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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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In der Wiener Hofkanzlei

In der österreichischen Hofkanzlei, die in dem neuen Prachtbau von Fischer von Erlach zwischen dem Wiener Judenplatz und der Wipplingerstraße untergebracht war, häuften sich die hungarischen Akten. Die böhmische, die hungarische und die siebenbürgische Hofkanzlei hatten auch nicht annähernd so viele Geschäfte wie diese Zentralstelle des kaiserlichen Dienstes, der die anderen untergeordnet waren. Es regnete namentlich Gesuche um Verleihung von Besitzungen, in dem eroberten Hungarn, jeder Feldobrist glaubte die gleichen Verdienste zu haben um die Vertreibung der Türken wie die Führer, die der Kaiser so reich begütert hatte. Der Hofkammerrat Stephany war oft in argem Gedränge, er stieß überall an, wenn er die Interessen des Landes vertrat gegenüber all den Günstlingen und Glücksrittern, die sich an ihn heranschlichen. Spanier, Italiener, Flamänder, Franzosen, Schotten, die nichts besaßen als ihren Degen, abenteuerten sich durch die kaiserliche Armee empor, wollten seßhaft werden im Lande. So wie die Haudegen aus der Wallensteinschen Armee einst in die Lücken einsprangen, die durch die Vergewaltigung des evangelischen, alten deutschen Adels in Osterreich entstanden, so wollten jetzt viele die Vertreibung der Türken benützen, um sich in Hungarn festzusetzen. Was in den Erblanden heute nicht mehr möglich war, das sollte in der neueroberten großen Provinz gelingen. Und viele schöne Frauen waren hinterher, sie protegierten und intrigierten um die Wette. Aber Stephany war zäh. Und der Generalissimus stand hinter ihm, sein Gönner, Prinz Eugen. Mochte die mächtige Gräfin Maria Althan ihn noch so oft zu sich bescheiden, er ließ sich nicht abdrängen von seinem Standpunkt, daß man Hungarn nicht deshalb erobert habe von den Türken, um es jetzt an die Offiziere zu verschenken. Und er schob die hungarische Hofkanzlei vor, die mit ihren Berichten über die ungeklärten Eigentumsverhältnisse weit im Rückstand wäre. Zeit gewonnen, viel gewonnen. Vielleicht zog so mancher dieser Glücksritter wieder fort, da der Kaiser jetzt einen fünfundzwanzigjährigen Frieden geschlossen hatte mit den Türken. Manches wurde über den Kopf des starrsinnigen Hofkammerrates hinweg verfügt; sein Präsident erhielt dann von oben die Mitteilung, daß dem oder jenem ein Besitz verliehen worden sei. Da gab es keine Widerrede. Aber der Damm, den Stephanys Rechtsgefühl und des Prinzen Eugen Autorität aufgerichtet hatten, hielt doch stand. Und so konnten die in Preßburg, in Kaschau, in Fünfkirchen und Agram eingesetzten Kommissionen ruhig arbeiten und die Eigentumsverhältnisse, die durch die lange Türkenherrschaft in Verwirrung geraten waren, klarlegen. Wer wußte denn noch, wem dieser oder jener Besitz gehörte? Im Süden hatte die Türkenherrschaft hundertvierundsechzig Jahre gedauert. Im Zentrum des Landes, wo die Magyaren saßen, um nicht viel weniger. Die Familien, die nicht erschlagen wurden oder ausstarben, die wanderten aus in dieser langen Zeit, tausende Urkunden gerieten in Verlust oder waren vernichtet worden. Wer konnte da Recht schaffen? Mit List und Gewalt setzten sich viele Adelige sogleich nach dem Abzug der Türken in den Besitz weiter Gebiete, die ihnen gefielen. Sie mußten jetzt ihre Rechtsansprüche beweisen. Denn was herrenlos war, gehörte dem Eroberer, dem Kaiser. Und auch die, die den rechtlichen Besitz eines Gutes nachweisen konnten, hatten an den Kriegsfonds eine Befreiungstaxe zu leisten, denn die Kosten des langen Türkenkrieges waren unermeßlich. Da gab es amtliche Arbeit für viele Jahre ...

