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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Bei den Verschollenen

Frau Eva Trauttmann saß mit einer Handarbeit vor der Staffel ihres stattlichen, weißgetünchten fränkischen Hauses, dessen Giebel zwei sich kreuzende Roßköpfe zierten. Unter der Schwelle desselben aber lag in aller Heimlichkeit das gefundene Hufeisen von Wien. Dort hatte es ihr Mann geborgen, das glückverheißende Zeichen. Das sei uralter Väterbrauch, sagte er ... Und zu ihren Füßen spielten die zwei jüngsten, die noch nachgekommen waren in der neuen Heimat. Die »ungarischen Buben« nannte sie ihr Mann immer im Scherz. Jetzt trugen auch die schon Hosen und rauften und balgten sich. »Lauter Mannsbilder im Hause!« war ihre Klage. Wenn sie die Trudel nicht gehabt hätte, es wär' wahrhaftig nicht nachzukommen mit der häuslichen Arbeit.

In der Ferne vernahm man plötzlich einen hellen, klappernden Ton. Als hämmere ein Klöppel auf ein hartes Brett nieder, so hörte es sich an. Die Bäuerin sah überrascht auf. Was war denn das? Aber da kam auch schon die Trudel vom Gang hergelaufen und rief: »Motter, hört Ihr's? Des is 's Veschpergeläut' von de Schwarzwälder.«

»Herr, steh mir bei, des is a Geläut?« sprach Frau Eva Trauttmann.

Das Mädel lachte. »Ja, so wie in Regensburg und in Wien is es nit. Denkt Ihr noch an die große Glock in Wien?«

»Ob ich dran denke, Kind! ... Seit wann is denn des?«

»Seit heunt! Der Wagners Joseph hat's erfunne.«

Die Mutter schüttelte den Kopf.

»Guckt, guckt!«' sprach das Mädel und deutete nach der Flucht von Strohhütten, die sich da drüben im letzten Jahr wie eine Gasse aneinandergereiht hatten. Die Leute kamen in Sonntagstracht aus ihren Häusern hervor. Die Männer in langen Tuchröcken und weißen Kniestrümpfen, einen breiten Hut auf dem Kopf, die Frauen in kurzen farbigen Röcken, dunklen Jupons und kleinen Käppchen auf den braunen Haaren. Sie tauschten offenbar über das Geläute ihre Meinungen aus, und dann gingen sie alle nach derselben Richtung Der Klöppel rief sie zum sonntäglichen Gottesdienst. Der lange Schneider Franz halte ihn ab, spottete das Mädel.

Das verwies ihr die Mutter. »Do git's nix zu spotte«, sagte sie. »Is des nit scheen, daß die arme katholische Leut', die der alt Teufel da hergetriebe hat, sich gleich e Bethaus hergericht han? Schneider hin, Schneider her. Was tut's? Wenn der Schneider Franz e guter Vorbeter is, können se ihr' Andacht auch ohne Pfarr' verrichte.«

»Na ja«, sagte das Mädel ein bisserl beschämt, »unser Vater is ja eigentlich a koin Pastor nit.«

»Eigentlich«, lächelte die Mutter, »is er e Bauer. Und legt uns das Wort Gottes doch so schön aus!«

Die Trudel setzte sich auch zur Mutter auf das Sonntagsplätzchen vor dem Hause und strickte. Flink und geschäftig flogen die dünnen Nadeln aus Akazienholz, die der Ferdinand ihr gemacht hatte, in ihren Händen. Sie strickte aus der selbstgesponnenen Schafwolle die Strümpfe für das ganze Haus. Auch am Sonntag ruhten diese Finger nicht, aber ihre munteren blauen Augen waren überall. Die brauchte sie nicht für diese Arbeit Sie kannte jeden, der da zum Bethaus ging, und wußte die Schicksale von allen. Während die Mutter vorgebeugt saß und an einem Häubchen nähte, die zwei Buben den Gänsen nachjagten, die sich auf der Wiese gegenüber gesonnt hatten, plauderte die Trudel und erzählte allerlei, was sie von den Schwarzwäldern gehört hatte.

