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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Mercys Heimkehr

Eine schwere, mit vier Pferden bespannte Reisekutsche, von zwei berittenen Heiducken begleitet, rumpelte durch das neue Wiener Tor der Festung Temeschwar. Die Heiducken hatten eine Flinte über dem Rücken und ein Pistol im Gurt. Und Wagen und Pferde und Reiter starrten von Schmutz und Staub, eine Kruste angetrockneten Lehms machte die Farbe der Kutsche unkenntlich. Daß die Pferde Rappen sein mochten, konnte man auch nur ahnen. Bis zur Nabe schienen die Räder manchmal im Kot versunken zu sein auf den Wegen, die der Wagen gekommen war.

Es dunkelte schon ein wenig, als das herrschaftliche Gefährt sich dem Innern der Stadt näherte, die einen wüsten Anblick darbot in ihrem Werdeprozeß. Neben elenden orientalischen Holzbaracken mit Krambuden, in denen Armenier und braune griechische Händler mit ihren Kunden feilschten, erhoben sich halbfertige Ziegelbauten abendländischer Art; durch aufgewühlte Straßen rannen die Abfallwässer der Häuser, auf dem großen Platze weideten einige Ziegen, und in einem Tümpel badeten die Gänse. Sie fuhren aufkreischend auseinander, als das Viergespann sich näherte, die halbnackten, braunen Buben, die offenbar die Ziegen bewachten, liefen herbei und reckten die Hände um eine milde Gabe. Der eine der Heiducken schlug nach ihnen mit einer kurzstieligen Peitsche, die sich blitzartig verlängerte und über die Köpfe der Zudringlichen hinsauste. Da wichen die Buben zurück, diese Streiche kannten sie. Es waren Knoten in der Peitsche, die sehr wehe taten.

Über einem halb zerschossenen türkischen Minarett am Südrand des Platzes wehte die schwarz-gelbe kaiserliche Fahne; auf einer Moschee, die einer Ruine glich, funkelte das Kreuz in der untergehenden Sonne.

Die Gassen, durch die der Wagen kam, waren belebt von einer bunten Menge, deren Trachten in allen Farben schillerten. Serben, Walachinnen, Bulgaren, Griechen, Armenier, Deutsche in langen farbigen Röcken, in weißen und roten und gelben Strümpfen mit Schnallenschuhen und dreieckigen Hüten, ein Zöpfchen im Nacken, gingen geschäftig ihres Weges. Einzelne Deutsche standen plaudernd vor den Toren der Häuser. Auch einen Turban sah man ab und zu in der Menge.

Baumlange Grenadiere in Bärenmützen, mit Säbel und Stock bewaffnet, standen da und dort an den Straßenkreuzungen auf Posten und achteten scharf auf die Volksbewegung. Sie wiesen mit dem Stock nach bestimmten Richtungen, und es schien, als hätten sie Parole, die Festung vor Abend allmählich von all den Elementen zu säubern, die nicht hereingehörten, die vielleicht nur als Arbeitsleute den Tag in ihr verbrachten. Nach den Stadttoren zu fluteten diese Massen langsam ab, und es war auffällig, daß kein Mensch in deutscher Tracht sich unter ihnen befand.

Dem plumpen Reisewagen hatte niemand sonderliche Beachtung geschenkt; jetzt aber fuhr er an der Hauptwache auf dem Paradeplatz vorbei, und der diensthabende Offizier hatte den grauen Kopf seines Insassen erspäht. Er salutierte und gab dem Posten rasch ein Zeichen. Und dieser schrie aus Leibeskräften: »G'wehrrraus! G'wehrrrausl G'wehrrraus!« –

Die Mannschaft lief zusammen, der Tambour wirbelte auf der Trommel, aber das Viergespann war schon vorüber. Es hielt jenseits des Paradeplatzes vor dem stilvollsten neuen Hause der ganzen Stadt. Die Dienerschaft stürzte herbei, und im Nu sammelten sich auch Neugierige, denn von der Hauptwache war ein Ruf ergangen, der rasch Flügel bekam.

»Der General Mercy ist wieder da!« rief einer dem anderen zu.

