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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Allerlei Kämpfe

Der Hofkammerrat von Stephany hatte einen schlechten Morgen, er war mißgelaunt, denn die Gicht plagte ihn sehr. Es müsse ein anderes Wetter im Anzuge sein, versicherte die Tante Mathilde schon gestern. Der ahnungsvolle Engel! Jawohl, es war anderes Wetter im Anzug, und alle Ordnung schien dauernd gestört. Krieg! Krieg! hallte es in den engen Gassen von Wien, einer rief das Wort dem andern zu, und die Werber hatten ihre Tische wieder einmal auf allen öffentlichen Plätzen aufgestellt. Sie rasselten mit den Säbeln und klapperten mit den Gold- und Silbermünzen, die sie jedem jungen Burschen unter die Nase hielten. Zehrfrei waren alle, die sich ihnen näherten. Ein rinnendes Faß Bier hatten sie zur Linken, ein Faß Wein zur Rechten, und die Begeisterung schien groß zu sein »Krieg mit Frankreich, Krieg mit Italien, Krieg mit Spanien!« bramarbasierten sie, als ob sie an einem Feind nicht genug gehabt hätten, Ha! welche Beute winkte da dem Soldaten. Endlich waren wieder gute Tage für den Kriegerstand gekommen. Und der alte Löwe, der Prinz Eugenius, sei schon unterwegs nach dem Rhein ... Neue Regimenter sollten folgen, nur herbei. wer kein Hasenfuß ist. Und überall wurde exerziert und gelärmt, und die Angeworbenen marschierten schon in kleinen Trupps aus der Stadt hinaus. Weinende Mädeln liefen nebenher und gaben den Geliebten das Geleite bis vor die Tore. Die Halbbetrunkenen aber sangen und jauchzten:

»Nun, mein' Gredel,
Setz'auf dein Schädel
Ein' randigen Hut;
Nimm mein Ranzen,
Wir müssen tanzen
Auf Leben und Blut.«

Der Hofkammerrat ging trotz seines gichtigen Fußes in seine Kanzlei, die Zeit war zu ernst und der Weg über den Marktplatz Am Hof nach dem Judenplatz nicht weit. Er geriet mitten in das kriegerische Getriebe und sah, daß die Stimmung für diesen unnützen Krieg eine gute war. Das freute ihn, denn er hatte gefürchtet, daß es anders kommen würde. Der greise Generalissimus kränkelte, er dachte nicht mehr daran, ein Kommando zu führen, aber er zauderte keinen Augenblick, als der Befehl an ihn erging, und reiste ab. Eine Armee sollte er sich am Rhein erst bilden. Und der Mercy war auch schon in Südtirol. Prinz Eugen war berufen, Frankreich in Schach zu halten, Mercy erhielt auf dem ihm wohlvertrauten italienischen Schauplatz das Oberkommando. Er riß sich nur mit Widerstreben von seinem Friedenswerke los im Banat, und seine Entfernung bereitete auch dem 1. Hofkammerrat nicht geringen Kummer. Ja, es verdroß ihn und störte seine Pläne, denn er hatte immer gehofft, der Sohn könnte sein Nachfolger werden. Dazu war er jetzt noch zu jung. Auch hatte sich dadurch alles verschoben, daß er das Klima nicht vertrug und daß auch die Lottel in Temeschwar nicht leben wollte... Man wird also mit einem Stellvertreter oder gar mit einem neuen Gouverneur arbeiten müssen. Das alles war lästig. Stephany haßte diesen dummen Krieg, der um die polnische Königswahl jetzt im Westen geführt werden sollte. Immer wieder mußten die deutschen Grenzlande am Rheine bluten, wenn irgendeine diplomatische Sünde zu büßen war. Und das Reich wollte sich diesmal nicht mitreißen lassen; dieser Krieg gehe sie nichts an, sagten die Fürsten... Schon war Lothringen überflutet. Sollte Franz Stephan sein Land einbüßen? Jetzt? Schon hausten die Franzmänner wieder in der Rheinpfalz! Die Auswanderer erzählten es mit Schrecken. Und ihre Zahl hatte sich trotz der späten Jahreszeit verdoppelt. Fluchtartig verließen sie ihr Vaterland, und Spottlieder brachten sie mit:

Ja, was nur Händ' und Füße regt,
Was geht, was schwimmt, was Eier legt,
Hat seine Feinde gern vom Leibe.
In Teutschland ist es umgewandt,
Wir öffnen unserm Feind das Land
Und leiden, daß er bleibe.«

Dieser bittere Vers war das Neueste. Er ging von Mund zu Mund unter den Leuten, die in Wien den Ulmer und Regensburger Schiffen entstiegen und ihre Pässe für Hungarn begehrten. Man hatte ihnen den Abschied leichtgemacht von der alten Heimat...

Als der Hofkammerrat langsam und unerkannt über den Platz Am Hof ging und sich den Weg durch die Menge bahnte, gab es ein groß Aufsehen. Von der Bognergasse her kam ein vornehmer Reitertrupp, der gegen das Schottentor zu ritt. »Der Herzog Stefan!« sagten einige. »Jessas, der schöne Franzos'!« rief eine dralle, junge Marktfrau, und der Ruf pflanzte sich unter ihren Genossinnen und den zu Markt gekommenen Bürgersfrauen weiter fort. »Der schöne Franzos'!« Das war der junge Herzog von Lothringen, Franz Stefan, der vom Kaiser selbst als Eidam war ausersehen worden. Er sollte die Maria Theres', die Thronerbin, heimführen.

Die Werber machten Front, ihre freiwilligen Opfer sperrten die Mäuler auf und starrten den glänzenden Aufzug an, der von der Hofburg gekommen war, wo der Herzog in Abschiedsaudienz empfangen wurde, denn auch er sollte an die Seite des Generalissimus eilen. Ging es doch um Lothringen. »Vivat! Vivat!« schrien die Werber, und »Vivat!«' schrien die Angeworbenen.

