvertreter Peter Solderer, die Stadträte Andreas Pfann und Peter Mayer und den Herrn Notarius Erling.

Der Stadtrichter und Bürgermeister trug als Abzeichen seiner Würde einen langen Stock aus dunklem Ebenholz mit einem silbernen Knauf und einer gelbseidenen Troddel. Er nahm seinen Dreispitz in die Rechte, den Stock in die Linke und schritt voran. Tief neigte er sich vor dem Gouverneur, und seine Begleiter, die sich einen Schritt hinter ihm in einer Reihe aufgestellt hatten, taten dasselbe.

»Hochmögender Herr Graf«, sprach Tobias Hold, »der deutsche Stadtmagistrat von Temeschwar macht seine tiefste Reverenz. Er will seine große Freude bekunden über Dero glückliche Wiederkehr und hält sich jederzeit bereit zu den Diensten Eurer Exzellenz. Wir seind gekommen, unsere Gratulationes auszusprechen und Dero Befehle zu empfangen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Stadtrichter, und Ihnen allen, meine Herren vom Magistrat, daß Sie zu mir gekommen sind«, sprach der Graf einfach und herzlich »Wir kennen uns ja alle. Und wir wollen uns künftig wieder in die Hände arbeiten, damit diese Stadt aus dem unseligen Zustand herauskommt, in dem sie sich noch immer befindet.« Und zu dem Stadtrichter gewendet, sagte er: »Ich freue mich, daß man Sie wieder an die Spitze der Gemeinde berufen hat. Sie waren der erste deutsche Bürgermeister dieser Stadt und haben in schwerer Zeit Ihre Pflicht getan. Das vergißt man Ihnen nicht in Wien. Fahren Sie so fort, Herr Stadtrichter, wie vor Jahren.«

»Oh, Exzellenz!« entgegnete abwehrend Tobias Hold. »Meine Mitbürger haben mir wieder ihr Vertrauen geschenkt, und ich will beflissen sein, es zu verdienen. Mein junger Stellvertreter, der wackere Peter Solderer, ist meine beste Stütze.«

»Hat der Magistrat Wünsche oder Beschwerden?« fragte der Gouverneur. »Bitte, mich über alles zu unterrichten.«

»Exzellenz, wir wollen diese ersten Stunden Ihrer Anwesenheit nicht zu Beschwernissen ausnützen. Unser Wunschzettel ist sehr groß geworden in Dero langer Abwesenheit«, sprach Hold.

»Zum Beispiel, Herr Stadtrichter?«

»Nun denn. Hin.« Er räusperte sich und sagte festen Tones: »Sind wir eine deutsche Stadtgemeinde, Exzellenz?«

»Das sind Sie. Eine Gemeinde deutscher Katholiken befahl der Generalissimus in dieser Festung zu bilden. Alle anderen Völker sind in die Vororte verwiesen worden. Hat sich darin etwas geändert? Ich will nicht hoffen.«

»Exzellenz, die Serben fordern die gleichen Rechte. Es ist ein ständiger Streit. Ihr Knes in Palanka und ihre Popen hetzen gegen die Schwaben. Wir sind in dieser Festung unseres Lebens kaum sicher.«

»Sie übertreiben wohl, Herr Stadtrichter?«

»Nein, nein« , murmelten die Männer.

»Er sa't die Wohrheit!« rief Andreas Pfann.

»Ich will es untersuchen«, sagte Graf Mercy ernst. »Das war also eine Beschwerde. Und die Wünsche?«

»Hundert kleine Hilfeleistungen werden wir erbitten, Exzellenz. Für den Bau des Rathauses soldatische Arbeitskräfte und Wiener Ziegel. Für den Bau eines Malefizhauses einen Platz an der Stadtmauer. Sind zu viele Spitzbuben da. Und Trinkwasser, Exzellenz, Trinkwasser! Man hat draußen bei den Fabriken eine Quelle entdeckt. Die Pontoniere sind so geschickt, wir wollen Röhren aus Baumstämmen machen lassen, und sie sollen uns eine Leitung bauen bis auf den Hauptplatz herein. Wenn wir kein Wasser kriegen, sterben wir alle hier.«

»An diesem Eifer erkenne ich Sie, lieber Hold«, sprach Mercy. »Das soll gemacht werden. Ich verspreche es, meine Herren. Mein neuer Adjutant, mein Neffe, ist ein halber Ingenieur. Der wird Ihnen die Leitung bauen«, sagte der Graf, und sie dankten ihm alle in lebhaften Worten.