Und ehrfürchtig entblößten alle die Häupter, als dieser jetzt dem Reisewagen entstieg. Er nahm dabei die Unterstützung seines Adjutanten in Anspruch, seines Neffen Anton von Mercy, der das Gefährt vor ihm verlassen hatte; aber das Auge des Generals war hell, und auf seinen Wangen lag wieder die Farbe der Gesundheit. Anderthalb Jahre war er fort gewesen, kommandierte die siegreiche Armee in Italien und Sizilien und ging dann blessiert nach Wien, seine Wunden auszuheilen, die er in dieser Kampagne davontrug. Der Kaiser hatte ihn abberufen aus dem Banat, wo er ein großes Kulturwerk begonnen, denn er bedurfte seiner auf dem spanisch-italienischen Kriegsschauplatz, aber er schickte ihn jetzt wieder zu denen, die ihn trotz seiner Strenge und scheinbaren Härte wie einen Vater verehrten und liebten. Sie wußten, daß er es gut mit ihnen meine. Und er kam gerne in dieses armselige, versumpfte und verödete Land, das seiner starken Hand und seines überlegenen Geistes bedurfte. Der Generalissimus hatte ihn nach der Eroberung des Banats als Gouverneur auf diesen Posten gestellt, und er sah eine Lebensaufgabe darin, diesen Platz würdig auszufüllen. Das wußte man.

Der General war eine gar stattliche Erscheinung, sein ganzes Wesen hatte echt soldatischen Schnitt. Er überragte seinen Neffen um Kopfeslänge, und sein Gesicht gehörte zu denen, die man nie vergaß. Zwei große braune Augen flammten unter einer mächtigen Stirn, ihr Blick war durchdringend, und man hatte das Gefühl, daß ihm nichts verborgen bleiben konnte. Eine starke Nase, ein kräftiges, energisches Kinn und ein voller Mund vervollständigten dieses männliche Bild, das von der wallenden, gepuderten Perücke nur wenig gedämpft wurde. Und auch die Stimme des Generals entsprach diesem Gesamtbild, sie hatte den Klang einer Trompete, und ihr Ton war gefürchtet.

Er dankte nur mit den Augen für die ehrerbietigen Grüße der Menge und schritt langsam dem Tore zu. Man sah, er war müde und steif von der langen Fahrt, und das linke Bein schonte er. Es war wohl das blessierte.

Die schwere Kutsche, der man die Bagage der Reisenden entnommen hatte, wurde in die neue Kaserne abkommandiert von den Heiducken, und die Menge verlief sich wieder. Bald wußte die ganze Stadt von Mercvs Heimkehr. Und sie erfuhr noch am selben Abend, daß der General als Graf wiedergekehrt war vom Schlachtfeld und aus Wien. Der Kaiser, der ihn auf des Prinzen Eugen Vorschlag schon nach Peterwardein und nach der Einnahme von Temeschwar mit großen Gütern belohnte, hatte ihn jetzt auch in den Grafenstand erhoben. Jedermann nahm Anteil an der Nachricht und freute sich über die wohlverdiente Ehrung des großen Führers und Freundes. Die neuen Bürger dieser Stadt kamen sich wie verwaist vor in seiner Abwesenheit; es war niemand da, zu dem sie vertrauensvoll aufblicken konnten; seine Stellvertreter schienen ihrer Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Vieles lag im argen, die strengen Anordnungen des Gouverneurs gerieten zum Teil in Vergessenheit, und es ging nichts vorwärts, weil es angeblich an Geld fehlte. Das wird sich nun wohl ändern. Mercy wird das Geld schon kriegen in Wien. das man seinen Platzhaltern verweigerte. Die Festung war noch offen nach zwei Seiten, nur das Wiener Tor und das Peterwardeiner Tor konnten als fertig gelten. War man denn des Friedens so sicher? Schwärmten nicht noch immer Tatarenhorden durch das Land und plagten die armselige Bevölkerung? Immer wieder erzählte man, daß Reisende spurlos verschwunden wären. Und bis an die jungen Vorstädte, die sich draußen bildeten, wagten sich die Räuber heran. Verfolgte man sie, verschwanden sie im Dickicht der Sümpfe, in denen sie sicher waren. Der deutsche Stadtrichter, Herr Balthasar Tobias Hold, atmete auf bei der Nachricht, daß der Gouverneur wieder im Lande sei und in der Stadt. Nun kann man ruhiger schlafen.

Mercy hatte seine Leute vollkommen überrascht, niemand ahnte, daß er schon käme. Die glaubten wohl, er läge noch im Lazarett zu Wien! Nein, er war wieder da. Und sie sollten bald sehen, wie gesund er zurückkam.

»Fenster auf!« herrschte er seinen italienischen Diener an, der ihm entgegenkam. »Da ist's ja zum Ersticken! Ein Jahr nicht gelüftet! Non e vero?«

Und ein menschliches Abendessen forderte er für sich und seinen Begleiter, dem er indessen sein Heim zeigte. Das sei der Palast des Mehemed Aga Pascha gewesen, der Temeschwar so lange gehalten, daß das Banat um zwanzig Jahre später an den Kaiser kam als die Komitate jenseits der Donau. Ein tapferer Heide. Aber dessen Haus habe er sich von einem Wiener Meister sogleich umbauen lassen. Den Harem ließ er in eine Flucht von Gastzimmern umwandeln, und zwei dieser Zimmer bekäme jetzt er selbst, der Herr Neveu, er möge sich aber vor bösen Träumen hüten. Wo einmal ein Harem gewesen, da gehe es immer um, sagte der General, und der Neffe lächelte und seufzte spöttisch.

