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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Das Brautschiff

Das war keine kleine Aufgabe für die Frau Theres, sich auszustaffieren für diese abenteuerliche Fahrt in ein fremdes, wildes Land und für ihre Ehe mit dem Jakob Pleß. Das ganze Städtle nahm teil an ihren Sorgen, und gar viele rieten ihr um Gottes willen ab von der Fahrt. Der Bräutigam müsse doch kommen und sie holen. Du lieber Gott, hatten die eine Vorstellung von der Welt! Frau Theres lachte sie aus. Die glaubten wohl, man könne sich in Temeschwar in einen gelben Postwagen des Grafen von Thurn und Taxis setzen und so wie von Stuttgart nach Ulm reisen. Daß man Wochen und Monate brauchte und ein kleines Vermögen zu solch einer Reise von zweihundert deutschen Meilen, das verstanden sie nicht. ja, das Hinabfahren, das war nicht gar so schwer. Mit Gottes Hilfe glückte es jedem. Aber das Heraufkommen! Da war die Donau unbrauchbar. Zillen, die gegen den Strom gingen, hätte nur der Böse bauen können; die ehrlichen Schifferzünfte von Ulm, Regensburg und Passau aber verstanden solches Teufelswerk noch nicht. Mit Pferden konnte man wohl Plätten von Günzburg nach Ulm ziehen lassen, aber von Peterwardein herauf hätte das zwei Jahre gedauert.

Viele Reisen mußte Frau Theres unternehmen, um ihre Ausstattung zustande zu bringen. Sie war mehr in Ulm als daheim in Blaubeuren. Sie fuhr mit einem Ordinarischiff dreimal nach Regensburg, um die ängstliche Base für ihre Pläne zu gewinnen. Und ihre wichtigsten Einkäufe besorgte sie dann mit ihr in Nürnberg. Dort blühte das Gewerbe am höchsten, dort hatte man die schönste Auswahl in allen Dingen. Und wenn der Jakob einen Gasthof nach deutscher Art in dem vertürkten Temeschwar errichten wollte, da mußte sie doch vordenken und vorsorgen, um ihm Ehre zu machen als Wirtin. Das schönste Zinngeschirr, Teller, Schüsseln, Krüge und Kannen bekam man in den Gießereien zu Nürnberg. Und das Gewerbe der Beckenschläger war berühmt, Kupferpfannen und Kessel konnte man nur dort kaufen. War doch dieses Handwerk gesperrt für alle Fremden; die Nürnberger Meister durften nur Nürnberger Buben in die Lehre nehmen. Und so war es mit vielem anderen. Was in Nürnberg erfunden wurde, durfte Auswärtigen nicht gelehrt werden, durfte nur dort erzeugt und verkauft werden. Ihr Vater hatte ihr das schon erzählt, und er kaufte oft in Nürnberg ein. Jetzt suchte sie dieselben Quellen auf.

Und sie trug einen Berg von seltenen Sachen zusammen in Regensburg bei der Base, wo sie bereitliegen sollten für ihr Schiff, wenn es die Donau herabkam. Und auch Bestellungen für Freunde führte sie aus. Der Kantor brauchte eine Trompete für die Begleitung des Eugeniusliedes, und Trompeten wurden nur in Nürnberg gemacht. Gern hätte er auch einmal eine Klarinette gesehen, die man in Nürnberg erfunden, aber dafür langte sein Beutel nicht.

Ein Tröstliches hatten diese Reisen der Frau Theres; sie erfuhr mehr über Hungarn, als der Jakob ihr geschrieben, mehr, als man in Blaubeuren ahnte. Viele Deutsche waren schon dahin gewandert und hatten sich auf der rechten Seite der Donau angesiedelt, dort, wo die Türken zuerst vertrieben worden sind. Der deutsche Magistrat von Fünfkirchen habe schon Anno 1697 Bestellungen in Nürnberg gemacht. Nur das Banat jenseits der Donau, wo sie jetzt hin sollte, war Neuland, erzählte man ihr. Und da wuchs ihre Kurasche erst recht.

