Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adam Müller-Guttenbrunn >

Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
Schließen

Navigation:

Die Brautwerber

Man sprach nicht nur im Herrenstüble des Schwarzen Adler vom Brief des Konstablers Pleß, die ganze Stadt redete davon.

Schon überall hörte man, daß ähnliche Soldatenbriefe neuestens nach Schwaben und Württemberg und Baden gekommen waren, von wo schon seit einigen Jahren ab und zu Leute nach Hungarn auswanderten. In den Blättern von Frankfurt, Augsburg und Stuttgart war sogar davon zu lesen. Doch angeraten ward die Auswanderung nicht. Jetzt war von Hungarn mehr die Rede als von Amerika, wohin man ja drei Monate fahren mußte und nicht drei Wochen, wie nach dem Banat. Die Donau aber verdiente doch mehr Vertrauen als das tückische Meer. Zwar erzählte man sich auch von dieser gar erschreckliche Dinge. Der kleine Strudel bei Aschau und der große bei Grein sollten lebensgefährlich sein. Und über Wien hinunter war noch niemand gekommen, den man kannte, die Ulmer Schiffe gingen nur bis zur alten Kaiserstadt. Aber da viele deutsche Regimenter in Hungarn kantonierten, konnte es so 'unmenschlich dort nicht sein. Auch ging die Rede, daß dort seit den Urzeiten überall Deutsche wohnen sollen, von denen man nur nichts Rechtes wisse. Ob sie alle die Türkenzeit überdauert hätten, sei unbekannt. Aber warum nicht? Was ein anderes Volk aushalte, das hält der Schwabe doppelt aus, sagte der Kantor zur Frau Theres. Wie ein Wunder habe sich die Wiedereroberung Hungarns von Bataille zu Bataille vollzogen, was seit hundertsechzig Jahren dem Türken gehörte, war jetzt kaiserlich. Der Karl von Lotharingen, der Ludewig von Baden, der Carl Alexander von Württemberg, der Max Emanuel von Bayern – sie haben die kaiserlichen und die deutschen Reichstruppen von Wien bis gegen Belgerad geführt, und ihr großer Schüler, der Prinz Eugenius, habe das Werk jetzt vollendet. Er habe den Frieden diktiert nach einem dreißigjährigen Befreiungskrieg. Glaube man nur ja nicht, sagte der Kantor, daß der Friede von Passarowitz uns im alten römischen Reich nichts angehe. Hat nicht der Franzose die Schwäche des Kaisers benutzt, der bis in seine Residenz Wien von den Türken bedroht war, und Straßburg geraubt und das Elsaß? jetzt seien viele gebundene Kräfte wieder frei, und wer weiß, ob der Prinz Eugen uns nicht Straßburg wieder bringt. Schon beinahe vierzig Jahre ist es französisch.

Mit Begeisterung las der Kantor das wunderliche neue Soldatenlied vor, das der Pleß mitgeschickt hatte, und summte auch gleich die Weise.

Prinz Eugenius, der edle Ritter,
Wollt dem Kaiser wied'rum kriegen
Stadt und Festung Belgerad.
Er ließ schlagen einen Brucken,
Daß man kunnt hinüberrucken
Mit der Armee wohl vor die Stadt ...

»Das ist ja himmlisch!« rief er. »Wie ein Kirchenlied. Wie das Tedeum laudamus vom heiligen Ambrosius.«

Er sang es der Frau Theres und den Stammgästen des Herrenstüble vor, so gut er's vermochte. Und zuletzt stand es fest bei ihm: »Der Eugenius bringt uns Straßburg wieder! Das Lied müssen wir alle lernen.«

Der Hilfslehrer Wörndle stimmte ihm lebhaft bei. Er war ein Elsässer und erzählte gern von seiner Heimat. Es sei schandbar, wie es die Franzmänner dort getrieben, wie sie ihre von Eugen vernichteten Regimenter mit deutschen Soldaten wieder aufgepäppelt hätten nach Malplaquet. Von den Ackerfeldern und den Erntearbeiten weg haben sie die deutschen Knaben gefangen und fortgeschleppt. »Auswandern!« sei dort schon lange die Losung. Zum Kaiser hinunter wollen alle. Waren sie doch immer gut österreichisch ... Auch die Teuerung steige von Jahr zu Jahr, fuhr er fort, es sei schwer zu leben im Elsaß. Vieles wäre noch ärger als hier. Die Großen breiten sich aus, und die kleinen Besitzer werden durch ihren Kinderreichtum immer kleiner. Und katholisch soll auch wieder einmal alles werden. Dem Kaiser haben sie's übel genommen, der Franzmann befiehlt jetzt dasselbe.