*

Jakob Pleß stand im Hofe seines großangelegten Einkehrgasthofes, als die Bauarbeiter Feierabend machten und heimgingen. Er ahnte noch nicht, wer soeben über den großen Platz gefahren war ... Alle Arbeiter grüßten den hochgewachsenen braunen Mann, dessen Haltung unverkennbar den ehemaligen Soldaten zeigte, voll Unterwürfigkeit. Er verstand etwas von jedem Gewerbe und war scharf her hinter den Bauarbeiten. Der vordere Trakt mußte zuerst vollendet werden, damit das Gastgewerbe bald eröffnet werden konnte; jetzt aber arbeitete man an den Stallungen, dem riesigen Wagenschuppen und den sonstigen Nebengebäuden des Hoftraktes mit aller Ruhe. Der Hausherr hatte die Pläne selbst gemacht, und ein Polier aus Pforzheim leitete den Bau, ein Kamerad aus dem Regiment.

Viele Landsleute wunderten sich über die Courage des Herrn Konstablers, sein und seiner Frau Vermögen an ein so großangelegtes Unternehmen zu wagen. Er tat, als baue er in Frankfurt oder Straßburg, als läge er an einer großen Poststraße des heiligen Römischen Reiches. Aber Jakob Pleß ließ sich nicht irre machen; er glaubte fest an die große Zukunft dieser neuen Stadt und richtete sich ein für dieselbe.

Seine hellen, wie von innerem Glück leuchtenden Augen weilten voll Genugtuung auf dem Werke, das vor dem Einbruch des Winters vollendet sein mußte. Er sah es jeden Tag wachsen und werden, und auch die Theres freute sich innig mit ihm. Ehe sein erster Sohn ankam, sollte alles unter Dach sein.

Der Abend brach herein, Pleß schloß die äußeren Zugänge zum Bau eigenhändig ab und ging in die große Gaststube, die schon seit zwei Monaten im Betriebe war, um Licht anzustecken.

»Jakob! Jakob! Hast du's schon gehört?« rief die lebhafte Frau Theres, die mit geröteten Wangen aus der Küche kam, »dein General ist wieder da!«

»Der Gouverneur? Der Mercy?« schrie der Jakob, der gerade eine neumodische Wiener Öllampe in der dämmerigen Gaststube angezündet hatte, freudig auf.

»Ja, ja! Der Joseph hat die Nachricht gebracht.« »Schönste Wirtin, da möcht' ich dir doch gleich ein Bußl geben«, sagte der Mann, dessen Blick voll Liebe auf ihr ruhte und ihre hoffnungsvoll gerundete Gestalt zärtlich umfing.

Sie hielt ihm den vollen Mund hin.

»Oh, du! Duuu...«

Zwei Jahre schon besaßen sie einander. Die gefahrvolle Brautfahrt zu dem Geliebten war über alles Erwarten geglückt, alles ging gut aus, und ihre Liebe brannte wie am ersten Tage der Vereinigung. Den Nimmersatt hieß sie ihn und war doch selber immer durstig nach seinen Küssen.

»Jakob ... Leut' kommen«, sagte sie jetzt und entwand sich ihm.

Und es kamen die abendlichen bürgerlichen Gäste, und jeder trat mit der Neuigkeit ein: »Der Mercy ist da!««Der Herr Gouverneur ist wieder da!« Die Freude lag auf allen Gesichtern, sie spiegelte sich in allen Blicken. Auch die Offizierstafel füllte sich heute früher als sonst, und es ging hoch her an allen Tischen, man ließ den heimgekehrten Gouverneur leben und trank auf seine Gesundheit. Alle Gespräche drehten sich um ihn und seine jüngsten Taten in Italien, und es zog an diesem Abend neue Hoffnung ein in manches schier verzagte Herz. Das Leben war nicht leicht in der neuen, in der werdenden Stadt, und es fehlte diesem Gemeinwesen der Schutzgeist, seit dem der Mercy fort war. Daß er jetzt als Sieger heimkehrte und als Graf, daß er wieder gesund war, es freute diese deutschen Bürger von Herzen. Und die Offiziere waren stolz auf ihn. Sie stimmten heute das Prinz Eugenius-Lied an, und alle Gäste sangen es mit.