Und der alte Pleß baute ein Schiff für die Braut. Keine Ulmer Schachtel, wie sie auf der Donau sprichwörtlich waren, sondern eine Zille neuer Art: in der Mitte zwei Stuben für die Theres und ihre Begleiterinnen, eine kleine Küche am hinteren Ende und vorne einen überdeckten Unterschlupf für den mitfahrenden Schiffmeister und die Ruderknechte, die man auch nicht ganz schutzlos gegen Wind und Wetter lassen durfte auf einer so weiten Fahrt. Nur neunzig Fuß lang sollten die ausgewählten Tannenstämme sein, die in Verwendung kamen, nicht hundertfünfundzwanzig, wie bei den Schwemmern oder gar hundertsechsundvierzig Fuß, wie bei den Klobzillen. Ein Mittelding zwischen den berühmten Kelheimer Plätten, die jeden Mittwoch von Regensburg nach Wien gingen, und den Ulmer Ordinarischiffen, die jeden Sonntag abfuhren, ließ Ludwig Pleß bauen. Dreihundert Gulden Ulmer Münz durfte das Schiff kosten, und wenn man es bis Peterwardein brachte, konnte es dort den vierfachen Wert haben für die Bojaren und türkischen Spahis, die wohl nie auf solch einem Schiff bis ins Schwarze Meer gefahren sind. Es war sein Geschenk an die kuraschierte Braut.

Zuerst hatte Pleß die Absicht, ihr nur die acht Ruderknechte, die auswandern wollten, und einen Steuermann mitzugeben. War das ratsam? Es schien gewagt. Sie soll ihre Mucken und Nucken haben in Hungarn, die große Donau. Aber woher einen Schiffmeister nehmen für die ganze Fahrt? Vor dem dreißigsten Lebensjahr kam keiner zur Meisterschaft, und die Zunft stellte die Bedingung, daß nur seßhafte, verheiratete Männer Meister werden durften. Warum? Man vertraute einem ledigen Windbeutel nicht Geld und Gut an, es mußte einer Bürgschaft geben für seine Wiederkehr. Welches Band aber wäre sicherer gewesen als Weib und Kind? Genug an dem, daß jedes Schiff, das man dem Meister übergab, in Wien zu Geld gemacht werden mußte. Oft um den bloßen Holzwert, denn es galt, keine Zeit zu verlieren für die Rückfahrt der Leute zu Lande. Die fraßen sonst den Profit des Unternehmens auf, wenn der Schiffmeister in Wien sitzen blieb mit ihnen. Auf den Posten gehörte ein ganzer Mann, kein Trinker, kein Spieler, kein Schürzenjäger – kurz, ein. seßhafter Bürger. Ein Kernvolk war diese Schiffergilde, stark und wetterhart, bieder und zuverlässig. Aber wer hier als Meister seßhaft war, fuhr nicht nach Hungarn. Bis Wien ging ihr Geschäft, nicht weiter.

Und wenn die Ulmer und Regensburger Schiffe beim Schanzel in Wien ankamen, warteten die Händler schon. Das Geschäft war rasch geschlossen, und ein Zeiserlwagen für die Heimfahrt über St. Pölten und Linz fand sich jeden Tag. Nach Hungarn hinab mochte fahren wer wollte, das übernahmen die Ulmer Schiffer nicht.

Da traf es sich, daß ein junger Schiffmeister sich freiwillig zu der Fahrt nach Peterwardein meldete, der Anton Oberle aus Schwaben. Er hatte seine fünf Probefahrten nach Wien gemacht und sollte Meister werden, sobald er geheiratet. Dem alten Pleß lag viel an ihm, aber der Mensch bedachte sich immer wieder, er war ehescheu. Wählen hätte er können unter den Meisterstöchtern, jede nahm ihn gern. Er wollte nicht. Man sagte, es gefielen ihm mehrere ... Und als Pleß ihn vor dem Beginn der Frühjahrsfahrten zur Rede stellte, da offenbarte er sich ihm – er möchte fort, in die weite Welt. Wenn es sein müsse, bis zu den Türken Das Leben hier tauge ihm nicht, es wäre ein Wandertrieb in ihm, den er nicht länger bezwingen könne. Da ließe sich Rat schaffen, meinte Ludwig Pleß. Wenn er sein Meisterstück bis Peterwardein machen wolle, gebe er ihn frei und lege noch ein paar Kronentaler darauf. Mit Freuden schlug der Anton ein. Seine Augen leuchteten vor Begierde, fremdes Land kennen zu lernen und allen Gefahren einer solchen Fahrt zu trotzen. Das wäre eine Aufgabe für ihn! Und so kam denn der Tag der Brautfahrt.