Die Herren rieten dem Wörndle, er möge doch hinschreiben und den Elsässern exemplifizieren, was der Pleß über Hungarn berichte und das neue kaiserliche Land, das Banat.

Ja, das wollte er tun. Und er sagte der Frau Theres, daß er ihr sehr oblischiert wäre, wenn sie ihm den Brief leihen wollte, er würde etwas davon in eine Gazette von Straßburg setzen lassen. Man könne von dorther vielleicht auch den Türkenlouis, so wurde der Markgraf Ludwig von Baden, der Sieger von Slankamen, allgemein genannt, an das Versprechen erinnern, das er seinen Soldaten im Banat gegeben.

Man lachte. »Ja, so wird's am beschte ausgetrummelt!« rief einer.

Frau Theres wurde abgerufen. Mit hochgeröteten Backen war die Gretel hereingestürzt, die Frau Theres soll kommen, es sei wer da.

»Wer denn? Wer denn?«

»Zwa Herre aus Ulm!« rief die Gretel und riß die Augen weit auf, als Frau Theres sich jetzt erhob. So schön hatte die sich gemacht heute? Es war also Ernst?

Auch die Stammgäste steckten die Köpfe zusammen, als die schöne Frau sich jetzt errötend beurlaubte.

Sie wollte also doch? Sie traut sich? So lange hatte sie's geleugnet. Der Bruder war so scharf dagegen. Aber vielleicht gerade darum,.. Man war einig darüber, daß das nur die Brautwerber für den Jakob Pleß sein konnten.

Ob die Gretel vielleicht auch mitgehe »in de Terkei«, fragte der Kantor.

Wenn sie die Frau Theres mitnimmt, gleich auf der Stelle sei sie bereit. Wo es Not habe an Mädeln, da könne man sich doch den rechten Mann aussuchen.

»Ja, bischt denn du nit verschproche?« rief Wörndle und drohte mit dem Finger.

»Was nutzt's?« sagte Gretel trotzig. »'s Stift verlaubt dem Josef das Heirate nit.«

»Und's Warte hat sie wohl satt, die Gretel?« fragte Wörndle Sein aufleuchtender Blick umfaßte die Gestalt des drallen Mädchens, und er verstand vollkommen ... Sie sagte nichts und ging, frisches Ulmer Bier holen. Dabei warf sie die Hüften und trat auf, daß die Diele zitterte.

Der Kantor aber räsonierte über die Heiratswut der Frauenzimmer. Es sei ganz gut, daß die Obrigkeit das viele Heiraten verbiete; wären ohnedem zu viel Leut' auf der Welt. Wer kein eigen Haus habe, soll kein Weib nehmen dürfen. Was brauchen wir Ehen zwischen einem Gärtnerburschen und einem Schankmädel?

Wörndle war anderer Meinung. Die Hörigkeit müsse endlich aufhören. Der gräfliche Amtmann da und der Klostervogt dort sollen nur acht geben, daß ihnen die Leute nicht alle eschapieren. Jeder Hase im Feld sei mehr geestimlert als ein Mensch. Sollen lieber Grund und Boden hergeben und glückliche Paare machen, die Vögte, als zwangsweise Keuschheit verbreiten. Das werde schlecht enden. »Kann doch keiner davon laufen, der nicht einen Losschein kriegt«, sagte der Kantor. »Wie käm' er über die Grenze? Nicht zum Ulmer Neutor lassen sie einen hinein, der ohne Paß kommt. Und in Bayern sei es noch ärger, sagen die Leute. Da stecke man jeden in den Soldatenrock, der keine Papiere habe.«

»Das ischt's ja, was ich sag«, rief Wörndle. »'s ischt zu viel G'walt in der Welt und zu wenig Recht.«

Indessen hatte sich Frau Theres in die Wohnung hinauf begeben, wo der Bruder mit den beiden Herren schon im Gespräch war. Die Schwägerin, die ihr in der Wirtsstube begegnete, sagte nichts als: »Tummel dich. Der eine hat ein' großmächtige Strauß!«

Und der mit dem Strauß redete zuerst, als die Frau Theres eingetreten war. Der kleine alte Mann verbeugte sich gar zierlich und stellte seinen Gevatter vor. Es war der ehrsame Ulmer Schiffmeister Ludwig Pleß, der Vater des kaiserlichen Konstablers Jakob Pleß. Und er selbst war dessen Gevatter, der Anton Specht. Er habe den Jakob vor dreißig Jahren aus der Taufe gehoben und es sei heute seines Amtes, der frei Erwählten des einstigen Täuflings diesen schönen Strauß zu überreichen. Er sehe wohl, daß seine roten Rosen von denen auf den Backen der Frau Theres übertroffen werden. Er sei also wohl auf dem rechten Weg und glaube keinen Fehlgang getan zu haben. Von Herzen bitte er um die Hand der ehr- und tugendsamen Wittib Theresia Scheiffele für den Sohn seines Gevatters, den braven und aufrechten Jakob Pleß, der Manns genug sei, ein Weib zu equipieren und einen Hausstand zu begründen.