Die Gretel aber trug das Bier zu so wie einst in Blaubeuren, als das schöne Lied dort ankam. Waren sie denn in der Fremde hier? Die Leute sagen es; sie aber glaubte nicht daran.

Der Jakob Pleß, dessen neuer Gasthof sich so schnell in Gunst gesetzt hatte bei Zivil und Militär, er hätte jubeln mögen, daß sein Gönner wieder hier war. Noch war sein Haus, für das ihm der Mercy den Grund auf dem Hauptplatz billig überlassen, nach rückwärts nicht völlig ausgebaut, noch waren die achtundzwanzig Fremdenzimmer. die er im ersten Stock errichtete. nicht alle in Stand gesetzt, denn das Meublement mußte ja aus Wien herbeigeschafft werden. Aber es konnte sich schon sehen lassen vor dem Gouverneur, das stattliche Haus des Ehepaares Pleß. Man konnte schon daran denken, ihm einen schönen Namen zu geben. Und da hatte der Jakob seinen besonderen Plan, dem Gouverneur selbst wollte er ihn zur Genehmigung unterbreiten.

Auch heute wieder kam an dem Stammtisch der Stadträte und Magistratsherren das Gespräch auf die Taufe des Gasthofes. Daß die schönste Fremdenherberge, die es weit und breit gab. einen ganz besonderen Namen kriegen müsse, darin war man einig. Der Stadtrat Andreas Pfann schlug jedesmal vor, das Haus sollte »Zum Konstabler« heißen. Der Peter Mayer aber war dawider, er wollte es »Zur schönen Wirtin« benannt haben. Dagegen lehnte sich die Bescheidenheit der Frau Theres auf. Wie dann, sagte sie scherzhaft, wenn sie einmal eine alte Runkunkel ist? Da müßt' sie sich ja verstecken vor den Gästen. Und der Pleß war immer sehr bös, wenn man diesen Vorschlag machte. Das könnt' er brauchen! Kommen ihm eh' zu viel Gaffer und schauen sich die schöne Wirtin an. Da lachten die Tischgenossen und prophezeiten, es werde halt schließlich doch wieder ein »Roter Hahn« oder ein »Brauner Hirsch« herauskommen. Pleß schwieg heimtückisch über seine Pläne.

Herr Peter Solderer, der zweite Stadtrichter, der dem magistratischen Stammtisch heute auch die Ehre erwiesen, hatte sein großes Kaufmannsgeschäft in der Wiener Gasse »Zum Römischen Kaiser« genannt. Er war dafür, daß auch Pleß an etwas Großes denken solle bei der Namensgebung, an etwas Unvergängliches. Es gebe schon »Rote Ochsen«, »Goldene Löwen« und »Schwarze Bären« genug in der Welt. Wenn man das Glück habe, in einer neuen deutschen Stadt die erste Fremdenherberge zu begründen, müsse man eine Standarte ausstecken, die weithin sichtbar wäre. »Nach Jahrhunderten soll man noch wissen, von welchem Geist wir ersten deutschen Bürger von Temeschwar erfüllt waren«, sagte Herr Solderer etwas pathetisch. Sein »Römischer Kaiser« freute ihn, er tat sich etwas zugute darauf.

Das gefiel aber dem Jakob Pleß ungemein. Das war nach seinem Sinn gesprochen. Er hatte ja auch nicht ohne Gewinn drei Klassen des Gymnasiums in Ulm besucht, in ihm lebte noch ein Rest von jenem Idealismus, den seine Lehrer predigten. Es war nicht alles untergegangen in ihm während der schweren Soldatenzeit. Und den Zusammenhang mit der alten Heimat hatte er nie verloren, und die Kinder, die Gott ihm schenken wird, sollen ihn auch nicht verlieren. Sie sollen, wenn sie seine deutsche Herberge einmal fortführen, immer wissen, daß ihr Schild ein Ehrenschild ist. »Zu den sieben Kurfürsten« wollte er seinen Gasthof benennen, wenn's der Gouverneur erlaube. Der darüber verwunderten Frau Theres aber erklärte er seinen Plan so: »Weißt du«, sagte er, »die vier weltlichen Kurfürsten des Deutschen Reiches waren sämtlich hier, sie haben mitgefochten gegen die Türken, sie haben großen Anteil an der Befreiung des Landes; aus den Ländern der drei geistlichen Kurfürsten von Mainz und Köln und Trier aber sind die ersten Kolonisten ins Banat gekommen. Und du weißt ja, die sieben Kurfürsten wählen allezeit den römisch deutschen Kaiser. Wir wollen sie vor Augen haben. Möchten sie doch immer einen Kaiser wählen, der diese neue Grenzfestung des Deutschtums bewahrt und beschützt und uns nicht mehr türkisch werden läßt«.