»Jessas na, wird des a schön's Paar!«, sagte die dralle Marktfrau, die sich nicht fassen konnte, und sah dem Herzog nach. »Der und die Th'res, so 'was hat's no niet geb'n in Haus Österreich.«

Der Hofkammerrat mußte dieses Urteil der Volksstimme bestätigen. Zwei der schönsten Geschöpfe Gottes kamen da einmal aus Neigung zusammen.

Als er in seine Kanzlei kam, fand er schon Briefe vor, Briefe aus dem Banat und auch von seinen Kindern aus der Schwäbischen Türkei. Der Festungskommandant von Temeschwar stellte sich vor als einstweiliger Stellvertreter in allen Kolonisationsfragen. Stadt und Land seien trostlos über die Abberufung des Gouverneurs, ihn zu vertreten wäre ein schwieriges Amt, und er bitte um die Unterstützung der Hofkammer... Die Kinder aber waren glücklich. Graf Anton berichtete über seine Ernennung zum Obristen und den neuen Wirkungskreis, der sich ihm in der Schwäbischen Türkei eröffnet habe. Bis Esseg hinunter habe er die oberste Aufsicht, der Generalissimus unterstellte ihm sogar sein Bellye. Und er glaube jetzt auch jenem Verbrechen auf der Spur zu sein, das vor drei Jahren an Schwarzwälder Auswanderern begangen wurde ... Und die Lottel? Ach, die hatte ihren Wiener Humor wieder gefunden in der Schwäbischen Türkei. Sie lud den »Großpapa« zur Taufe eines Christkindleins ein.

Da verzog sich die Gicht aus dem Bein des alten Herrn bis unter den Nagel der großen Zehe und schämte sich. Die Herbstsonne draußen aber schien noch einmal so warm.

*

Die Freijahre waren für Trauttmann vorüber, jetzt bekam er zum Zehent für die Herrschaft auch die Steuern für den Staat vorgeschrieben. Sie waren nicht hoch. Aber die zweifache Belastung brachte ihm seine Abhängigkeit so recht zum Bewußtsein. War er ein freier Bauer wie die im Banat? Nein. Ehe er den Zehent nicht abgelöst hatte, konnte er sich nicht als solcher fühlen. Und wenn er sich nicht frei kaufte, wie sollten es seine Kinder einst tun? Weiß Gott, ob man ihnen ihr väterliches Erbe nicht einmal abstritt. Und wenn jetzt seine Ältesten auch Bauern werden sollen? Und der Kartoffel-Matz voran? Da heißt es achtgeben und klare Rechnung machen.

Er hatte in der alten Heimat endlich alles verkaufen lassen, hatte langsam die Gelder an sich herangezogen und auch das Erbe des Matz. Sie gehörten jetzt ganz hierher und konnten sich regen, wenn sie wollten. Der Zehent aber mußte weg; vorerst von seinem Grund und Boden, dann von dem, den der Matz antreten wollte. Die jungen hingegen sollten nur ein paar Jahre schaffen und sehen, was sie vermochten. Das hatte Zeit.

Und so spannte er eines Sonntagsmorgens ein und fuhr zum Baron nach St. Marton. Er hatte gehört, man könne nur am Morgen ein vernünftig Wort mit ihm reden.

Und der Baron war scherzhaft gelaunt heute.

»Was willst du, Bauer? Um wieviel Säcke Kartoffeln hast du mich heuer wieder betrogen? Hm?« Das war seine Antwort auf den Morgengruß des Philipp Trauttmann.

Dieser hatte in seinem Leben schon mit so vielen Herren der verschiedensten Art geredet, daß ihn diese Ansprache nicht sonderlich wundernahm. Er dachte sich seinen Teil und setzte dem Baron ruhig auseinander, was er wollte. Wo immer der Kaiser Deutsche auf Kameralgütern angesiedelt habe, seien sie völlig frei von den grundherrlichen Abgaben. Sie hätten nur die Staatssteuern zu bezahlen. Er sei um soviel schlechter daran, weil er zu einer Privatherrschaft gegangen sei und den Zehent auf sich genommen habe.

»Was?«' schrie der Baron. »Du willst mir den Zehent nicht mehr leisten?«

»O ja, Euer Gestreng«, sagte der Bauer und zog die Schrift aus der Tasche, die man ihm vor Jahren gegeben. »Ablöse. will ich's Ganze, wie's da geschriebe steht.«

»Geschrieben? Ich hätte etwas unterschrieben?« lachte der Baron höhnisch. Er besah das Papier und erinnerte sich allmählich. . . Ach so ... Dann fluchte er über Martonffy, diesen alten Esel, der so etwas aufsetzen konnte, und machte Miene, das Schriftstück zu zerreißen. Aber Trauttmann griff danach und steckte es ein.

»Das gilt nicht!« rief Parkoczy. »Man hat mich übertölpelt.«

»Herr Baron, des gilt schon. Was ein Notar ufsetzt und der Grundherr unnerschreibt, des werd wohl recht sein«', sprach Trauttmann fest. »Ich bring' Euch die Ablösung vom Zehent für fufzig Joch.«

»In sieben Jahren hast du dir das erworben, du Lump, und ich soll für alle Ewigkeit auf den Zehent verzichten? Gibt's nicht! Gibt's nicht!« tobte Parkoczy.