Joseph v. Stephanys Geschäftskenntnis und Rechtlichkeit waren erprobt, nur er konnte dieses schwierige Amt ausfüllen, nur er besaß das Vertrauen aller. Zehn Jahre hatte er sich ausbedungen für die völlige Klärung der Verhältnisse. Dann erst könne er Vorschläge erstatten, Anträge über Besiedlung der verödeten Landstriche mit neuen Untertanen. Wie groß die Bevölkerung Hungarns eigentlich war, ließ sich nicht feststellen, denn eine Volkszählung war unmöglich. Der magyarische Adel entzog sich der Zählung, weil er fürchtete, besteuert zu werden; das Volk flüchtete vor solchen Versuchen, weil es eine Konskription dahinter witterte. Man schätzte die Magyaren auf kaum zwei Millionen, alle übrigen Völker auf drei Millionen. Es war auch nach Stephanys Überzeugung für Hunderttausende Platz in dem weiten Lande.

Aber drängen ließ er sich nicht. Und es hatte auch niemand Eile mit diesem Werk der »Impopulation«, das man bei Hofe teils für undurchführbar, teils für höchst uninteressant hielt. Nur die waren ungeduldig, die auf die fetten Bissen für sich selber hofften. Waren doch auch die Nobilitierungen abhängig von dem Besitz adeliger Herrschaften. Diese vielen herrenlosen, verwilderten Grafschaften zu Kameralgütern zu machen und sie dann an fleißige Untertanen zu vergeben, das war eine Lebensaufgabe Stephanys, und er lugte nach Deutschen aus ...

Der Aktuar Franz Hildebrandt war eingetreten beim Herrn Hofkammerrat. Er hatte die Listen der Verleihungen zu führen und ständig zu erheben, wie die Herren, die der Kaiser derart ausgezeichnet hatte, mit ihrem Pfund wirtschafteten. Stephany wollte immer gewappnet sein. War es doch vorgekommen, daß einzelne ihre Güter um Spottpreise wieder verkauften, und Stephany lebte schon längst der Überzeugung, daß man viele hätte mit Geldgeschenken abfertigen sollen. Aber der Hof gab, was er besaß – Geld war rar.

Franz Hildebrandt hatte heute nur Gutes zu berichten. Die Grafen Veterani, Caprara, Batthyànyi und Breuner hätten mit Eifer zu kolonisieren begonnen, sagte er. Dreihundert deutsche Familien seien wieder untergebracht worden. Was der Generalissimus mit so viel Glück auf seiner Herrschaft Bellye im Barernyer Komitat und in Promontor bei Pest als erster getan, was Graf Schönborn bei Munkàcs nachgeahmt hatte, das tuen Batthyànyi und Kàrolyi in Szatmàr, das tuen die Bischöfe Nesselrode und Csàky rund um Fünfkirchen und bei Mohàcs, das tue auch des Prinzen Liebling, Graf Mercy. Er habe in aller Stille auch eine Schwabenansiedlung auf seiner Besitzung rings um Tevel geschaffen.

»Der ist doch, im Banat über und über beschäftigt!«

»Er ist überall, Herr Hofkammerrat. Dies- und jenseits der Donau. Im Banat baut er die Festung Temeschwar und diesseits der Donau für sich selbst ein Schloß.«

»Wenn der Mann nur nicht so stürmisch wäre. Zwei Schlaganfälle hat er schon hinter sich. Der Generalissimus ist sehr besorgt um ihn; dieser Lothringer ist einer seiner besten Generale.«

Der Aktuar war überrascht von der Vertraulichkeit seines Chefs, so fand er ihn selten, und da wagte er ein Wort zugunsten Mercys: »Man darf ihm halt in Wien keine Schwierigkeiten bereiten, ihn nicht immer reizen und kränken durch Abstriche.«

»Und alles bewilligen, was er verlangt, was? Auf zehn Millionen war das Präliminario für den Bau der Festung Temeschwar gestellt, und zwanzig wird er kosten. Es ist sündhaft! Aber Er wollte noch etwas berichten. Er hat vorhin wohl nicht alles gesagt.«

»Nein, Herr Hofkammerrat. Ich halte es für meine ernste Pflicht, zu melden, daß unter den da und dort eingewanderten Schwaben auch augsburgische Protestanten sind.«