Gott, was die Armen alles gelitten haben! Wie schön seien sie selber einst aus der deutschen Heimat hierher gefahren; warum erging es diesen so schlecht? In Wind und Sturm waren sie tagelang in Lebensgefahr auf der Donau. Auf einer Insel bei Ofen mußten sie besseres Wetter abwarten, und bis sie in die Gegend von Mohaitsch gekommen, waren ihnen drei Kinder gestorben unterwegs. Und ihre Freunde haben sie verloren in dem Unwetter; wo das zweite Schiff, das zu ihnen gehörte, hingekommen, das wisse niemand.

Das alles wußte die Frau Eva ja längst, aber sie hörte immer wieder etwas Neues bei den Wiederholungen, denn die Trudel hatte sich mit ein paar jungen Schwarzwälderinnen angefreundet, und sie war immer geladen mit Geschichten, wenn sie von ihnen heimkam. Die Mutter gönnte ihr diesen Umgang. War das Kind doch so einsam herangewachsen, ohne Kameradin, ohne Altersgenossen. Und sie ließ sie auch heute ruhig plaudern Der Vater und die Buben waren draußen, die künftige Ernte besichtigen und abschätzen und hatten dabei ihr schönstes Sonntagsvergnügen. Vielleicht brachten sie auch ein Stück Wild mit heim für die Küche. Aber vor Sonnenuntergang kamen sie gewiß nicht. Wie hatte sich das doch alles verändert seit ihrem Einzug in Dobok! Sie grämte sich oft, daß niemand da war, der alles, was sie erlebt, niedergeschrieben hätte von der ersten Stunde ihrer Reise nach Hungarn bis auf den heutigen Tag. Der Vater hatte keinen Sinn dafür, der meinte, man soll nie hinter sich schauen, sondern vorwärts. Dafür hätten seine Enkel einmal Zeit, wenn sie festsitzen und ein gutes Stück Welt ringsum ihr Eigentum wäre. Wie sollen aber die einmal hinter sich schauen, antwortete die Frau, wenn ihnen niemand mehr sagen wird können, woher sie kamen, und wie es ihren Ahnen erging? »'s werd Schulmeister genung gäwe«, sagte der Vetter Philipp, »die des ufschreibe. Loss' mich in Fried'! Mei Finger sein zu steif far so e G'schäft.« Um so fester grub Frau Eva jedes kleinste Erlebnis ihrem Gedächtnis ein, um es noch ihren Kindeskindern erzählen zu können.

So allein waren sie damals, als auch der Matz von ihnen ging. Und wie dann der Hausbau fertig war, verließ sie auch der Vater. Er spannte eines Morgens ein und fuhr fort. Nur den kleinen Ferdinand nahm er mit sich. Er müsse den Samen beschaffen für die herbstliche Aussaat, der herrschaftliche Weizen sei ihm zu schlecht. Und er werde wohl zwei Tage ausbleiben, sagte er. Aber die Buben, die ihre Flinten immer geladen über ihren Betten hängen hatten, wußten es besser. Sie schossen sich gegen Abend immer auf der Scheibe ein und machten sehr viel Lärm; spielten sich auf als wilde Männer, und die Leibeigenen wichen ihrem Besitz scheu aus. Am dritten Tag erst, als die Mutter voller Sorgen war um den Vater, erfuhr sie, daß es wohl noch drei Tage dauern könne, bis er heimkomme. Er sei zu den Schwaben gefahren und wollte die Mutter nicht ängstigen. Bis Murgau wollte er, zu den Evangelischen. Hätte er gleich gesagt, daß es eine Woche dauern könne, sie wäre dagegen gewesen. So aber sei jetzt schon die halbe Zeit um. Und sie waren gar stolz darauf, an Vaters Stelle das Haus und die Mutter und die Trudel zu beschützen.

Was konnte sie gegen diese Verschwörung der Männer tun? Daß eine gute Aussaat jetzt das Wichtigste war, das wußte sie besser wie die Kinder, und sie blieb länger auf in diesen Nächten und ging später schlafen, als wenn der Mann daheim gewesen wäre. Das Fettlicht aber ließ sie die ganze Nacht brennen. Nur eine dieser Herbstnächte war recht unheimlich. Frau Eva lag im Halbschlaf und hörte ein Heulen wie von vielen Hunden. Ihr Jackan«, der Sohn des Caraffa, winselte unter den Fenstern draußen und verkroch sich in der Holzhütte. Sie erlauschte jedes Geräusch und verstand die Furcht des jungen Tieres. Nie hatte sie gehört, aber sie wußte aus den Erzählungen des Baron Andor, daß so die Wölfe heulten, wenn sie auf der Pußta um die Schafpferche schlichen. Wo waren die Beschützer des Hauses in dieser Nacht? Sie schliefen wie die Murmeltiere; die Mutter aber wachte auch für sie.