»Herr«, sagte Trauttmann, »nenne Se mich koin Lumpe mehr, ich rat's Euch ... Des Geld is mei' Vaterserbe. Des is aus der Rheinpfalz kumme. Ich tausch' d'rmit mein' dortige B'sitz für den hiesige. Wollt 'r mei' Geld nit nemme, dernoo wär's besser, ich steck' mei' Haus noch heunt an und wander fort.«

Sprachlos hörte der Baron diese Worte. Mit offenem Munde stand er vor dem deutschen Bauern, der eine solche Rede wagte. Der Mensch überragte ihn um Kopfeslänge. Und wild sah er aus in diesem Augenblick. Aber war nicht er der Herr? Wo ist denn der Fokosch? (Ein Stock mit einem Beil als Griff) Wo ist denn die Peitsche? Das Blut schoß ihm zu Kopf. Doch er bemeisterte sich, er wollte klug sein. Wer weiß, was daraus werden konnte ... All die Schwarzwälder waren ohne eine schriftliche Abmachung angesiedelt, der Mensch konnte sie aufhetzen gegen ihn. Das schoß ihm blitzartig durch das Gehirn.

»Dein Haus willst du anzünden? Fort willst du?« fauchte er den Bauer an.

»Wann ich mei' Recht nit find gege den Herrn Baron, wär's das Gescheiteste.«

Prozessieren willst du mit mir?«

«Warum nit? Mei' Recht is klar und deutlich.«

,Hahaha! Weißt du, wie lange ein solcher Prozeß in Hungarn dauert? Hundert Jahre.«

Philipp Trauttmann hatte eine bessere Meinung von seinem neuen Vaterland. Das glaube er nicht, sagte er. Aber er könne ja einmal hinüberfahren nach Tevel, wo jetzt der Graf Mercy residieren soll. Vielleicht sei ein anderes Plätzchen für ihn in der Schwäbischen Türkei zu finden. Für ihn und seine Söhne, die sich ja doch bald verheiraten werden. Keinesfalls dürfen seine Söhne nach solchen Erfahrungen sich auch hier ansiedeln. Das verbiete er ihnen. Und dem Matz müsse er auch abraten davon.

Trauttmann merkte gar nicht, welchen Eindruck der Name des Grafen Mercy auf seinen Gutsherrn gemacht hatte. Er saß wie erstarrt da und ließ den Bauer reden ... Der Mercy war in solcher Nähe? Der wilde Mercy, dem er die Schwarzwälder weggeschnappt hatte? Das mußte um jeden Preis verhindert werden, daß der Trauttmann zu ihm ging. »Hol' mich der Teufel, Bauer, ich will keinen Prozeß mit dir. Gib her dein Geld, du bist frei vom Zehent. Aber unter einer Bedingung: du sagst es keinem Schwarzwälder, du gehst nicht nach Tevel, und deine Söhne bleiben bei mir. Was hier ist, muß hier bleiben.«

Trauttmann überlegte. »Herr Baron, davon steht nix in dieser G'schrift. Awer ich bin koin Plauderer. Mei' Sach' geht koin Schwarzwälder 'was an. Und 's is mir auch lieber, ich brauch' nit uff Tevel fahre. Was mei' Buwe betrifft, die sin freie Männer, die könne mache, was se wolle. Die werde do hier koin Baure werde wolle, und der Matz auch nit, wann se nit dieselb' Rechte kriege wie ich!«

»Das wollen wir doch abwarten«, sagte der Baron spöttisch.« Heute handelt sich's nur um deine Sache. Zahl, Bauer, halt's Maul und pack' dich; ich habe genug mit dir geredet.«

Trauttmann sprach kein Wort mehr Er erlegte zweitausendfünfhundert Gulden Zehentablösung, also für jedes Joch fünfzig Gulden, und der Baron bestätigte es ihm auf der alten Schrift. »Ausbezahlt erhalten. Septembris 15, Anno 1733, Parkoczy.«

Mit kurzem Gruß trat Philipp Trauttmann aus der Stube, ging zu seinem Wagen, den der Ferdinand überwacht hatte, und fuhr heim.

Soll ihm noch einmal einer in den Wurf kommen von den Knechten dieses alten Satans, die seine Felder und sein Haus immer beschnüffelten! jetzt war er frei, ganz frei. Das andere wird sich finden.

Als die Familie am Abend beisammensaß, rückte der Matz endlich mit einem Anliegen, das ihn schon lange bedrückte, heraus. Der Vetter Philipp möchte den Brautwerber für ihn machen, bat er. Er habe sich die Imhof's Bärbl von den Schwarzwäldern zur künftigen Frau erwählt, und er glaube wohl, daß die Eltern ihn nicht abweisen werden. Vielleicht könnte er schon in diesem Herbst eigenes Feld kriegen und anbauen und dann im Fasching heiraten.

Den Brautwerber wollte der Vetter Philipp gern für seinen Matz machen. Von Herzen gern, sagte er. Die Sache mit den Feldern aber will noch überlegt sein. Er werde schon noch reden mit ihm darüber. Auch die Bas' Evi war hoch erfreut, daß der Kartoffel-Matz endlich das Maul aufgemacht hatte. Sie wußte es ja schon lange. Und die Bärbl war ein gar braves, fleißiges, starkes Mädel. »Die konn schaffe, die konn e Haus z'sammehalte«, sagte sie. Und sie ließ ihre Ältesten merken, daß auch sie schon Zeit hätten. In so ein Haus voll Männer gehören Weiberleut, meinte sie. Sie brauche Hilfe.

Da räkelte sich der Hannes und meinte, das wäre gescheit, daß die Mutter selber davon rede. Er und der Peter möchten schon lange gern auf Brautschau gehen; wenn's verlaubt wäre, gleich, noch vor dem Anbauen. Vielleicht könnte man im Fasching drei Hochzeiten halten.