Als die Hochwasser abgelaufen waren und der Lenz von der rauhen Alb in das liebliche Blautal lachte, da ließ der Adlerwirt eines Morgens einspannen und führte seine Schwester selber nach Ulm hinab. Daß auch die Gretel mit der Theres ging, verdroß ihn baß, aber hindern konnte er es nicht. Und noch zwei Bauernmädchen aus Gerhausen waren mit ihrer kleinen Habe vorausgewandert, sie wollten das Glück auch in der Fremde versuchen. Im Begriffe, sich in Ulm oder Regensburg zu verdingen, hatten die munteren Schwäbinnen von dem Mädchenmangel im Banat vernommen, und sogleich waren sie bereit, der lieben Not dort abzuhelfen. Gern nahm die Theres sie mit.

Die Gretel hatte bei Söflingen sehnsüchtig ausgelugt nach ihrem Josef. Wird er denn nicht durchgehen? fragte sie sich. Wird er sich anbinden lassen von den Stiftsherren, wenn sie jetzt in die weite Welt geht? Sagen hat sie es ihm dreimal lassen. Kam er nicht, dann war er nicht wert, daß ein braves Mädel sich um ihn härmte.

In Ulm wurde für eine Nacht Herberge genommen im »Pflug«. Nur die Theres schlief bei den Schwiegereltern. Und am nächsten Mittag gab es ein Hochzeitsmahl bei Vater Pleß. Die Gevattersleute von beiden Seiten waren da, alle Freunde und Bekannte nahmen teil und brachten Geschenke, die Rolle des Bräutigams aber hatte dessen frohgemuter Vater inne. Er scharmuzierte mit der schönen jungen Frau und gab ihr den ersten Kuß.

Man redete auch viel von dem fernen Bräutigam und seinen tollen Jugendstreichen, und die Mutter erteilte manch guten Ratschlag darüber, wie der Jakob am besten zu nehmen wäre und was er am liebsten esse. Sie war eine rundliche. brave Frau mit roten Backen und einem butterweichen Mutterherzen. Wenn sie den Namen des Jakob aussprach, gluckste es in ihrer Stimme.

Um vier Uhr nachmittags brach man auf und wanderte zum Gänstor hinaus nach dem Landungs Platz. Da lag das funkelnagelneue Brautschiff, und die Ulmer Flagge wehte lustig über ihm. Blitzblank war alles, und die Hochzeitsgesellschaft konnte sich nicht satt sehen an dem Schiff. Ein Geländer lief ringsum, Sitzbänke waren da, und in Kisten und Körben war der Hausrat geborgen, den die Theres mitnahm. Auch die zwei Stuben waren voll, und die Braut schlief im eigenen Bett auf dieser Fahrt. So sei noch niemand die Donau hinabgefahren, sagten die Ulmer, nicht einmal der Kaiser Rotbart, als er ins Morgenland zog, und auch der englische Gesandte mit seiner Lady Montague, die jetzt bei den Türken wären, hätten es nicht so schön gehabt. Ordentlich Lust bekam man, mitzufahren.

Zuletzt war die Stimmung sehr ernst. Es war ein Valet wie selten eines. Sollten die doch alle auf Nimmerwiedersehen dahin fahren: die schöne Frau und ihre drei Begleiterinnen, der junge Schiffmeister, der Steuermann und die acht Ruderknechte. Es gab viel Zuschauer am Ufer und auch heimliche Tränen. Manche Schöne härmte sich um den jungen Meister Anton Oberle, der sie verschmähte und in die weite Welt ging.

Pleß gab ihm jetzt ein Zeichen und machte dem langen Abschied ein Ende. Er kommandierte die Ruderer mit einem Pfiff an ihre Plätze. Wollte man noch heute nacht Regensburg erreichen, wo die Base der Mitfahrt harrte, durfte keine Minute mehr verloren gehen. Morgen früh begann der volle Ernst.

Hände winkten, Tüchlein wehten, Hüte wurden geschwenkt, und die Mutter Pleß rief vom Ufer: »Grüß de Gott! Grüß de Gott! Hab nur den Jakob recht gern!« Und sie wischte sich die Augen.

Theres stand noch lange in der Mitte ihres Schiffes. Die Gretel heulte und wäre am liebsten ins Wasser gesprungen, um das Ufer schwimmend zu erreichen. Theres aber war stark. Sie faltete die Hände und schaute nach dem Ulmer Münster, den sie so groß und herrlich nie gesehen wie in dieser Scheidestunde. Eine Weihe überkam sie und eine Andacht, die sie seit ihrer ersten Kommunion nicht mehr empfunden hatte. Oh, dieser Abschied von der Heimat war schön. Und eine sanfte Wehmut kam auch über sie ... Wird der Jakob ihr immer Dank wissen für ihren Entschluß? Wird sie das Glück neben ihm finden, das ihr bisher versagt geblieben war?