Stephany erhob sich rasch. Er knöpfte sich den Rock zu und ging zweimal auf und nieder in dem Saal, der ihm als Kanzlei diente. Dann blieb er vor Hildebrandt stehen. »Geht uns das etwas an? Nein, es geht uns gar nichts an. Hungarn ist groß. Warum rührt Er das auf? Verboten ist es nicht worden von oben. Das wird wohl erst kommen, wenn Staatsdomänen besiedelt werden. Was die Feldherren und die hungarischen Grafen, die ja selber zum Teil Kalviner sind, tun, kümmert uns vorläufig nicht. Fleißige Hände brauchen wir. Christen! Sind die Deutschen nicht alle Christen?«

Hildebrandt schüttelte den Kopf. »Sektierer!« brummte er. »Ich möchte nicht gerne die Verantwortung allein tragen ... Wie Temeschwar erobert war, hat der Generalissimus angeordnet, daß nur Deutsche katholischen Glaubens in die innere Stadt gelassen werden, da man nur ihnen vertrauen könne.«

»Das ist etwas anderes. Eine soeben eroberte Festung ist ein eigen Ding. Und dann wollte er rasch die Bildung einer einheitlichen deutschen Gemeinde möglich machen in der völlig verwahrlosten Türkenstadt. Das ist etwas ganz anderes.«

»Der Prinz hatte auf seinen Gütern in der Baranija und bei Ofen nur deutsche Katholiken angesiedelt«, entgegnete Hildebrandt hartnäckig, »keine Sektierer.«

»Das ist Privatsache.«

Hildebrandt schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Werden der Herr Hofkammerrat mir jederzeit bestätigen, daß ich das pflichtschuldigst gemeldet habe?«

»Ja, zum Teufel noch einmal.... Sei Er nicht so ängstlich. Österreich hat viel gutzumachen nach dieser Richtung. Sehr viel!«

Der Rat setzte seine Promenade noch lange fort in dem Saal, als der Beamte, ein wenig gekränkt abgetreten war. Das paßte durchaus nicht in seinen Plan. Nie würde man das Werk der Besiedlung vollenden können, wenn man solche Grenzen aufrichtete. Davon war er überzeugt. Waren die Magyaren nicht zum Teil kalvinisch? Waren die Siebenbürger Sachsen und die Zipser Sachsen nicht auch evangelisch? Was schadete es, wenn noch ein paar tausend hinzukamen? Nur nicht reden davon! Nur keine Fragen aufwerfen. Der ungeschickte Mensch! Jetzt hat er ihm, dem Rat, richtig auch noch diese Sorge aufgehalst. . . Sie wird sich tragen lassen. Kaiser Karl war ein frommer Katholik, aber er drückte beide Augen zu, wo es religiöse Gegensätze gab. Er stand als Regent über diesen Fragen, und Joseph v. Stephany blickte mit Verehrung zu ihm auf. Noch aus dem westfälischen Frieden hatten die deutschen Fürsten den mittelalterlichen Grundsatz heimgebracht, daß die Regenten die Religion ihrer Untertanen zu bestimmen haben.( Cujus regio, ejus religio ) ja, wenn man den Kaiser vor die Gewissensfrage stellte ... Aber das muß eben vermieden werden. Noch haben die Jesuiten nicht ihre Hände in diesem Werke ... Und der Hofkammerrat hat seine ganz besonderen Pläne mit der neuen Provinz. Sie schienen ihm noch nicht völlig reif zu sein, er wollte sie noch nicht preisgeben. Vielleicht war es am besten, gewisse Grundsätze überhaupt nie auszusprechen, sondern still danach zu handeln. Es gab in der Maschinerie dieses patriardialischen Staates hundert schlummernde Widerstände. Wer zu laut redete, weckte sie. Der Hofkammerrat war einer von den Klugen, die leise arbeiteten, bei dem es nie Streitfälle gab. Wie viel Macht er in sich vereinigte, merkte man gar nicht. Der Präsident der Hofkammer trug immer einen gräflichen Namen, aber es schien beinahe gleichgültig zu sein, wie er hieß, denn die führende Hand war Joseph v. Stephany. Das hohe Amt wollte nach außen repräsentiert sein, nach innen erforderte es eine kenntnisreiche, redliche Arbeitskraft mit einem weiten Horizonte. je bescheidener diese Kraft sich gab, desto größer war ihr Spielraum.

Ein anderer Referent ließ sich melden. Es sei ein Akt aus der hungarischen Hofkanzlei herübergekommen, von dem niemand wisse, wohin er gehöre. Der Magistrat habe ihn in die Schenkenstraße geschickt, berichtete der junge Sekretär Gottmann.