Der Vater kam endlich. Mit einem verschmitzten Lächeln und mit vollen Getreidesäcken fuhr er in den Hof, und es war alles wieder gut. Gern hätte die Frau Eva mit ihm getrutzt, aber sie konnte es nicht, es dünkte ihr schade um jeden Tag, an dem man sich nicht lieb hatte.

Und im Oktober kam der Matz. Er kam wahrhaftig! Schwer beladen mit schönen Grüßen und herzlichen Briefen, mit heimatlichen Sachen aller Art, gesund und froh trat er in die Stube. Er hatte denselben Weg, den sie gekommen waren, bis an den Rhein zurückgelegt, war eine Woche daheim bei ihrer Mutter und dem Schwager Ferdinand, hat ihnen die Reise nach Hungarn beschrieben und sie alle auswanderungslustig gemacht. Zuletzt ließ er sich zu allem, was er mitnehmen wollte, auch einen Sack Kartoffeln geben. Die waren das Wichtigste. Und dann machte er kehrt. Das ganze Dorf hat ihn verlacht, so erzählte er, wie er seinen Auszug gehalten. »Sei' Lebtag tragt der die Grundbirnen nit bis Hungarn!« rief der Schwager Ferdinand. »Schreib' uns halt, wie viel du hingebrurige hoscht!« spottete er. Und er hätt' beinahe recht behalten mit seinem Zweifel, der Vetter Ferdinand. Nicht bis Frankfurt hat der Matz den ganzen Sack getragen. Und in Regensburg war nur mehr die Halbscheid drin. Daß er sich zu viel aufgeladen, spürte er schon am ersten Tag. Er wär' in drei Monaten nicht bis Dobok gekommen. Was zurücklassen? Die schönen Sachen der Frau Base? O nein! Die Kartoffel? O nein! Die Wahl war schwer. Da kam ihm ein erleuchteter Gedanke. Er entschied sich, von den Kartoffeln unterwegs zu leben, und so seine Last allmählich zu erleichtern. Wenn er den halben Sack nach Dobok brachte, war das fürs erste auch genug. Mehr konnte man von ihm nicht verlangen. Aber, weiß Gott, er mochte sich unterwegs Kartoffel braten, so viel er wollte, die Last wurde nicht leichter. Und genäschig war er auch geworden; er konnte ohne eine schöne Bratkartoffel nicht mehr wandern, so gewöhnt hatte er sich allmählich daran.

Bei Ofen entdeckte er, daß er nur noch zehn Kartoffel im Sack hatte! Da schämte er sich fürchterlich. Er lief die Stadt ab und die Umgebung, wo es überall schon viele Deutsche gab, und fragte, ob er keine Kartoffel haben könne. Seinen letzten Taler hätte er dafür hingegeben, aber man gab ihm überall die Antwort: »Hätten selber gerne welche! In Hungarn gibt's noch keine Kartoffel!« In dieser Not erwog er ernstlich, ob er nicht nach Wien zurückkehren sollte. Dort mußte es doch schon welche geben. Er tat es nicht. Mußte er nicht zur Anbauzeit in Dobok sein? Aber er griff jetzt nicht mehr in den Sack. Und ein wenig beschämt zog er heimwärts. Aber das Gefühl, daß er die ersten zehn Kartoffel in das gelobte Land Hungarn trage, und daß aus diesen zehn einmal Millionen werden sollen, das hätte er nicht um ein Königreich hingegeben.

Die Frau Eva muß noch heute lachen, wenn sie daran denkt, wie schlau der Matz alles das, was er ihr gebracht, auf dem Tisch ausbreitete, wie er dem Bauer die Briefe des Bruders und der Mutter hinschob, daß er sie gleich lese, und wie er ununterbrochen erzählte, damit man ihn nur ja nicht nach den Kartoffeln frage. Und als es doch geschah, welch ein klägliches Gesicht machte da der arme Matz! Sie vergißt es in ihrem Leben nicht. Ganz verlegen griff er in den leeren Sack und holte die zehn Kartoffel daraus hervor. So behutsam, als wären es Goldklumpen, legte er sie auf den Tisch »Matz! Matzt« schrie der Bauer voll Hohn und Spott. »Und deswege bischt du uff Bobeheim gange un' wieder zurück? Hahaha! Hahaha!«