Der gleichmäßige Takt der Ruderschläge weckte sie aus ihrem Sinnen.

Und als sie sich jetzt wendete, um in ihre Stube zu treten, kreischte hinter ihr die Gretel auf, es war ein Jubelschrei, auf dem noch der Nachklang des Schmerzes lag, der sie übermannt hatte beim Abschied.

»Der Josef! Der Josef ischt da!« rief sie ein über das andere Mal.

Hinter den Kisten und Körben war unter einem Bündel grober Pferdedecken, die den Ruderknechten als Lager dienen sollten, der Josef hervorgekrochen.

Ein langer, brauner, junger Mensch mit pfiffigen dunklen Augen räkelte sich und streckte seine Glieder, als wolle er probieren, ob sie noch gerade zu bringen wären. Die Gretel sprang an ihm hinauf und gab ihm ein paar zärtliche Maulschellen. »Da bischt du ja! Da bischt du ja!« schrie sie und lachte und weinte.

Da kam der Schiffmeister herbei und setzte seine strengste Miene auf.

»Wer ist Er? Was will Er? Hat Er Papiere?«

»Nein«, sagte die Gretel, »gar nix hat er. Mein Schatz ist er!«

Das könnte er brauchen, der Schiffmeister, an der bayrischen Grenze und an der österreichischen! So ein Einschleicher! In Günzburg muß er ans Land!

Da machte der Josef Anderl ein dummes Gesicht. Wie? Was? War er dem Klostervogt darum davongelaufen, daß man ihn jetzt irgendwo unter die Soldaten steckte? Er habe geglaubt, »wenn's zu de Terke geht, braucht der Mensch keine Papiere.

Die Frau Theres setzte sich für ihn ein. Der Schiffmeister möge irgendwie Rat schaffen, daß der Josef durchgeschmuggelt werden könne. Er soll sich an die Ruderbank setzen oder wieder verkriechen, wenn man an die Grenze käme.

»Das fängt gut an«, brummte der Schiffmeister. »Mit Kontrebande bin i no nit uff Wien g'fahre.«

Der Josef Anderl bedankte sich schön bei Frau Theres für die Mitnahme. Er wolle ihr dienstbar sein, so lange sie ihn brauche. Und sie solle schon noch sehen, was er alles könne. Er sei nicht bloß ein Gärtner, er habe im Stift von jedem Handwerk etwas gelernt, und sogar das Waldhorn verstehe er zu blasen.

Das Schiff glitt bei Günzburg vorbei und fuhr in den dämmernden Maiabend hinein. Josef und Gretel saßen vor der Stube ihrer Herrin und stimmten heimatliche Lieder an. Fröhliche und traurige in bunter Reihe. Sie waren so glücklich, daß sie nun frei waren und bald einander gehören durften, daß kein Pfaff und kein Graf und kein Vogt etwas dawider haben konnte. Übermütig sangen sie:

Morgen will mein Schatz abreisen,
Sum, sum;
Abschied nehmen mit Gewalt,
Sum, sum.
Draußen singen schon die Vöglein,
Singen schon die Vöglein
In dem dunklen grünen Wald,
Sum, sum.

Aber sie fielen gleich darauf in eine andere Tonart:

Und es fällt mir so schwer,
Aus der Heimat zu gehn,
Wenn die Hoffnung nicht wär'
Auf ein Wieder –Wiedersehn.
Lebe wohl, lebe wohl, lebe wohl,
Lebe wohl, lebe wohl aufs Wiedersehn!

Die einfache herzliche Weise ergriff alle. Schiffmeister, Steuermann, die Ruderknechte, die Frau Theres und die zwei Mädeln aus Gerhausen sangen das Lebewohl mit. Es war ihnen allen gar seltsam weh zumute. An das Wiedersehen glaubten sie nicht.