Frau Theres lächelte. Sie verstand. Da wird die Base Gutwein aus Regensburg ihre Freude haben, die stand ja auf du und du mit den Kurfürsten, wenn man ihr glauben durfte. Es dünkten auch ihr gute Schutzpatrone für diese erste große deutsche Herberge in dem fernen Banat. Und Jakob verriet ihr, daß er die Kurfürsten wolle malen lassen für den Giebel des Hauses. Davon solle aber nicht viel geredet werden, ehe nicht alles fix und fertig wäre. Die Theres wußte zu schweigen.

Und weil er dieses Geheimnis im Busen trug, darum gefiel dem Pleß die Rede des Herrn Peter Solderer so sehr. Hatte er ihm den »Römischen Kaiser« schon weggenommen, so waren ihm doch noch die deutschen Kurfürsten geblieben, die den Kaiser machen. Haha, daran dachte der Herr Stadtrichter wohl nicht.

Zapfenstreich! Zapfenstreich mit Musik zu Ehren des heimgekehrten Gouverneurs. Alle Gäste erhoben sich und eilten an die Fenster. Da und dort brannte schon ein Talglichtlein hinter den Scheiben, es gab eine freiwillige Stadtbeleuchtung zu Ehren des Heimgekehrten, und das Publikum zog mit durch die Gassen bis vor das Palais. Die Pfeifer spielten den Marsch, den ein Trompeter auf den General gemacht hatte, und das Volk schrie: »Vivat! Vivat Mercy!«

Der Gouverneur war auf den Altan hinausgetreten und grüßte die vorbeiziehenden Soldaten militärisch. Dem Publikum winkte er dankend zu: »Vivat! Vivat Mercy!« klang es in allen Gassen, und immer mehr Fenster erhellten sich.

*

Als der Gouverneur nach dieser Überraschung mit seinem Begleiter endlich in das Eßzimmer kam, das nach dem Stadtgraben zu lag, harrte ihrer schon ein kalter Imbiß und eine mächtige Kanne Rotwein. Fenster zu! Fenster zu!« schrie der Graf, und sein Neffe hielt sich die Hand vor die Nase, er meinte Fieberluft zu atmen.

Bestialisch, was? Das sind die Sümpfe, die rings um die Stadt liegen. Aber ich will sie ausbrennen und trocken legen, das schwöre ich«, sprach Mercy. »Die braven Bewohner verdienen es um mich.

Und der Diener kam mit Räucherwerk und reinigte die Luft. Er lächelte still vor sich hin. Hatte der Exzellenzherr ganz vergessen, daß man die Fenster in diesem elenden Lande nur öffnen durfte, so lange die Sonne schien? Warum verlangte er vorhin, daß man sie jetzt öffne?

Der junge Kapitän war sehr einsilbig bei Tisch. Nicht ungern folgte er dem Rufe des berühmten Oheims und trat aus der bayrischen Armee in die kaiserliche. Aber warum mußte die Fahrt gerade hierher geben? In Wien war es so schön ... Eine unerklärliche Sehnsucht zog ihn da hin. Was es eigentlich war, das ihm Wien so teuer machte? Er wußte es nicht, er gestand es sich nicht ein ... Und diese lange Reise war entsetzlich. Die Wasserfahrt von Wien bis Ofen ließ man sich ja gefallen, doch diese letzten vier Tage über bodenlose Straßen, durchMoräste und Sümpfe, in denen Millionen Frösche quakten und die Pferde von Mückenschwärmen angefallen wurden, bis sie in Raserei gerieten, die werden ihm unvergeßlich sein. War es denn der Mühe wert, solch ein Land zu erobern und zu behaupten?

Der Oheim erriet die Gedanken seines Neffen, aber er lachte darüber. War der so verweichlicht? Klaus Florimund Mercy war aus anderem Holz, wie seine bayrischen Vettern. Als siebzehnjähriger Fähnrich kämpfte er in der Befreiungsschlacht vor Wien neben seinem Vater. An der Erstürmung von Ofen nahm er teil und an allen großen Bataillen, die darauf folgten. Seit dreißig Jähren steht er imFeld. Und nun gilt es, einmal gegen andere Feinde zu kämpfen, nun gilt es, aufzubauen, was die Jahrhunderte zerstörten, und eine Zukunft vorzubereiten. Möchte es ihm doch vergönnt sein, auch in diesem friedlichen Kampfe noch dreißig Jahre zu bestehen. Dann hätte er gelebt für alle Zeiten.