»Vetter, es war e schlecht' Kartoffeljahr in der Palz«, sagte der Matz keck. Und er war gekränkt, als man unaufhörlich lachte und ihn verspottete »Is des mei' Dank?« rief er. Und dann brachte man kein Wort mehr aus ihm heraus. Erst nach drei Tagen, als sie abends bei Tisch saßen und wieder von der Heimat sprachen, erzählte der Matz die Geschichte von dem schweren Kartoffelsack und seinem großen Appetit. Die Kinder haben gelacht, und die Frau Eva hat ein bisserl geweint über die Erzählung. Der Vetter aber ließ seinen Spott sein. Er ging und vergrub die zehn Kartoffel im Keller unter einem Strohbündel, damit sie nur ja den Winter gut überdauerten. Und dann war nicht mehr die Rede von ihnen.

Oh, wie lange zehrten sie alle von der Heimwanderung des Kartoffelmatz. Den Spitznamen gab ihm der Hannes, der ein spöttischer Schwabenbub war; aber der Matz machte sich nichts daraus, er lachte selber mit und meinte, das werde noch einmal ein Ehrenname für ihn sein.

Der erste Getreideanbau wurde im Oktober vollzogen, und es ging lustig zu, trotz Wind und Sturm. Philipp Trauttmann reinigte seine Felder noch einmal von dem nachgewucherten Unkraut, und dann vertraute er dem abermals durchgepflügten Boden getrost seine erste Aussaat an. Er lugte aus, wenn das Laub von den Bäumen fiel. Und da es früh fiel, so durfte man ein fruchtbares Jahr erwarten. Am Sankt Gallustag im Oktober wollte er keinen Regen, am Andreastag im November noch keinen Schnee. Und es ging alles nach Wunsch in Erfüllung.

Der erste Winter verlief friedlich; für Brot hatte der Vater gesorgt, es gab Wild und Schweine schlachtete man auch, es fehlte an nichts. Und da es weit und breit keine Handwerker gab, übten sich die vier Männer in allen Handfertigkeiten, die das Haus brauchte. Der Vater machte sogar Schmiedearbeiten und beschlug die Pferde, der Kartoffelmatz schusterte im Winter für alle, die Buben schnitzten und sägten und hobelten und hämmerten, machten Futterkrippen für den Stall und Stühle und Bänke für das Haus. Sie friedeten mit dem Vater Hof und Garten durch einen Zaun ein und erregten das Staunen der Leibeigenen, Frau Eva spann Schafwolle, und die kleine Trude wickelte sie zu Knäueln auf. Der Ferdinand aber war der Gelehrte; er hielt krampfhaft sein bißchen Schulwissen aus Bobenheim fest, und las und schrieb und rechnete auf eigene Faust. Auch der Vater gab ihm oft Beispiele. Und die Mutter bestärkte den jungen bei diesem Tun. Nur nichts vergessen, was man einmal gelernt hat! Nur immer noch zulernen. Sie wußte sogar ein schwäbisches Sprüchlein darauf:

»Alle Tag' e Stückle weiter,
Alle Tag' e bißle g'scheiter:
Büble, merk's, es ist gar gut,
Wenn man's nit vergessen tut.«

Frau Eva fuhr aus tiefer Versunkenheit auf. Sie hatte auf das Geplauder Trudels nicht mehr gehört und war ganz eingesponnen in ihre Erinnerungen; aber die fremde Stimme, die jetzt da neben ihr erklang, die weckte sie.

»Gute Owet, Bas' Evi«, krächzte der alte Zengraf. Er war aus der Veschper gekommen mit den anderen Landsleuten und humpelte die Zeile herauf, um wieder einmal einen Dischkursch mit der Bäuerin zu pflegen. Er sah die Frau gern, sie erinnerte ihn ein wenig an seine Kathl, die er verloren hatte auf der Reise, seine Tochter. Und die Bas' Evi bot ihm auch gleich einen Platz an auf der Staffel. Die Trudel aber schickte sie nach dem Jörgl und dem Lippl aus, die sich weiter entfernt hatten, als nötig war.

Und auch andere Schwarzwälder gingen vorüber und geboten die Zeit. Sie sahen nicht mehr so verzagt aus wie ehedem; sie standen alle vor einer guten Ernte und hatten sich in ihr Los gefunden. Gegen die Felder hinaus führte der Weg. Manch einer wollte vor Sonnenuntergang noch sehen, was er zu erwarten hatte.