In Regensburg war die Base aufgenommen worden, die würdige Frau Martha Gutwein, eines Posthalters Witwe. Und als am nächsten Morgen all die schönen Dinge aus Nürnberg geladen wurden, schickte Frau Theres den Josef nach einem Waldhorn aus, koste es was immer. Er solle unterwegs seine Künste darauf zeigen. Und er kam bald mit einem solchen. Man war in Ordnung, und der Schiffmeister ließ abstoßen. Die Zille fuhr sausend unter dem mittleren Brückenjoch hindurch, und es ging in die Ferne. In Straubing legte man an und in Passau, wo wieder übernachtet wurde. Die Männer gingen sämtlich, bis auf Josef Anderl, der treu die Wache hielt, ans Land. Er hatte ein paar Stunden gerudert und sich auch auf andere Weise betätigt, aber Müdigkeit verspürte er keine. Und er wachte, bis die Ruderknechte mit dem dämmern den Morgen aus dem Wirtshaus kamen. Dann legte er sich vor die Türe der Frau Theres und schlief. In der Stube nebenan waren die drei Mädeln untergebracht. Bedurften sie des Schutzes? Der baumlange Josef fragte nicht, er tat, was ihn niemand hieß. So gestern, so heute, so alle kommenden Tage. Und es fragte ihn auch an der Grenze in Engelhardtszell niemand nach seinen Papieren, das Brautschiff wurde nicht beargwohnt. Die österreichischen Mautner und Zöllner, die jedem Ordinarischiff die Donau versperrten, bis sie es genau durchsucht hatten, nahmen ihre Gebühren und fragten, als sie außer der Schiffmannschaft nur Weiber erblickten, nach nichts. Gleichwohl mußte dort übernachtet werden.

Nicht ohne Gefahren war die, Fahrt. Schon vor Passau gab es Felsen und Klippen im Donaubett, bei Aschau lagen die Sandbänke jeden Tag an einer anderen Stelle, und es bedurfte der ganzen Aufmerksamkeit des Schiffmeisters, daß man heil hindurch kam. Jetzt rückten die Berge wieder näher zusammen, die Wassermassen schwellten hoch an, und es ging im rauschenden Strom durch eine romantische Landschaft bis Linz.

Die Base Gutwein, die seit ihres Seligen Tod keine Reise mehr unternommen, war anfangs recht besorgt ob der verwogenen Fahrt. Sie saß den ganzen Tag bei der Theres, half ihr mit Handarbeiten, erzählte ihr Geschichten vom heiligen römischen Reich, bestaunte jede Burg und jedes Kloster und betete fleißig den Rosenkranz. Am Ende aber fühlte sie sich befriedigt, daß sie sich hatte überreden lassen, ihre Nichte zu begleiten. Man sah doch ein gut Stück Welt und blieb kaiserlich, wohin man auch kam. Einem echten Regensburger Kind, das so und so viele Reichstage in vollem Glanze gesehen, das alle sieben Kurfürsten des Reiches kannte und schon drei Kaiser von Angesicht sah, den Leopold, den Josef und den Karl, einem solchen alten Kinde imponierte so leicht nichts. Aber was wahr ist, ist wahr, diese Reise gefiel ihr, und Linz war eine schöne Stadt. Sie verließen da zum erstenmal das Schiff und nächtigten im »Bayrischen Hof«. Es galt, neue Kraft zu schöpfen für die letzten drei Tage bis Wien, Kraft für die Fahrt durch den gefährlichen Strudel bei Grein. Ihr Seliger hat gewiß weite Reisen gemacht mit dem Postwagen des Fürsten Thurn und Taxis, er war bis in die Rheinpfalz gekommen und weiter, aber so eine romantische Fahrt zu machen, war ihm nie vergönnt. Wien hatte er nie gesehen. Ach, wie sie sich auf dieses Wien freute!

Theres ließ sie reden und reden und hing ihren eigenen Gedanken nach. Ans Land zu gehen wäre nicht nötig gewesen, ihre Stube war wohlbestellt mit allem. Aber der Anton Oberle, der Schiffmeister, kam ihr so seltsam vor. Er schnüffelte zu viel vor ihrer Tür und der der Mädchen. Und auf den Josef hatte er einen Haß. Zehn Stunden ließ er ihn heute rudern, während ein Knecht nach dem andern ausschnaufte. Und dann redete er ihr zu Gehör, daß man den Burschen samt der Gretel in Wien ausschiffen sollte. Er werde ja doch keinen Erwerb »da drunten« finden. Das bestritt sie. Die Gretel gehöre zu ihr, und sie sei mit dem Josef versprochen, beide gehen mit bis ans Ende. Das verdroß den Anton, und er rollte den ganzen Tag die Augen. Da ging sie in Linz mit sämtlichen Begleiterinnen ans Land und mietete zwei Fremdenstuben beim »Bayrischen Hof«, eine für sich und die Base Gutwein, die andere für die drei Mädchen, die sich ihr anvertraut hatten. Festen Entschlusses tat sie das, ohne sich um jemandes Meinung zu kümmern.