»Um Gott's wille!« rief die Mutter. »wie sollt' m'r denn des zwinge?`

Der Vater aber fragte: »Wohin uff Brautschau?«

Der Peter erzählte lachend, sie hätten in Tevel drüben gehört, der Niklas Wekerle habe es ihnen erzählt, es gäbe ein Mädeldorf in der Bátschka. Da möchten sie hin. Eine Wittib kommandiere das ganze Dorf. Der Markgraf von Baden habe einmal hundertfünfzig Schwabenmädeln ausgestattet, und die hätten von dort weg alle geheiratet. Die Wittib habe aber wiederum fünfzig kommen lassen aus der Heimat. Die könnte man sich doch anschauen. Der Vater zuckte die Achseln und sagte nichts. Das bewies, daß er nicht dagegen war. Er redete mit dem Matz dann über die Imhofleute und wollte wissen, wie sie standen, was die Bärbl mitbekomme. Da erfuhr er, daß die Familie zu denen gehörte, die getrennt worden sind. Der Großvater, der mit den Familien seiner zwei Söhne auswanderte, habe fünfhundert Taler bei sich gehabt. Die eine Familie ist hier, die andere mit dem Großvater weiß Gott wo. Die Bärbl sei darum auch arm.

Die Gewalttat des Barons werde schon einmal einen Richter finden, meinte der Bauer. Und zu seinen Söhnen sagte er vor dem Schlafengehen: »In der zweit' Oktoberwoch' werd angebaut.«

Sie deuteten das so, daß sie jetzt Urlaub hätten. Und die Mutter und Trudel wuschen und bügelten am nächsten Tag, kochten und buken und statteten die Buben aus zur Brautschau. Diese selbst richteten sich den schönsten Wagen her und striegelten und putzten die zwei jüngsten und schnellsten Pferde. Der Schwarzwälder Schmied, der Eckerts Adam, beschlug sie ihnen neu. Und als die Trugl, die als Wagensitz diente, mit Kleidern und Wäsche gepackt und alle Tornister mit guten Sachen gefüllt waren, fuhren die Burschen fröhlich aus.

Der Vater winkte ihnen vom Fenster zu. »Gebt uff die Gäul' acht und macht keine Dummheite«, sagte er.

Die Mutter aber stand am Tor, als sie ausfuhren und trocknete sich die Augen mit der Schürze. Sie sah ihnen nach so lange sie zu sehen waren. »Mit Gott! Mit Gott!« war ihr letzter Gedanke.

*

Parkoczy hatte das Geld des Trauttmann voll Behagen ein paarmal nachgezählt, als der Bauer draußen war. Eigentlich erinnerte er sich gar nicht, jemals so viel bares Geld besessen zu haben. Es wäre doch ganz schön, wenn der Kartoffel-Matz und die zwei Söhne dieses Schwaben dasselbe zahlten, dachte er. Damit hätte man für lange, lange Geld genug. Er bedauerte beinahe seine Schroffheit. Nun, nachlaufen wird er ihnen nicht, die werden schon selber kommen. Aber bewachen wird er seine Kolonie bei Tag und bei Nacht lassen müssen. Hol' der Teufel diesen Mercy. Muß der gerade in Högyész ein Kastell haben. Wenn einer von den Schwarzwäldern dahin kommt und ihn verklagt...Nein, nein, das muß verhindert werden.

Und schon nach zwei Tagen wurde ihm berichtet, es gehe etwas vor bei Trauttmann. Die Söhne ziehen fort, hieß es am dritten Tag, sie suchen eine andere Kolonie.

Was? Der Mensch untersteht sich? Nun ja, hat er denn nicht gedroht damit? Und der Matz wird wohl auch fort wollen. Drei neue Bauern, von denen jeder einmal fünfzig Joch bewirtschaften kann, sollen ihm verloren gehen? Ein Wutanfall warf ihn fast nieder, als man ihm die erfolgte Abfahrt meldete. Und er ließ durch die Katicza seine Kuruzzen zusammenrufen und ihre Söhne.

Ob sie wieder ein Schiff voll Schwaben fangen sollten, fragten sie dienstfertig. Sie seien bereit. »Nein, nur zwei Entlaufene. Holt sie ein mit euren schnellsten Pferden. Zwingt sie zur Umkehr. Wollen sie nicht, wehren sie sich, gebt ihnen die Bastonade, und werft sie in ihren Wagen. Die Pferde werden schon wieder heimfinden mit ihnen.«

Wie eine entfesselte Meute sausten die Leibeigenen über die Pußta hin. Eine Jagd auf Schwaben? Oh, die war ihnen willkommen . . . »Hoih! Hoih!« Wie Sitte und Brauch es heischten, hatte Philipp Trauttmann die Brautwerbung für den Matz am Tage nach der Abfahrt seiner Söhne angebracht. So wie für einen eigenen Sohn redete er. Und die Imhofs Bärbl wurde ihm nicht verweigert. Sie soll auch evangelisch werden, wenn der Matz es haben wolle. Daß sie zur Zeit noch ein armes Mädel sei, verheimlichten die Eltern dem Brautwerber nicht. Vielleicht ändere sich das noch einmal, versprechen könne man nichts. Nachdem der väterliche Brautwerber dem Matz alles berichtet hatte, sprach er auch über das Wirtschaftliche mit ihm. Zwei junge Leute, Mann und Weib, ohne Knechte, ohne erwachsene Kinder, die mithelfen, können nicht gar viel schaffen in den ersten Jahren. Er soll wenig Feld übernehmen, sich aber fünfzig Joch vorbehalten. Und nur schriftlich! Einstweilen keinen Kreuzer hergeben, das Feld auf Zehent übernehmen und sich die Ablösung ausbedingen. Genauso wie er. Lieber fortwandern als es anders machen. Jeder künftige Erbe des Barons könne die Schwarzwälder verjagen von Haus und Hof. Auf so einen schwachen Grund dürfe er seine Heimat nicht stellen, er müsse fester bauen. Und zu dem Baron dürfe er kein Vertrauen haben; seitdem dessen ältester Sohn fort sei, fehle sein guter Geist.

Die Trudel rief zu Tisch, Mutter habe 'was Gutes gekocht für den Brautwerber und den Bräutigam. Der Ferdinand kam aus dem Stall herbei, er hatte gefüttert. Aber wie man sich um den runden Tisch setzte und die Mutter die Milchsuppe auftrug, wieherte es draußen vor dem Tor.