»Was ist der Gegenstand, Herr Sekretario?«

»Er ist sehr diskordant, Herr Hofkammerrat, und hat zwei Teile. Pro primo eine Anklage gegen den Stadtkommandanten von Temeschwar von geistlicher Hand. Er habe den römisch-katholischen Stadtpfarrer gezwungen, ein evangelisches Brautpaar zu kopulieren. Widrigenfalls drohte er ihm mit der Ausweisung aus der Festung.«

»Ah! Und warum hat er so etwas getan?«

»Weil es keinen evangelischen Geistlichen dort gibt.«

»Also verlangt man von uns einen?«

»lm Gegenteil, Herr Hofkammerrat! Damit derartiges nicht mehr vorkomme und alle Einwohner der Stadt beizeiten zum rechtmäßigen Glauben bekehrt werden können, fordern zwanzig unterschriebene Katholiken pro secundo, daß die drei Moscheen in Temeschwar schleunigst an drei katholische Orden vergeben werden. Sie verlangen Jesuiten, Franziskaner und Piaristen. Es könne nicht geduldet werden, daß aus evangelischen Soldaten behauste Bürger gemacht werden, wenn sie nicht übertreten. Es sei gegen die Verordnung des Generalissimus.«

»Und wer sind die Kläger?« fragte der Hofkammerrat.

»Der zur Kopulation kommandierte Pfarrer und neunzehn Mitglieder der Kirchengemeinde. Unterstützt vom Notarius Erling.«

»Geht uns vorläufig nichts an«, sagte Stephany bedächtig. »Ist an den Grafen Mercy nach Temeschwar zu leiten. Er ist der Gouverneur des Banats, ihm untersteht der Stadtkommandant. Stellen Sie das Petitum an den Grafen um eine Relation über die Ordensfrage. Machen Sie aber eine Copia von diesem Akt und heben Sie sie gut auf. Sie kann wichtig werden«

Der Beamte verbeugte sich und ging. Da rief der Hofkammerrat ihm nach: »Apropos, Herr Sekretario, lassen Sie doch noch einmal allen Amtsstellen, insonderheit dem löblichen Magistrat von Wien, invitieren, daß die Angelegenheiten des Banats und der Bacska und der Militärgrenze nicht an die hungarische Hofkanzlei gehören, sondern an die österreichische. Das sind kaiserliche Provinzen und werden von hier aus regiert. Wird man das endlich begreifen?«

Mit einem Lächeln verbeugte sich der Sekretär und zog sich zurück.

Der Hofkammerrat aber war sehr nachdenklich geworden. Da kamen die Fragen von selbst, die er nicht aufgeworfen sehen wollte. Und wenn Soldatenhände sie so derb anfaßten, wurden sie nur schlimmer.

Ein Sonnenstrahl fiel plötzlich in die Amtsstube. »Mademoiselle Charlotte« hatte der Diener gemeldet, und Stephanys blondes Töchterchen trat ein.

Die Lottel kam, um den Papa zu einem Spaziergang vor Tisch abzuholen. Sie trug einen Strauß Blumen in der Rechten und ließ Papa daran riechen. Auf der Schottenbastei sei es himmlisch, alles blühe schon, der Frühling war über Nacht gekommen, sagte sie. Und der Hofkammerrat ließ sich gerne .entführen von seinem Liebling. Es war die Stunde, in der man die wenigsten Gesellschaftsmenschen auf der Promenade im Stadtgraben und auf den Basteien traf, und er nützte sie gerne zu seiner Erfrischung.