Der alte Jost Zengraf aber gehörte zu denen, die nichts zu trösten und zu versöhnen vermochte mit der Art und Weise, wie sie hier gegen ihren Willen waren angesiedelt worden. »Fließt denn die Donau zu de Indianer?« fragte er sich oft. »Des kann doch nit emol in Amerika passiere! Mer häwe kaiserliche Päss' for's Banat und were do hergetriewe wie die Kälber? Wer'n abg'fange in der Donau un' erfahre nit, wo unser' Kinner, unser' Freund' hinkomme sind. Und koin Mensch kimmert sich um uns! Nit der deutsch' Kaiser, nit der hungrisch' König?« Er begriff es nicht und hörte nie auf, zu klagen und zu jammern.

Die Bas' Evi tröstete ihn, so gut es ging. Er werde eines Tages gewiß Nachricht erhalten von seiner Kathl. Die sei wahrscheinlich wohlbehalten im Banat angekommen mit den Ihren. Er möge sich an ihnen ein Beispiel nehmen, wie es gehe; sie selber hätten auch ins Banat gewollt, aber nicht hingedurft. Und es gehe ihnen hier recht gut, sie seien ganz zufrieden. Das begriff er ja, daß sie alle beieinander zufrieden waren. Aber er? Was tut denn der verfluchte alt' Baron mit ihm hier? Wozu braucht er ihn denn? Er sei nur ein unnützer Brotfresser. Er wollte zu seinen Kindern oder heim ins Reich, ins deutsche Land. Dort möchte er sterben.

Ganz leise sagte ihm die Bas' Evi einmal, sie glaube immer, daß ihn der Baron eines Tages fortlassen werde, wenn er einmal sicher sei, daß die anderen alle bleiben. Es müsse zuerst Gras über die Geschichte wachsen ... Er möge nur Geduld haben, sie selber wolle mit dem jungen Baron im nächsten Jahr reden oder mit der Baronin Helene, der edlen, braven Frau.

Das war auch so eine Sache, die sie für ihre Nachkommen gern hätte niedergeschrieben gesehen. Wer wird das noch wissen in zwanzig Jahren?

Wie ein Lux hatte der alte Baron Parkoczy ihre Felder umschlichen zur ersten Erntezeit und war außer sich vor Neid über den Stand ihrer Feldfrüchte. Der Zehent von allem war ehrlich vermessen worden, aber er wollte immer mehr. Zuletzt hat ein Spion von ihm auch das Plätzle im Hausgarten entdeckt, wo die zehn Kartoffeln waren angebaut worden. Der Bauer hatte da ein Probestück gemacht; er legte jede Kartoffel allein ein, zwei nur zerschnitt er in viele Teile; ein oder zwei Augen aber mußte jeder Teil haben, denn aus diesen Augen kamen die neuen Triebe. Und jedes Stück baute er gesondert an, und die Frau Eva pflegte den Grund wie einen heimlichen Schatz. Und alles ging auf, jedes Stücklein trug Früchte, die Ernte brachte zweihundert schöne große Kartoffel. Die Leute des Barons wußten nicht, was das für eine Frucht war, wollten aber ihren Anteil haben für ihren Herrn. Der Bauer weigerte es. Sein Hausgarten müsse frei sein. Da kam der alte Baron am nächsten Tag in Begleitung seiner Söhne angeritten und forderte zu sehen, was da geerntet wurde. »Was unterstehst du dich, frecher Bauer!« rief er. »Von allem, was auf meinem Grund und Boden wächst, muß ich meinen Anteil haben.« Der Philipp Trauttmann zeigte den Herren die kleine Ernte, er gab jedem einen Knollen in die Hand. »Was ist das?« fragten sie, nachdem sie daran gerochen hatten Der Bauer zuckte die Achseln. »Des weiß in ganz Hungarn nur ich«, sagte er. »Es is in mei'm Hausgarte gewachse. Im nächschte Jahr werd's uff'm Feld drausse wachse, und da kriege Euer Gestrengen den Zehent. Da sin zwahunnert Stück. Im nächschte Jahr werde es zwatausert sein. Un' dernoo sag' ich Euer Gestreng' auch, was es is und wie's gegesse werd'. Eh'nder nit.«