Alle horchten auf. Es wieherte noch einmal.

»Des is doch die Bleß!«' rief der Matz.

»Was dir nit einfällt!« sagte die Mutter. »Die Buwe sin wohl schon über Mohátsch 'naus.«

Ein lautes Stimmengewirr wurde von draußen vernehmbar, und Ferdinand stürzte zum Fenster.

»Vatter! Vatter!« schrie er, »der Wage is doo!« Und lief hinaus, ganz blaß und verwirrt, um das Tor zu öffnen.

Den Bauern überfiel die dunkle Ahnung von einem Unglück. Er warf den Zinnlöffel auf den Tisch und folgte dem Ferdinand. »Bleib', Motter, bleib«', rief er noch zurück.

Der führerlose Wagen kam durch das geöffnete Tor, und hinter ihm drängte ein Schwarm von Schwarzwäldern nach, Männer, Frauen, Kinder. Der alte Zengraf voran. Und er ballte die Faust. »Oh, Vetter Philipp! Vetter Philipp!« rief er. Und, die Weiber weinten.

Trauttmann stürzte sich auf den Wagen. Mit verzerrtem Gesicht stand er da, keines Wortes mächtig. Seine zwei Söhne lagen blutüberströmt im Wagen, sie schienen bewußtlos zu sein. Er griff nach ihren Gesichtern, nach ihren Händen, sie waren warm. Oh, sie lebten! Aufkreischend kam die Mutter herbei, aber Trauttmann hielt sie zurück. »Sie lebe! 's werd nit viel sein . . . Häwe vielleicht mit Zigeuner geraaft«, sagte er ihr.

»O naa, o naa!« rief der Jost Zengraf. »Des is ganz 'was annerscht!« und ballte beide Fäuste.

Indessen hatte Ferdinand den Schragen rückwärts geöffnet, und der Matz hob den Peter heraus. Der Vater sah es zuerst,. der Bursche hatte keine Stiefel an, und seine Füße waren dick verschwollene, blutige Klumpen. Und beim Hannes dasselbe. Und ihre Kleider vom Leibe gerissen, die Köpfe auch blutig geschlagen.

»Was is do g'schehge?« rief der Bauer auf, als ob man ihm ein Messer in die Brust gestoßen hätte. Die Frau Eva aber sank in die Knie vor ihren zerschlagenen Kindern und weinte herzbrechend. »Uff Brautschau sin se ausgezoge und sau (so) kimme se z'rück ... O mein Gott! O mein Gott!«

Der alte Zengraf trat beinahe unwillig an den Bauer heran: Ja, merkt'r denn noch nit, wer des getaun hot? Der alt' Teufel do driwe, der Baron! So wie mei'm Mathes!«

Ja, es war kein Zweifel. Der mußte es getan haben. . . Mit wilden Blicken schaute Trauttmann um sich, er wies die vielen Leute aus dem Hof, er brauchte ihr Mitleid nicht, er werde sich seine Rache schon nehmen, sagte er. Und sie zogen sich alle zurück, der Matz schloß das Tor. Nur die Bärbel Imhof blieb. Sie hatte gleich Wasser geschöpft am Brunnen, und die Mutter wusch ihren Söhnen jetzt die Kopfwunden aus. Um die schauerlichen Füße der Burschen aber wickelten die Trudel und die Bärbel nasse, kühle Tücher.

Da regten sich die beiden Ohnmächtigen, diese Kühlung ihrer Wunden tat ihnen wohl, und sie wurden langsam wach. Der Vater und der Matz trugen sie behutsam ins Haus, in ihre Betten. Und die Bärbel wußte einen Rat in dieser Not. Als vor zwei Jahren der junge Zengraf von den Schwarzwäldern, der durchgehen wollte, dieselbe Strafe erlitt, da habe ein alter Leibeigener ihm eine Pflanzensalbe für die Füße gebracht. Ob sie den aufsuchen solle? Damals habe die Salbe geholfen. Das Mittel wär' noch aus der türkischen Zeit bekannt.

Viel tausendmal dankte Frau Eva der Bärbl. Sie möchte den Mann doch geschwind herbeirufen mit seiner Salbe.

Es folgten Tage des Jammers und der stillen Wut. Die Buben mußten der Mutter immer wieder den Oberfall erzählen ... Sie waren einer Horde von zwanzig nach hartem Widerstand erlegen, und die glaubten selber, daß es die Leute aus der Umgebung des alten Parkoczy gewesen. Bestimmt getrauten sie sich das nicht zu sagen, aber erkennen wollten sie jeden einzelnen wieder. Der Vater ging wortlos, sich in stillem Ingrimm verzehrend, im Hause umher. Er fragte die Söhne nur manchmal, ob sie denn noch immer nicht aufrecht stehen könnten.

Nein, noch nicht!

Und den Matz schickte er heimlich nach Mohátsch. Bei Nacht und Nebel ritt er davon. Ehe ihm vielleicht etwas Ähnliches begegnen konnte, sollte er schon auf dem Rückweg sein. Er möchte dem alten Notär Martonffy erzählen, was hier geschehen sei, und ihn um Rat fragen, was nach Landesbrauch zu tun wäre, um Recht zu erlangen gegen den Baron. Und drei gute Flinten möge er kaufen und mitbringen. Und viel Munition dazu.

Der Bauer schloß in dieser Nacht kein Auge. War doch der Baron augenscheinlich von dem Wahn beherrscht, er sei der Herr über all diese deutschen Kolonisten, und keiner dürfe ohne sein Wissen das Gebiet verlassen. Und Spione hatte er gewiß. Wie leicht konnte dem Matz das Gleiche begegnen trotz aller Heimlichkeit und Vorsicht. Aber es mußte gewagt werden. Wenn es für diese Schandtat eine Sühne gab auf rechtlichem Weg, dann wollte Trauttmann diesen Weg betreten. Er war verantwortlich für alle, durfte nicht im ersten Zorn handeln und vielleicht sein Haus untergraben, das er so fest gegründet hatte. Aber im äußersten Fall war er zum äußersten entschlossen. Die Sühne mußte gefordert, mußte erreicht werden.