Joseph v. Stephany war ein Wiener, ein bürgerlicher Wiener, der sich seinen Beamtenadel selbst erwarb. Und er empfand den Stolz auf seine Vaterstadt so gut wie einer. Wie hatte sich das zerschossene Wien nach der letzten Türkenbelagerung prächtig entwickelt; Palast reihte sich an Palast, die Basteien und Wallgräben hatte man mit Alleen bepflanzt, und die Umwelt vor den Toren draußen war ein schöner Gottesgarten, aus dem die jungen Vorstädte gar freundlich hervorlugten. Handel und Wandel blühten, aus dem weiten Reiche strömte der Adel herbei, um sich an dem glänzenden Hof Karls Vl. zu sonnen, und der Zufluß an Fremden aus aller Welt war beinahe zu groß für die enge, alte Stadt. Auch die Hofburg wurde als zu eng empfunden, seitdem alle Türkengefahr geschwunden. Die kaiserliche Familie baute sich Sommersitze vor den Toren draußen, und der hohe Adel folgte dem Beispiel. Ein Kranz von fürstlichen Villegiaturen schlang sich alsbald um das innere Stadtbild, dem indessen ein Luftraum von sechshundert Fuß gegönnt war. Dieser Gürtel, das Glacis, war mit dem Bauverbot belegt. Wie ein plastisches Gebilde von Künstlerhand stieg der vieltürmige Stadtkörper aus diesem landschaftlichen Rahmen zum Himmel empor, und die anmutige Riesenpyramide des Stephansdoms beherrschte ihn.

Joseph v. Stephany war erst drei Jahre alt zur Zeit der Türkenbelagerung, aber er erinnerte sich noch an das Bild seines Vaters in der Uniform der Bürgerwehr. Und er sah das neue Stadtbild aus dem alten emporwachsen, sah mit offenen Augen alles ringsum werden und gedeihen.

Sein eigenes Vaterhaus stand in der Renngasse. Und nebenan, auf dem Schottenfreythof, ruhten seine Eltern, lag seine Frau, die so jung hatte sterben müssen. Er und Lottel besuchten sie fast täglich. jeder Weg nach der Schottenbastei führte an ihrem Grabe vorüber. Und so gewöhnt waren die beiden daran, daß sie von der Mutter wie von einer Lebenden redeten. »Warst du bei Mutti?« frug der Rat jeden Abend. Auch heute legte das Kind den Frühlingsstrauß, den es in der Hand trug, im Vorbeigehen still auf das Grab der geliebten Toten. Lottel machte das Kreuzeszeichen und hing sich schweigend wieder an den Arm Papas. Der hatte stumm den Hut gelüftet, um sein Weib zu grüßen. Sie ließ ihn allein mit dem damals kaum achtjährigen Töchterchen, und nun gehen sie beide schon sieben Jahre da vorüber und fühlen sich ihr nah. Ihre Lieblingsworte leben noch unter ihnen, ihre Lieblingsspeisen hat Lottel kochen gelernt von der Tante, die das Hauswesen führt, und die Lieblingsblumen der Mutter schmücken das ganze Jahr ihr Grab. »Es geht ihr besser als uns allen«, sagte einmal die Tante, man dürfe sie nicht beweinen. Und Lottel glaubte es. Sie weinte nie um die Mutter und tat ihr alles zuliebe. Den Hofkammerrat traf ihr Verlust schwer. Es gibt da ein Geheimnis für die Lottel, man hat ihr nie gesagt, daß die Mutter an der Pest gestorben war. Stephany wollte es nicht. Man durfte ihn nie erinnern an das entsetzliche Ereignis.

Innerhalb des Schottentores stiegen Vater und Tochter die Treppe hinauf auf den Wall. Der Tag war hell und warm, die Aprilsonne hatte schon große Kraft. Eine leichte Brise wehte vom Westen her, vom Wienerwald, und die Luft roch wie nach frischen Veilchen und dem kräftigen Duft der Ackerscholle.

Sie wandelten bis zur Burgbastei und weiter bis zum Kärntnertor, wo das erste steinerne Wiener Theater stand, das der Stadtmagistrat vor Jahren für italienische Operisten erbaut hatte. Aber jetzt saß der Stranitzky als Pächter darin, der lustige Hanswurst. Von ihren Fenstern hatten sie seine fliegende Bude einst auf der Freyung gesehen, und Mutti lachte so gern über ihn. Jetzt war er ein großer Herr, aber der Hofkammerrat mochte ihn nicht. Er war ihm zu roh. Stephany war als Sekretär des Prinzen Fugen einst mit in Frankreich und Italien gewesen, hatte das Beste gesehen, was es an theatralischer Kunst gab, und es schmerzte ihn, daß in der deutschen Kaiserstadt noch die derbe Stegreifkomödie blühte, daß sie sogar triumphierte über die italienischen Künstler, die der Hof begünstigte. Daß dies der beginnende Triumph der deutschen Kunst über den verwelschten Geschmack der Wiener werden sollte, das ahnte der Hofkammerrat noch nicht. Er fühlte nur, daß es die Kunst der Gasse war, die sich übel ausnahm in dem Rahmen eines Komödienhauses, das einst für die Oper gebaut wurde.