Er war mit großen Vollmachten aus Wien gekommen und empfand an diesem Abend ein Behagen wie schon lange nicht. Seine Offiziere hätten ihn nicht wieder erkannt ... Der hübsche junge da sollte einst sein Erbe werden und der Träger seines gräflichen Namens. Es war ihm leicht, dem Antoine das Patent eines Kapitäns in Wien zu erwirken und ihn an seine Seite kommandieren zu lassen. Er wird sich ihn erziehen, ihn in seine großen Pläne einführen, und wenn er selbst wieder einmal abberufen werden sollte, wird ein zweiter Mercy dastehen und sein Werk vollenden. Noch hat er ihm die Adoption nicht zugesagt, aber in Wien ist sie schon anhängig, und sie soll eine große Überraschung werden für den Neffen. Wie oft hatte er sich nicht einen Sohn gewünscht. Aber wann hätte er die Muße gefunden zu einer Brautwahl, zur Ehe? So wie sein Generalissimus und mancher andere Held dieser rauhen Zeiten, war auch er unbeweibt geblieben. Aber jetzt wird er dennoch einen Sohn und Erben haben. Und ihm war, als wüßte er für den auch schon eine Braut.

Anton von Mercy fragte den Oheim, ob er an etwas Angenehmes denke, oder ob es die Freude über die Heimkehr sei, die ihn so behaglich gestimmt habe. Und er legte ein klein wenig Spott auf das Wort Heimkehr.

Der Graf überhörte den Spott und schlürfte voll Genugtuung an einer Tasse echt türkischen schwarzen Kaffees. Den könne man in Europa noch nicht bereiten. Man müsse sich schon hierher bemühen, wenn man so etwas Köstliches haben wolle. Dem Neffen schien auch dieser dicke, kaum flüssige Kaffeebrei nicht zu munden.

»Warum mir so wohl zumute ist? Junge, da wirkt vieles zusammen. Man hat seine Erinnerungen und Träume ... Wie ruhig könnte unser Geschlecht in Lothringen sitzen und seinen Kohl bauen. War es ein guter Geist, der uns Landjunker alle hinaustrieb und in die Welthändel eingreifen hieß? Mein Großvater ist gegen die Schweden gefallen, sein Bruder gegen die Franzosen, meinem Vater hat ein Türkensäbel bei Ofen den Kopf gespalten. Wo wird die Kugel für mich gegossen? Ich bin immergefaßt darauf, daß sie mich erreicht ... Wir sind unserem Herzog gefolgt, der an den Wiener Hof zog, und haben uns mit ihm dem Kaiser verpflichtet. Aber ich frage mich oft, warum wir Mercys so unstet sind und so verbissen in das soldatische Handwerk. Gibt es denn nichts Größeres zu tun auf dieser Welt?«

»Zum Beispiel, lieber Oheim?«

»Du weißt auch nichts Größeres?« lachte der Graf. »Bist ein echter Mercy!«

Er schlürfte seine Tasse bis auf die Neige aus und ließ sie noch einmal füllen. Dann schlug er das marode linke Bein über das rechte und lehnte sich zurück. Der Diener reichte beiden Herren einen Tschibuk, gab ihnen Feuer und verschwand geräuschlos.

»Ich möchte aber einen anderen Mercy im Andenken der Menschen zurücklassen als meine Vorfahren«, sprach der Gouverneur und paffte voll Behagen. »Diesen Plan faßte ich, als wir sechs Wochen da draußen lagen vor dieser Stadt, die sich – sie war von ihren Sümpfen trefflich geschützt – uns nicht ergeben wollte. Wir hatten am 5. August die große Bataille bei Peterwardein gehabt, wo sie mich den tollen Mercy tauften, weil ich mich mit einer Schwadron durch zwei türkische Regimenter, schlug und sie dann von rückwärts noch einmal faßte. Es war eine teuflische Sache. Ja nun, sie glückte... Die Türken waren endlich auch in dieser Provinz aufs Haupt geschlagen und in voller Retirade. Aber das Zentrum gehörte noch ihnen, in Temeschwar kommandierte der Mehemed Aga über zwölftausend gute türkische Truppen und eine Legion Kuruzzen.«