Und der Matz machte seine Sache gut. Er kam mit den drei Feuersteinflinten zurück und mit einem schönen Gruß vom Herrn Notär. Der lasse ihm sagen, es herrsche das Statarium (Standrecht) im ganzen Lande. Der Bauer, der sich an einem Herrn vergreife, werde aufgehängt. jeder Gutsherr besitze das jus gladiis, das sei das Recht der Prügelstrafe. Freie Bauern mit besonderen Rechten kenne das ungarische Gesetz noch nicht, dieses Gesetz müßte erst gemacht werden. Klagen könne der Bauer ja beim Stuhlrichter in Mohátsch, aber es könnte sein, daß der nur lacht zu solch einer Klage eines Bauers.

»Lacht? Lacht?« knirschte Trauttmann in tiefer Wut. »Er soll nit lache über mich! Wo's kein Recht git, do muß m'r sich selber helfe.«

*

Die Schwarzwälder hatten am' ersten Sonntag im Oktober vor ihrem Bethaus eine Besprechung. Man sollte nun doch daran gehen, eine Gemeinde zu bilden, meinten die Alten. Sie säßen jetzt bald im dritten Jahr hier, und die Mehrzahl von ihnen würde wohl immer hier bleiben. Da gehöre es sich, daß man ein wenig Ordnung mache. Man brauche nicht nur einen Geistlichen, der ab und zu eine Messe lese, man brauche ein Oberhaupt, einen Führer. Dann würden solche Sachen doch vielleicht nicht mehr vorkommen wie neulich wieder. Wer soll der Führer sein? Wen wollen wir an die Spitze stellen?

»Den Trauttmann. war die Antwort vieler. »Nur den Trauttmann!«

Und es wurden die drei Ältesten gebeten, bei dem Bauer anzuklopfen, ob er die Ehre annehmen wolle.

Als die Männer nachmittags im Hause erschienen, kamen sie gerade dazu, wie der Hannes und der Peter ihre ersten Gehversuche machten. Jetzt kam das Anbauen, und sie waren noch immer unnütz für die Wirtschaft. Aber es ging. Es ging! Stiefel konnten sie ja noch keine tragen, aber mit fest eingewickelten Füßen und guten Opanken (Sandalen), wie sie die Slowaken anhatten, konnte man sich schon bewegen. Die türkische Salbe tat ihre Schuldigkeit.

Philipp Trautmann war nicht unempfindlich für die ihm zugedachte Ehre. O nein! Der erste Richter einer neuen, durch ihn selbst möglich gemachten Gemeinde zu sein, dünkte ihm ein schönes Amt. Aber er sagte nein. Solange er mit dem Gutsherrn nicht abgerechnet habe, gründlich abgerechnet, solange könne er an so etwas nicht denken. Er lade alle die Schwarzwälder, die nur wider Willen hier sind und die auch einmal ein deutsches Wort mit dem Herrn von Parkoczy reden möchten, ein, heute gegen Abend zu ihm zu kommen.

Und es kamen zehn Männer. Der alte Jost Zengraf, der Niklas Lulay, der Michel Hames, der Kaspar Jäger, Adam Eckert, der Schmied, und andere. Der junge Mathes Zengraf, der geprügelte Enkel des Jost, war der erste im Hof.

Bänke und Stühle wurden vom Ferdinand und der Trudel herbeigebracht, und es nahmen alle rundum Platz, auch die drei erwachsenen Söhne des Hauses und der Matz. Trauttmann allein stand aufrecht. Und er sagte den Männern, was er vorhabe. Er sei der Meinung, daß man dem Gutsherrn, der da glaube, es sei ihm alles erlaubt, eine tüchtige Lehre geben müsse, Der Herr habe Menschenraub begangen, und der Arm der Gerechtigkeit erreichte ihn nicht. Er gab seine Sklaven dann scheinbar frei, weil sie für ihn schaffen sollten, aber den ersten, der sich entfernen wollte von seinem Besitz, habe er auf türkische Weise halbtot schlagen lassen. Die anderen lasse er ständig überwachen, und in Wahrheit betrachte er sie alle als seine Leibeigenen. Auch ihn, der sich um schweres Geld freigekauft habe vom Zehent. Und auch seinen Söhne will er die Freizügigkeit bestreiten. Er habe nicht gefragt, warum sie fortgefahren sind, er habe sie einfach abfangen und zuschanden schlagen lassen. Das sei das schlechte Gewissen. Der Mann fürchte die Entfernung jedes Mannes von Dobok, und er werde, wenn man sich nicht endlich wehre, jedem das Gleiche tun, was er dem Mathes Zengraf und seinen eigenen beiden Söhnen getan habe. Wie sollen wir diesen übermütigen Tyrannen strafen?«

»Erschlagen sollt m'r 'n!« rief der alte Zengraf, und einige stimmten ihm zu.

»Is denn niemand in dem großen, schönen Land, der sich unser annimmt?« fragte ein anderer Alter. »Niemand«, entgegnete Trauttmann. »Der Matz war heimlich in Mohátsch beim Notär und hat um Rat gefragt. Leut', es git koin Recht far uns. Die Herre häwe des Recht, die Baure prügeln zu lasse, und sie häwe des Recht, den, der sich wehrt, uffhänge zu lasse.«

»Was? Wie? Wie?« riefen die Männer durcheinander.

»Uffhänge!« sprach Trauttmann.

Sie schwiegen.