Er aber sagte immer weiter: »Was noch?« Und sie legten ihm Punkt für Punkt ihrer Wünsche dar. Einer war auch der: Man könne sich aus der alten Heimat kein Geld schicken lassen, es sei so unsicher und weit. Der Notarius Erling aber hätte einen Gedanken. Niemand wollte ihn bisher anhören, und doch bedürfte es nur eines Machtwortes und allem Übel wäre abgeholfen.

»So sagt mir diesen Gedanken!« sprach Mercy.

Erling räusperte sich. »Exzellenz, ich meine gehorsamst, es könnten alle kaiserlichen Kriegskassen im Deutschen Reich und in Wien von Zivilpersonen Geld annehmen und an die Kriegskasse hierher verrechnen.

»Wie, das wäre so einfach?« fragte nachdenklich der Graf. Und der Notarius bewies es ihm. Aber das war nicht leicht, das bloße Verrechnen wollte dem Grafen nicht einleuchten, da könnte allerlei geschehen ... Aber er wollte sehen und notierte es sich. Warum sollen die Kriegskassen sich solche Gelder nicht gegenseitig zuschicken? Gewiß, da sei ein Weg ...

Ob Handel und Wandel sich ein wenig gehoben hätten, wollte der Gouverneur wissen.

»Nein«, sagte Peter Solderer. Das sei ein trügerischer Schein der ersten Jahre gewesen. Die große Armee wäre vermindert, und jetzt spüre man erst, daß diese Stadt kein Hinterland habe. Niemand komme zu Markt, es fehlen Käufer und Verkäufer. Als ob sie am Ende der Welt wohnten, sei ihnen manchmal.

»Das wird in zehn Jahren schon anders sein!« rief der Graf. »Und es wird in zwanzig Jahren hier sein wie in Augsburg und Nürnberg, denn es bereiten sich große Dinge vor. Schreibe ein jeder in seine alte Heimat und rufe 'Freunde herbei. Deutsche Leute! Ehepaare mit Kindern! Denn ich fürchte sehr, es kommen zu viel andere, wenn der Kaiser ruft. Er hat ja auch spanische und italienische Untertanen. Rings um diese Stadt und weit hinauf bis an die siebenbürgische Grenze und hinab bis gegenüber von Belgrad soll deutsches Land werden, sollen Ackerbauer und Gewerbetreibende sich tummeln. Dann wird diese Stadt haben, was ihr jetzt fehlt. Ruft mir deutsche Pflüge herbei und deutsche Mütter!«

»Exzellenz! Wir bitten um Urlaub, damit wir diese frohe Botschaft dem allbereits versammelten Magistrat berichten können«, sprach Tobias Hold mit bewegter Stimme.

»Adieu, meine Herren. Mit Gott ans Werk!«

Und er reichte jedem die Hand. Nie hatte man den gefürchteten Soldaten in solcher Huld und Milde gesehen. Es begann wohl ein neuer Zeitabschnitt für diese vielgeprüfte Stadt.

Der Gouverneur stand an seinem Pult und schrieb sich mit schwerer Hand und für andere kaum leserlich, Schlagwort um Schlagwort auf, während sein Neffe ihm meldete, daß die serbischen Popen vorgelassen zu werden wünschten. Ob er sie vielleicht für einen anderen Tag bestellen solle?

Nein, nein, er fühlte sich noch frisch genug. Aber sie sollen ihren Knes aus der Palanka auch gleich mit hereinbringen. Wozu die vielen Einzelaudienzen?

Die schwarzbärtigen Serben traten ein. Ein wenig verwildert sahen sie aus für Priester, aber stattlich und männlich. Und der dicke Gemeindevorsteher aus der Vorstadt Palanka stand hinter ihnen. Sie grüßten Serbisch. Dann aber sprach der Senior Lateinisch, und das ging. Das hatte Mercy auf der Jesuitenschule in Wien gründlich gelernt.