»Kuru –?«

»Du weißt nicht«, lachte der Graf, »was das für Völker waren? Man sieht, daß du aus Bayern kommst und noch sehr jung bist. Du weißt also nicht, daß die Madiaren mit den Türken da und dort gegen uns gefochten haben? Daß wir ihr Land zum Teil gegen sie von den Türken befreit haben? Zweihundertjahre gingen sie mit den Türken gegen den Kaiser. Der Zàpolya hat den Soliman schon 1529 nach Wien geführt, der Tököly 1683 den Kara Mustapha, und zuletzt ist ihr Freund, der Rakoczy, mit seinen Kuruzzen bis Wien gekommen Die Franzosen wollten nicht, daß das Haus Habsburg, das die Türken überwunden hatte, zu mächtig werde. Sie gaben diesem madjarischen Fürsten die Mittel, Krieg gegen Wien zu führen. Kaum war Hungarn befreit, kam der Dank. Weil einige Adelige Steuern zahlen sollten und Befreiungstaxen, gingen sie mit dem Rakoczy gegen uns.« Er schwieg eine Weile sinnend, dann sprach er: »Beim Sultan ißt er jetzt das Gnadenbrot, der Rakoczy. Und seine Truppen, mein Sohn, so wie die des Tököly, hießen Kuruzzen. Sie haben, als wir ihr Vaterland befreiten, von Wien bis Belgerad, überall mit den Türken gegen uns gekämpft. Auch hier.«

»So sind die Madjaren?« rief der junge Kapitän voll Erstaunen.

»Nicht das Volk! Das ist nicht unedel! Aber ihre Herrensippe ist so, die nie wollte, daß in Hungarn eine starke Hand Ordnung mache, und ihrem unglücklichen, leibeigenen Volke den Frieden bringe. Doch davon ein andermal ... Was wollte ich eigentlich erzählen?« Er zog seinen Tschibuk, der beinahe erloschen war, wieder in Brand.

»Wie Ihr den Plan faßtet.«

»Ja! Wie ich den Plan faßte, ein anderer Mercy zu werden. Der Generalissimus hatte uns hergeschickt, den Herzog von Württemberg mit der Infanterie, den Johann Palgy mit der Kavallerie und mich mit allen Kartaunen und dem schwersten Geschütz, das wir bei Peterwardein benützten. Da habe ich dieses Land zwischen den drei Flüssen von Orsova bis Arad und bis an die Grenze von Siebenbürgen gründlich kennen gelernt. Eine von der Natur gebaute Festung ist dieses Land zwischen Donau, Theiß und Marosch immer gewesen. Für die Römer, die Goten, die Avaren, die Hunnen, die Türken. Den Frieden aber hat es nie gehabt.Wie dankbar müßte dieses Stück Erde dem sein, der es in ein Kulturland verwandelt! So sagte ich mir, als wir aus unserer neuen Festung Arad und aus Lippa die Geschütze über die Heide herüberschleppten, um Temeschwar zu bezwingen. Eine wilde, großartige Pflanzenwelt überall und Urwälder, das Klima südlich. Seit den Römertagen hatte dieser Boden keinen Pflug mehr getragen. Die elenden Dörfer waren ausgestorben, in ihren Erdhütten hausten die Wölfe. Kein Singvogel im ganzen Lande, nur die Aasgeier kreisten in den Lüften, und Millionen Raben suchten nach Leichen. Und während unsere Kartaunen ihr wildes Spiel gegen die Festung eröffneten, gestand ich dem Generalissimus, der den Oberbefehl übernommen hatte, meinen heimlichen Wunsch. So wie jenseits der Donau, in der Baranya und in Tolnau im kleinen, so möchte ich hier im großen arbeiten. Ein Trajan möchte ich diesem verkommenen Lande werden, wenn wir es erobert haben. Alle Kulturen des Westens und des Südens möchte ich hier begründen dürfen. Die Armee des Friedensstandes müßte die Vorarbeit leisten, und hunderttausend Ackerbauer sollten das Werk vollenden.

Der glorreiche Prinz hörte mich lächelnd an. Er mag die Projektenmacher nicht. Aber mich hörte er an.

,O Vanità!' rief er. O Vanità!' (O Eitelkeit!) Er hielt das Land nicht für kulturfähig, er wollte es nur unterworfen haben und seine Grenzen militärisch sichern. Aber am nächsten Tage kam er selbst darauf zurück. Es sei am Ende doch un cosa grande (eine große Sache), was ich ihm entwickelt habe. Er hätte ähnliches ja schon auf seinen ungarischen Gütern versucht. Und er werde an mich und meine Sache denken in Wien.