Der Atem war dem Männchen beinahe ausgegangen bei dieser Anrede, die alle stehend mitangehört hatten, Frau Theres, ihr Bruder und Jakobs Vater. Ohne etwas zu antworten, lud sie die Männer zum Sitzen ein. Den Strauß übernahm sie mit einem Knicks und hielt ihn in der Hand, während sie von dem Platz auf dem Kanapee Besitz ergriff. Und jetzt begann Ludwig Pleß zu sprechen, der Schiffmeister. Er war ein gar stattlicher Mann in den Fünfzigern, und Frau Theres kannte ihn wohl. Er trank seinen Frühschoppen wie oft beim »Blauen Hecht« im Kreise anderer Werkmeister. Seine schönen hellen Augen hatte der Jakob von diesem immer fröhlichen Vater. Die Theres sah ihn nur damals arg verstimmt und verärgert, als sein Ältester davon gegangen und Soldat geworden war. Der Alte blieb ein Jahr fort vom »Blauen Hecht«, und ihr schwante, daß er etwas wisse... Gar seltsam guckte er sie immer an, wenn er ihr begegnete. Sie aber fühlte sich schuldlos. Lieb war ihr der Jakob gewesen seit der Fahrt nach Regensburg, doch gesagt hatte sie es ihm nie. In allen Ehren und Züchten ging sie neben dem Scheiffele ihres Weges, den der Vater ihr erwählt, und der auch kein übler Mensch war. Das Trinken nur brachte ihn um. Und jetzt ist sie schon drei Jahre Wittib. Warum sollte sie diese Brautwerber nicht gut aufnehmen? Sie ließ es frank und frei merken, daß, deren Botschaft kein ungebetener Gast war in ihrem Herzen, wenn sie der deutschen Heimat auch ungern Valet sagte.

Was brauchte Jakobs Vater der bräutlich Lächelnden noch zu sagen? Sein Sohn scheine ein rechter Mann geworden zu sein, aber nach Ulm wolle er nicht mehr kommen. Daß er die alte Heimat noch estimiere und sich von hier die Frau holen wolle, das freue den Vater. Und es sei ihm um die Zukunft solch eines Menschenpaares nicht bange. Was der Jakob schreibe, verrate viel guten Willen. Ein bißchen etwas kriege er auch noch von daheim; dreihundert Kronentaler jetzt, das andere nach seinem Tode. Damit könne er wohl beginnen, den Einkehrgasthof zu bauen, den er im Sinne habe. Er brauche nichts mehr als eine freundwillige Wirtin, die etwas vom Gewerbe verstehe.

»Die Wirtin will ich ihm sein«, sprach Frau Theres. »Grüßt ihn schön, und er soll nur die Hochzeit richten. An Kurasche zur Reise fehlt's mir nit. Werd' mir die Base aus Regensburg mitnehmen und noch eine oder zwei Weibspersonen für die Wirtschaft.«Da mischte sich der Adlerwirt in das Gespräch. »Was meine Schwester noch mitbringt, muß ich wohl sagen. Auch sie hat dreihundert Kronentaler. Und ich hab' ihr noch zweihundert vom Vaterhaus hinauszuzahlen. Sie liegen gut bei mir und tragen Zins. Wenn der Jakob sie braucht, soll er es ein halbes Jahr früher kundbar machen.«

»Das ist eine gute Aussteuer, und wenn Ihr wollt, machen wir nächstens den Ehekontrakt«, sagte Ludwig Pleß befriedigt. Ich aber lasse der Braut eine neue Zille bauen mit zwei schönen Stübchen darauf und gebe ihr acht starke Ruderknechte und einen Steuermann mit, die die Donau bis Wien kennen. Ich hab' welche, die es auch nach der Fremde gelüstet, die sich dort drunten in Hungarn ansiedeln und selbständig machen möchten. So wird die Braut in guter Hut sein und, so Gott will, mag die weite Fahrt gelingen.«Der Gevatter Specht sagte »Amen«.

Der Adlerwirt ging nun, eine Kanne Rüdesheimer zu holen und seine Frau hereinzulassen, die gewiß schon vor Neubegier verging.

Nicht gern ließ er die einzige Schwester in die unbekannte Fremde ziehen, aber da es einmal ihr fester Wille zu sein schien, durfte er auch nicht länger widerstreben.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.