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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Ein seltsames Hochzeitsmahl

Ja, es hatte sich auch beim Grafen Anton bewährt, das volkstümliche Rezept gegen das Wechselfieber: er entfloh und das Fieber blieb hinter ihm zurück. Auf der Reise verwirrte sich die Berechnung; es war ungewiß, wann es wiederzukommen hätte, und ehe der Graf in Ofen war, konnte er sich für fieberfrei halten.

Sein Hochzeitsbote war schon vorausgeeilt. Der Heiduck ritt drei Pferde zuschanden, um der Braut die Nachricht zu bringen, daß der Tag des Glücks nun gekommen wäre. Beinahe bis nach Schwechat hinaus fuhr die Lottel ihm auf der Reichsstraße nach Hungarn mit der Tante Mathilde entgegen, bis hinter das Schloß Neugebäude, wo das Kugelkreuz steht. Das wollte die Tante bei der Gelegenheit sehen, dort wollte sie ihre Andacht verrichten und um den Segen des Himmels bitten für den Ehebund. Die Lottel freilich, die wollte jetzt nicht beten. Das hatte sie schon am Morgen in der Schottenkirche besorgt. Ihre Seele war nicht bei Gott, sie flog dem Geliebten entgegen, der vielleicht schon in jener fernen Staubwolke herankam, um sich mit ihr zu vereinigen.

»Bet' noch einmal, bet', mein Kind. Da hier ist ein Gnadenort gerade für euch beide«, sagte die Tante, als sie neben der Säule ausgestiegen waren.

»Warum für uns?«

»Ja, weißt es denn nit, daß an dieser Stell' der Kaiser Leopold mit dem König Sobieski zusammen gekommen ist nach der Befreiung von Wien? Das Kreuzdenkmal, das auf drei türkischen Kanonenkugeln steht, bedeutet den Sieg der Christenheit über die Heiden. Denk' nur nach. Wie lang wird's denn dauern, und du gehst auch da hinunter zu die Türken.«

»Aber Tant', dort sein doch keine Türken mehr!« sprach die Lottel lachend, und ihre Augen lugten scharf aus nach jener fernen Staubwolke, die sich schleunig auf der Landstraße näherte.

Die Tante kniete schon vor dem Kreuz und ließ ihren Rosenkranz durch die Finger gleiten. Aber es reichte kaum für ein Vaterunser. Ein Jubelschrei riß ihre Andachtsstimmung jäh entzwei – er war es, und die Lottel lag schon an seiner Brust. Vor Kutschern und Heiducken küßten sie sich voll Inbrunst und herzten einander wie berauscht.

»Endlich! Endlich...«

»Bet', Tante, bet' noch eins für uns«, sprach die Lottel selig lächelnd zu ihrer etwas erzürnten Ehrendame, »und komm' uns bald nach.«

Sie stieg, unbekümmert um das entsetzte Gesicht der Tante, in Antons Reisewagen und fuhr mit ihm voraus. Nur der ehrerbietige Handkuß des Grafen, den er der alten Frau als Begrüßung verabreichte, verhinderte einen Aufschrei bei ihr. Was blieb übrig? Sie fügte sich. Aber sie ließ das denkwürdige Kugelkreuz stehen und hieß ihren Wagen rasch dem anderen folgen. Wenn auch in drei Tagen Hochzeit war, weiß man denn, was da noch dazwischen kommen kann?

»Wie die Trunkenen gebärdeten sich die lange Getrennten, von Sehnsucht verzehrten zwei Menschenkinder. In drei Tagen! In drei Tagen! Blaß kam dem Fräulein Charlotte der Bräutigam vor, und er mußte erzählen. Fieber? Wechselfieber? Ach, tut das weh? Sie küßte ihm die Sorge, daß sie auch einmal daran leiden könnte, vom Munde weg. Was lag ihr jetzt daran!

Und es war nichts dazwischen gekommen. In der Schottenkirche wurde das Paar getraut, am Grabe der geliebten Mutter vorüber führte der Weg zum Altar, und der Vater hatte es mit Blumen schmücken lassen. Die Tote sollte auch wissen, daß Hochzeit war in dem Hause' in dem sie einst so liebreich waltete und aus dem sie so früh scheiden mußte. Ihre Einzige war jetzt glücklich. Und gern folgte die dem Geliebten, wohin sein Schicksal ihn auch führen mochte.

Graf Anton aber hielt sein Wort, er ging auch jetzt nicht nach der Schwäbischen Türkei und brachte Charlotte dem Vater nach Temeschwar, Daß man sie noch Lottel nenne, das mochte der alte Herr nicht hören.

Strahlend, in fraulicher Schöne, trat sie dem greisen Gouverneur entgegen und küßte ihm die Hand; er aber bat sich lächelnd ihren jungen Mund aus, er wollte es auch einmal so gut haben wie sein Antoine. Der Tag war ihm ein Fest. Und da sein soldatisches Junggesellenheim in diesem Falle versagte, bestellte er scherzhaft eine »Hochzeitstafel« für sein junges Paar bei den »Sieben Kurfürsten«. Die Frau Theres sollte einmal zeigen, was ihr Haus vermochte. Die Generale und der Stadtrichter waren geladen mit ihren Damen, und auch die Festungsbau-Ingenieure, die Kameraden und Werkgenossen des jungen Grafen.