Die Base merkte nichts. Sie war zu Wasser und zu Land unerschöpflich im Erzählen von Geschichten, die ihr Seliger von seinen Reisen heimgebracht hatte. So eine bräutliche Auswanderung, wie sie sie jetzt unternahmen, ließ sie sich gefallen. Aber was waren das für Geschichten, die die Pfälzer vor zehn Jahren durchmachten. Sie haben lange genug gelitten. Nie wußten sie, wem ihre nächste Ernte gehören würde, der französischen Soldateska oder der eigenen, den Schweden oder den Kaiserlichen. Das Wild schätzten die großen Herren ringsum mehr als die Menschen, und für Wildschaden gab es keine Gerechtigkeit. Grausam waren die Strafen gegen die Selbsthilfe. Und mit der Religion war es auch gotteslästerlich. Um lutherisch oder reformiert stritten sie sich, und die wieder katholisch werden wollten, wurden verachtet. Ihr Seliger sah es lange kommen, und auf einmal war es da, das Erdbeben: Auswandern! Auswandern! Und sie kauften sich los von ihren zweiundvierzig großen und kleinen Tyrannen und zogen fort. Viele in tiefem Elend. Andere trutzig und stolz mit Wagen und Pferden, Mägden und Knechten. Und lustig taten sie, obgleich ihnen schier das Herz brach um die alte Heimat.

»Wohin hat sie's denn verschlagen?« fragte die Theres.

»Nach Amerika, nach Rußland, nach Hungarn, was weiß ich«. sagte die Base Gutwein. »Dann ist's verboten worden. Aber das hat nichts genutzt, was vordem öffentlich erlaubt war. das geschah später heimlich. Und wir werden wohl manchem Pfälzer begegnen im Banat, der uns was erzählen könnte von seiner Reise.«

Bis ihr die Augen zufielen, plauderte sie fort. Die Fenster nach der Gasse waren offen geblieben, und von unten herauf, aus der Wirtsstube, drang der Lärm und der heisere Gesang der Schiffsknechte. So oft unten die Türe geöffnet und zugeschlagen wurde, wimmerte der abgerissene Fetzen einer Weise durch die nächtliche Stille der Straße.

Der Nachtwächter tappte vorüber und rief die elfte Stunde aus, Dann klopfte er mit seiner Hellebarde an die Türe der Gaststube, und es wurde still.

»Ruhe in der Herberge!« rief er hinein und ging weiter. Drinnen lachte man zwar hinter ihm her, aber es wurde langsam still und stiller. Sich einsperren lassen und hier bleiben wollte am Ende keiner.

Und mit dem frühesten war alles auf den Beinen. Ein herrlicher Maimorgen lachte in die engen Gassen der Altstadt herein, als Josef Anderl zu melden kam, das Schiff sei schon bereit. Er hinkte ein wenig und hatte ein blaues, blutunterlaufenes Auge. Die Gretel erschrak bei seinem Anblick. Was ihm geschehen wäre, wollte sie wissen. Oh, nichts. Gefallen sei er nachts über eine Spreize. Sie möge froh sein, daß er nicht ins Wasser fiel. Hätte nicht viel gefehlt.

Die Gretel begnügte sich damit, Frau Theres aber sah ihn scharf an, und er schlug die Augen nieder.

Auf dem Schiff war alles in schönster Ordnung. Meister Oberle grüßte höflich und aufgeräumt. Heute wäre ein wichtiger Tag, sagte er. Es sei üblich, daß alle miteinander ein Vaterunser beteten, ehe diese Fahrt beginne. Aber er überlasse das jedem einzelnen. Als die Base Gutwein das hörte, schlug sie die Hände zusammen. Sie müsse aussteigen, müsse rasch beichten und kommunizieren gehen oder doch eine Messe hören. So unvorbereitet wolle sie nicht sterben.

Anton Oberle grinste höhnisch und pfiff den Ruderern.

»Los!« hieß das. Da ging die Base in die Stube hinein, warf sich auf die Knie und betete. Theres aber nahm eine Handarbeit und setzte sich auf eine Bank. Sie war ganz ruhig. Und nach einiger Zeit rief sie die Base heraus; zu dem berühmten Strudel käme man doch erst spät nachmittags, sie solle sich doch die veränderte schöne Gegend angucken.

Und die Base kam wieder ganz gefaßt hervor. Nur hatte sie ihr Gebet- und Gesangbuch bei sich.