Während die beiden über dem Kärntnertor standen und sich wieder einmal an dem wundervollen Doppelblick weideten, der sich von hier nach dem Herzen der inneren Stadt und hinaus nach dem kaiserlichen Lustschloß Favorita und den zahreichen Adelssitzen öffnete, kam ein stolzes Viergespann die Kärntnerstraße herauf. Die Leute liefen aus den Kaufläden und den Haustoren herbei, schwenkten die Hüte und riefen:«Vivat! »»Vivat!«

Alle kannten die Isabellenschimmel des Generalissimus, und der Ruf »Vivat Eugenius!« pflanzte sich fort bis zu den Spaziergängern droben auf der Bastei. Und auch sie winkten und schwenkten die Hüte. Die Stadtguardia unter dem Tor trat ins Gewehr, und die Staatskarosse rasselte hinaus. Gespannt sah der Rat ihr nach ...

»Schauen Sie, Herr Papa – er fährt zur Favorita«, sagte Lottel.

»Jawohl, zu Hofe«, sprach der Rat gedankenvoll und wendete sich, um den Rückweg anzutreten.

»Er wird Seiner Majestät manches zu sagen haben. Solch ein Held! Solch ein Staatsmann! Und auch er hat Feinde.«

»Neider, Papa! Aber auf die hört doch der Kaiser nicht?«

»Sie sind in seiner nächsten Nähe, mein Kind, sind immer um ihn, und der Prinz ist oft lange fort«, sprach der Hofkammerrat vieldeutig.

»Sie glauben, Herr Papa, daß es ihnen gelingt, ihn anzuschwärzen?«

»Nun, es hat sich manches verändert. je höher seine Glorie gestiegen, desto kühler ist man bei Hofe gegen ihn geworden.«

»Das verstehe ich nicht. Er ist doch gewiß nicht hübsch, aber so oft ich ihn sehe, möchte ich ihm einen Kuß geben.«

»Hoho! Du, das sag' ich ihm nächstens.«

Lottel lachte errötend. »Aber, Herr Papa, Ihr müßt das recht verstehen. Wißt, ich meinte...«

»Ja, ja, ich weiß schon, was du meintest.«

Und er neckte sie auf dem ganzen Heimweg, damit sie nicht mehr nach Dingen fragte, von denen er ihr ja doch nichts sagen konnte. Daß die Maitressen und ihr Anhang die gefährlichsten Feinde bei Hofe sind, das brauchte sie noch nicht zu wissen. Sie verehrt den Kaiser. Warum sollte er dessen Bildnis trüben in ihrem Herzen. Und schließlich, wer zweifelt denn daran, daß der Prinz auch diese Bataille gegen die Höflinge gewinnen wird? Er nicht? Also warum davon reden?

Die Tante Mathild' lugte schon längst im Fenster nach den Säumigen aus; das Mittagessen verdarb, wenn sie nicht endlich kamen. Alle Leute haben schon gegessen. Bald wird bei den Schotten zum Segen läuten, und sie ist noch nicht fertig. Was wär' das für eine neue Ordnung?

Lauter Gesang ertönte drunten auf der Freyung, eine Prozession zog mit Fahnen und Heiligenbildern vorbei gegen St. Stephan. Die Tante Mathild' bekreuzte sich und faltete die Hände, bis die Prozession vorüber war.

Die Lottel sah das weiße Häubchen der Tante von weitem aus dem Fenster leuchten und klatschte in die Hände. Endlich merkte es die alte Frau. Ein saures Lächeln auf den Lippen, drohte sie mit dem Finger und verschwand. Der Hofkammerrat zog seine Schweizer Uhr und schaute nach der Zeit. ja, es war spät. Mußten auch die von Mariazell heimkehrenden Pilgrime und Wallfahrer ihnen den Weg abschneiden in der Schottengasse. Da hieß es, entblößten Hauptes warten, bis der vielhundertköpfige Zug, den die Geistlichkeit beim Schottentor eingeholt hatte, vorüber war.

Und die Tante ließ diesen Grund gelten, sie war sogleich versöhnt, als sie ihn erfuhr.

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