Auf dem Wege zu den »Sieben Kurfürsten« machte die Gräfin ihren ersten Gang durch die Festung. Oh, wie anheimelnd wienerisch waren all diese neuen Bauten, wie traulich diese engen, schattigen Gassen. Aber was war das für ein Zufall? Sie begegneten nur kranken Menschen. Blasse, gelbgefärbte, eingefallene Gesichter überall. Wandelnde Leichen ... Aus den schmucken Häusern traten Frauen und Mädchen, die so seltsam aufgedunsen waren. Als hätten sie sämtlich die Wassersucht. Und ihr schauten sie alle mit großen Augen nach wie einem Wundertier aus einem andern Himmelsstrich. Wie ein Paradiesvogel kam sie dem Gemahl vor in dieser Umwelt. Er verstand ihre fragenden Blicke nur zu gut. Und ihr allmähliches Verstummen war beredt.

Frau Theresia Pleß und ihr Mann begrüßten die Gäste voll freundlicher Ehrerbietung. Sie hatten alles, was das Land zu bieten vermochte, aufgetrieben, um vor der Wienerin zu bestehen. Die Karpfen waren aus dem Begakanal, der Hirschbraten aus dem Jagdwald. die Backhühner aus dem eigenen Hof. Und all die Gemüse! Köstlich war alles nach schwäbischer Art zubereitet, und alle Südfrüchte, die hier reiften, füllten die Tafelaufsätze; die herrlichsten Melonen wurden herumgereicht, bei Werschetzer Weinen brachte man dem jungen Paar ein Vivat und hieß es willkommen in der Gemeide.

Aber wie seltsam. Graf Anton bat seine Frau immer wieder leise: von dem nicht zu essen und jenes nur zu kosten. Und sie merkte trotz all der Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die ihre Aufmerksamkeit ständig in Anspruch nahmen, eine gar befremdliche Unruhe und Bewegtheit an dieser Hochzeitstafel. Man stand auf, ging hin und ging her, der eine klapperte mit den Zähnen vor Kälte und der andere glühte und schüttete Unmengen von Flüssigkeiten in sich hinein, als hätte er einen Brand zu löschen. Und die gelben Gesichter! Lottels Augen fragten den Gatten, und er verstand sie. »Einige haben ihr Fieber«, sagte er leise. »Iß keine Melonen!«

Keinen Bissen aß sie von all den verlockenden Früchten, die auf Sumpfboden gewachsen zu sein schienen. Und ihre Augen suchten, von einem tiefen Schrecken geschärft, die Todeszeichen auf all diesen Stirnen. Hagere, ausgedörrte Herren, aufgedunsene Frauen auch hier, wie draußen auf der Straße. Wie lange es jemand hier aushalte, fragte sie den Gouverneur recht harmlos. »Oh, mancher klappert schon zehn Jahre da herum!« lachte der. »Und mich hat es noch immer nicht. Nur keine Angst, mein Kind.«

Nach Tisch, als der Türkische kam und der heimische Tabak in den Tschibuks glühte, zogen sich die Damen in das Herrenzimmer zurück. Die Herren brauchten diese Gegengifte, um sich aufrecht zu erhalten, den Damen verbot die Sitte ihren Gebrauch. Aber einen feinen Milchkaffee hatte ihnen die Frau Theres heute selbst bereitet, und sie schenkte ihn auch selber ein. Ganz nach Wiener Art, so wie sie es dort im Regensburger Hof gesehen. Und den nahm die junge Gräfin gerne an. Die Tant' Mathilde hat sie längst an ihn gewöhnt.

Die Gespräche, die in diesem Kreise geführt wurden, legten sich wie eine Zentnerlast auf das Gemüt der jungen Frau. »Oh, wie gut Sie aussehen, Frau Gräfin!« sagte eine Generalin bewundernd. »Nach einem halben Jahre verwünschen Sie Ihren Spiegel.« »Verlangen Sie sich keine Kinder, liebste Gräfin!« flüsterte eine andere. Ihr waren vier Kleine hier gestorben ...

Die junge Frau kämpfte in den nächsten Wochen tapfer an gegen den Hang zu trübsinnigen Betrachtungen, der sich ihrer zu bemächtigen drohte; der Gemahl bot alles auf, sie zu trösten und zu zerstreuen, aber er spürte, wie das Gespenst des Fiebers auch nach der Geliebten die Arme ausstreckte, und sein Trost kam nicht von Herzen. Charlotte fühlte sich Mutter. Und sie war in stiller Verzweiflung. Warum hatte man ihr auch solche Dinge gesagt bei jenem schrecklichen Hochzeitsmahl! Daß ihr Kind sterben würde, das stand fest. Weinend beichtete sie dem Gatten ihre Not, ihre Furcht vor der Zukunft ...

Der Gouverneur sah das alles kommen. Und er entließ das junge Paar. Ein paar Wochen hatte er ja doch Sonne im Hause gehabt.

Die Kriegsgerüchte waren wieder verstummt, er in guter Stimmung. Sie mögen in Gottes Namen dorthin gehen, wo er den Antoine ja schon vor der Hochzeit gern gesehen hätte, auf sein Schloß in der schwäbischen Türkei. Er sei jetzt im Siebzigsten, sagte er den Kindern, vor seinem Achtzigsten werde er sie nicht inkommodieren. Früher habe er keine Zeit, seine Enkel zu sehen.

Und sie gingen. Hundert Aufträge gab der Gouverneur dem Sohn, er möge dort drüben in seinem Sinne weiter arbeiten, er möge die verschollenen Schwarzwälder suchen, die man ihm geraubt hatte, möge bis nach Slavonien hinab zu kolonisieren trachten; der Hofkammerrat in Wien werde ihn ja mit Freuden unterstützen. Er entließ sie in guter Laune, in väterlicher Fürsorge, aber trotz alledem blieb in dem alten Soldaten der Stachel zurück, daß ein Mercy seinen Posten verlassen habe.

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