Da fuhr der Bauer fort: »Männer«, sagte er, »ich will euch befreie. Schleift eure Sense, lad't eure Flinte, nehmt Knüppel oder Mistgabel, 's is alles eins, wenn ihr euch nur wehre könnt. Und mer ziehe hin vor sei lumpiges Herrehaus und verlange unser Recht. Er muß es uns gäwe, er muß uns als freie Mensche anerkenne, die hingehe könne, wohin se wolle. Und wann's Blut koscht, er muß.«

»Ja, er muß! Er muß! Er muß!«

Einstimmig war der Beschluß gefaßt.

Und sie zogen ihrer fünfzehn am nächsten Morgen gegen St. Marton hin. Der Hannes und der Peter waren beritten, für sie war der Marsch zu weit. Jeder aus dem Haus Trauttmann hatte eine Flinte. Die anderen brachten nur zwei Flinten auf, aber sie trugen die verschiedensten Waffen. Der junge Mathes Zengraf hatte zwei kräftige Haselstöcke über Nacht in Salzwasser eingeweicht. Man lachte ihn aus, als er damit erschien. Aber er ballte nur die Fäuste und schwieg. Philipp Trauttmann tauschte einen langen Blick mit dem Jungen. Sie verstanden sich.

»Mer müsse früh kumme, bevor er b'soffe is«, hatte Trauttmann gestern gesagt. Und sie kamen früh.

Das gab ein Aufsehen bei den Leibeigenen, als die bewaffneten Schwaben gegen das alte Herrenhaus marschierten und dort Halt machten. Eckert, der Schmied, schlug mit einem Beil dreimal an das morsche Tor, daß es augenblicklich ein Loch kriegte und aus den Angeln brach.

»Gute Marje!« rief er munter.

Die Katicza steckte droben den Kopf aus dem Fenster, und ein paar zusammengelaufene Leibeigene schrien »Hoih! Hoih!« und lärmten.

»Der Gutsherr soll runnerkumme zu uns!« rief Trauttmann, mit dem Gewehr im Arm, der Katicza zu.

Alsbald erschien Parkoczy am Fenster. Seine Augen wurden starr beim Anblick der Männer, seine Lippen bewegten sich scheinbar, aber man hörte nichts.

»Runner kumme! Runner kumme! Da her kumme!« brüllten ihm alle entgegen.

Parkoczy trat rasch zurück und kam mit zwei Pistolen wieder ans Fenster. Eine legte er vor sich hin, die andere hielt er in der Rechten. »Wer hat euch hergeführt«, schrie er, »ihr Rebellen?«

Aber es richteten sich sogleich sieben Flintenläufe gegen ihn, und alles war totenstill.

Alle Hähne waren gespannt.

»Ihr sollt herunterkommen, wir müsse rede mit Euch«, sprach Trauttmann.

»Red' sollt Ihr steh'n!«' riefen die anderen. »Es geschieht Euch nix.«

Parkoczy wendete sich jetzt an die Leibeigenen. »Ruft schnell den Béres, den Janczi, den Antal, den Farkas!« schrie er.

»Uffgepaßt!« sagte Trauttmann zum Hannes und zum Peter. Und die wendeten ihre Pferde und richteten ihre Flinten gegen die, die sich entfernen wollten. »Wer von hier geht, kriegt eine blaue Bohne in den Buckel!« rief der Hannes.

Und keiner entfernte sich.

»Holt 'n runner!« sprach Trauttmann zu den Männern. Und der Eckerts Schmied und der junge Zengraf ließen sich das nicht zweimal sagen, sie holten ihn. Er schoß nicht, er fluchte nicht, er gab sich einen Ruck und ging stramm mit den beiden. Die Pistolen ließ er zurück, nur sein Herrengefühl, das er wiedergefunden, brachte er mit.

»Was wollt ihr von mir, ihr Rebellen? Wißt ihr, daß ich euch alle aufhängen lassen kann?« fragte er und war nicht ohne Haltung und Würde in diesem Augenblick.

»Probiert's! Probiert's!« lachten ihm die Bauern entgegen.

»Herr Baron«, begann Trauttmann, »Ihr habt die Schwarzwälder gefangen und haltet sie hier wie Leibeigene fescht.«

»Hab' ich diese Bettler nicht zu freien Bauern gemacht? Was wollen sie noch?«

»Es will jeder gehen, wohin es ihm gefällt.«

»Das erlaube ich nicht.«

»Mit welchem Recht habt Ihr den Mathes Zengraf damals abfangen und ihm die Baschtonade gäwe lasse?«

Mit dem Recht des Gutsherrn, du dummer Bauer! Kennst du meine Rechte nicht?«

»Mit welchem Recht habt Ihr meine eigenen Söhne, die uff Brautschau ausgefahre sin, abg'fange und halbtot schlage lasse?«

»Auf Brautschau?« sprach Parkoczy, und seine Stimme verlor ihren festen Klang.

»Ich bin ein freier Bauer und sitze auf mei'm gekeufte Grund und Bode. Warum habt Ihr des getan?« schrie Trauttmann, bebend vor Zorn.

»Das war ein Irrturn!« sagte der Baron.

»So? Ein Irrtum wär' des gewese? Solche Irrtümer wer'n mer Euch austreibe. Mer schlage Euch tot, wann Ihr noch ein' deutsche Mann anrührt. Häbt 'r mich verschtanne, Herr? Ja?« Und er hielt ihm die geballte Faust vors Gesicht.

»Für diese Rede verdienst du den Galgen!« rief Parkoczy und trat einen Schritt zurück.

»Was?« schrie Trauttmann voll namenloser Wut. »Ihr loßt mei' Buwe halbtot prügle und ich verdien' de Galge? Seid Ihr b'soffe?«

Parkoczy biß die Zähne zusammen und ballte die Fäuste, aber er sagte nichts und rührte sich nicht.

Trauttmann gewann seine Selbstbeherrschung wieder.