Wir haben dann am 23. September ein türkisches Entsatzkorps, das herbeigeeilt war, geschlagen und dem Mehemed Aga mitgeteilt, daß alle seine Hoffnungen eitel wären. Er ergab sich nicht und ließ sagen, er wisse wohl, daß der Prinz Eugen schon stärkere Festungen bezwungen habe, doch seine Pflicht sei, Temeschwar zu halten bis zum letzten Mann. Von drei Seiten schützten ihn Sümpfe. Er hatte nur eine zu verteidigen. Und seine Kanonen antworteten den unseren sehr gut. An Proviant schien es ihm auch nicht zu fehlen. Wenn ein früher Winter kam, waren wir ohnmächtig. Nur wenn es gelang, die Türkenstadt in Brand zu setzen, konnten wir sie besiegen. Und als endlich all unsere schweren Stück beisammen waren, probierten wir das. Wir schossen drei Tage und drei Nächte ununterbrochen, nahmen die Vorstadt Palanka, legten Bresche in die Stadtmauern, und der rote Hahn krähte endlich an allen Enden. Am vierten Tage hißte Mehemed Aga die weiße Fahne. Er sehe ein, daß sein Wilderstand nutzlos sei, ließ er sagen. Wenn das ganze Land gefallen wäre, müsse er auch das Zentrum übergeben. Aber in Ehren! Sonst nicht. Und der Prinz gewährte ihm und seinen Truppen den Abzug in allen Ehren. Das genüge nicht, ließ er sagen. Auch die Kuruzzen, die an seiner Seite kämpften, müßten sich mit ihm zur türkischen Armee nach Belgrad begeben dürfen. Da lachte der Generalissimus laut auf, denn wir hatten gar nicht gewußt, daß die Leute des Rakoczy auch hier gegen uns und den tapferen Palffy mit seinen Husarenregimentern kämpften. Und der Prinz ließ sich die Feder reichen.«

»Er hat es unterschrieben?« rief der Neffe.

»Mehr als das, mein Sohn. Er schrieb mit fester Hand an den Rand des Vertrages: La Canaglia puo andare dovt vuole. Eugenio von Savoy' ( »Die Canaille kann gehen, wohin sie will.« Historisch beglaubigt vom Biographen des Prinzen, Alfred von Arneth.) Das Wort machte die Runde im ganzen Heer, und es flog mit der Botschaft vom Falle Temeschwar auch nach Wien.«

Der Kapitän lachte. »La canaglia!«

»Nach dem Abschluß des Vertrages kamen die gegenseitigen Geschenke. Der Pascha schickte zwei schneeweiße Araberhengste an den Generalissimus und andere kostbare Dinge, mir verehrte er einen Säbel in goldener Scheide, den ich dir morgen zeigen werde. Und der Prinz gab Revanche. Er ließ dem Pascha seine neue, goldene Sackuhr überreichen, die als ein Wunder galt, weil sie die Stunden schlug. Nie hatte der Türke so etwas gesehen, und unsere Herren machten das Bonmot, er habe diese Uhr erhalten, damit er jederzeit wisse, wie viel es für die Türken geschlagen habe.«

»Und das Land war frei?«

Der Graf nickte.

»Diese letzten Türken sind über Pancsova nach Belgrad gezogen und die Kuruzzen mit ihnen. Ein Jahr später haben wir sie dann dort noch einmal geschlagen.«

»Und in Temeschwar? Was geschah hier?«

»Wir zogen am 18. Oktober 1716 ein in die entsetzliche Stadt. Den dreiundfünfzigsten Geburtstag unseres Generalissimus feierten wir in einem rauchenden Trümmerhaufen. Er ging bald nach Wien in das Winterquartier und übertrug mir das Kommando. Meine cosa grande aber, das sagte er mir beim Abschied, die wolle er dem Kaiser vortragen und nach Kräften unterstützen. Und er hat sein Wort eingelöst. Bin Gouverneur mit unbeschränkten Vollmachten, und was ich aus dieser Provinz mache, das wird sie sein. Und Ich will sie zu einem Lande machen wie mein Lothringen, wie das Elsaß, wie die Champagne oder die Rbeinpfalz.«

Der Kapitän schaute ihn betroffen an »Und wo nehmt Ihr die Bevölkerung her dazu?«

»Von dort? Eben von dort! Sind schon viele hundert Familien hier; Tausende werden kommen, Zehntausende.«

»Jetzt verstehe ich. Aus verlorenen oder halbverlorenen Ländern des Kaisers werden treue Untertanen hierher verpflanzt?«

»Ja, siehst du den anderen Mercy?« rief der Graf aufgeräumt. »Der Tolle wird verbrannt, und aus seiner Asche soll der Friedensengel sich erheben. Der Friedensengel mit dem lahmen Bein.«

»Herr Oheim«, sagte der Kapitän mit Wärme, »ich will nicht umsonst so manches gelernt haben von den technischen Wissenschaften bei den bayerischen Pontonieren; wenn ich in diesem Klima nicht zugrundegehe, will ich in Wahrheit Euer Adjutant sein.«

»Bravo, Herr Neveu! Das ist das erste gescheite Wort, das du geredet hast von Wien bis hierher. Ich habe schon gemeint, du hättest nicht nur dein Herz, sondern auch deinen Kopf in Wien gelassen.«

Und er drückte dem Neffen, der wie ein junges Mädchen errötet war, kräftig die Rechte.

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