Breit und mächtig dehnte sich die Donau ins Weite, die gestern durch einen Engpaß floß; sie bildete Inseln bei Linz und umkreiste die Stadt in einem weiten Bogen. Das linke Ufer war bergig, das rechte flach, und die liebe Stadt mit ihren sanften Höhenzügen im Rücken und ihrer hochgelegenen alten Kaiserburg versank allmählich hinter den Auwäldern, die ihr vorgelagert waren.

Die Gretel half der Frau Theres an ihren Ausstattungsarbeiten, die beiden Schwabenmädel aus Gerhausen kochten, und die Base Gutwein las der Theres aus ihren frommen Büchern vor. Städte und Märkte, Wallfahrtskirchen, Schlösser und Klöster flogen vorüber, es wurde weniger geredet als all die Tage, die Stimmung war ernster.

Und als es nachmittags hieß, Grein sei nahe, da verzogen sich sämtliche Frauen, eine nach der anderen. Nur Theres kam gleich wieder vor; sie hatte die Gretel bei der Base gelassen, und die mußte mit ihr zu allen katholischen Heiligen beten, obwohl sie augsburgisch war.

Da war Grein ... Die Insel Wörth und der Strudel kamen in Sicht ...

Der Strom ging hoch und das kam der Fahrt gar nicht zu statten. Die Wasser schäumten brausend über die Felsklippen hinweg, und nur ein erfahrenes Auge konnte sehen, wohin das Schiff gesteuert werden müsse, um nicht zu zerschellen. Drei Straßen sehe man sonst, hieß es, das Waldwasser links, den Wildriß in der Mitte und den Hößgang rechts. Das viele Schneewasser aus den Bergen hatte die Donau aber derart geschwellt, daß nur eine breite, gurgelnde Hochflut zu sehen war, die über tödliche Klippen hinschäumte.

Anton Oberle machte sein Meisterstück. Er steuerte das Brautschiff mit dem Aufgebot aller Kräfte über den Hößgang, und nur ein kleiner Stoß war zu spüren; das Ende des Schiffes streifte an einen unsichtbaren Feind, in der Küche rasselten Pfannen und Kasserollen, und Frau Theres, die aufrecht dastand, wankte.

»Vorbei!«

Der Schiffmeister rief es, und Theres warf ihm einen dankbaren Blick zu.

Er hatte ihn erwartet, diesen Blick. Und er saugte sich fest an ihrem Antlitz mit seinen funkelnden Augen. Sie senkte die ihren unwillig und ging zur Base hinein.

»Vorbei!« rief auch sie.

Und alle liefen hinaus und schauten zurück nach der gefährlichen Stromschnelle, dem gurgelnden, wirbelnden Strudel, den sie so glatt überfahren hatten. Alle priesen sie den Schiffmeister und den Steuermann, ein Berg von Sorgen war von ihnen gewälzt. Auch die scheinbar so tapferen Schwabenmädel aus dem Blautal, die Susi und die Bärbl gestanden jetzt der Base Gutwein, daß sie große »Angschte ausg'schtanne« hätten.

Die Schiffer lachten sie aus. Mancher von ihnen hatte die Fahrt schon zehnmal gemacht, und wenn auch viel Schauermären von der Gefährlichkeit des Strudels erzählt wurden, ein Unglück hatte von ihnen noch keiner da mitgemacht. So sagten sie jetzt. Den ganzen Tag waren sie ernst und schweigsam, nun aber ging ihnen allen das Maul, und sie stimmten sogar ein Lied an. Es war ein Chor, den sie taktmäßig mit ihren Ruderschlägen begleiteten, und Wort und Weise schien allen geläufig zu sein wie das Vaterunser.

Als wir jüngst in Regensburg waren,
Ha, ha!
Sind wir über den Strudel gefahren,
Ha, ha!
Ei da waren Holden,
Die mitfahren wollten.
schwäbische, bayrische Dirndelein juchhe!
Muß der Schiffmann fahren.
Und ein Mädel von zwölf Jahren,
Ha, ha!
Ist mit über den Strudel gefahren.
Ha, ha!
Weil sie noch nit lieben kunnt'
Fuhr sie sicher übern Strudelsgrund,
Scheute nicht Gefahren.
Ha, ha!

Und vom hohen Bergesschlosse,
Ha, ha!
Kam auf stolzem schwarzem Rosse
Ha, ha!
Adlig Fräulein Kunigund,
Wollt' mitfahr'n über Strudels Grund
Und kein' Taler sparen.
Ha, ha!
Schiffmann, lieber Schiffmann mein,
Ha, ha!
Sollt's denn so gefährlich sein?
Ha, ha!