»Ich frag' Euch jetzt im Namen aller Schwarzwälder, die mich zu ihrem Wortführer und zu ihrem Richter wähle wolle in der Gemeinde: Wollt Ihr jedem das Recht zurückgeben, zu gehen, wohin er will?«

»Nein!« schrie der Baron. »Wer hier angesiedelt ist, der muß hier bleiben.«

»Hoho! Hoho! Mer wolle fort!« schrien mehrere. Mer wolle wisse, wo unser Kinner hinkomme sin! Mer wolle zu ehna (ihnen)«, rief der alte Zengraf. »Mer wolle se suche losse!«

»Später einmal«, sagte Parkoczy etwas verwirrt. »jetzt noch nicht! Niemand darf fort!«

Ein wildes Getümmel entstand. Sie merkten, er fürchte sich, daß seine Tat verraten würde, und riefen ihm Schimpfworte und Beleidigungen aller Art zu. Der Mathes Zengraf aber sprang mit einem Satz vor ihn hin und schrie ihn an. »Und wann ich morge wieder fortgeh' ins Banat und will zu meiner Braut, was g'schicht mer? Sagt's!«

»Du kriegst wieder die Bastonade«, antwortete starrsinnig der Baron.

Da packte der junge Riese den alten Mann beim Genick und warf ihn nieder. Dann begann er an seinen Tschismen zu zerren und zu ziehen. Der Eckerts Schmied verstand, was er wollte, und half sogleich mit. Im Nu war der Baron barfuß.

»Uff de Bank mit ehm! Uff de Bank!« schrien einige. Und sie legten den keuchenden, sich wehrenden, aber schwerfälligen Baron, dem niemand zu Hilfe kam, auf die Bank, die neben der Haustür stand. Der Mathes aber ließ einen Haselstecken prüfend durch die Luft pfeifen. Der Gedanke bereitete ihm ein teuflisches Vergnügen, jetzt seine Rache nehmen zu können. Und Philipp Trauttmann machte keine Miene, das zu verhindern, denn er fühlte, daß er gar kein Zugeständnis von dem starrköpfigen Herrn erpreßt hatte. Wenn sie jetzt einlenken und heimziehen, blieb alles, wie es war, und man schickte ihnen für den Aufruhr obendrein weiß Gott welche Gerichtsbarkeit auf den Hals. Da war es gleichgültig, was weiter geschah. Die Bastonade habe er redlich verdient.

In dieser Schicksalsstunde ereignete sich plötzlich etwas, das sie alle von ihrem Opfer ablenkte. Ein heller Trompetenton schmetterte einher, es mußten Soldaten in nächster Nähe sein, kaiserliche Soldaten. Nie hatte man hier welche gesehen, niemand wußte, was das bedeuten konnte. Alle schauten sich erschreckt an und ein wenig erfreut zugleich. »Halt! Halt!« rief Trauttmann, wie erlöst von einer schweren Pflicht. Der Baron aber nützte den Augenblick, er entriß sich behende seinen Peinigern, und unter Zurücklassung seiner Tschismen entfloh er in das Herrenhaus.

Für den Humor dieser Lage hatte niemand ein Auge, alle standen sie im Banne der wunderlichen Erscheinung, daß da auf einmal zehn Reiter auftauchten, hohe Offiziere, Heiducken und ein Trompeter. An ihrer Spitze ein stattlicher Obrist, neben ihm, ein wenig verschüchtert, blaß und traurig, der junge Baron Andor.

»Wir sind zur Stelle, Herr Obrist, hier wohnt mein Vater«, sagte dieser. Und er war höchlich betroffen von der Ansammlung von bewaffneten Schwaben und so vielen Leibeigenen. Ein Diener eilte auf Andor zu und erzählte ihm in fliegender Hast, was sich hier begab. Der erschrak zu Tode. Auf Umwegen hatte er die Herrn, die seinen Vater im Schloß suchten. hierher geführt. Er ahnte, um was es sich handelte, und wollte nicht, daß der Obrist die Kolonie in Dobok sehe. Und jetzt waren die Schwaben hier? Waren im Aufruhr?

»Was gibt es hier?«' fragte Graf Anton von Mercy. »Warum seid ihr in Waffen hier?«

Alle schauten auf Trauttmann. Der sollte reden.

»Herr Offizier«, sagte dieser, »es hätt' solle ein' Strafgericht vollzoge werde an ei'm böse Herr... Vielleicht vollzieht Ihr's.«

»Wer seid ihr alle?«'

»Des sein e paar von de Schwarzwälder, Herr Offizier, die der da drin dem Grof Merzi geraubt hot uff der Donau.«

Ein Freudenstrahl wetterleuchtete über das Gesicht des Obristen, und er tauschte mit seinen Begleitern einen befriedigten Blick.

»Euch suche ich«', sagte er. »Wo haust Ihr?«

»Eine Stund' von do, in Dobok driwe«, sagte Trauttmann.

Und nun erzählten sie alle mit Überstürzung, wie der Baron sie behandelte, was er ihnen angetan, und warum sie heute voll Verzweiflung hierhergezogen seien. Indessen war Andor abgesessen und ins Herrenhaus geeilt zu seinem Vater.

»Beruhigt euch«, sagte Graf Mercy, »Zieht heim und überlaßt den Herrn mir. Ich komme zu euch hinüber, wenn ich hier fertig bin.«

Alle waren es zufrieden, nur der alte Jost Zengraf nicht. »Herr Offizier«, sprach er, »bleiwe mer die Leibeigene von dem Gutsberr do oder wer'n m'r frei?«

»Frei seid ihr«, sagte der Obrist. »Wer von euch will, kann sogleich ins Banat wandern. Eure Freunde sind alle dort.«

»Juchhu!« krähte der Alte. Juchhu!«

Und sie brachen unter Trauttmanns Führung auf und zogen heimwärts. Die Sache hatte ein besseres Ende genommen als sie alle erwarteten. Nur der Mathes war unzufrieden. Mißmutig zerbrach er seine Haselstecken, die er so gut eingesalzen hatte.

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