Sie beklagten sich bitter gegen das Regiment in der Stadt. Die Serben seien früher da gewesen als die Deutschen. Ihrem Wojwoden Peter Petrowitsch habe das Land einst gehört, der Zapolya habe es ihm verkauft. Und die Serben hätten die Türkenzeit überdauert in der Stadt, kein Pascha habe sie ausgewiesen; das tat erst der vielgepriesene Eroberer Prinz Eugen.

Da schwoll dem Grafen die Zornesader auf der Stirne, und er gebot dem Redner ein Silentium, wie er noch keines gehört. »Weil diese Serben verkommen waren in mehrhundertjähriger türkischer Sklaverei, darum konnte der Generalissimus keine Gemeinde mit ihnen bilden und ihrer Verwaltung keine kaiserliche Festung anvertrauen. Werdet wieder Menschen und dann kommt, mit euren Rechten!` donnerte er ihnen zu. Einstweilen müsse ihnen die Vorstadt genügen Er werde das Standrecht verkünden in der Stadt und in der Palanka, und wehe dem, der etwas unternehme gegen die öffentliche Ordnung. »Ihr habt gegen uns Krieg geführt, so wie die Kuruzzen, eure früheren Rechte hat der Teufel geholt. In dem Vertrag mit Mehenied Aga ist von euch keine Rede! Was wollt ihr also?«

Der Saal erdröhnte von der mächtigen Stimme, und die Abordnung der spanischen Juden, die draußen harrte, ergriff bestürzt die Flucht. Sie wollten lieber ein anderes Mal kommen, sagte der Rabbi.

Aber der serbische Priester ließ sich nicht einschüchtern. Er beugte das struppige Haupt und ließ die Zornesrede wie ein Gewitter über sich ergehen. Er wußte, daß Menschen, die solchen Ausbrüchen ihres Temperaments unterworfen waren, dann wieder Vernunftsgründen zugänglich wurden.

»Großmächtiger Herr«, sagte er, »mein unglückliches Volk verdient nicht Ihren Schimpf. Alte Rechte verjähren nicht. Die Türken sind unsere harten Herren gewesen, und wir waren Sklaven. Aber sie haben in den Häusern unserer Väter gewohnt. Da die Türken fort sind, wem gehören diese Häuser?«

»Baracken!«

»Gut. Wem gehören die Baracken? Wir verlangen und fordern, wieder in die innere Stadt gelassen zu werden. Wir verlangen einen bescheidenen Anteil am Leben der Gemeinde. Mögen die Schwabski, die freilich halbe Götter sind gegen uns und mehr gelernt haben als wir alle, die Mehrheit haben; mögen sie entscheiden; wir wollen lernen von ihnen und keine Rajah bleiben wie unter den Türken. Auch wir glauben an Jesus Christus.«

Graf Mercy schaute dem Sprecher in die funkelnden Augen und schwieg. Dann fragte er den Popen, wie er heiße.

»Pater Joannes.«

Er schrieb sich den Namen auf und dazu die Worte: »Wieder rufen lassen.« Dann kehrte er zurück zu der Gruppe und sprach. »Ich habe Sie angehört, Pater Johannes, und Sie haben auch meine Meinung gehört. Wir können uns später vielleicht einander nähern. Lernen Sie die Sprache der Schwabski. Und beweisen Sie Ihre Besitzrechte in dieser Stadt. Ich bin hier, damit jedem Untertan des Kaisers sein Recht werde. Aber wehe dem, der die Ordnung stört.«

Damit entließ er die Serben, und auch sie gingen befriedigt von dannen. Nicht alle Hoffnung war ihnen genommen, im Gegenteil, sie durften an eine Wiedergeburt glauben.

»Noch wer im Vorsaal?« fragte der Gouverneur.

Herr Jakob Pieß, der Erbauer des neuen großen Gasthofes auf dem Hauptplatz, lasse als letzteruntertänigst um eine Audienz bitten, meldete der Kapitän.

»Mein Konstabler? Der brave Pleß aus Ulm? Herein mit ihm! Der hat wacker geschossen bei Peterwardein und hier. jede Kugel war ein Treffer. Nur herein mit ihm!« rief der Gouverneur.

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