Schiffmann, sag's mir ehrlich,
Ist's denn so gefährlich?
Bin noch jung an Jahren.
Ha, ha!
»Wem der Myrtenkranz geblieben,
Ha, ha!
Landet froh und sicher drüben,
Ha, ha!
Die ihn hat verloren,
Ist dem Tdd erkoren.«
Gundel, Gundel, Kunigundel juchhe!
Ist nit mitgefahren.

Das schalkhafte Strudellied hatte alle weiblichen Wesen' herbeigelockt, die Base Gutwein voran, und sie erbettelte sich eine Wiederholung des Chors, den sie nie vorher gehört hatte.

Alle schlimmen Ahnungen waren nunmehr vergessen, und man lachte wieder.

Aber die Kraft der Ruderer war erschöpft, als die Abenddämmerung hereinbrach; man erreichte noch Maria-Taferl. Hoch oben thronte die doppeltürmige Gnadenkirche, zu der alljährlich Hunderttausende Gläubige wallen, ein letzter Strahl der scheidenden Sonne umgab sie mit einer überirdischen Glorie, und Base Gutwein sprach ein demütiges Dankgebet bei diesem Anblick.

Josef Anderl wurde nach der Landung herbeigerufen. Frau Theres befahl ihm, eine Nachtherberge ausfindig zu machen für sie alle, so wie in Linz. In dem Wallfahrtsorte werde das keine Schwierigkeiten haben.

Die Base verwunderte sich, die Gretel bat, man möchte doch auf dem Schiff bleiben. Und Frau Theres zögerte.

Da sprach der Schiffmeister, indem er an seine Kappe griff, spöttisch: »Ich geh' ans Land, hab' da eine gute Freundin, die schon zwei Wochen auf ein Bußl von mir wart't. Gute Nacht, allerseits.« Und, zu den Ruderknechten gewendet: »Um drei geht's weiter. Bis Tulln morgen!«

»Um drei?« rief die Base.

Und Frau Theres sagte: »Nun ja, so bleiben wir.«

Die drei Mädel hockten schwatzend vor der Türe draußen, der Maiabend war zu schön. Die Ruderer, lauter starke, junge Männer, streckten sich im Hinterteil des Schiffes auf ihre Pferdedecken, kauten ihr Abendbrot und plauderten von der Zukunft. Bauern auf eigenem Grund und Boden wollten einige werden; dieser und jener verstand etwas von einem Handwerk, nur zwei waren Schiffer mit Leib und Seele und wünschten, auf dem Wasser zu leben und zu sterben. Bis ins Schwarze Meer möchten sie rudern und bei einem Pascha Dienste nehmen. Der Josef Anderl, der unter ihnen lag, hätte auch nichts dawider gehabt, dem Sultan einen schönen Garten anzulegen beim goldenen Horn.

Aber als die Mädchen jetzt leise ein Lied anstimmten, da erhob er sich und hinkte zu ihnen hin. Seine Decke schleifte er hinten nach, und das Nürnberger Waldhorn hatte er auch zur Hand. Er begleitete die Sängerinnen darauf jeden Abend. Blies auch manchmal einen Dreischritt, und man tanzte ein wenig.

Der Steuermann blickte ihm spöttisch nach. Dachte sich seinen Teil über den Josef und den Meister.

Der Trompeter schwieg bald. Gretel winkte ab, denn die Frau Base schlief schon.

Leise, ganz leise summten die Mädel ihre Lieder, um die Schläferinnen nebenan nicht zu stören. Und die Wasser rauschten unter ihnen, und der Mond stieg über die dunklen Donauberge.

Es fröstelte die Mädchen; der Maiabend auf dem Wasser war doch recht kühl.

Die Susi und die Bärbl erhoben sich; die Gretel wollte gleich folgen.

Warum er gerauft habe mit dem Meister gestern nachts, das wollte sie wissen. Der Josef zuckte die Achseln. Sie ließ indes nicht ab mit ihrer Frage.

»Denk dir«, sagte er. »die Hütt' da wär' ein Gänsstall, und ich wär' euer Hüter. –. Soll mir ein Fuchs in den Weg kommen!«

Die Gretel lachte und gab ihm einen Kuß. Dann huschte sie den anderen nach. Drin kicherten und schnatterten sie noch lange über Josefs Gänshüteramt. Er aber hing seine rauhe Decke um und streckte sich der Länge nach vor die beiden Türen. Sein Nürnberger Schnappmesser hatte er offen neben sich gelegt.

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