»Das Zeug ist zu essen? Az ebadta, verfluchter Bauer, ich will meine zwanzig Stück davon essen«, sprach der Baron. Ein Blitz zuckte über das Gesicht Trauttmanns, und er wollte schon sagen: »So beißt doch hinein! Vielleicht schmeckt's Euch!« Aber er besann sich. »Herr Baron«, sprach er, »ich hätt auch ein' Appetit druff, aber es tut m'r laad drum. 's is mei' Same fors nächscht Jahr ... Wenn Ihr bei mir esse wollt, Herr, soll mei' Weib die zwanzig Stück koche.«

»Was untersteht Er sich? Was?« brauste Parkoczy auf.

Trauttmann zuckte die Achseln. »Nur mei' Weib weiß in ganz Hungarn, wie m'r die Kartoffel zubereite tut.«

»Kartoffel sind das?«

Der Baron Pista riet dem Papa, einzugehen auf den Scherz. Und Andor bat auch darum. Er bestätigte als Sachverständiger, daß er drüben bei den Schwaben nirgends eine Kar-Kartoffel gesehen habe.

Und der Baron ließ sich herab. Die Frau Eva wurde gerufen, und sie war bereit, das Mahl zu richten. In einer Stunde möchten die Herren ihr Haus beehren, sagte sie.

Ach, was war das für ein Geschmatz! Alle zweihundert hätt' er gern haben wollen, der Baron. Nie hatte er etwas Besseres gegessen. Und da hat Trauttmann den Herren dann erzählt, wie er zu dem Samen gekommen war. Sie haben sehr viel gelacht über den Matz, ihn aber doch belobt, daß er so etwas Gutes ins Land gebracht. Und die übrigen hundertachtzig Kartoffel sind wieder im Keller versteckt und vergraben worden für das nächste Jahr.

Und seit diesem Kartoffelessen und den zwei folgenden Getreideernten, von denen der Zehent bald größer war als die eigene Fechsung der Herrschaft, verließ den Baron der heiße Wunsch nicht mehr, Kolonisten zu bekommen, Schwaben anzusiedeln auf seinen Gütern, nur Schwaben! Er hörte immer, daß die Batthyanyi und Csaky und Karolyi kolonisierten, ihm aber schickte man niemanden, er wartete Jahr um Jahr vergeblich. Da holte er sich selber eine Schiffsladung an der Donau. Er rückte aus mit seinen alten Kuruzzen aus St. Marton, und sie zwangen die durchnäßten, übermüdeten und halb verzweifelten Schwarzwälder, die in einen schweren Wettersturz geraten und beinahe schiffbrüchig geworden waren, ihnen zu folgen ...

Wie im Paradies werden sie's da haben. Es wohnen schon viele Schwaben in der Nähe, und sie werden alles doppelt bekommen, was man ihnen für das Banat versprochen habe. Kein Widerstreben nützte gegen die Bewaffneten. Und damit kein Verrat geschehe und kein unnützer Lärm, durfte auch nicht ein einziger zurückbleiben. Und in Dobok, gegenüber den Erdhütten seiner magyarischen Leibeigenen, die als Wächter gelten sollten, wurde eine Zeile von neuen gestampften Häusern aufgeführt für die Ankömmlinge. Mit Feldern wurden sie genau so bedacht wie Trauttmann. So viel sie bebauen konnten! Das versöhnte, das lockte sie alle. Die wenigen, die widerstrebten und durchaus fort wollten, wurden überwacht. Der junge Mathes Zengraf, der eine Braut bei den Verschollenen hatte, ging eines Tages durch. Er wurde auf dem halben Wege nach Mohátsch abgefangen und zurückgebracht. In St. Marton drüben ließ ihm der Baron die Bastonade geben – dreißig Stockstreiche auf jede Fußsohle. So straften die Türken die Sklaven, die davonliefen. Dann blieben sie von selber liegen... Sie seien Narren, sagte man den Unzufriedenen, nirgends in der Welt gehe es ihnen besser. Und jetzt standen sie vor der ersten Ernte. Fast tausend Joch Ackerland, die vordem eine Wüstenei gewesen, hatten sie schon im ersten Jahr bebaut, und der Baron Parkoczy kam sich in nüchternen Stunden wie ein Gott vor. Sein Handstreich war geglückt, und er wird reichen Segen bringen. Baronin Helene, seine Gemahlin, war anfangs bestürzt über die Tat ihres Gatten. Aber da die Leute blieben und an die Arbeit gingen, wagte auch sie zu hoffen. daß alles gut enden werde. Sie erschien manchmal in der Kolonie der Schwarzwälder, sie bekümmerte sich um die Kranken und hörte auch die Klagenden, die Unzufriedenen an. Sie werde es dem Baron berichten. Sie werde sich erkundigen über die Verschollenen, ob sie im Banat seien oder sonstwo. Man dürfe nicht die Hoffnung aufgeben, daß es ein Wiedersehen gebe ... So tröstete sie, aber eine Nachricht brachte auch sie niemals.

Der Baron Pista versprach den Ärmsten und Unzufriedensten jetzt im Namen seines Vaters, daß ihnen von der ersten Ernte auch der halbe Zehent erlassen werden solle. Der Segen, der jetzt draußen auf der Pußta stand, machte ihn großmütig.

Diese Nachricht brachte der alte Zengraf heute der Bas' Evi. Sie nahm ihm die letzte Hoffnung, jetzt würden sich alle in ihr Schicksal finden, meinte er, und keiner mehr die anderen suchen. Die kluge Frau Trauttmann aber sagte dem Vetter Jost, das wäre für ihn am allergünstigsten. Sie werde schon reden mit der Frau Baronin. Vielleicht schon heuer nach der Ernte ...

Der Alte verstand. Wenn jetzt alle freiwillig blieben, dann konnte man ihn, den Unnützen, ja laufen lassen. Nicht wahr?

Und da kamen endlich die vier Trauttmänner mit dem Matz. Lauter Männer wie die Eichen! Einen Rehbock hatte der Hannes in ihrem Wald erlegt, und sie brachten ihn der Mutter. Das soll der Erntebraten werden, sagte Trauttmann. Er war sehr befriedigt von dem Stand draußen. Am liebsten hätte er noch heute die Sicheln gedengelt. Es war Mitte Juni. Mit Riesenschritten kam der Schnitt heran, ,und der Vetter Philipp hatte da sein Sprüchlein bereit: Zu Peter und Paul werden die Kornwurzeln faul! »Motter, des werd a Jahr!« rief er. »Vetter Jost, gebt Euch zufreede, bleibt doo bei uns. Besser is 's ninderscht!«

»Naa, naa«, krächzte der Alte weinerlich. »Ich will zu meine Kinner, ich muß zu meine Kinner.« Und ohne Gute Nacht-Gruß ging er von dannen. Wenn alle blieben, er wollte es nicht. Und sein Enkel, der Mathes, auch nicht, wenn er auch schon einmal die Baschtonade gekriegt habe.

Die Trudel hatte indessen die zwei kleinen Wildfänge herbeigebracht, und da stand jetzt eine neunköpfige Familie vor dem Hause, das sie sich selbst gebaut, in einem Glück, das sie selber geschmiedet. Wie lange wird der starke Ring noch dauern? Frau Eva fragte es sich in dieser Stunde wieder. Der Matz war überreif für die Ehe, und ihre beiden Ältesten konnten auch schon daran denken, ein Weib zu nehmen. Drei neue Bauern sollten aus ihrem Hause hervorgehen für die kleine Kolonie. Und noch drei blieben übrig.

Aber woher die Schwiegertöchter nehmen? Nun, der Matz schien sich schon zu verstehen mit einer Schwarzwälderin. Und für die Ihren ist ja die Schwäbische Türkei nicht so weit. Zweimal waren sie um Kartoffelsamen herübergekommen, die Leute von Tevel. Und die Buben waren auch schon drüben. Bei einem Sautanz waren sie drüben und hatten die wunderliche Nachricht heimgebracht von einem Mädchendorf. Dort könne sich jeder eine Schwäbin zur Frau holen, hieß es. Und die Lust, das zu tun, blitzte ihnen aus den Augen.

Wie Gott will. Es bleiben noch vier Kinder im Hause, wenn die zwei ältesten Bauern werden. Und der Vater denkt noch lange nicht daran, ins Altenteil zu ziehen. Der ist der jüngste!

Mit solchen Gedanken beschloß die Bas' Eva diesen Sonntag vor der neuen, großen Ernte, während ihr Mann vor dem Schlafengehen besorgt nach einer dunklen Wolkenbank Ausschau hielt, die im Westen stand und in der es grollte und blitzte.

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